Die dritte Etappe der Tour führt nach einigen trüben Bildern an der BLM wieder hinab ins Lauterbrunnental. Mit einem Schwenk über Zweilütschinen geht es von Grindelwald über die Grosse Scheidegg nach Innertkirchen. Außer einigen Aufnahmen am Morgen bei Winteregg, läuft der Tag weitgehend bahnfrei ab.
Montag, 23. Juni 2025
Nach der Gewalttour gestern Nachmittag und Abend gönnte ich mir heute eine Mütze mehr Schlaf und lief erst nach acht hinunter zum Frühstück. Zwar hatte SRF Meteo eher noch für die frühen Morgenstunden Chancen auf Sonne gesehen, aber nicht sicher genug, als dass es mir die Regeneration wert gewesen wäre. Tatsächlich schien dann noch die Sonne durch die großen Fenster des Frühstücksraums, aber ich ließ mich jetzt auch nicht mehr aus der Ruhe bringen. Nach reichhaltigem Frühstück hatte mich der Kaffee langsam in Gang gebracht, ich packte meine wenigen Sachen zusammen, holte das Rad aus dem Seminarraum und gab den Schlüssel ab. Sehr entspannt hier, diese einfache und pragmatische Sportunterkunft, die sicher im Winter weit voller und teurer gewesen wäre. Zwischen den ganzen teuren Snob-Hotels hier in Mürren, ein herrlicher Kontrast.
Das trübe Wetter veranlasste mich dazu, den wolkenverhangenen Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau an der BLM anzusteuern. Bei Sonne ist das nur in den letzten Sonnenstunden des Tages halbwegs im Licht und hätte jetzt am Vormittag gar nicht funktioniert. So aber sah es gar nicht schlecht aus, wie die 4000er in die trübe Wolkensuppe stachen und obwohl mir die neuen Stadler hier eigentlich gar nicht gefallen mit den silbernen Köpfen, hoben sie sich bei diesem Wetter für einmal wunderbar als Farbtupfer im Bild ab. Mit den Altwagen wäre das nichts gewesen.
Es war noch nichts los am bekannten Höhenspazierweg hinüber zur Grütschalp und so rollte es die zehn Minuten ganz entspannt hinüber zu meinem Spot hinter Winteregg. Nur einige Jogger liefen mir über den Weg und man grüßte sich freundlich unter Sportlern.

Erstaunlich hoch hängen die Wolken an diesem Morgen, sodass vom Dreigestirn recht viel zu sehen ist. Bei der ersten Perspektive auf die Kehre mit Be 4/6 102 hinter Winteregg rückt nur die Jungfrau mit ins Bild.

Der Gegenzug hat in Winteregg gekreuzt und dient jetzt für die weitere Perspektive mit dem kompletten Dreigestirn aus Eiger, Mönch und Jungfrau.
Abgesehen von diesem Motiv, das bei Sonne nie wirklich im Licht liegt, hatte ich hier doch über die Jahre mit den Altwagen schon alles mehr als einmal abgearbeitet. Zuletzt an einem herrlichen Herbsttag 2023, als ich mich von den alten Be 4/4 verabschiedet hatte: CrossCountry Switzerland II: Abschied an der Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren. So blieb nicht viel mehr zu tun an diesem Morgen, da es am Himmel nun vorerst komplett zumachte. Ich steuerte noch einmal den Bahnübergang zwischen Winteregg und Grütschalp an – inzwischen technisch gesichert und nicht mehr mit Fahrplanaushang – dann wandte ich mich zurück gen Mürren, um heute die Abfahrt über Gimmelwald nach Stechelberg zu nehmen, für die es gestern Abend bergauf nicht mehr gereicht hatte.

Man kennt sie inzwischen in und auswendig die Strecke der BLM. Hier am Bahnübergang zwischen Grütschalp und Mürren. Mit den neuen Be 4/6 kann der Viertelstundentakt mit zwei, statt zuvor drei Triebwagen bewältigt werden und so kamen abwechselnd die Wagen 101 und 102 durch. Hier ersterer auf dem Weg nach Mürren.

Wenig später kommt an derselben Stelle Be 4/6 102 nach der Kreuzung in Winteregg Richtung Grütschalp durch.

Neben Fahrzeugaufnahmen entstand auf dem Rückweg nach Mürren noch ein Bild an der Einfahrt Winteregg mit Be 4/6 101 Richtung Grütschalp. Die Infrastruktur wurde in den letzten Jahren für den Einsatz der neuen Triebwagen komplett ertüchtigt. Etwas von ihrem Charme, mit krumm und schief stehenden Holzmasten und für Schweizer Verhältnisse mäßiger Gleislage, hat die Strecke dadurch schon eingebüßt.
In Mürren hielt ich noch am Coop für ein wenig Verpflegung, dann ging es auf das kleine Asphaltsträßchen hinab nach Gimmelwald. Fahrtechnisch ist dieser Abschnitt entsprechend erstmal recht langweilig, für den Blick hinab ins Lauterbrunnental bleibt durch die rasante Fahrt dennoch nur während kurzer Pausen Zeit. An einem zu Tal schleichenden E-Bike konnte an passender Stelle vorbeigezogen werden.
Blick auf Gimmelwald an den steilen Flanken des Lauterbrunnentals.
In Gimmelwald enden alle Straßen. Der Ort ist eine Sackgasse und über die Schlitthornbahn an das Lauterbrunnental angeschlossen. Als Wanderung oder per MTB ergeben sich natürlich ganz andere Möglichkeiten. Als schmaler Trail führt der Weg in einem Schwenk durch das Tal der Selfinen Lütschine, teilweise auf Waldboden, kurze Abschnitt auch felsig verblockt. Bergab war es vollgefedert und mit leicht abgesenktem Sattel auch mit mäßiger Fahrtechnik zu schaffen. Bergauf hätte ich sicher an der einen oder anderen Stelle schieben müssen, wo es verblockt bergauf ging. Viel war nicht los, einige vereinzelte Wandergruppen ließen mich passieren. Auf solchen Wegen abseits der Massen, ist es irgendwie immer ein freundliches und problemlosen Miteinander, egal ob Radfahrer, Wanderer oder Trailläufer: Man grüßt sich, jeder lässt jeden mal durch, hier und da ein Kompliment. Die Route ist übrigens als Wander- und MTB-Strecke ausgewiesen. Das mit dem MTB sollte man in der Schweiz aber ernst nehmen. Mit einem Straßenrad wäre hier nicht viel zu holen gewesen. Selbst ein Hardtail hätte ich hier mit Gepäck nicht unbedingt runterfahren wollen.
Immer wieder fällt Wasser rechts und links die steilen Hänge hinab ins Tal. An einer kleinen Brücke legte ich einen Halt ein und genoss eine Weile die fast schon mystische Umgebung. Nicht von irgendwoher inspirierte Tolkien diese Region bei der “Erschaffung” von Bruchtal.
Überall entlang des Trails fällt Wasser von den Hängen Richtung Talgrund und vereinigt sich in der Sefinen Lütschine, die bei Stechelberg in die Weisse Lütschine fließt.
Wie durch einen Bilderrahmen fiel der Blick durch den Wald auf einen der großen Wasserfälle, der aus dem Felsen in die Selfinen Lütschine hinabstürzt.

Nur wenige Meter weiter den steilen, verblockten Trail hinunter, kreuzt unter der nächsten kleinen Holzbrücke das Chlyns Rufibächli und stürzt in die Selfinen Lütschine.
Bald weitet sich das enge Tal in das breite, aber tiefe Lauterbrunnental und auch der Weg erreicht wieder 4X4-befahrbare Breite und geht auf Schotter, später auf Asphalt über. In einem großen Schwenk nach Süden fällt die Route ins Lauterbrunnental hinab und wendet sich Richtung Norden und zum Talgrund. An einer Bank mit Ausblick auf Stechelberg legte ich eine kurze Rast bei Kaffee und Schokobrötchen ein.

Kurze Rast oberhalb Stechelberg. Dort unten beginnt bald wieder der Massentourismus.
Von Stechelberg nach Lauterbunnen ging es dann im Slalom durch schönsten Massentourismus. Je näher Lauterbrunnen, desto mehr internationale Besucher wimmelten auf den Wegen herum. Nur schnell einen Versorgungsstopp im Coop am Bahnhof, dann entfloh ich diesem Auftrieb auch schnellstmöglich wieder. Über Zweilütschinen wollte ich der BOB folgend nach Grindelwald wechseln. Die entspannte Schotterstrecke, meist auf einem breiten Weg, kenne ich nach vielen Besuchen nun auch langsam auswendig. Dennoch immer wieder ein schöner Abschnitt, um sich bergab eine kleine Pause zu gönnen, oder sich bergauf, ohne zu starke Steigung, etwas warmzufahren für die später folgenden Steilanstiege. Heute braute sich am Himmel aber Ungemach zusammen. Es wurde schon am Lauterbrunner Ast vor Sandweidli am Himmel immer dunkler. Sehr dunkel. Gerade noch an Sandweidli vorbeigefahren, blieb ich dann doch stehen und checkte das Regenradar. Das sah gar nicht gut aus und so eilte ich schnell zurück bis Sandweidli und suchte an der dortigen Bushaltestelle Zuflucht. Die richtige Entscheidung bei dem nur wenige Momente später losdonnernden Sommergewitter. Zum Glück hatte ich eben noch eingekauft und konnte die ungeplante Pause sinnvoll nutzen. Nicht umsonst ist der Osthang hier mit einigen Warnungen versehen, nicht zu verweilen: Es polterten doch einige unangenehm große Steine Richtung Tal – schon ein wenig unheimlich.
Als nach einer halben Stunde das Gröbste durch war, wagte ich mich aus meiner Schutzhütte und wartete noch den ABeh 4/4-Kurs ab, der eben im kompletten Unwetter Richtung Lauterbrunnen gefahren war und nun zurückkommen müsste. Das Bild war dann nicht besser als gestern. Wieder ein Nachschuss, diesmal aber nicht mit Licht in der Achse, sondern ganz ohne Licht.

Manches sitzt man besser aus: Ein kurzes aber heftiges Sommergewitter entlädt sich bei Sandweidli zwischen Zweilütschinen und Lauterbrunnen. Gut, sich bei solchem Wetter stets den letzten Zufluchtspunkt zu merken.
Wenn auch meist auf Asphalt, fährt es sich auf dem alten Nebensträßchen Richtung Grindelwald auch wunderbar. Der Verkehr rollt auf der Grindelwaldstrasse, während die wie immer bestens beschilderte Radroute sich mit nur wenigen Berührungspunkten einen Weg, wahlweise durch die malerischen Dörfer, oder die großen Wiesen entlang der Lütschine am Talgrund sucht. In Grindelwald ging es dann einmal durch den Talgrund, mit dem passend benannten Bahnhof Grindelwald Grund. Am dortigen Depot für die Ostrampe der Wengernalpbahn Richtung Kleine Scheidegg stand nur das Übliche herum: Ein eingebauter BDhe 4/4 und der Bhe 4/8 142. Immerhin mit der Tissot-Werbung fehlte letzterer mir auch noch.

Kurz vor Grindelwald bietet sich querab ein kurzer Blick auf die Züge der BOB.
In Grindelwald ging es noch einmal kurz in den Coop unweit des Bahnhofes. Wirklich erschreckend, wie zugemüllt das Gebäude war. Wenn ein Mülleimer voll ist, wirft man einfach alles irgendwo mit drauf. Die Schattenseite des Massentourismus, der hier inzwischen herrscht und mit dem Aigerexpress gefühlt noch einmal angezogen hat. Nichts wie raus hier. Schon nach wenigen Kurbelumdrehungen auf der Oberen Gletscherstrasse war ich dem Ganzen wieder recht schnell entflohen. Nurmehr einige Leute mit geliehenen E-Rollern und E-MTBs blieben übrig auf dem Weg zum Ortsausgang Richtung Grosse Scheidegg.
Die Grosse Scheidegg ist eigentlich ein äußerst beliebter Pass unter Straßenradfahrern, aufgrund der bis hinüber nach Meiringen durchgehend asphaltierten kleinen Straße. Mit dem XC-MTB und entsprechend grobstolliger Bereifung gewinnt man dagegen keinen Blumentopf. Zumal auch noch bepackt mit der sparsamen Reiseausstattung. Aber ein Rennen sollte das hier auch nicht werden, stattdessen genoss ich am Anstieg die wunderschöne Landschaft, die sich bietet, sobald man sich etwas aus Grindelwald hinaufgekämpft hat. Der Pass führt auf Grindelwalder Seite weite Strecken unterhalb der steilen Flanken des Wetterhorns entlang. Mit jeder Serpentine wird der Blick auf das Panorama aus Mettenberg und Eiger-Mittelgrat besser. Die knapp 1000 Höhenmeter einfach durchziehen, ist da sowieso keine Option, denn das tolle Panorama will natürlich fotografisch umgesetzt werden.

Nachdem Grindelwald einige Höhenmeter unter mir liegt, ergeben sich erstmals schöne Blicke auf die markante Flanke des Wetterhorns.

Über die Grosse Scheidegg fährt sogar eine touristische Postautolinie. Sicher eine der schönsten Linien der Schweiz. Für den restlichen motorisierten Verkehr (leider zählen E-Bikes und -Roller nicht dazu) ist der bis Meiringen durchgehend asphaltierte Pass gesperrt.

Das Spiel der schweren Wolken sorgte für eine tolle Lichtstimmung. Der Blick fällt zurück Richtung Grindelwald auf den Mettenberg und den Eiger-Mittelgrat.

Gelegentliche, fotografische Pausen sind bei diesen Ausblicken Pflicht. Die Schotterabkürzungen mied ich heute nach der Plackerei gestern und nahm stattdessen mit blockierter Dämpfung das konstanter fahrbare Asphaltsträßchen.

Überall stürzen kleine Wasserfälle aus der Flanke des Wetterhorns.

Im Juni ist auf diesen Höhen schönster Frühling.
Knapp zwei Stunden hatte es dank ausgiebiger Pausen in dieser herrlichen Ruhe nun doch gedauert, bis ich nach einer letzten Serpentine das Berghotel Grosse Scheidegg erblickte. Noch kurz den Ausblick von oben genossen, dann stürzte ich mich auf der anderen Seite des Grats in die Tiefe Richtung Meiringen.

Nach rund 1000 Höhenmetern ab Grindelwald, fällt der Blick auf die Passhöhe am Berghotel Grosse Scheidegg.

Die Passhöhe liegt auf einem Grat, von dem aus es dann Richtung Meiringen hinab geht. Der Blick fällt vom Berghotel erstmals in diese Richtung knapp an der Baumgrenze.

Am Berghotel war genau gar nichts los. Entweder hatte man um 17.30 schon Feierabend, oder es ist noch nicht so richtig Saison Ende Juni.

Die ersten Höhenmeter sind wieder abgebaut und der Blick fällt zurück auf das wolkenumwobene Wetterhorn.
Nicht nur die Grosse Scheidegg wollte ich seit langem einmal fahren, seit ich eine Doku über die hiesige Postautolinie gesehen hatte, auch die Gletscherschlucht am Rosenlaui-Tal stand seither auf meiner Bucket List. Heute war ich dafür leider zu spät, denn die Schlucht macht um 18 Uhr zu. Schade, vielleicht ein andern Mal. Von Meiringer Seite ist es ja nicht gar so weit bis hier und auch für den MIV freigegeben. Also weiter runter den Pass bis zum Bahnhof Meiringen. Einen letzten Fotostopp gab es noch beim Blick zurück Richtung Wetterhorn im schönsten Abendlicht.

Von Grindelwalder Seite bildet das Wetterhorn die markante Kulisse Richtung Grosse Scheidegg, aus dem Rosenlaui-Tal gesehen ist das Wellhorn nicht weniger ikonisch. Links der Rosenlaui-Gletscher, den ich gestern noch am Rand des Brünigpasses aus dem Hotelfenster gesehen hatte.
Die Abfahrt bis Meiringen war ein Genuss. Dank der asphaltierten Straße völlig anspruchslos und fast schon langweilig, aber auch das macht mal Spaß. Am Bahnhofs-Avec von Meiringen zog ich mir einen Kaffee und aß am Bahnsteig ein erstes Abendessen, während die Züge vom Brünig und die Regios von und nach Interlaken ein- und ausfuhren. Eine Unterkunft hatte ich gestern Abend in Innertkirchen gebucht, sodass jetzt nur noch die letzten Meter über die drei Serpentinen zwischen Meiringen und Innertkirchen auf dem Programm standen, die von der Meiringen-Innerkirchen-Bahn im Tunnel mit der Station Aareschlucht unterfahren werden. Leider ereilte mich noch vor den drei Serpentinen der nächste heftige Sommerschauer, wenn auch diesmal ohne Gewitter. Zum Glück hatte das Regenradar recht behalten und die drei Stunden an der Grossen Scheidegg hatte das Wetter gehalten. Dort hätte sowas bisweilen unangenehm werden können. Ich stellte mich jetzt lieber mal eine Viertelstunde unter, anstatt auf den letzten Metern noch komplett durchnässt zu werden. Als es nachließ, nahm ich die kurze Strecke bis zum Hotel Post in Angriff, genau am Treffpunkt von Susten- und Grimselpass im Ortszentrum. Typisch altes Posthotel eben.
Die Unterbringung des Rades in einer der vollgerümpelten Garagen-/Werkstätten war etwas müselig, zumal dort auch schon alles mit Schrott und Rennrädern vollgestellt war. Wenigstens muss man sich hier in der Schweiz weniger Gedanken darum machen, ob das Rad morgen noch da ist.
Viel ging dann nicht mehr. Zweites Abendessen, kurz das Nötigste Gewaschen und aufgehangen, dann war Schicht. Morgen soll dann dieser Viertageskreis geschlossen werden. Es geht zurück an den Brünig für die morgendlichen Lokzüge und dann weiter bis zum Auto bei Dallewil, mit dem es dann einen kleinen geografischen Sprung hinüber ins Wallis gibt. Dieser Teil dann auch wieder mit ein paar mehr Bahnbildern.
Bilanz dieser dritten Etappe: 80 km bei 5:42h Fahrzeit und 1600 Meter Anstieg. Der erste etwas entspanntere Tag, zumal es eben auch 2600Hm bergab ging insgesamt.



