Für heute habe ich nur ein konkretes Ziel auf dem Zettel, das allerdings schon seit einer gefühlten Ewigkeit: Der Güterzug nach Zermatt am Mittag. Den restlichen Tag würde ich mich zurück Richtung Goms treiben lassen und dem ein oder anderen Regenschauer ausweichen.
Genauso anonym wie ich gestern eingecheckt hatte, ging es heute auch wieder raus aus dem Hotel la Réserve. Mir macht das wenig aus bei so einem Aufenthalt, wo man eh nur ein paar Stunden zum Schlafen da ist. Und es erübrigt sich die Frage, wo man das Rad unterbringen kann. Denn wenn niemand da ist, kann sich auch niemand daran stören, wenn man es kurzerhand mit auf das Zimmer nimmt.
Ich hatte mir wirklich lang Zeit gelassen heute, noch ein wenig auf dem Bett gedöst und einen Kaffee aus der Espressomaschine gelassen, denn vor dem Fenster regnete es gerade ganz ordentlich als ich aufwachte. Der Güterzug hat an meinem Zielspot eine ungefähre Planzeit um kurz nach zwölf zwischen Herbriggen und Randa, sodass auch dahingehend keinerlei Eile bestand. Gegen halb zehn deuteten sich dann blaue Lücken über St. Niklaus an und ich startete mal rüber zum Bahnhof, um dort den Lokzug Richtung Zermatt abzupassen. Mit der durchkommenden Sonne konnte ich den jetzt natürlich nur von der Steuerwagenseite nehmen, aber solche Bilder wird man wahrscheinlich am ehesten irgendwann suchen müssen in den Archiven.

Nachdem es am Morgen sogar noch geregnet hatte, zeigte sich am Vormittag gegen zehn die Sonne über St. Niklaus. Zumindest recht hell war es beim kurzen Halt des Lokzuges Richtung Zermatt im Bahnhof. Natürlich nur echt mit Postautoanschluss. Zuglok ist die unmodernisierte Werbelok HGe II 4/4 5. Die würde ich auf der Rückfahrt mal abpassen müssen.

Schöner ist eigentlich die Sicht vom Hang mit Blickrichtung Zermatt. Solange hier nicht gekreuzt wird, fahren die Züge aber immer auf dem falschen Gleis, wie hier der ABDeh 4/10 2013 Richtung Visp.
Auf der meist auf dem gleichen Weg verlaufenden MTB- und Veloroute brach ich anschließend talaufwärts auf. Nur an wenigen Stellen unterscheiden sich in diesem Abschnitt die Routen und die Geländestrecke führt dann mal einige Meter über schmalere Pfade. Hin und wieder eröffnen sich bis Herbriggen Durchblicke auf die Bahnstrecke. Nichts Spektakuläres, dafür hatte ich die Stellen aber auch noch nie bewusst irgendwo gesehen. Ich nahm einfach mit, was so kam und das war nicht eben wenig, denn mindestens am Vormittag scheint der Verkehr hier Richtung Zermatt inzwischen auf einen ungefähren Halbstundentakt verdichtet.

ABDeh 4/10 2014 mit einem weiteren, dreiteiligen Kometen zwischen St. Niklaus und Herbriggen.

Kurz vor Herbriggen schlängeln sich die drei Orions 302, 311 und 308 Richtung Zermatt.
In Herbriggen steuerte ich den kleinen Detailhändler im Ort für ein spätes Frühstück an, füllte vor der Tür am Brunnen die Flaschen nach und wartete dann im Bahnhof auf die Rückkehr des Lokzuges Richtung Visp. Genau als der durchkam, war dann eine Wolke zur Stelle. Angesichts des Bedeckungsgrades würde das auch bei den nächsten Aufnahmen ein Vabanque-Spiel werden. Ich radelte weiter in Richtung der Zahnstangenrampe zwischen Herbriggen und Randa, wo ich am Stück parallel zur Straße zunächst noch einen dem Güterzug vorausfahrenden Regio Richtung Zermatt mitnahm. Da die Veloroute hier unterhalb der Bahnstrecke am Talgrund verläuft und vormittags auf der Nicht-Sonnenseite liegt, musste ich dieses Stück nun wohl oder übel auf der stark befahrenen Straße Richtung Täsch zurücklegen. Gerade bergauf ist das kein großer Spaß, zwischen all den Reisebussen, Baustellen-LKW und knapp überholenden Autos – ich weiß schon, warum ich kein Straßenrad fahre…

ABDeh 4/10 2014 in der Zahnstangenrampe zwischen Herbriggen und Randa.
Es war nun Mittag und nach grafischem Fahrplan wäre das jetzt die Planlage des mittäglichen Güterzuges Richtung Zermatt. Schon oft hatte ich den auf dem Zettel gehabt, wirklich umgesetzt habe ich ihn bislang allerdings nur einmal im Jahr 2020 an der Fotokurve bei Neubrück. Hier im Zahnstangenabschnitt wäre es natürlich noch einmal außergewöhnlicher. Güterzüge auf Schmalspur sind abseits der Jurabahn, der MBC und der Rhätischen ansonsten quasi gar nicht mehr anzutreffen. Dann noch auf einer steilen Zahnstangenstrecke ist schon etwas Besonderes. Die Versorgungszüge der Bergbahnen zähle ich mal nicht hinzu. Jedenfalls ging das Licht fröhlich an und aus, wie ich dort so an der Serpentine stand und den Streckenverlauf aus Herbriggen weit einsehen konnte. Das übliche, machtlose Hoffen und Bangen bei so einem Wetter kennt natürlich jeder und hier war es besonders nervenaufreibend, denn es gab nur diese eine Chance für den Güterzug und die Sterne – bzw. Wolken – standen gerade nicht sehr gut. Als ich den Zug erblickte, war alles Dunkel, doch bis der sich durch die Kurve in der Zahnstange hier hinaufgeschoben hatte, drehte tatsächlich genau im passenden Moment das Licht nochmal voll auf. Jackpot! Da war der weitere Tagesverlauf jetzt im Grunde egal.

HGe 4/4 II 107 mit dem mittäglichen Güterzug Visp-Zermatt zwischen Herbriggen und Randa.
Bildlich entwickelte sich der weitere Tag dan auch ziemlich schmal, denn nach diesem Highlight folgte nicht mehr viel. Ich radelte noch bis Täsch weiter und wechselte dabei bei nächster Gelegenheit in Randa wieder auf die Veloroute. Von Zermatt her hatte es inzwischen aber komplett dicht gemacht,. Eine einheitliche graue Suppe, bei der es eher eine Frage der Zeit war, wann da ein ordentlicher Wolkenbruch rauskäme. Ich besorgte mir beim Coop in Täsch ein Mittagessen, setzte mich damit an die Bahnhofsausfahrt und beobachtete paar Züge nach und von Zermatt aus- und einfahren.
Es schien fast aussichtslos, den Regenwolken noch zu entkommen, dennoch machte ich mich nach einiger Zeit auf den Rückweg und schaute mal, wie weit ich trocken kommen würde. Die Antwort war: Bis Randa. Zum einen gefiel dem Magen gerade irgendwas an dem Mittagessen nicht, sodass ich lieber vorsorglich das Bahnhofs-WC aufsuchte, zum anderen fing es auch eben in dem Moment an zu schütten. Ich suchte mit dem Rad unter dem Bahnsteigdach auf der alten Güterrampe Zuflucht und ließ erstmal eine knappe Stunde lang das Gröbste durchziehen. Notfalls würde ich mich mit der Bahn evakuieren, aber das Tal mit dem Rad hinunter zu fahren, war natürlich deutlich verlockender.

Am Rückweg zwischen Täsch und Randa passte ich noch einmal den Lokzug ab. Über den Bergen hatte sich schon ordentlich was zusammengebraut.

Im Bahnhof von Randa ließ ich das Gröbste erstmal durchziehen, genauso wie BDeh 4/4 II 91 mit einem Regio Richtung Zermatt.
Als es nurmehr ein wenig nieselte und sich auch die Verdauung wieder beruhigt hatte, brach ich auf und ließ mich auf der Veloroute abseits der Straße das Tal hinunterrollen. Der MTB-Track zwischen St. Niklaus, Kalpetran und Stalden machte nun bergab natürlich auch noch einmal deutlich mehr Spaß, als gestern bergauf. Fotografisch war nicht mehr viel zu wollen. Erst ab Kalpetran wurde es zwischenzeitlich noch einmal etwas heller, sodass ich einen Glacier im sanierten Bahnhof abwartete und vom Panoramaweg anschließend noch die Blicke ins Tal mit einem Regio umsetzte.

HGe 4/4 II 4 mit einem Glacier Richtung Zermatt im inzwischen sanierten Bahnhof von Kalpetran.

Eine Kometen-Garnitur vom Wander-/MTB-Weg aus gesehen zwischen Kalpetran und Stalden. Im Hintergrund sind die Häuser des kleinen Dorfes zu sehen.

Gleicher Standpunkt, gleicher Zug, diesmal als Nachschuss Richtung Stalden gesehen.
Aus Vorsicht vor dem Wetter, das sich hier in den Bergen zusammenbraute, studierte ich immer mal wieder das Regenradar und die Warnmeldungen. Während es sich hier weitgehend beruhigt hatte, gab es in Richtung Goms noch immer Warnungen vor schweren Gewittern und auch das Regenradar bestätigte tief lilafarbene Zellen mit gelegentlichen Blitzen bis in den frühen Abend. Nichts, wo man mit dem Rad hineingeraten möchte, erst recht nicht auf der schönen, aber zufluchtsfreien Route abseits der Furkastrasse. Die “sichere” Route über die Furkastrasse zu fahren, macht dann aber auch überhaupt keinen Spaß, egal bei welchem Wetter. So fiel die Entscheidung letztlich auf die Evakuierung per Bahn und ich rollte in Visp zum Bahnhof, besorgte mir dort Abendessen und einen Kaffee für sofort und wartete auf die nächste Abfahrt Richtung Andermatt. Irgendeine Störung gab es noch, die schien aber eine abendliche Sperre des Furkatunnels zu betreffen. Da ich nur bis Reckingen wollte, war mir das egal.

Da freut man sich doch mal über die großzügigen Velokapazitäten auf der MGB. Und ehrlicherweise auch über ein niederfluriges Fahrzeug mit breiten Türen. Irgendwann habe ich in der Rheinschlucht bei der RhB mal ein Fahrrad durch die Falttüren eines Einheitswagens zum angeblichen Velostellplatz manövriert. Das war wirklich der übelste Krampf. Sowohl der Ein- und Ausstieg, als auch die Fahrt selbst bei komplett beengten Platzverhältnissen.
Mit einigen Rekruten im Vierer war es im Kometen eine angenehme Fahrt das Tal hinauf bis nach Münster. Vor über 15 Jahren bin ich diesen Abschnitt mal per Bahn gefahren, da war es schön, die Strecke auch mal wieder von dieser Seite zu erleben. Bei gelegentlichem Regen war draußen noch alles klitschnass und ich war nicht traurig über meine Entscheidung, die Bahn genommen zu haben. In Reckingen sprang ich aus dem Zug und rollte hinüber zu meiner heutigen Unterkunft im Hotel Joopi, nur wenige Meter entfernt vom Bahnhof. Checkin lief an einem Automaten im ersten Stock, das Zimmer in dem alten Holzhaus war wirklich hübsch. Ein bisschen rustikal, aber wie man so schön sagt mit “Charakter” 😉 Für 75 CHF mit eigenem Bad konnte man da wirklich nichts sagen. Bevor ich mir Dusche und Abendessen gönnte, rollte ich noch eben die kurze Strecke Richtung Münster hinüber, um das Auto abzuholen und auf den kostenfreien Hotelparkplatz zu verschieben. So standen am Ende auch heute trotz Bahntransport noch einmal 56 Kilometer auf dem Tacho. Da der Löwenanteil heute aber auch bergab gegangen war und ich bergauf ins Goms die Bahn genommen hatte, zählt das alles nicht so richtig.
Danach verließ ich das Zimmer nicht mehr. Stattdessen ging es noch an die finale Planung für den Rest dieser Reise. Die beiden großen Radrunden waren nun abgeschlossen und ehrlicherweise zeigte der Körper in Gestalt leichter Knieprobleme auch langsam erste Verschleißerscheinungen, sodass ich mindestens morgen einen Tag Pause einlegen wollte. So richtig etwas auf dem Zettel hatte ich hier jetzt auch nicht mehr und würde morgen einfach mal ohne großen Plan an der DFB vorbeischauen. Was mich schon eher reizte, war auf der Rückfahrt noch einmal ein Tag an der RhB und zwar an der Strecke Chur-Arosa, denn dort fahren im Sommer die Ge 4/4 II noch zwei der drei Umläufe und ich war ewig nicht an dieser Strecke gewesen, eigentlich überhaupt noch nie ernsthaft. Problem: Erstens wäre das morgen Abend noch eine ziemliche Strecke, zweitens gab es dort bei booking keine halbwegs anständige und gleichzeitig bezahlbare Unterkunft. Da spielte es seinen Vorteil voll aus, dass ich wieder mit dem Auto unterwegs war und ich würde morgen einfach irgendwo auf dem Weg Richtung Chur nächtigen.
