Mit der Rhätischen zur Ski-WM – Teil 1: Vom Mitteleinstiegwagen bis zum Alvra – Mit der Wagenlotterie durchs Prättigau bis Filisur

Anfang diesen Jahres, genauer gesagt Mitte Februar fand bekanntermaßen die Ski-WM in St.Moritz statt. Aber keine Sorge, hier folgt jetzt keine Sportreportage, das Ski Fahren ist auch nicht so ganz meins. Viel mehr zog es mich und einen Hobbykollegen vom Bodensee aufgrund der zahlreichen Extrazüge ins Engadin. Gut, eigentlich war der Wunsch mal wieder im Winter zur Rätischen zu Fahren schon länger auf der Liste, nachdem ein Trip in 2015 massiv unter einem Wetterschaden gelitten hatte. Die Aussicht auf zahlreiche Sonderleistungen zur Ski-WM gaben letzten Endes den Ausschlag für die Entscheidung, dieses Ziel nun im vergangenen Februar anzugehen. Da ich erst jetzt, bald schon ein Jahr später dazu komme diesen Bericht zu schreiben, nehmt ihn einfach nicht als aktuell, sondern als Medizin gegen die kommende Herbst-/Winterdepression 😉 Winter kann auch sehr schön sein, wie diese Reise uns noch eindrucksvoll unter Beweis stellen sollte…

Am Freitag den 10. Februar 2017 war es dann so weit. Das Auto war gepackt, der Zündschlüssel wurde umgedreht und mit einem Zwischenhalt in Kassel Zwecks etwas Tramfotografie, war am Abend der Bodensee erreicht. Hier wurde eine Zwischenübernachtung beim Mitreisenden für die nächsten Tage eingelegt.


Zur Abschreckung ein typisch deutsches Winterwetterbild. Ganztägiger Hochnebel bei ungemütlichen Temperaturen. Aber um sich ein wenig die Füße zu vertreten war der Stop in Kassel gerade richtig. Hier eine Doppeltrakion NTG8D „Flexity Classic“ auf der Linie 1 in Vellmar

Am Samstagmorgen ging es dann zu zweit weiter. Ziel für den ersten „richtigen“ Urlaubstag war die Prättigaulinie, welche ich bislang zu Unrecht immer etwas vernachlässigt hatte. Mit dem drohenden Einzug der Stadlerzüge ab 2019 war es also an der Zeit, sich noch einmal den Lokzügen auf dieser Strecke zu widmen. Die WM-Extrazüge ließen wir damit heute auch erstmal links liegen, denn der einzige Zug, der samstags planmäßig morgens durchs Prättigau geführt wurde, verließ Landquart bereits um 07:18 Uhr im Dunkeln.
Zum Dank für das Mautprellen dauerte die Fahrt dann auch drei Stunden für gerade einmal 130km. Aber wir waren entsprechend früh aufgebrochen und nach einem ausgiebigen Frühstück für Mensch und Auto in Österreich näherten wir uns gegen neun dem Ziel. Einzig Sorgen bereitete die Dicke Suppe am Himmel, nicht nur rund um den Bodensee, sondern auch in Österreich und Liechtenstein. Schon gestern war ich durch ganz Deutschland durch diesen Siff gefahren. Wir hofften mal das das nur Hochnebel sei und wir notfalls der Strecke erstmal in höhere Lagen über dem Nebel folgen würden. Natürlich hatten wir die Fahrt im Vorhinein vom Wetter abhängig gemacht. Wenn jetzt eine völlig hoffnungslose Großwetterlage geherrscht hätte, hätten wir das Ganze abgeblasen. Aber die Wetterberichte waren auch wenige Tage vor Abfahrt noch recht optimistisch und spätestens ab Montag sollte nur noch Sonne scheinen, Niederschlag war die nächsten vier Tage weit und breit nicht in Sicht. Unsere Alternativpläne stellten sich dann auch als vollkommen überflüssig heraus, denn kaum hatten wir die kleine Höhenstufe vor Maienfeld überwunden, standen wir plötzlich in der schönsten Morgensonne, umwabert von den letzten Fetzen des Nebels. Welch traumhafte Begrüßung in der Schweiz. Nach den vorherigen Bedenken und Überlegungen zu Alternativplänen erreichte die Laune in der Reisegruppe einen enormen Aufschwung und die Vorfreude auf die nächsten vier Tage Bahnfotografie war endgültig geweckt.


Kurz vor Maienfeld brach wie bestellt die Sonne durch die Nebelschwaden


Der Nebel wabert noch um Maienfeld herum

Wir fuhren erstmal bis Schiers, hier hatten sich die Nebelschwaden endgültig verzogen und es war ausreichend Schnee für Winterbilder vorhanden. Auf der Wiese vorm Ort hielten wir einige Züge fest, bis wir die Stelle nach einer halben Stunde, in der nicht weniger als vier(!) Züge in unsere Richtung durchkamen, gesehen hatten.


Kurz vor Schiers zieht Ge 4/4II 622 mit ihrem Engadin Star nach St.Moritz durch. Am Zugschluss ist sogar noch einer der Mitteleinstiegwagen aus den späten 30er Jahren zu erkennen.


Als nächstes kommt ABe 4/16 als S-Bahn nach Landquart vorbei

Für das nächste RE-Doppel verschoben wir uns hinter das enge Tal zwischen Saas und Furna. Zu meiner Freude folgte als nächster RE nach Davos die rote Ge 4/4 II 648. Zu diesem Zeitpunkt die einzige ihrer Art im originalen Farbschema. Fast im Blockabstand folgte der RE nach Scoul. Die Zeit reichte noch soeben aus, um die Position noch ein Stück in Richtung der Schlucht zu verschieben. Es folgte meine erste Begegnung mit einem der nagelneuen Albula-Gliederzüge, welche zu dieser Zeit vermehrt auf der Relation Landquart-Scoul zum Einsatz kamen.


Ge 4/4 III mit ihrem RE nach Davos kurz vor Furna


Ge 4/4 II mit einem der nagelneuen Gliederzüge nach Scoul. Bloß welcher Anfänger hat denn da schon wieder im eigenen Bild geparkt? Naja man ist halt für jede hablwegs legale Abstellmöglichkeit in diesem Land dankbar – gerade im Winter 😉

Anschließend wurde erstmal ein bisschen Strecke gemacht, wir wollten schließlich den Nachmittag noch rund um Davos verbringen. Wir steuerten die bekannte Fotostelle am Tunnel vor Saas an. Leider war hier die Schneesituation nicht ganz so erfreulich. Die Hänge waren schon ganz ordentlich abgetaut. Dennoch warteten wir hier mal die nächsten Züge ab. Erwartet wurde jetzt wieder ein Engadin Star. Dieser kam dann doch etwas überraschend als Pendelzug mit Steuerwagen voraus und Lok in der Mitte. Ein Zug wie ihn Fotografen gar nicht mögen :/ Am Zugschluss waren noch zwei der HVZ-Wagen aus den 80ern eingereiht, welche ja nach ihrer ursprünglich angedachten Lebensdauer schon längst verschrottet sind 😀
Wenn wir jetzt schon mal an dieser Stelle waren, wollten wir uns aber mit diesem unfotogenen Zug doch nicht zufrieden geben und warteten noch eine halbe Stunde auf das nächste RE-Doppel. Es gab wahrlich Schlimmeres, als hier über dem Tal thronend zu warten und die österreichischen Nahrungsvorräte zu vertilgen 😉


Des Fotografen ärgster Feind: Pendelzug mit Steuerwagen voraus und Verstärkerwagen hinter der Lok. Wenigstens waren zwei der ollen HVZ-Wagen dabei.


Ge 4/4 III 649 mit ihrem RE nach Davos kurz vor Saas

Weiter ging’s Richtung Davos. Wir ließen das winterliche Getümmel von Klosters links liegen und fuhren gleich bis Davos Wolfgang den Berg hinauf. Hier war auch wieder reichlich Schnee vorhanden. Wir steuerten zunächst mal die Kurve vor der langen Geraden vor Davos Wolfgang an. Der entgegenkommende RE nach Landquart kam dann logischerweise wieder mit Steuerwagen voraus, da er den Steuerwagen auf der Hinfahrt in Zugmitte hatte. Der Zug war mir aber allein schon wegen der bunten Wagenreihung ein Bild wert: Ein Niederflursteuerwagen gefolgt von zwei EW I, Ge 4/4 III, zwei BEX Panoramawagen, ein 30er Jahre Mitteleinstiegwagen, nochmal zwei Einheitswagen und schließlich ein EW IV. Eine nette Illustration von 60 Jahren Reisezugwagenentwicklung 😀


Ein wild gemischter RE nach Landquart mit Ge 4/4 III 652 in der Mitte

Wir wechselten noch ein wenig die Stelle und versackten dabei zum ersten Mal auf dieser Tour ordentlich im Schnee, bevor der Winterpendel in Form von Be 4/4 512 Richtung Davos kam. Schon lustig das wir uns von diesen Triebwagen schon vor über 5 Jahren intensiv verabschiedet haben und sie noch immer in voller Stärke und Neulack durch die Gegend fahren. Spätestens seitdem und den eigentlich ebenfalls schon längst ausrangierten Ge 4/4 I glaube ich keiner Fahrzeugprognose der RhB mehr 😀


Be 4/4 512 nach Davos Platz ebenfalls kurz vor Davos Wolfgang

Der Klassiker auf der Wiese vor Davos Wolfgang mit der imposanten Bergkette im Hintergrund durfte natürlich nicht fehlen. Schließlich war die Hälfte der Reisegruppe zum ersten Mal an dieser Strecke der Rhätischen. Nach kurzer Zeit kam der zweite Winterpendel in Form von Be 4/4 513 aus Davos. In Gegenrichtung kam die grüne Ge 4/4 III 647 durch. Auch in diesen RE war noch einer der uralten Mitteleinstiegwagen eingereiht.


Be 4/4 513 fährt den Winterpendel nach Klosters


Die grüne Ge 4/4 III 647 mit einem RE nach Davos Platz. Mit den ersten drei Wagen wird der Zug anschließend nach Filisur weiterfahren.

In Davos wurde das Auto erstmal an der Parkuhr am Davosersee abgestellt. Zwei bei mir schon lange offen stehende Stellen am See sollten noch mit den formschönen Stammnetzpendeln abgelichtet werden. Nach einem kurzen Spaziergang am See war die gewünschte Stelle erreicht. Be 4/4 513 war bereits aus Klosters zurück.
Auf den eingefrorenen Resten des Sees trieb derweil eine Gruppe Modellflieger ihr Unwesen und hinterließ dabei teilweise schon fast kunstvolle Spuren im Schnee.


Be 4/4 513 ist bereits aus Klosters zurück und fährt die Wintersportler nach Davos Platz.


Und noch einmal Richtung Klosters


Auch eine Gruppe Modellflieger nutzt das tolle Wetter und die guten Landebedingungen auf den eingefrorenen Resten des Davosersees

Im Anschluss ging es nach Davos Platz. Zum Einen um noch einen Blick auf den Bahnhof zu werfen, zum Anderen wollten wir noch im gegenüber dem Bahnhof liegenden Coop die Verpflegung für den heutigen Abend und Morgen einkaufen, soweit sie nicht schon von jenseits der Grenze importiert wurden. Beides bot keine großen Überraschungen, außer dem verdutzten Blick meines Kollegen, als ich ihn auf den Preis der von ihm ausgewählten Jagdwurst hinwies (irgendwas um die 25CHF). Ja, wir sind halt arme Deutsche, blind einkaufen wie in unseren in jeglicher Hinsicht billigen Discountern geht da nicht. Hier hat gute Wurst eben auch ihren berechtigten Preis… 😀
Im Bahnhof rangierten derweil die UNESCO Ge 4/4 III 650 und der Hobel 120 die nächsten Züge nach Landquart und Filisur zusammen.


Ge 4/4 650 wartet in Davos Platz auf die Weiterfahrt als Pendel mit reduzierter Zuglänge nach Filisur.

Inzwischen war schon 15 Uhr durch und langsam kam die Frage auf, wie lange hier in den Bergen die Sonne noch scheinen würde. Unsere Übernachtung sollte in Tiefencastel sein und so war der Plan recht einfach: Richtung Filisur weiterarbeiten solange das Licht halten würde…
Zwischen Davos Platz und Frauenkirch ergab sich dann ein zweites Problem: Aus dem Süden zog dichter Siff auf. Die Durchfahrt des Zuges nach Davos Platz ging zwar noch bei Sonne ab, dafür zog die Ge 4/4 III 647 aufgewirbelten Schnee hinter sich her. Wenige Minuten später kam die UNESCO-Lok in unsere Richtung dann nur noch bei Halblicht durch.
Anschließend gab es nur noch ein Stimmungsbild bei Davos Frauenkirch. In Monstein wäre derweil selbst bei klarem Himmel keine Sonne mehr gewesen, als Ge 4/4 III 652 gegen 17 Uhr mit ihrem Zug nach Filisur durchkam.


Ge 4/4 III 650 ging am Bach zwischen Davos Platz und Frauenkirch nur noch bei Halblicht durch.


Stimmungsbild der zurück kommenden 650. Der Wolkensiff sollte uns auch am nächsten Vormittag noch beschäftigen…

Wir folgten jetzt also der eben in Monstein gesehenen 652 nach Filisur. Da die Straße dabei eine Menge verlorene Höhe über Davos Wiesen und Schmitten macht, ging für uns die Sonne an diesem Tag ein zweites Mal auf, als sie noch mal kurz über die Berge lugte. Am Albula war von Sonne allerdings dann keine Spur mehr als wir gegen halb sechs das Tal erreichten. Jetzt allerdings schon auf’s Zimmer zu fahren war irgendwie aber keine rechte Option. Aber da war doch noch was vorhin, ach ja, die Extrazüge zur Ski-WM! Ab 1548 starteten im Abstand von jeweils ca 30min bis 1748 fünf Verstärker über den Albula nach Chur. Von denen müsste ja jetzt mal was durch Filisur kommen. Also Auto am Bahnhof geparkt und einfach nochmal ne Stunde in der Dämmerung am Bahnhof geschaut was denn so durchkommt.
Nach kurzer Zeit kam der „ABB“-Allegra 2512 mit einem Extrazug bestehend aus einigen BEX-Panoramawagen und ein wenig Gelumpe. Im Anschluss kam noch die Ge 4/4 II mit einer Alvra-Garnitur als Verstärker durch, bevor aus Davos der Pendel diesmal mit der roten Ge 4/4 III von heute morgen ankam. Anschließend kreuzten noch um 1800 Uhr die beiden planmäßigen RE’s, wobei der RE aus St.Moritz mit der Ge 4/4 III 651 mit 14 Wagen am Haken auch so ziemlich Maximallänge gehabt haben dürfte. In Gegenrichtung zog der zweite „ABB“-Allegra 3506 den RE nach St.Moritz bestehend aus einer Alvra-Ganitur und etwas Panorama-Gelumpe. Alles in Allem zwar nichts wirklich besonderes, aber es war einfach beeindruckend wie viel hier in der kurzen Zeit los war. Der RE nach St.Moritz hatte dann auch so seine Probleme bei dem vielen Gegenverkehr den Fahrplan zu halten.

Ge 4/4 II 629 mit einer Alvra-Garnitur als Ski-WM Extrazug nach Chur


Aus Davos kommt der Pendel mit der roten Ge 4/4 III 648 in Filisur an


Der planmäßige RE nach St. Moritz kämpft sich derweil auch durch die Flut der Gegenzüge nach Chur und hat in Filisur beachtlicherweise erst 5min Verspätung

Jetzt war aber wirklich genug und die blaue Stunde, wenn man sie heute so nennen konnte war auch durch. In Tiefencastel wurde das Zimmer bezogen und mit allerlei in Davos Gekauftem und aus der Heimat importierten ein zwar etwas improvisiertes, aber reichhaltige Abendessen eingenommen. Die Preise für einen Restaurantbesuch sind einfach jenseits von Gut und Böse, gerade wenn man die oftmals interessanten Angebote zum Mittagstisch aufgrund des leidigen Hobbys nicht wahrnehmen kann 😉
Mit diesem ersten Tag waren wir schon mal mehr als zufrieden. Die meisten notierten Stellen konnten umgesetzt werden und das Wetter war über (fast) jeden Zweifel erhaben.
Morgen geht’s dann über den Pass ins Engadin und ein Stück den Bernina hoch. Was das Wetter und die Züge mitbringen gibt’s dann im nächsten Teil zu sehen.

Gruß,
Tobias

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