Quer über den Balkan IV – Busodyssee von Osijek nach Sarajevo

Heute soll es von Osijek weiter nach Sarajevo gehen. Wie wir diese erste große Busetappe der Reise meistern, davon erzählt dieser, zugegebenermaßen etwas textlastige, dafür aber auch umso erlebnisreichere vierte Teil unserer Reise quer über den Balkan.

Bereits gestern hatten wir damit angefangen, uns Gedanken über die Weiterreise von Osijek nach Sarajevo zu machen. Genau genommen hatten wir bereits von zuhause aus nachgesehen, was Google da so hergibt. Die Bahn kam auf dieser Etappe im Grunde mal wieder nicht in Frage, da man um nach Sarajevo zu kommen, erstmal wieder nach Zagreb zurück gemusst hätte und diese Tour zeitlich natürlich eine völlige Katastrophe gewesen wäre.
Per Bus gab es im Internet eine Direktverindung von 09:30 bis 14:30. Aber wie das immer so ist mit solchen Informationen, war beim gestrigen, morgendlichen abchecken der tatsächlich vorhandenen Verbindungen keine Spur dieses Busses ausfindig zu machen. Der Busbahnhof von Osijek wird komplett von Arriva betrieben und damit exisitiert auch keine unabhängige Reiseauskunft. Uns wurde am Schalter genau eine einzige Verbindung vorgeschlagen, welche gegen 16:00 Uhr Osijek verlassen sollte und gegen Mitternacht Sarajevo erreichen würde. Diese Verbindung sorgte erstmal für lange Gesichter, denn aus zweierlei Gründen war dieses Angebot denkbar unschön: Zunächst einmal hätten wir noch fast den ganzen Dienstag hier in Osijek vertrödeln müssen, obwohl wir schon mit dem kompletten Montag mehr als genug Zeit für Osijek hatten. Zum Anderen war eine Ankunft in Sarajevo gegen Mitternacht alles andere als angenehm. Im Dunkeln mit der vielleicht gar nicht mehr fahrenden Straßenbahn vom Busbahnhof das Hotel suchen, war jetzt nicht gerade ein Traum und ein gemütlicher Abend in Sarajevo würde bei der ganzen Geschichte auch noch draufgehen. Ein Plan B musste her! Also eine halbe Stunde lang mit dem Smartphone das Internet befragt – an dieser Stelle nochmal ein Hoch auf die Abschaffung der Roaming Gebühren – und zu dem Schluss gekommen, dass unsere im Voraus gefundene Verbindung eines ungarischen Anbieters schlichtweg nicht zu existieren schien, die alternative Ankunft um Mitternacht für uns aber definitiv keine Alternative war. Es gab da aber noch so eine Möglichkeit, mit einem gewissen Restrisiko: Von Osijek fuhren zwar keine Busse zu brauchbaren Zeiten nach Bosnien und Herzegowina, aber es gab mehrere Verbindungen in die im Südosten gelegene Grenzstadt Slavonski Brod. Die Busse schienen also eigentlich nur die Grenzüberschreitung zu meiden. Wir müssten also von Slavonski Brod aus nur die Grenze zu Fuß überschreiten und dann am gegenüberliegenden Ufer der Save in Bosnien und Herzegowina hoffen, dass von dort aus ein Bus in die Landeshauptstadt Sarajevo fahren würde, was ja an und für sich nicht so unwahrscheinlich war. Unser Plan B reichte jetzt also genau bis hinter die Grenze nach Brod. Wie und ob es von dort weiter geht, würde der restliche Tag zeigen…

In Osijek hatten wir uns schonmal die Fahrkarten für den Bus nach Slavonski Brod gekauft. Bis dort wären wir zwar auch mit der Bahn gekommen, aber die Abfahrten waren so, dass wir entweder das Frühstück hätten ausfallen lassen müssen, oder aber erst nach Mittag in Slavonski Brod angekommen wären. Das würde unsere Chancen auf eine Verbindung von Brod nach Sarajevo natürlich deutlich schmälern.

Also wurde mit Eröffnung des Buffets um 07:00 der Frühstücksraum gestürmt und um kurz vor acht ging es dann mit der Linie 3 zum Busbahnhof.


Ein letzter Blick auf den Trg Ante Starčevića, bevor es mit der Linie 3 zum Busbahnhof geht.


Am Busbahnhof endet der Besuch in Osijek. Hier Düwag 0934 am gestrigen Vormittag vor der Kulisse des billig modern anmutenden Glasklotz von Busbahnhof.

Der Bus war pünktlich, modern und komfortabel. Wenn es doch so die ganze Reise weiter gehen könnte… Man merkte in der kommenden Woche doch sehr deutlich, dass der Reisebusverkehr in Kroatien noch der mit Abstand beste in den ehemaligen Länder Jugoslawiens ist.
Mit einer Raucherpause für den Busfahrer in Djakovo waren die etwa 100 km bis Slavonski Brod in ungefähr zwei Stunden bewältigt. Die letzten Kilometer fuhr der Bus sogar auf der Autobahn E70. Vorher war er konsequent Landstraße parallel zur E73 gefahren und hatte ab und an noch einzelne Fahrgäste in den Orten aufgelesen.
In Slavonski Brod versicherten wir uns noch einmal, dass tatsächlich auch von hier kein Bus nach Sarajevo fährt und machten uns dann auf den Weg über die Grenze. Ein kurzer Check bei Osmand ergab eine Strecke von etwas über drei Kilometer. Das wollten wir dann auch nicht unbedingt zu Fuß mit den Koffern laufen und überzeugten einen Taxifahrer dazu, uns wenigstens bis zur Grenze zu fahren, denn die Antwort auf die mit Händen und Füßen gestellte Frage ob er uns nach Brod bringen würde, beantwortete er mit „Grenze immer Stau“ und verlangte daher einen dementsprechend verständlich hohen Preis, den wir zudem in Kuna gar nicht mehr hätten zahlen können.
Immerhin brachte er uns anschließend dann schonmal die Hälfte des Weges weiter. Das Überqueren der Grenze machte zu Fuß keinerlei Probleme, während sich auf der Straße, wie vom Taxifahrer vorausgesagt, zähe Schlangen bildeten. Nach dem Marsch über die große Savebrücke unter dem fünfmiütigen lauten Dröhnen der Koffer auf dem Gitterboden, erfolgte die Einreise nach Bosnien und Herzegowina und damit betrat ich zum ersten mal auf dieser Reise ein mir noch unbekanntes Land – es sollte nicht das Letzte bleiben, soviel sei schonmal verraten.
Hinter der Grenze geht es direkt scharf rechts zum Busbahnhof. Jedenfalls meinte Osmand das dort der Busbahnhof sei, doch was wir dort erblickten ließ uns kurz den Atem stocken und massiv an unserem „Plan B“ zweifeln:


Der Busbahnhof von Brod. Ob hier noch was fährt und wenn ja wann und wohin?

Ein völlig verrostetes Stahlgerippe, das wohl mal sowas wie ein Vordach war, dahinter wahrscheinlich das ursprüngliche Bahnhofsgebäude, welches allerdings völlig verrammelt und tot war. Einzig Hoffnung machte die kleine improvisierte Hütte, welche kurzerhand vor das eingentliche Bahnhofsgebäude gestellt wurde. Dort hingen auch sowas wie Fahrpläne aus, wobei es sich eigentlich nur um diverse zusammenhanglose Zettel handelte, die wahllos an die Scheiben geklatscht waren. Natürlich alles kyrillisch und wir erkannten darin keinen Ort, der dem, was wir auf kyrillsich für Sarajevo gehalten hätten, ähnlich sah. Menschen waren weder in der Hütte, noch irgendwo sonst am Busbahnhof zu sehen. Es schien alles ziemlich tot zu sein. Nun denn, wir waren natürlich nicht völlig ohne einen „Plan C“ losgefahren, wobei diesen als Plan zu bezeichnen hätte zu weit geführt. Bevor wir jetzt aber nach Slavonski Brod zurückgehen und dort acht Stunden auf den durchgehenden Bus Osijek-Sarajevo warten würden, hatten wir beschlossen, notfalls ein Taxi durch drei zu teilen. Wir waren schon am Überschlagen mit welchem Anfangsgebot wir dem Taxifahrer gegenüber treten würden, als wie aus dem Nichts die Rettung nahte. Eine Frau mittleren Alters kam am Busbahnhof vorbei und steuerte tatsächlich auf die kleine Hütte mit den vielen Zetteln zu. Auch ohne Englisch verstand sie schnell unser Anliegen nach Sarajevo zu wollen und möglichst noch heute. Und tatsächlich sollte in einer Stunde gegen 12:00 ein Bus kommen, welcher uns bis Zenica bringen würde, wo dann Anschluss nach Sarajevo bestehen würde. Jackpot!

Die verbleibende Stunde vertrödelten wir in Brod mit Geld wechseln und einem Cappuccino in einem der Cafés im Zentrum des Ortes. Bei der Rückkehr zum Busbahnhof herrschte dort dann auf einmal auch reges Treiben. Die Dorfältesten hatten sich zum Klönen versammelt und einige Fahrgäste machten sich auf den Weg in die weite Welt. Die nächste Viertelstunde hieß es regelmäßig bangen, dass die Schrottlaube, die dort unter den Resten des Daches vom Busbahnhof mühevoll zum Stehen kam, bitte nicht unser Transport für die nächsten drei Stunden wäre. Was dann schließlich mit dem Ziel Zenica vor uns hielt war zwar auch kein Luxus, machte aber den Eindruck als könnte es dort durchaus ankommen.


Eine Stunde später herrscht plötzlich reges Treiben am Busbahnhof.


Unser Transportmittel von Brod nach Zenica bei einer kleinen Kaffeepause. Das transporterähnliche Fahrwerk spielte den Fahrgästen auf der völlig ausgefahrenen Piste übel mit. An Schlafen war jedenfalls nicht zu denken. Die passende Gelegenheit um im Hörbuch ein paar Kapitel voran zu kommen…

Bereits ab der Hälfte des Weges hätten wir in Doboj wahrscheinlich auf die Eisenbahn umsteigen können, allerdings hatten wir jetzt eine sichere Verbindung, die uns bis zum späten Nachmittag nach Sarajevo bringen würde und hatten nicht vor, diese wieder aufzugeben. Bei einem der Zwischenhalte besorgte sich der Busfahrer dann einen Dolmetscher, der uns unter zahlreichen Entschuldigungen vermittelte, das sich der Fahrer beim anhand einer Tabelle mittels Kopfrechnen ermittelten Fahrpreis verrechnet habe. Uns kam der Mann aufrichtig vor und nachprüfen konnten wir seinen Fehler ohnehin nicht, sodass wir ihm die geringe Differenz von wenigen konvertiblen Mark für uns drei zusammen nachzahlten.
Auffällig waren auf der Fahrt durch die lauschige Hügellandschaft die zahlreichen unfertigen Wohnhäuser. Wahrscheinlich sind diese Häuser eine Art Lebensprojekt, welche immer ein Stück weiter gebaut werden, sobald die Familie wieder etwas Geld übrig hat. Daneben gab es allerdings auch schon zahlreiche Häuser welche zwar bewohnt, aber nicht verputzt waren. Ob das allerdings einen steuerrechtlichen Grund hat, weil die Häuser eventuell nicht als fertig gebaut eingestuft werden solange sie nicht verputzt sind, oder andere finanzielle Gründe hat, konnte ich nicht herausfinden.
In Zenica war dann Umsteigen angesagt. Unser Bus fuhr nicht einmal in den Busbahnhof ein, sondern kippte die Fahrgäste einfach vor der Schranke ab.
Bei dem was ich aus dem Fenster gesehen hatte, musste ich stark nachdenken, ob ich jemals eine hässlichere Stadt als dieses Zenica gesehen habe und kam zu dem Schluss, das es mindestens in den Top Five liegt. Das in einer Art Talkessel gelegene Kohle- und Stahlrevier bestand abgesehen von zahlreichen Industriebrachen eigentlich ausschließlich aus großen versifften, grauen Plattenbauten. Alles war irgendwie heruntergekommen und verwahrlost. Der Busbahnhof passte dann auch perfekt in das Ensemble und wir waren froh, als wir nach kurzem Aufenthalt und auffüllen der Getränkevorräte unseren Anschlussbus entern konnten.
Während der Pause gab es dabei noch ein neuartiges Fernmeldesystem zu bestauen:


Neuartiges Fernmeldemodell: Der Benutzer kann gegen Einwurf von Münzen eine Nachricht in den Hörer sprechen, welche kurz darauf auf einen Chip am Fuß einer Breiftaube gespeichert wird und von dieser kabellos per Luftfracht zum Empfänger transportiert wird 😉

Der Neoplan Euroliner von Centrotrans fuhr dann auch recht schnell auf die Autobahn und legte unterwegs lediglich noch einen Zwischenhalt ein. Im Innenraum war derweil die erste Heimat dieses um die Jahrtausendwende gebauten Busse unverkennbar, waren doch alle Hinweise in verständlichem deutsch verfasst. Das praktische Panzertape, welches den Busfahrer vor dem nervigen, dauerhaften Blinken zahlreicher Warnleuchten im Cockpit schützte, dürfte hingegen ein bosnisches Fabrikat sein 😀
In Sarajevo steuerte der Bus praktischerweise den Busbahnhof am Hauptbahnhof an und nicht den weit außerhalb gelegenen Busbahnhof Dobrinja, unweit der Trolleybuslinie 103 und 107. Hier erkundigten wir uns auch gleich nach einem Verbindung nach Belgrad für Übermorgen, mit dem Ergebnis, dass die Busse nach Serbien noch immer von eben jenem Busbahnhof vor den Toren der Stadt abfahren.


Unser Neoplan Euroliner hat Sarajevo erreicht. Auch wenn es so aussieht, entsorgte der Fahrer das Zielschild nicht im Mülleimer. Der ehemalige deutsche Bus muss also noch weiter mit leuchtenden Kontrolllampen durch Bosnien gurken, bis irgendwann alle Lampen gleichzeitig erlischen…

Direkt vor dem Hauptbahnhof endet auch die Straßenbahlinie 1, welche uns anschließend in die Innenstadt und zum Hotel brachte. Geschafft von der erlebnisreichen Reise bummelten wir am Abend nur noch etwas entspannt durch die Innenstadt, bevor es das wohl verdiente Abendessen mit einem ordentlichen Sarajevsko dazu gab. Dieses Bier hat für die Stadt im Übrigen eine ganz besondere Bedeutung: Die Gebäude der Brauerei stehen auf einer natürlichen Quelle und waren daher während der Belagerung Sarajevos der einzige Zugang zu frischem Wasser, wodurch das Sarajevko bis heute eine ganz besondere Verbundenheit mit den Bewohnern der Stadt hat.


Vor dem Hauptbahnhof steht schon der modernisierte K2 545 als Linie 1 in die Innenstadt bereit.


Einen erstern Vorgeschmack auf die Straßenbahn von Sarajevo gibt K2 521 an der Haltestelle Baščaršija in der großen Innenstadtschleife.

Morgen ist dann der gesamte Tag für diese hochinteressante Stadt mit ihrer ebenso abwechslungsreichen Straßenbahn vorgesehen. Doch davon werde ich im nächsten Teil berichten, den dann auch wieder mehr Bilder als Text dominieren werden.

Bis demnächst in Sarajevo,
Tobias

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