Quer über den Balkan III – Die Straßenbahn von Osijek

Gestern Abend waren wir mit der Bahn in Osijek angekommen. Heute wird dann der gesamte Tag an den drei Linien der Straßenbahn von Osijek verbracht. Das Hauptaugenmerk liegt dabei natürlich auf den aus Mannheim übernommenen Düwags, welche fast ausschließlich auf der SL 1 anzutreffen sind.

Da wir den ganzen Tag für Osijek eingeplant hatten, wechselten wir zwischen den verschiedenen Abschnitten der Straßenbahn wild hin und her. Daher werde ich heute auch nicht streng chronologisch vorgehen, sondern versuchen, die schönsten Bilder des Tages halbwegs übersichtlich in Reihenfolge zu bringen

Zunächst noch ein paar Infos über diese wohl nicht jedem bekannten kroatische Stadt:
Osijek ist mit gerade einmal 108.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Kroatiens und neben Zagreb die einzige, mit einem Straßenbahnbetrieb. Tragische Bekanntheit erlangte die Stadt an der Drau in der jüngerern Geschichte durch den Kroatienkrieg zwischen 1991-1995. Osijek war dabei monatelang einer der Hauptkonfliktorte der kriegerischen Handlungen zwischen der Jugoslawischen Volksarmee und der kroatischen Armee. Der heftige Beschuss der Stadt forderte rund 800 zivile Opfer. Noch heute sind die Spuren des Krieges überall in der Stadt in Form von mit Einschusslöchern durchsiebten Fassaden oder nach dem Krieg aufgegebenen Häusern allgegenwärtig. Auf der anderen Seite wurden aber auch zahlreiche der künstlerischen Fassaden entlang der Hauptachse der Stadt in den vergangenen 20 Jahren mustergültig restauriert. Der historische Stadtkern „Tvrda“ ist heute Hauptanziehungspunkt für Touristen und in weiten Teilen bereits restauriert.
Den Lebensmittelpunkt der quirligen Stadt bildet heute allerdings der „Trg Ante Starcevica“, mit der angrenzenden St.Peter und Paul Kirche südlich und der Draupromenade nördlich. Hier treffen sich auch die drei Straßenbahnlinien Osijeks.

Damit wären wir auch gleich beim Thema: Das Netz umfasst eine Streckenlänge von ca. 12 km und wird von den Linien 1-3 bedient. Einen sehr schönen Überblick über den Straßenbahnbetrieb von Osijek wurde vor etwa 1 1/2 Jahren hier eingestellt: https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?005,8041226,8042607#msg-8042607.
Daher spare ich mir mal die genauere Beschreibung der Linien und Fahrzeuge. Geändert hat sich seither lediglich die Einführung der Linie 3. Diese wird von nur einem Wagen bedient und befährt etwa alle 20-30 Minuten die Innenstadtschleife vom Trg Ante Starčevića zum Bahnhof. Da die Linie 2 den Bahnhof und Busbahnhof nur stadteinwärts anbindet und stadtauswärts die andere Seite der eingleisigen Innenstadtschleife befährt, wurde die kurze Linie 3 eingeführt, um den Bahnhof auch aus Richtung Innenstadt anzubinden. Nach wie vor unverändert kommen elf der von Pragoimex zu T3E.PV umgebauten T3 zum Einsatz. Das Hauptaugenmerk liegt aber natürlich auf den ehemaligen deutschen Wagen. 1995 wurden fünf Düwag GT6 aus Mannheim aus dem Jahr 1960 übernommen. Im Jahr 2009 wurden noch einmal fünf ehemalige Düwag GT6 aus Mannheim übernommen, welche jedoch seit 1994 bereits in Zagreb fuhren. Die letzten Neuzugänge aus dem Jahr 2012 sind die drei 1971 gebauten GT6 „Typ Mannheim“, welche ursprünglich ebenfalls aus Mannheim stammen und zwischen 1996 und 2012 in Zagreb zum Einsatz kamen. Durch die Einführung der Linie 3 und einen nachmittäglichen Verstärkerkurs auf der Linie 1 können in der Regel auch alle drei Wagentypen auf Linie angetroffen werden.

Im folgenden möchte ich insbesondere einen genaueren Blick auf die Linie 1 mit den ehemaligen Mannheimer Wagen werfen:

Beginnen wir unsere Fahrt am zentralen Umsteigepunkt „Trg Ante Starčevića“. Dort können jetzt mit etwas Glück alle drei Linien auf einmal im Bild festgehalten werden. Besonders gut funktioniert das natürlich aus einem der Fenster des Hotel Central.


Abendliches Treffen am „Trg Ante Starčevića“. Rechts machen 0710 als Linie 2 nach Bikara und 0713 als Linie 3 zum Hauptbahnhof ihre Pause. Links treffen sich 0604 und 0716 jeweils auf halbem Weg der SL 1 nach Zeleno Polje bzw. Visnjevac.

Folgen wir nun Wagen 0716 Richtung Višnjevac. Bereits an der nächsten Haltestelle wird das bekannte Motiv mit der St. Roch Kirche erreicht.


GT6 9530 verlässt unter den genauen Blicken des Elefanten den Trg Ante Starčevića im letzten Abendlicht in Richtung Višnjevac.


Der „Mannheimer“ 1237 vor der St. Roch Kirche

Von den klassichen Düwag GT6 war bei unserem diesjährigen Besuch keiner mehr in vollständiger blau-weißer Farbgebung anzutreffen. Bei 9530 schaute zumindestens noch die Frontpartie aus der Vollwerbung heraus, während der schwarze 0934 und der komplett bunte 9528 schon wieder so schön schaurig aussahen, das man einfach auf den Auslöser drücken musste. Passend zu den zahlreichen Popwerbungen, auch die T3R.PV waren bis auf zwei Wagen ausnahmslos zugekleister, läuft auch im Innenraum der Wagen ununterbrochen das Hitradio über die bordeigenen Boxen hoch und runter. Neben dem üblichen europäischen Charts-Gedudel, werden auch immer wieder lokale kroatische „Hits“ aufgelegt.


Bei der Haltestelle Svilajska kommt uns 9530 entgegen.


Wenige Meter weiter begegnet uns mit 1237 erneut der einzige heute fahrende Typ Mannheim. Glücklicherweise keiner der teils schaurigen Vollwerbewagen.


Die Verlängerung ins Ortszentrum von Višnjevac zur Haltestelle Okretište ist der jüngste Streckenabschnitt aus dem Jahr 2014. Hier begegnet uns 0608. Im Hintergrund ist bereits die enge Endschleife zu erkennen, in der gerade eine weitere Werbewand wendet.

Springen wir zurück zum Trg Ante Starčevića. Hier bieten sich über den Tag verteilt, neben dem abendlichen Blick aus dem Hotelzimmer, zahlreiche weitere Fotomöglichkeiten.


Vormittäglicher Blick über den Platz von der Haltestelle der Linie 1 aus.


Am frühen Nachmittag die gleiche Szene von der Türseite aus gesehen. Der auffällig bemalte GT6 9528 fuhr den nachmittäglichen Verstärkerkurs, welcher zwei Runden lang vor dem planmäßigen Kurs in Form von 0604 her fuhr.


Am Nachmittag bietet sich der Blick auf die SL 2 und 3 beim Verlassen des Trg Ante Starčevića in Richtung Bikara und Hauptbahnhof an. Hier macht GT6 0934 einen der wenigen Ausflüge der Düwags auf der SL 2 Richtung Bikara.


Nur wenige Meter weiter passiert die Strecke die gigantische, verklinkerte St.Peter und Paul Kirche, deren Schatten im Hintergrund ins Gleis ragt. Gemütlich im Café sitzend konnte ganz nebenbei erneut GT6 0934 festgehalten werden.


Ein Blick auf die St. Peter und Paul Kirche darf nicht fehlen.


Am Abend erreicht 1237 als SL 1 den Trg Ante Starčevića.


Das kurze Stück der auf den Trg Ante Starčevića zuführenden Kapucinska ulica wird von allen drei Linien befahren. Hier ist 0603 als Sl 2 neben den teils restaurierten, teils noch zerschossenen Fassaden der Lebensader Osijeks zu sehen.

Vom Trg Ante Starčevića ist nach wenigen Metern zu Fuß die Draupromenade erreicht. Zahlreiche Cafés und Bars laden zum Verweilen ein. Im Falle einer schwimmenden Bar mit recht abendteuerlichen Zuwegungen…


Ein klassischer Fall von Fehlplanung beim Zugang zu einer schwimmenden Bar im Jachthafen an der Draupromenade. Aber ein 5 m Brett aus dem Baumarkt und eine Kiste Cola lösen das Problem auf einfache Weise 😉 Vom TÜV ist das sicher nicht abgenommen…


Ein Schiff einer Schweizer Rederei macht heute in Osijek Station.

Folgt man nach dem kleinen Abstecher an die Drau der Linie 1 weiter nach Osten Richtung „Zeleno Polje“, verläuft die Linie auf der Europska avenija, entlang prächtiger Häuserfassaden und der Hauptpost, zum großen Park „Perivoj kralja Tomislava“, welcher den historischen Stadtkern umschließt.


Von der Hauptpost aus gesehen fährt 1237 als SL 1 Richtung Zeleno Polje auf der Europska avenija.


Von der Haltestelle Tvrđa ist der historische Stadtkern Osijeks zu erreichen.


Der zentrale Platz der Altstadt zeigt sich mustergültig restauriert.


In den Nebenstraßen sind die Spuren des Kriegs teilwese noch erkennbar. Dem Verfall der Gebäude wird aber an vielen Stellen bereits entgegen gewirkt.

Schauen wir nach dem Besuch der Altstadt noch kurz zur von den Linien 2 und 3 befahrenen Innenstadtschleife zum Haupt- und Busbahnhof.


Am Morgen befährt 0610 die eingleisige Schleife und erreicht gleich den Busbahnhof.

Ein wirklich kleiner aber feiner Straßenbahnbetrieb, mit abwechslungsreichen Strecken und Wagenpark. Die in weiten Teilen noch recht neue Linie 2, haben wir dieses Jahr etwas vernachlässigt, da wir sie 2014 bereits ausführlich bearbeitet hatten. Die Linie fällt durch ihre eingleisige und teils verrückte Linienführung auf. Die Haltestellen werden im Linksverkehr befahren und Kreisverkehre werden abendteuerlich im Gegenverkehr angeschnitten. Für eine Neubaustrecke ist das schon mehr als ungewöhnlich…
Auch wenn die Linie 2 nur alle 15 min verkehrt und in der Regel von den T3R.PV bedient wird, ist ein Besuch auf jeden Fall lohnenswert. Auch hier empfehle ich noch einmal in den oben verlinkten Bildbericht zu schauen, der diese Linie mit ihrer ganz eigenen Charakteristik wunderbar bildlich festgehalten hat.

Damit endet unser eintägiger Besuch in Osijek. Morgen früh geht es dann weiter Richtung Sarajevo. Auf welch abendteuerlichen Wegen wir diese erste improvisierte Busetappe dieser Reise bewältigen, davon erzählt dann der nächste Teil.

Bis demnächst,
Tobias

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