Quer über den Balkan II – Mit der Straßenbahn durch Kroatiens Hauptstadt

Heute geht es von Frankfurt mit dem Flieger nach Zagreb, wo dann der restliche Tag und der morgige Vormittag verbracht werden.

Tag 2: Samstagsspaziergang durch Kroatiens Hauptstadt

Der Flieger von Frankfurt sollte um 10:00 starten. Kein Grund also für übermäßig frühes Aufstehen, nachdem der gestrige Tag doch recht lang war. Nach gemütlichem Frühstücken ging es mit dem Auto nach Niederrad und von dort mit der S-Bahn weiter zum Flughafen. Was allerdings hier im Fraport abging, hatte ich so auch noch nicht erlebt. Wir trafen mit einem im Normalfall mehr als ausreichenden Zeitpuffer von zwei Stunden ein. Im Terminal 1 hatte sich jedoch schon eine endlos lange Schlange vor den Schaltern gebildet und so richtig ging es nicht voran. Das Boarding rückte näher und immer mehr Passagiere vor uns bogen hektisch in die Fast-Lane ab, welche für Boarding < 30min geöffnet wurde. Nach einer dreiviertel Stunde wurden auch wir langsam unruhig und verschoben uns ebenfalls in diese Schlange, wo wir dann tatsächlich nach 15min unsere Koffer aufgeben konnten, eingecheckt waren wir bereits online. Die Sicherheitsontrolle stellte sich im Anschluss allerdings als nicht minder große Hürde heraus, wartete hier doch eine fast ebenso lange Schlange. Es hieß noch einmal über eine halbe Stunde warten. Wer jetzt mitgerechnet hat, dem wird klar, dass unser einstmals großzügiger Zeitpuffer langsam zusammenschmolz wie die Arktis. Von den zwei Stunden waren inzwischen nur noch gut 30 Minuten geblieben und das Boarding begann damit bereits in Kürze. Grund zur Hektik? Eigentlich nicht, nach der Sicherheitskontrolle kommt ja nicht mehr viel… Denkste, denn es musste noch einmal eine Passkontrolle überwunden werden und auch hier das gleiche Bild: Ewige Schlangen. Zu allem Überfluss waren auch noch die Hälfte der automatischen Passkontrollen ausgefallen. Als auch diese Hürde überwunden war standen schließlich noch 15 Minuten bis Abflug auf der Uhr. So knapp bin ich dann doch selten zum Gate gekommen, aber wir waren natürlich nicht die Einzigen die um kurz vor knapp noch zum Flieger eilten…
Mit anderen Worten als „hoffnungslos überlastet“ war die Passagierabfertigung an diesem Pfinstwochenende nicht zu beschreiben. Fairerweise muss man allerdings anmerken, dass das „Krisenmanagement“ am Fraport sehr gut funktionierte: Das Personal blieb stets freundlich und hilfsbereit und lotste alle Passagiere deren Abflüge gefährlich nahe rückten zuverlässig in schnellere Abfertigungslinien.
In der großzügigen Notausgangreihe Platz genommen, holte uns jetzt die gespannte Vorfreude auf die kommenden elf Tage ein. Die Reise konnte nun beginnen!

Der von Croatia Airlines operierte Flug landete dann doch recht pünktlich in Zagreb und das Terminal hier bot das genaue Gegenteil: Völlig ausgestorben, ebenso der Vorplatz. Aber wir bekamen noch soeben einen Bus in Diensten der Croatia Airlines, welcher uns vom Flughafen zum Busbahnhof von Zagreb brachte, welcher unweit des richtigen Bahnhofs und unseres bereits gebuchten Hotels gelegen ist.
Das Hotel lag direkt neben dem Eisenbahnmuseum an den Straßenbahnlinien 3, 5 und 13. Also schnell Koffer abgegeben, mit den als Startkapital im Vorhinein besorgten Kuna drei Tageskarten erstanden und einem entspannten Samstagnachmittag in Zagreb stand nichts mehr im Weg. Da meiner Wenigkeit hier in Zagreb eigentlich nichts fehlte, ließ ich mich einfach treiben und genoss den herrlichen Sonnenschein bei angenehmen 25 Grad. Ein Abstecher zur Standseilbahn in die etwas erhöht liegende Altstadt Zagrebs und ein Besuch selbiger war genau der richtige Start.

Die Standseilbahn beginnt in der von der zentralen Einkaufsstraße Ilica abzweigenden Tomiceva. Mit ihren atemberaubenden 66 Metern Streckenlänge und schwindelerregenden 30,5 Höhenmetern ist diese Standseilbahn wohl eine der lächerlichsten die ich bisher besucht habe. Schön anzusehen ist das Ensemble dennoch und steht zurecht unter Denkmalschutz. Sollte die nächste Abfahrt jedoch mehr als zwei Minuten entfernt sein, ist man zu Fuß mindestens genauso schnell oben 😀


Die Standseilbahn „Uspinjaca“


Die Bahn fährt alle 10 Minuten, oder gegen Aufpreis auch auf Bestellung.

Die Standseilbahn endet am Rand der Zagreber Oberstadt „Gornji Grad“. Der historische Stadtkern auf der kleinen Anhöhe ist in großen Teilen mustergültig restauriert und lohnt in jedem Fall einen Besuch.


Von der Standseilbahn kommend läuft man auf die Crkva sv. Marka (St.-Markus-Kirche) mit ihrem schönen Ziegeldach zu.


Crkva sv. Marka


Auch die oftmals aus Japan stammede Spezies „Alles schnell Fuzzen und nichts wie weg“ ist in der Oberstadt schon teilweise anzutreffen. Ob sich diese Leute, die die Welt größtenteils nur noch durch ihr Smartphone betrachten, manchmal im Nachhinein fragt wo sie da eigentlich gewesen sind?

Nach diesem Abstecher ging es dann aber wirklich zur Straßenbahn. Zum Einsatz kommen samstags alle Wagentypen außer den Duro Dakovic-Zügen. Das bedeutet, es fahren selbst am Wochenende und auch sonntags(!) noch die Tatrazüge T4YU+B4YU. Außerdem sind natürlich zahlreiche KT4YU von CKD und die 16 Achtachser aus den Jahren 1994-2003 von Koncar im Einsatz. Diese fuhren allerdings ausschließlich auf der Linie 5 und seltsamerweise nicht am Sonntag, obwohl selbst die T4 noch fuhren. Dominiert wird der Betrieb mittlerweile natürlich von den 140, sechsachsigen, fünfteiligen Niederflurwagen aus dem Hause Koncar, welche zwischen 2005 und 2010 beschafft wurden. Zusätzlich gibt es von diesem Typ noch zwei ähnliche, aber vierachsige und dreiteilige Wagen.


T4YU 486 mit B4YU 829 als Linie 6 am zentralen Platz in Zagreb, der Haltestelle Trg J Jelacica.


Die prächtige Häuserfassade in der vom Hauptbahnhof kommend nach links abzweigenden Trg Ante Starcevica, lädt geradezu zum Fotografieren ein. Hier ist Koncar 2213 als Linie 4 zu sehen.


An der nächsten Querstraße fällt der Zustand der Gebäude wieder abruppt auf den Normalzustand zurück. Hier passiert mit 2302 einer der zwei Dreiteiler von Koncar die „Kulturgrenze“.


Eine weitere schöne Kulisse bietet die Kroatische Nationalbank unweit der Haltestelle Draškoviceva. Hier passiert Koncar 22124 die Bank.

Anschließend musste noch ein grober Schnitzer beim Kofferpacken behoben werden. Da hatte ich doch glatt die Kopfhörer vergessen. Das war bei geschätzt 30 Stunden Bus- und Bahnfahrt in den nächsten Tagen natürlch ein absolutes No-Go. Also fuhr ich mit den Linien 7/14, die den weiten Außenring südlich der Save mit seinen riesigen Wohnblöcken befahren, zum großen Einkaufzentrum an der Haltestelle „Muzej suv umjetnosti“ und behob dieses Versäumnis umgehend, bevor es morgen mit der Bahn nach Osijek die erste große Reiseetappe geben würde.
Anschließend gab es bei der Haltestelle „Trg P. Krešimira“ südwestlich des Zentrums und abseits der Touristenströme leckere landestypische Grillkost in einem großen Fladenbrot, bevor sich der Tag dem Ende zuneigte.


KT4YU 303 an der Haltestelle „Kruge“

Tag 3: Noch ein bisschen Zagreb und weiter zu den Mannheimern in Osijek.

Für heute Vormittag stand noch ein wenig Zagreb auf dem Plan. Ein paar Innenstadtmotive, welche gestern nicht mehr im Licht waren und vielleicht würde an diesem Sonntag ja auch ein historischer Wagen Auslauf erhalten…

Nach einem nicht übermäßig frühen Frühstück ging es vom Hotel unterm Bahnhof hindurch und direkt mal die Morgenmotive hier umsetzen. Erstaunt stellten wir fest, das auch heute beide Tatra Typen auf Linie waren. Umso mehr überraschte dann später, dass die Koncars aus den 90ern nicht liefen, sondern die Linie 5 heute fast ausschließlich mit KT4YU bedient wurde.


KT4YU 327 am Bahnhof. Die Tatrawagen der Typen KT4 und T4 tragen als einzige Vollwerbungen


Der Kunstpavillion gegenüber des Hauptbahnhofs

Eigentlich war die Idee von zwei Reiseteilnehmern, dass ja Sonntags mal ein historischer Wagen laufen könnte, eher daraus erwachsen, dass wir hier schon seit 2012 alles hatten und so wenigstens ein wenig Neues geboten werden würde. Irgendwelche konkreten Anhaltspunkte gab es jedenfalls nicht. Umso erfreuter und nicht weniger überrascht waren wir dann, als tatsächlich gegen halb zehn ungewöhnliche Schemen hinter den Bäumen der Allee am Hauptbahnhof auftauchten. Der Instinkt sagte sofort „historischer Wagen im Anmarsch“ und das Standardprogramm in solchen Situationen wurde intuitiv abgespielt: Schnell nach dem besten erreichbaren Motiv umschauen, aus Zeit und Weg den nötigen Grad der Eile zum Erreichen des Standpunktes ermittelt, mögliche Störfeuer ausfindig machen und im rechten Moment das Auslösen nicht vergessen. Gut, vielleicht übertreibe ich doch etwas 😀 Die Sonne schwächelte zwar gerade etwas, trotzdem gelang ein schönes Bild der Fuhre aus Tw 11 und Bw 559 auf dem Bahnhofsvorplatz.


Tw 11 und Bw 559 geben schon ein sehr urtümliches Bild ab, als sie gegen halb zehn den Bahnhofsvorplatz passieren.

Die verbleibende Zeit ließen wir uns dann wieder etwas treiben. Besonders die Ecke um die Haltestelle Draškoviceva, mit ihren Gleisverschlingungen und den Kontrasten zwischen teils herausgeputzten, teils etwas angestaubten Häuserfassaden hatte es mir angetan.


Am Trg J. Jelacica ist noch einmal ein T4+B4-Doppel zu sehen. Die Züge kommen vermehrt auf den Linien 4 und 6 zum Einsatz.


Rund um die Haltestelle Draškoviceva bieten sich zahlreiche Fotomotive mit den vom Straßenrand ausholenden Gleisführungen. Im Hintergrund holt 2254 gerade weit aus, um in die Straße „Vlaška“ zu gelangen.


An gleicher Stelle wie eben 2254, ist jetzt 2284 beim Einbiegen in die Vlaška ulica zu sehen. Im Hintergrund erheben sich die Türme der Kathedrale von Zagreb.


Tatrazug 487+807 an gleicher Stelle in die andere Richtung.

Ein kleiner Abstecher wurde auch noch an die Endstation „Mihaljevac“ der Linie 14 und 8 gemacht. Hier beginnt die vier Stationen weiter führende „Überlandlinie“ 15, welche wildromantisch in das hügelige Hinterland hineinfährt. Da ich diese Linie bereits 2012 abgelaufen war, beließ ich es bei einem Bild des hier solo fahrenden T4YU 428. Der zweite Kurs der Linie wurde ebenfalls von einem T4YU gefahren.


T4YU in der Endschleife „Mihaljevac“. Die Schleife wird von zwei Seiten befahren. Von Norden kommt die Stichlinie 15, von Süden kommend wenden aus der Stadt die Linien 8 und 14.

Nun ging es allmählich zurück Richtung Bahnhof. Koffer aus dem Hotel geholt und in der Einkaufsunterführung mit ausreichend Proviant für die anstehende Zugfahrt eingedeckt. Die Zugfahrt von Zagreb nach Osijek sollte die erste und letzte Fahrt mit der Eisenbahn auf dieser Reise bleiben. Der katastrophale Bahnverkehr auf dem Balkan bot für keine weitere Strecke eine ernsthafte Alternative per Bahn und so wollten wir ein erstes und letztes mal die gemächliche Fahrt auf Stahlrädern genießen. Die Fahrkarten hatten wir eigentlich schon gestern gekauft. Die Prozedur lief auch völlig problemlos ab. Wir wurden direkt an einen Schalter verwiesen der des englischen mächtig war und die freundliche Dame hinter dem Schalter bot uns sogleich einen Zug um 09:50 einen um 12:49 und einen um 15:20 an. Der Zug am frühen Nachmittag um eins war uns sehr recht und so wurden die drei Tickets gekauft und die Sache wurde als erledigt abgehakt. Am Abend wurde dann doch noch mal ein Blick auf die Fahrkarte geworfen und mit etwas Verwunderung festgestellt, dass die Fahrt ganze sechs Stunden dauern sollte. Mmmh, sechs Stunden für rund 300 km waren schon eine Ansage… Also mal eher aus Spaß im DB Navigator nachgeguckt und tatsächlich kannte der Navigator alle Fahrten auf dieser Strecke. Ein Klick auf unsere Verbindung offenbarte das Mysterium der langen Fahrzeit: Wir hatten zwar eine Direktverbindung von Zagreb nach Osijek erwischt, dafür aber sage und schreibe – ja, ich habe nachgezählt(!) – NEUNUNDVIERZIG Zwischenhalte 😮
Der Zug fuhr also 2,5 Stunden vor dem 15:20er ab und kam gerade einmal eine gute Stunde vorher an, da er unterwegs an jedem Bauernhof und an jedem Kuhstall und sogar jeder Straßenlaterne halten würde, umgerechnet alle sieben Minuten und das sechs Stunden lang. Das musste nun wirklich nicht sein und so hatten wir heute morgen die Fahrkarten auf den 15:20er umschreiben lassen und ein paar Kuna für den „Schnellzugaufschlag“ bezahlt. Die Dame, welche heute hinter dem Schalter saß, verstand unser „Problem“ mit dem Blümchenpflückerzug umgehend und war sichtlich amüsiert über die Fahrt die ihre Kollegin uns gestern angedreht hatte 😀
Die Fahrt ab 15:20 sollte dann nur etwa fünf Stunden dauern. Mit dem „Fernzug“ vier Stunden elektrisch bis zum grenznahen Ort Vinkovci und von dort noch einmal etwa eine Stunden mit dem Regio nach Osijek.
Rechtzeitig wurde 1142 008 unter den fachkundigen Augen von nicht weniger als vier Bahnern an die drei Reisezugwagen angehängt. Es hätten ruhig noch ein paar mehr Wagen sein dürfen, denn der Zug war gut gefüllt.


Unter zahlreichen fachkundigen Blicken wird die 1142 008 aufgerüstet und an unseren drei Wagen langen Zug angehängt.

Die Fahrt an sich war zwar nicht gerade schnell, aber sehr angenehm und wir sahen zwischen den 20 Halten die unsere beiden Züge einlegten absolut nichts weiter, wo sich ein weiterer Halt irgendwie gelohnt hätte…
Das Umsteigen in Vinkovci in den alten schwedischen Dieseltriebwagen 7 122 035 klappte reibungslos und um kurz vor acht war Osijek erreicht.


Der grenznahe Bahnhof Vinkovci verfügt über beeindruckende Gleisanlagen. Hier fährt 7 122 035 ein, um uns durchs kroatische Hinterland weiter nach Osijek zu bringen.

Da wir zu dieser Stunde nicht mehr mit viel Verkehr auf den hier fahrenden Straßenbahnlinien 2 und 3 rechneten, zogen wir mit den Koffern zu Fuß ins Zentrum, wo unser Hotel am Trg Ante Starčevića, unweit der großen St. Peter und Paul Kathedrale lag.

Nach einer abendlichen Stärkung samt pilsbierhaltigem Erfrischungsgetränk war die nötige Bettschwere erreicht. Morgen widmen wir uns dann den GT6 aus Mannheim hier in Osijek.

Bis dann,
Tobias

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