Quer über den Balkan V – Kölner und der letzte Wiener in Sarajevo

Den heutigen Tag werden wir uns vollständig Zeit für Sarajevo und seine Straßenbahn nehmen. Erst morgen geht es dann weiter Richtung Belgrad, sodass einem erlebnisreichen Tag in dieser interessanten Stadt Nichts im Wege steht.

Sarajevo – kulturell vielleicht die interessanteste Stadt auf unserer Balkanreise. In der jüngeren Geschichte ist diese Stadt, deren Wurzeln bis ins Hochmittelalter zurückreichen, insbesondere für drei Großereignisse bekannt: Die Ermordung von Franz Ferdinand und den daraufhin folgenden Ausbruch des ersten Weltkrieges, die Olympischen Winterspiele im Jahr 1984 und schließlich die zentrale Rolle im Bosnienkrieg, währenddessen die Blockade der Stadt tausende zivile Todesopfer forderte. Umso erstaunlicher ist es zu beobachten, wie gerade einmal gut 20 Jahre später die verschiedenen Volks- und Religionsgruppen friedlich nebeneinander leben. Moscheen, Synagogen und Kirchen stehen nur wenige Meter voneinander entfernt, ohne das, wie inzwischen in vielen Ländern, Polizisten davor Wache halten müssen. Auf den Straßen sind sowohl fromme, als auch moderne Vertreter aller drei Religionen unterwegs, gemischt mit zahlreichen Touristen. Bilder, wie man sie vielleicht nur hier zu sehen bekommt…
Überall in der Stadt sind die Spuren der ereignisreichen Geschichte sichtbar. Die teilweise aus dem 15. Jahrhundert stammenden Moscheen, die alte Synagoge in der Innenstadt, die gigantischen sozialistischen Bauten der olympischen Spiele und schließlich die modernen gläsernen Bürohäuser und Hotelbauten entlang der breiten Ausfallstraße außerhalb der historische Innenstadt.

Die anderthalb Tage reichten natürlich nicht ansatzweise, um sich die vielen interessanten Stätten in Sarajevo genauer anzuschauen, aber es reichte um einen Eindruck von dieser außergewöhnlichen Stadt zu bekommen:


Die historische Innenstadt mit dem Sebilj-Holzbrunnen und der Baščaršijska Džamija Moschee


Das ehemalige Rauthaus und Sitz der Nationalbibliothek wurde nach starken Beschädigugen während der Belagerung erst im Jahr 2014 wieder fertiggestellt.


Auch solche Kontraste sind noch allgegenwärtig: Ein zerfallenes Fachwerkhaus unweit des zentralen Platzes mit dem Sebilj-Brunnen.

Zu Beginn des Tages starteten wir zunächst mal einen kleinen Spaziergang auf die grüne Anhöhe westlich der Innenstadt rund um die Rhuine „Žuta tabija“. Von hier ergibt sich ein herrlicher Blick über die Innenstadt und über das sich zwischen den Hügeln in die Länge ziehende Sarajevo.


Während des kurzen Anstiegs kommt man an einem der zahlreichen, in den Hängen liegenden Friedhöfe mit den charakteristischen weißen Pfählen vorüber.


Blick von der Höhe der „Žuta tabija“ auf die Nationalbibliothek. Soeben passiert KT8D5CS 531 die Enge Kurve zur Haltestelle Baščaršija.

Von hier oben hat man einen wunderbaren Überblick über die Stadt. Kirchen, Moscheen und Synagogen stehen wild durcheinander. Mit rund 200 Moscheen gibt es in der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina mehr muslimische Gotteshäuser, als beispielsweise in Teheran. Dies ist vor allem darin begründet, dass die ursprünglichen, vielen kleinen Ansiedlungen in den Hügeln, jeweils ihre eigene kleine Moschee beherbergen, um nicht ständig den beschwerlichen Weg ins Tal hinunter auf sich nehmen zu müssen.
Im Hintergrund ragen die sowjetischen Plattenbauten und modernen Bürogebäude in die Höhe. In Gelb leuchtet hinten rechts das ehemalige Holiday Inn, von dem aus am 5. April 1992 Heckenschützen auf eine Demonstrantenmenge schossen und dabei zwei Menschen töteten. Aus bosnischer Sicht gilt dieser Tag als Beginn der Kämpfe um Sarajevo.
Links neben dem Holiday Inn lugt neben dem schwarz-weiß gekachelten Hochhaus, das aus jugwoslawischen Zeiten stammende Parlamentsgebäude hervor, welches während der Belagerung ausbrannte und mit einer grünlich-blauen Fassade restauriert wurde.


Kirchen, Moscheen und Synagogen stehen wild durcheinander.

Wenden wir und nach diesem kurzen kulturellen Ausflug nun der Straßenbahn von Sarajevo zu. Das heutige Regelspursystem wurde erst im Jahr 1960 eröffnet. Zuvor verkehrte seit 1882 zunächst eine Pferdebahn, später eine elektrische Straßenbahn auf bosnischer Schmalspur von 760mm. Die in kürzester Zeit umgespurte, heutige Ost/West Durchmesserlinie führt von der großen, eingleisige Innenstadtschleife in die einwohnerstarken Vororte bis Ilidža. Bis auf die kurze Stichstrecke zum Bahnhof, ist dies seit der Umspurung die einzige Straßenbahnstrecke in Sarajevo, wird aber von sechs Linien bedient.
Die bedeutenste Linie ist dabei die Linie 3, welche die komplette Ost/West-Achse in dichtem Takt bedient. Die Linien 2 und 5 fahrend nicht bis Ilidža, sondern wenden bereits vorher in Zwischenschleifen. Die Linien 1 und 4 binden in dünnerem Takt den Hauptbahnhof westlich der Innenstadt an, wobei die Linie 1 vom Hauptbahnhof in noch recht dichtem Takt in die Innenstadtschleife abbiegt, während die Linie 4 in sehr dünnem Takt bis nach Ilidža hinaus fährt. Bleibt nur noch die Linie 6 übrig. Diese wendet aus Ilidža kommend, bereits zu Anfang der großen, eingleisigen Innenstadtschleife durch eine Querverbindung. Eine übersichtliche Darstellung auf Openstreetmap-Basis findet sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fenbahn_Sarajevo#/media/File:Sarajevo_tramway_network_map.svg

Eröffnet wurde der Regelspurbetrieb mit PCC-Wagen aus Washington, von denen noch einer erhalten geblieben ist. Die darauf folgenden 90 K2YU von CKD wurden ab 1973 geliefert und befinden sich noch immer zahlreich im Einsatz. Zwölf der K2YU wurden zu SATRA II modernisiert und sind durch die aus vielen Städten bekannte, neue Front erkennbar. Vier Wagen wurden zudem mit einem Niederflurmittelteil ausgestattet und werden als SATRA III bezeichnet.
Bei den restlichen Wagen wird es dann interessant, denn sie wurden alle aus verschiedenen Städten als Gebrauchtwagen übernommen. So sind noch wenige der 1962-64 gebauten Lohner Type E aus Wien vorhanden, welche zwischen 2005 und 2009 Sarajevo erreichten. Aus Kosice wurden vier KT8D5CS von CKD übernommen. Von den vier aus Amsterdam übernommenen LHB Achtachsern konnte leider keiner im Betrieb beobachtet werden. Die Wagen standen aber in recht gutem Zustand und mit angelegten Stromabnehmern im Depot. Die Hauptlast tragen neben den verschiedenen K2, vor allem die aus Konya übernommenen, ehemaligen Kölner GT8, von denen 20 Stück den Weg nach Sarajevo fanden. Der komplette Wagenpark wurde im Übrigen vor kurzem umgenummert. Alle Straßenbahnen tragen jetzt 500er Nummern und alle Trolleybusse 600er Nummern. Mehr System vermochte ich in der neuen Nummerierung nicht wirklich zu erkennen. Die Kölner scheinen 50er und 60er Nummern zu tragen, allerdings war dazwischen auch ein K2 mit der Nummer 566. Die KT8 tragen wohl die Nummern 531-534. Der einzige fahrende Wiener war als 550 eingereiht.

Nun aber endlich zu den Bildern des Tages. Begeben wir uns auf die Fahrt von der Innenstadt nach Ilidža. Beginnen wir unsere Fahrt an der Endhaltestelle „Baščaršija“ in der Innenstadtschleife.


SATRA II 544 an der Haltestelle Baščaršija

Die nördliche Strecke der Innenstadtschleife lässt sich im weiteren Verlauf erst ab der Haltestelle Banka wieder vernünftig fotografieren, da die enge Straße ansonsten völlig vom Autoverkehr erdrückt wird.


K2YU 521 kurz vor der Haltestelle Banka.


GT8 553 an der Haltestelle Banka. Die Kölner verkehren ausschließlich auf der Durchmesserlinie 3, wie auch an der festen Liniennummer zu erkennen ist.


Als nächstes folgt die Haltestelle Park. Hier wartet K2YU 514 den Fahrgastwechsel ab.

Hinter der Haltestelle Park, folgt die kurze Querverbindung der Linie 6 zwischen den beiden Richtungsgleisen der Schleife. Diese wird nur von der Linie 6 durchfahren, welche hier gleichzeitig ihre Endstation „Skenderija“ hat. Hier kreuzen zudem die Trolleybuslinien 102 und 103, welche die hügeligen Stadtränder nördlich und vor allem südlich der Straßenbahnachse bedienen.


K2YU an der Endhaltestelle „Skenderija“ der Linie 6 in pitoreskem Umfeld. Nicht weniger heruntergekommen als die Häuserfassade ist derweil der Wagen 512, stellvertretend für alle unmodernisierten K2YU.

An der folgenden Haltestelle „Marijin dvor“ schließt sich die Schleife und die beiden Richtungsgleise verschwenken wenig später vor der Haltestelle „Tehnička škola“ in Straßenmitte. Hier zweigt die kurze Stichstrecke zum Hauptbahnhof nach Norden ab. Ohne Halt verlaufen die Linien 1 und 4 an der amerikanischen Botschaft entlang zur Bahnhofsschleife. Die Linie 4 vom Bahnhof stadtauswärts nach Ilidža war bei unserem Besuch der letzte Rückzugsort der Lohner Type E. Einer der zwei, etwa im Halbstundentakt verkehrenden Kurse, wurde vom Type E 550 bedient, während der zweite vom schwarzen K2YU 517 bedient wurde. 550 war somit der letzte seiner Art im Planbetrieb. Die beiden anderen der wohl noch drei vorhandenen Type E standen im Depot, wobei mindestens einer auch noch einsatzbereit aussah.


Nur etwa alle 25 Minuten startet eine 4 vom Hauptbahnhof nach Ilidža. Einer der zwei Kurse wurde freundlicherweise mit einem Wiener Type E gefahren.


K2YU 515 als Linie 1 vor der Kulisse des Hauptbahnhofes.


An der Haltestelle „Tehnička škola“ biegt der Type E, vor der Kulisse selbiger und des ehemaligen Holiday Inn, in die Hauptachse nach Ilidža ein.

Von der Haltestelle „Tehnička škola“ verläuft die Linie die meiste Zeit schnurgeradeaus, immer inmitten der sechsspurigen Ausfallstraße und entsprechend unfotogen. Lediglich die vielen grünen Zwischenschleifen bieten aktzeptable Fotomöglichkeiten. Aufgrund des eigenen Bahnkörpers könnte man jetzt von einer recht hohen Reisegeschwindigkeit ausgehen. Allerdings scheint an den Gleisanlagen seit den 1960ern kaum mehr das Nötigste getan worden zu sein. Mit maximal Tempo 30, meist noch langsamer, schleichen die Wagen die gerade Strecke entlang. An jeder Zwischenschleife ist Schrittempo angesagt, um bei den völlig ausgefahrenen Kreuzungen und Weichen kein Entgleisen des Wagens zu riskieren. Die extrem langsame Reisegeschindigkeit erklärte auch den für die 11 Kilometer Streckenlänge enormen Fahrzeugauslauf von über 30 Wagen. Bis auf die noch recht frisch aus Konya übernommenen Kölner, machte der gesamte Wagenpark zudem einen äußerst kläglichen Eindruck. Teilweise schienen die K2YU nur noch von einer der zahlreichen Lackschichten zusammengehalten zu werden. Ob die Dächer bei Regen noch dicht gehalten haben, darf in jedem Fall angezweifelt werden. Man ist ja aus diesen Regionen Europas einiges gewohnt, alles in allem ist der Zustand des Betriebes jedoch besorgniserregend. Wie lange das mit diesen Gleisanlagen und dem völlig überalteten und heruntergekommenen Wagenpark noch gut geht sei mal dahingestellt…

Im weiteren Verlauf entstanden jedenfalls nicht mehr übermäßig viele Aufnahmen bis zur Endstation „Ilidža“.


An der Haltestelle „Čengić vila“ befindet sich eine der zahlreichen, in diesem Fall ungenutzten, Zwischenschleifen. K2YU fährt als Linie 6 in die Haltestelle ein.


Stadteinwärts fahrend begegnet uns erneut E 550.


An der Zwischenschleife „Nedžarići“ begegnet uns der ehemalige Kölner 564.


Kurz vor Ilidža begegnet uns der SATRA III 549 unweit der Haltestelle „Kasindolska „


Die Endschleife „Ilidža“ zeigt sich grün überwuchert, als E 550 zurück zum Hauptbahnhof fährt. Kurioserweise hat die Endschleife als einzige Haltestelle Bahnsteigsperren für die abfahrenden Bahnen.


GT8 555 ebenfalls in der zugewucherten Endschleife.

Rumpeln wir nun im abgerockten K2 zurück Richtung Innenstadt und sehen uns zuletzt den schönsten Abschnitt der Straßenbahn an. Der südliche Teil der Innenstadtschleife verläuft direkt am Fluss „Miljacka“ entlang prächtiger Häuderfassaden und der geschichtsträchtigen Lateinerbücke, an der am 28. Juni 1914 das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand stattfand.


Der Beginn der Innenstadtschleife stadteinwärts versprüht zumindest rechts im Bild noch eine Menge kommuistischen Charme. K2YU 512 als Linie 6 auf dem Weg zur Querverbindung mit der Endhaltestelle „Skenderija“.


Vorbei an der Universität und der Haltestelle Pošta folgt die Haltestelle „Drvenija“, hier mit GT8 553.


Hinter der Haltestelle „Drvenija“ folgt ein leichter Knick. Hier ist K2YU 511 zu sehen.


Wenige Meter weiter begegnet uns K2YU 523.


Auch in Sarajevo gibt es wie bei jedem Betrieb dieser Tour eine Werbebahn für den deutschen Schuhdiscounter. In Sarajevo hat der ex Kölner 565 die „Ehre“.


Kurz darauf folgt die Lateinerbrücke mit dem Museum für Lokalgeschichte. An dieser Stelle wurde 1914 Franz Ferdinand erschossen. Davon unbeeindruckt passiert K2YU 525 das Museum.


Architektonische Kontraste wenige Meter weiter mit SATRA II 544.


Die letzte Haltestelle am Fluss liegt vor der prächtigen Nationalbibliothek, bevor die Strecke um etwa 120 Grad abknickt und die Endhaltestelle „Baščaršija“ erreicht.


Auf dem letzten Bild unserer Fahrt befindet sich K2YU 210 hinter der scharfen Kurve bei der Nationalbibliothek kurz vor der Haltestelle „Baščaršija“ Im Hintergrund lugt die Bibliothek noch hervor .

Damit endet unsere Rundfahrt mit der Straßenbahn von Sarajevo. Ich hoffe ich konnte einen kleinen Eindruck dieser interessanten Stadt und ihrer Straßenbahn vermitteln. Morgen geht es dann mit dem Trolleybus zum Busbahnhof und von dort startet die zweite Busodyssee mit dem Ziel Belgrad.

Bis dann,
Tobias

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