Quer über den Balkan VII – Mit dem Baselland Transport durch Belgrad

Nach dem zermürbenden Reisetag gestern, waren wir doch recht früh in die Betten gefallen und standen so schon um halb acht wieder am Frühstücksbüffet. Nach ausgiebiger Stärkung konnte der Fototag in Belgrad um kurz nach acht beginnen. Im noch vorhandenen alten Hauptbahnhof erstanden wir drei 24h-Karten und arbeiteten uns anschließend, jeder nach seinen Prioritäten, durch die Stadt. Das doch recht umfangreiche Straßenbahnnetz der serbischen Hauptstadt, ließ an dem einen zur Verfügung stehenden Tag natürlich keine Gesamtbereisung zu, sodass ich mich darauf konzentrierte, die einzelnen Wagentypen abzuarbeiten. Daher stelle ich auch den heutigen Tag nicht chronologisch oder geographisch, sondern geordnet nach Fahrzeugtypen dar.

Die Schindler-Wagen der BLT standen bei mir ganz oben auf der Liste, fuhren sie in Basel doch bei jedem meiner Besuche stets als zweiter Wagen im Zugverband. Umso erstaunlicher, dass noch alle notwendige Ausrüstung für den Solobetrieb in Belgrad vorhanden war, als die 1971 gebauten Wagen in Basel durch die neuen Tangos abgelöst wurden und im Jahr 2016 nach Belgrad gelangten. Der erst recht kurze Aufenthalt in Serbien ist den Wagen deutlich anzumerken, befinden sie sich doch äußerlich wie im Innenraum noch in einem tadellosen Zustand, wie man ihn in der Schweiz gewohnt ist. Die 45 Jahre Einsatz in Basel sind den Wagen kaum anzumerken. Viele der KT4YU waren wahrscheinlich bei Auslieferung bereits in einem schlechteren Zustand… Die sechsachsigen Triebwagen werden ausschließlich auf der Linie 11 eingesetzt, schließlich kennen sie diese schon bestens aus ihrer alten Heimat 😉 Die Linie 11 verbindet vom Blok 45 die große Plattensiedlung westlich der Save, mit der Fußgängerzone und der Festung von Belgrad im etwas höher gelegenen Teil der Stadt. Die Linie trägt keine große Verkehrslast und wird daher nur im 20-min-Takt von den ehemaligen BLT-Wagen bedient.


Be 4/6 2710 überquert die Savebrücke aus der großen Plattensiedlung kommend.


Wenige Meter weiter Richtung Innenstadt befindet sich 2710 in Gegenrichtung am Abzweig auf die Brücke, kurz vor der Haltestelle „Ekonomski Fakultet“.


Erneut 2710 unweit der Haltestelle „Brankov most“


2707 an der Zwischenschleife „Pristanište“. Von hier aus geht es in zwei Serpentinen in die Oberstadt mit der Festung von Belgrad. Die Zwischenschleife erlaubt sowohl ein Wenden aus der Oberstadt, wie aus Richtung Bahnhof kommend.


2709 befährt den „Bergabschnitt“ zwischen den beiden Serpentinen.


2710 befindet sich unweit der Haltestelle „Kalemegdan“, neben dem großen Park, welcher die Festungsanlage umgibt und unter anderem einen Zoo beherbergt.

Bleiben wir bei den ehemaligen BLT-Wagen und wenden uns nun den im Jahr 2012 übernommenen Düwag GT6 zu. Jedes einzelne Einsatzjahr scheint den Wagen hier sichtbar zuzusetzen. So sind die inzwischen gut fünf Einsatzjahre nicht spurlos an den bis 1972 gebauten Be 4/6 vorüber gegangen. Im Gegensatz zu ihren baugleichen Verwandten von der BVB, machen die Wagen aber noch einen recht ordentlichen Eindruck. Zum Einsatz kamen die BLT-Wagen ausschließlich mit den 1947-48 gebauten Großraumbeiwagen von SWS/FFA. Die BLT-Triebwagen hatten auch jeweils einen passenden ehemaligen BLT-Beiwagen, während die BVB-Triebwagen auch mit den baugleichen BLT-Beiwagen eingesetzt wurden. Zum Einsatz kamen die Züge während unseres Besuchs auf den Linien 3, 6, 7, 9, 12 und 13, allerdings nur Mo-Fr. An Wochenenden hat die gesamte Düwag-Flotte frei, lediglich die Schindler-Wagen sind dann noch auf der Linie 11 unterwegs.


Be 4/6 2143 überquert mit seinem Beiwagen den Bahnhofsvorplatz auf dem Weg zum Blok 45.


Bald Geschichte ist der alte Hauptbahnhof, welcher hinter der Frontfassade, bis auf einige letzte Bahnsteiggleise, bereits zu großen Teilen abgerissen war. Eines der klassichen Motive in Belgrad ist damit nicht mehr lange möglich.


Die Linie 3 zweigt hinter der Haltestelle „Gospodarska mehana“ aus dem Verlauf der Linien 12 und 13 aus und führt durch den Topciderski Park, mit dem Charakter einer Überlandstrecke nach „Kneževac“. Hier ist Be 4/6 2135 beim Verlassen der Haltestelle „Topciderski park“ zu sehen.


Noch ein Stück weiter stadtauswärts begegnet uns Wagen 2143 unweit der Haltestelle „Rasadnik“


Zurück in der Innenstadt begegnet uns erneut Be 4/6 2143 mit Beiwagen 1440 vor dem ehemaligen Verteidigungsministerium, welches während des Krieges beschossen und weitgehend zerstört wurde.


Die Schweiz und die Stadt Basel grüßen Belgrad.

Die mit den BLT-Düwags baugleichen Be 4/6 der BVB befinden sich teilweise schon seit 2001 in Belgrad. Dementsprechend zerschrubbt sind einige der Wagen inzwischen. Teilweise ist die Blechhülle der Wagen volkommen durchgerostet und durch zahlreiche Unfälle verformt. Viele der Wagen haben ihre ursprüngliche runde Frontlampe verloren und stattdessen eine eckige Funzellechte erhalten. Insgesamt machen die ehemaligen BVB-Düwags neben den zahlreichen KT4YU den schlechtesten Eindruck. Auf den Bildern kommt das ware Ausmaß des Verschleißes allerdings im Nachhinein nicht wirklich zur Geltung, man muss eben nur einen gebührenden Sicherheitsabstand wahren 😀


Das Gespann aus 2607 und 1425 biegt vor dem Bahnhof Richtung Innenstadt ab.


Auch die BVB-Wagen bleiben nicht vom Dienst zum Blok 45 verschont. 2637 ist derweil einer der ansehnlichsten seiner Art und überquert die Savebrücke vom Blok 45 kommend.


Das Gespann aus 2629 und 1471 befindet sich westlich der Save auf dem Weg zum Blok 45 an der Haltestelle „Blok 23“, inmitten der trostlosen Plattenbaulandschaft.


Zurück in der Innenstadt begegnet uns das Gespann aus 2604 und 1401 vor der Kulisse des riesigen Gewächshauses, welches sich nordwestlich des Kreisels „Slavija“ auftürmt. Während derartige moderne Glasbunker an allen Ecken neu entstehen, wird alte Bausubstanz aus kommunistischer und noch viel früherer Zeit vielerorts dem Verfall überlassen, anstatt die Bausubstanz zu modernisieren oder abzureißen.

Nach wie vor tragen die über 200 nach Belgrad gelieferten KT4YU die Hauptlast des Verkehrs in der serbischen Hauptstadt. Die Wagen wurden in zwei Serien von 175 KT4YU zwischen 1980 und 1990 und 28 KT4M-YU im Jahr 1997 geliefert. Unterscheiden lassen sich die beiden Leiferungen am Besten anhand der Lampen. Während die 28 neueren Wagen die auch in Deutschland üblichen runden Scheinwerfer tragen, fallen die älteren Wagen durch die untypischen eckigen Scheinwerfer mit teils schwarzem Querbalken auf.
Der Zustand der gesamten KT4-Flotte kann leider nur als kläglich beschrieben werden. Unfallspuren werden nur notdürftig behoben und die Seitenbleche wellen sich ebenso wie die Einstiegsbereiche und Böden vor Rost. Dennoch werden die Wagen den Baseler Zügen am Wochenende vorgezogen und verkehren selbst dann teilweise in Doppeltraktion. Besonders unterhaltsam sind die Haltestellenansagen, welche auch in den Gebrauchtfahrzeugen übernommen wurden. Kurz vor, oder während des scheppernden Öffnens der Türen, erklingen seltsame Zisch- oder Krächtslaute, so richtig kann man es garnicht beschreiben. Ich habe die Sprache kurzerhand für klingonisch erklärt, konnte darin aber keine Haltestellennamen ausmachen 😀


Nachdem ein Falschparker einen über zehn Wagen langen Stau verursacht hat, tummeln sich die KT4YU unweit der Endschleife „Beko“.


Am Wochenende fahren auch auf der Linie 3 ausschließlich KT4YU. Hier Wagen 2381 vor der Brücke bei der Haltestelle „Topciderski park“.


Noch steht der Nordostflügel des Hauptbahnhofes. Lange wird es nicht mehr dauern, bis auch dieser Teil des alten Haptbahnhofes Geschichte ist. Das Heck von 2367 scheint auch schon so einiges mitbekommen zu haben, während der Kopf von 2362 vor lauter Rost wohl beim nächsten Unfall einfach abfällt…


Wegen eines Verkehrszusammenbruchs zum Blok 45, wendeten oder pausierten zahlreiche Kurse zwischenzeitlich in der Endschleife „Pristanište“. So auch KT4YU 2319


Auf der Innenstadtachse vom Bahnhof zum Kreisel Slavija begegnet uns der von einer Werbefolie zusammengehaltene KT4YU 2389.

Von 2011 bis 2012 erhielt Belgrad seine ersten Niederflurwagen. Die 30 „Urbos 3“ des spanischen Herstellers CAF sind mir dabei zum wiederholten mal, trotz ihrer Multigelenk-Bauweise, durch eine extreme Laufruhe und niedrige Geräuschkulisse aufgefallen. Allerdings kommen die Wagen auch größtenteils auf bereits modernisierten Abschnitten, wie zum Blok 45 oder nach „Banovo brdo“ zum Einsatz, während sie ganze Bereiche des Netzes mit teils sehr schlechten Gleisen vollständig meiden.


CAF Urbos 3 1513 ist unweit der Haltestelle „Blok 23“ auf dem Weg in die Innenstadt. Die gigantischen Wohnbunker türmen sich entlang dieses Linienbündels beeindruckend in die Höhe.


CAF Urbos 3 1516 auf dem Weg vom Bahnhof die Straße „Nemanjina“ hinauf

Soweit mein kleiner Überblick über die Straßenbahn von Belgrad. Zum Abschluss möchte ich auch noch einige Worte zur Stadt selbst verlieren, sofern die Straßenbahnbilder nicht schon einen Eindruck vermittelt haben sollten. Wie auf den Bildern gesehen gibt es einige ganz „nette“ Ecken – das kann jeder deuten wie er will. Es gibt natürlich eine große Fußgängerzone, einige schöne größere und kleinere Gotteshäuser und auch die in eine Hauptstadt zu erwartenden Regierungs- und Parlamentsgebäude. Allerdings ist der Gesamteindruck, das eben neben diesen gepflegten „Inseln“ sehr viel Bruch vorherrscht und irgendwie vieles nur Stückwerk ist. Ein einst prächtiger alter Bahnhof wird einfach abgerissen um für abnorme Summen irgendwelche neuen Glasbunker draufzuklatschen, während weite Teile der Stadt verfallen und bitterarm wirken. Dem interessanten Straßenbahnbetrieb tut das natürlich keinen Abbruch und gerade für Besucher machen natürlich auch die Kontraste einen Teil des Reizes aus, für die Bewohner allerdings nicht wirklich. Das sich ein „normaler“ Tourist allerdings auch nur über die Savebrücke in Richtung von Block 45 verirrt, scheint ohnehin recht unwahrscheinlich. Mit ein paar Bildern dieser Kontraste aus Belgrad möchte ich diesen Teil meines Reiseberichts abschließen.


Die Festungsanlage von Belgrad, deren Ursprung bis in das 15. Jahrhundert zurückreicht.


Die kleine Terrasse mit Blick über die Plattenbauten von Belgrad neigt sich beunruhigend nach links.


Wohnbunker rund um das Linienbündel zum Blok 45. Zu einem „Blok“ gehören immer mehrere dieser heruntergekommenen, schäbigen Plattenbauten, teils als solche Türme, teils auch in anderen Formationen ausgeprägt.


Das Alte Palais stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Seit 1961 ist dort die Versammlung der Stadt Belgrad untergebracht.


Der Platz der Republik. Hier tummeln sich nicht nur tagsüber die Touristen, auch das Nachtleben ist in Belgrad einer Hauptstadt entsprechend sehr ausgeprägt.


Die orthodoxe Kirche „Vaznesenjska crkva“

Morgen geht es dann weiter zur letzten Stadt dieser Reise: Sofia. Gleichzeitig ist Sofia straßenbahntechnisch für mich auch das absolute Highlight dieser Tour und mit zweieinhalb Tagen sollte genug Zeit bleiben, um den Betrieb etwas genauer kennenzulernen.

Bis dann,
Tobias

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