Welcome to Egypt II – Warten zwischen Kränen und Gabelstaplern

Am Mittag sind wir in Alexandria angekommen und haben im Hotel eingecheckt. Den restlichen Tag wollen wir uns ein erstes Mal in das wilde Leben auf Alexandrias Straßen begeben und ein wenig aklimatisieren. Wenn dann nur ab und an auch eine Tram käme…

Sonntag, 24. März 2019 II

Einen aktuellen schematischen Netzplan hatten wir uns von tramreport.de ausgedruckt. Den geografischen Überblick wollten wir mit Osmand und google maps behalten, wo auch im Vorhinein schonmal das Streckennetz grob studiert worden war. Immer wieder kam mir der Gedanke daran, wie es noch vor wenigen Jahren ohne GNS und weltweites Kartenmaterial zum einfachen herunterladen und überall mit hinnehmen war – das war noch richtiges Abendteuer…
Im Nachhinein habe ich mir jetzt mal die Mühe gemacht, mit Hilfe von openstreetmap einen geografischen Plan, der in Alexandria noch betriebenen Straßenbahnstrecken anzufertigen. Sowohl die Strecken, als auch die Linien scheinen nach unseren Beobachtungen vor Ort noch mit denen von tramreport.de aus 2016 übereinzustimmen. Zentrum des Straßenbahnnetzes ist die „Sherif“, welche von der Masr Station und dem zentralen Basar „Shohdaa“ aus die Innenstadt durchquert. Hier befindet sich auch der große Knotenpunkt „El Amari“, an welchem die Innenstadtschleife zum St.Catherine Square abzweigt. Abgesehen von den Linien 11 und 15 verkehren am Knotenpunkt „El Amaei“ alle Linien.
Im Folgenden zunächst einmal der Überblick über das Straßenbahnnetz von Alexandria:


Die drei blau gefärbten Linien gehören zur „El-Raml“-Tram, welche immer unweit der Küstenlinie verläuft und hier die etwas besser gestellten Viertel der Stadt auf eigenem Bahnkörper bedient. Die grünen Strecken gehören zum Stadtnetz, welches größtenteils im normalen Straßenraum verläuft und auch viele der extrem ärmlichen Viertel der Stadt bedient. Auf die einzelnen Linienverläufe der zahlreichen Linien, welche teilweise aber nur sehr selten bedient werden, habe ich im Stadtnetz verzichtet und nur die Endstellen der Linien hervorgehoben.

Wie bereits im letzten Teil erwähnt, befindet sich das „Le Metropole“ unmittelbar bei „El Raml“. Hier enden die Linien 1 und 2 der „El-Raml“-Tram stumpf in einer dreigleisigen Endstation. Die Linie 5 wendet bereits eine Haltestelle zuvor in der Schleife „El-Qa’ed Ibrahim“, da sie mit den Düwag Einrichtungswagen bedient wird.

In der Endschleife der Linien 5 und 6 entdeckten wir schon aus der Ferne den Hauptgrund für unseren Besuch: Ein Düwag Gelenkwagen. Es handelte sich dabei um einen der aufgearbeiteten blauen Wagen, welche neben dem Trolley auch über einen Scherenstromabnehmer verfügen und seither auf den Linien 5 und 6 der „El-Raml“-Tram eingesetzt werden. Worin der Unterschied zwischen den beiden Linien besteht, konnten wir allerdings nicht ausmachen, genauso wenig, ob überhaupt noch beide Linien exisitieren. Die Cafébahnen, welche erst vor wenigen Jahren ins Leben gerufen wurden, werden jedenfalls nicht mehr bewirtschaftet. Die Wagen sind allerdings noch immer mit einem besonderen Wappen an der Front gekennzeichnet und mit luxuriösen Ledersitzen, Teppichen und Gardinen ausgestattet. Eine Fahrt mit diesen Wagen kostet dann auch gleich mal satte zehn ägyptische Pfund. Im Vergleich zu den günstigsten Wagen für 1/2 Pfund mal eben das zwanzigfache. Generell gestalten sich die Preise auf der „El-Raml Tram“ nicht nach Fahrtlänge, sondern nach Wagenklasse. Die Fahrt mit den japanischen Kinki/Sharyo-Dreiwagenzügen kostet 1/2 oder 1 Pfund, je nachdem, ob der gewählte Wagen über Plastik- oder Ledersitze verfügt. Die „normalen“ Düwag-Wagen auf den Linien 5/6 schlagen mit 5 Pfund zu Buche. Die Spitze bilden die besagten, ehemaligen Cafébahnen und die neuen, klimatisierten Tatra-Juk Gelenkwagen mit satten 10 Pfund.
Ersichtlich ist diese Preispolitik im Übrigen nirgends sp richtig, wir haben sie uns im Laufe der drei Tage selbst zusammengereimt. Die Einheimischen scheinen die Unterschiede allerdings zu kennen, denn die Wagen der Linien 5/6 wurden von vielen gemieden oder wieder verlassen, nachdem der Preis beim Schaffner erfragt wurde. So fanden wir bei den luxuriösen Düwag-Fahrten auf der „El-Raml Tram“ auch immer einen Sitzplatz, während die viel fassungsstärkeren Dreiwagenzüge teils brechend voll waren. Erst im Nachhinein habe auf den Bildern entdeckt, dass zumindest bei den teuren Bahnen der Linien 5/6 große Kopien der jeweilis zu entrichtenden Banknote in die Frontscheibe geklebt sind.

Wir liefen jedenfalls erstmal zu besagter Endschleife und beobachteten für einige Minuten das wilde Treiben. Zunächst lichteten wir zwei Gespanne der ab 1976 gebauten Kinki/Sharyo-Dreiwagenzüge ab.


Kurz vor der Endstation „El-Raml“ wartet der Zug aus 185+186+187 darauf, dass das Gespann 110+111+112 den Gleiswechsel verlassen hat, um in die Endstation einzufahren. Links ragt aus Wagen 185 noch das Heck eines Düwag der Linie 5 heraus, welcher in der Endschleife „El-Qa’ed Ibrahim“ wartet.


Vor besagtem Düwag 893 bieten einige Straßenhändler ihre Waren auf Handkarren feil.


Während die stadtauswärts fahrenden Züge an der Zwischenschleife keinen offiziellen Halt haben, ist für die stadteinwärts fahrenden Bahnen eine großzügige Haltestellenanlage vorhanden.

Das erste große Highlight in Alexandria folgte nach wenigen Minuten an der Zwischenschleife:
Erst Anfang Februar diesen Jahres gelangte laut Blickpunkt Straßenbahn der erste von 15, beim ukrainischen Hersteller Tatra-Juk bestellten, sechsachsigen Gelenkwagen nach Alexandria. Nachdem die vor Jahren von einem Zwischenhändler in Ägypten gekauften Berliner KT4D nie nach Alexandria gelangten, glaubten wir kaum daran, von diesem Fahrzeug während unserers Besuches schon etwas zu sehen. Doch beim Blick die lange Gerade der „El-Raml“-Tram hinunter, tauchte langsam aber sicher etwas Gelbes in der Ferne auf, was immer größer wurde und von der Form her ebenfalls aus der Reihe tanzte. Und tatsächlich bog nach einigen Minuten der Wagen 701 vom Typ K1E6 in die Zwischenschleife ein.


Erst Anfang Februar aus der Ukraine geliefert und schon im Linieneinsatz: Tatra-Juk K1E5 701 biegt in die Zwischenschleife „El-Qa’ed Ibrahim“ ein.

Da der Sonnenstand stadtauswärts für die „El-Raml“-Tram allerdings am Nachmittag alles andere als passend ist, beließen wir es bei einer ersten Aufnahme und hofften, das der Wagen auch in den kommenden Tagen im Einsatz stehen würde. Das moderne Fahrzeug zog jedenfalls nicht nur unser Interesse auf sich. Zahlreiche Einheimische machten Selfies mit dem ungewöhnlichen Gefährt und das sichtlich stolze Personal musste zahlreiche Frage zu dem gelben Sechsachser beantworten. Immerhin ist der Wagen seit rund 30 Jahren das erste Neufahrzeug auf den Schienen von Alexandria und daher alles andere als eine Alltäglichkeit.

Wir beließen es für’s Erste bei diesem kurzen Eindruck der „El-Raml“-Tram. Den restlichen Nachmittag wollten wir im Stadtnetz verbringen und so ging es zurück zur Station „El-Raml“, wo auf zwei Gleisen neben den Stumpfgleisen der „El-Raml“-Tram die Linie 15 des Stadtnetzes endet.

Da auch hier keine Wendemöglichkeit besteht, müssen auf der Linie 15 die Heck-an-Heck gekuppelten Zweiwagenzüge des Stadtnetze zum Einsatz kommen. Zudem war die Linie durch eine Baustelle zwischen der Endstation „Ras El-Tin“ und dem Nordzipfel der halbkreisförmigen Bucht auch noch vom restlichen Stadtnetz isoliert. Zum Einsatz kamen hier daher drei der 1985-86 gebauten ungarischen Zweiwagenzüge von Ganz-MAVAG mit den Nummern 1201-1230.


Eine der wenigen Möglichkeiten einer ungestörten Aufnahme an dieser Linie bietet sich gleich an der Endstation. Ganz-MAVAG Tw 1225 und 1224 warten an der Station „El-Raml“. Rechts enden die Züge der „El-Raml“-Tram.

Die Linie verläuft über die gesamte Strecke gemeinsam mit dem Individualverkehr auf der Straße. Da diese wie sooft hoffnungslos verstopft war, zogen wir es vor zu Laufen. Nach wenigen Minuten erreichten wir die nächste Haltestelle „El-Mahkama“, wobei hier von Haltestelle zu reden, wäre zu weit gegriffen: Wie im gesamten Stadtnetz gibt es an den „Haltestellen“ keinerlei Infrastruktur, welche auf eben jene hinweisen würde. So gibt es zwar diese fixen Punkte an denen gehalten wird, bei der Druchschnittsgeschwindigkeit der Bahnen, welche sich in der Regel kaum über Schritttempo bewegt, wird de Facto allerdings einfach während der „Fahrt“ auf- und abgesprungen.
Dominiert wird der Platz von dem großen „Denkmal des unbekannten Soldaten“. Daneben befindet sich hier aber auch das französische Konsulat und weiter entlang der Straße diverse Verwaltungsgebäude und Gerichte. Entsprechend hoch war hier die Präsenz des ägyptischen Sicherheitsapparates und die Kamera wollte unauffällig und mit Bedacht gezückt werden. Zu Problemen kam es allerdings, wie auch während der gesamten Reise, nicht. Als Vorsichtsmaßnahme wurde aber dennoch abends immer eine Sicherungskopie auf’s Tablet gezogen…


Das Gespann aus 1230 und 1229 passiert das „Denkmal des unbekannten Soldaten“ und das französische Konsulat. Bildlich umzusetzte war ersteres leider noch nicht, dafür würden wir noch mal wiederkommen müssen…

Wir verließen vorerst die Linie 15. In südliche Richtung durch die Innenstadt mit dem großen Basar entlang der Straße „Al Sabaa Banat“, wollten wir zur großen Innenstadtschleife der Linie 10 vorstoßen. Auch die Straßenbahn verlief hier einst, wie einige Gleisreste verrieten, die sich im Nichts verloren.


Schmale, einst wohl einladende Parkanlagen erstrecken sich südlich des „Denkmal des unbekannten Soldaten“ rund um den Tahrirplatz zwischen den Richtungsfahrbahnen, umgeben von ebenso verblichenen Villen.


Wohl aus der britischen Kolonialzeit dürften die einst prächtigen Gebäude rund um den Tahrirplatz stammen, welche heute nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Die abertausenden von Lada-Taxen zeugen derweil von der kommunisitischen Epoche des Landes nach dem 2. Weltkrieg

Irgendwann stießen wir auf unserem Weg durch den Basar wieder auf Gleise – allerdings ohne Fahrleitung. Wenig später tauchte aus einer Gasse nach Osten auch Letzteres auf. Dies müsste jetzt die große Innenstadtschleife der Linie 10 sein. Die Gleise waren allerdings vollkommen vermüllt und zugeparkt – die Blockumfahrung durch die Innenstadt schien tot zu sein… Noch ein Stück weiter nach Süden und dann nach Westen abknicken und wir müssten eigentlich zur Linie 6 nach „Ras El-Tin“ gelangen. Tatsächlich gab es hier nach Westen sogar noch eine stillgelegte Gleisverbindung und in der Ferne erblickten wir endlich wieder eine Straßenbahn: Ein grüner Düwag der Linie 6 bog quitschend um eine Ecke. Wenig später war die Stelle erreicht und schon kam die nächste Bahn in Gegenrichtung, in Gestalt des ebenfalls grünen Düwag 836 nach „Ras El-Tin“.


GT6 836 biegt als Linie 6 mit dem Ziel „Ras El-Tin“ bei der Haltestelle „Garage El-Semn“ um die Ecke.

Auf der Suche nach einer schönen Türseitenstelle mit Seitenlicht liefen wir die Strecke einige Meter weiter Richtung „Ras el-Tin“. Langsam dämmerte uns, wo wir hier gelandet waren: Mitten im „Kranviertel“. Wie schon im letzten Teil angeklungen war, ist das Gewerk hier in Ägypten mehr oder weniger nach Vierteln und Straßen sortiert. Befinden sich bei uns die örtlichen Anbieter von Kranwagen in der Regel auf großen Höfen in Industriegebieten am Stadtrand, standen hier einfach mitten im Wohngebiet riesige, tonnenschwere Kranwagen an der Straße abgestellt und warteten auf Aufräge oder neue Besitzer. Auf das „Kranwagenviertel“ folgte die „Gabelstaplerecke“. Hier bot sich eine geeignete Fotomöglichkeit mit für ägyptische Verhältnisse schon erschreckend wenig potenziellen Störfaktoren. Also warteten wir zwischen Kranwagen und Gabelstaplern auf die nächste Bahn. Und wer hat es bemerkt? Richtig! Wir befinden uns gerade ganz nah am etwas seltsamen Titel dieses Teils. Wie wir hier so stehen und vom Aufpasser eines staubigen Parkplatzes erst interessiert beäugt, später ignoriert und in regelmäßigen Abständen von Taxen angehupt werden, die die zwei verlorenen Touristen von hier fortbringen wollen, rollt auf den Schienen genau garnichts mehr. Wir ließen uns zunächst aber nicht aus der Ruhe bringen, denn der 836 war ja gerade nach „Ras El-Tin“ gefahren und müsste daher auch zeitnah wiederkommen. Tat er aber nicht, weder nach 20, noch nach 30 Minuten und so beobachteten wir ein wenig das Geschehen um uns herum, wenn schon auf der Schiene nichts los war: In der „Gabelstaplerecke“ begann plötzlich ein reges Treiben. Drei junge Männer beäugten eines der alten europäischen Gefährte und begannen den Versuch, es wieder in Gang zu setzten – ob sie wohl einen potenziellen Kunden an der Angel hatten? Jedenfalls lief die Mühle nicht mehr, also wurde schnell ein zweiter, größerer Stapler herangefahren und mit Schwung rückwärts auf das defekte Gefährt gebrettert. Ich habe bis heute keinen Schimmer, wie es zustande kam, aber nach einigen Wiederholungen lief auch der zweite Stapler wieder an und die drei Staplerexperten wirkten mit ihrer Arbeit zufrieden. Soweit mal der kleine Einblick in den Beruf des ägyptischen KFZ-Mechanikers…
Achja auf der Schiene kam im Übrigen auch nach einer Stunde nichts und so traten wir einigermaßen verwirrt und angesäuert, unverichteter Dinge den Rückzug an. Wir folgten der Linie jetzt in die entgegengesetzte Richtung bis zum großen Knotenpunkt „Dar Ismail“ südwestlich von „El-Amari“. Dabei ging es vorüber am Fenster-, Holz- und sonstigen Baustoffhandel – eindeutig das „Baumarktviertel. Die mittlerweile verhasste Linie 6 hatte damit auch gleich ihren Namen: „Die Baumarktlinie“.

Nach rund einem Kilometer trifft die Baumarktlinie auf die große Kreuzung beim Knotenpunkt „Dar Ismail“. Nach Norden geht es in die für tot geglaubte Innenstadtschleife, nach Osten geht es über die „Sherif“ zum großen Markt „El Shohdaa“, nach Süden nach „El Metras“ und „El Maks“ und aus Westen kommt unsere „Baumarktlinie“. Hier rollt der Verkehr auch auf Schienen wieder und sogleich kommt ein modernisierter Düwag Richtung „El Metras“.


833 ist einer der modernisierten Düwags mit leicht verändertem, hervorstehenden Vorbau und ist auf dem Weg Richtung „El Metras“. Einige dieser Umbauten haben auch einen zusätzlichen Scherenstromabnehmer auf dem zweiten Wagenteil erhalten.


Endlich das erste Bild von einem der maximal abgerockten, unmodernsierten Düwags. GT6 809 kommt die „Sherif“ herunter und erreicht die große Kreuzung. Nachdem ein Isuzu-Kleinbus vor der Tram einen Fahrgast aufgenommen hat, kann es auch schon weitergehen.

Kurze Zeit später kam dann auch tatsächlich unser GT6 836 von der Baumarktlinie wieder. Was immer der da jetzt über eine Stunde getrieben hatte, die Baumarktlinie und der 839 waren für uns gestorben. Wenig später fuhr dann auch ein GT6 in die für tot gehaltene Innenstadtschleife der Linie 10. Irgendwie schienen sich also doch noch Straßenbahnen durch die Berge aus Müll und geparkte Fahrzeuge zu kämpfen. Nunja, das galt es in den kommenden Tagen genauer zu erkunden. Gemütlich liefen wir stattdessen die „Sherif“ in Richtung des großen Marktes „El Shohdaa“ hinauf und nahmen die zahlreichen Fahrzeuge auf, die in kurzen Abständen die Magistrale hoch und runter fuhren.


Düwag GT6 864 auf der „Sherif“ zwischen „El Amari“ und „Sidi El-Monir“. Sobald die Kamera gezückt wird, kann man in der Innenstadt damit rechnen, dass binnen kurzer Zeit gelangweilte Kinder erfreut über die Abwechslung ins Bild springen. Da das aber nicht gerade bei jedem Bild der Wunsch des Fotografen ist, muss teils innerhalb kürzester Zeit die Kamera herausgerissen und abgedrückt werden.


Im Streiflicht bahnt sich GT6 891 auf der „Sherif“ seinen Weg Richtung „El Shohdaa“ zwischen den in der Einbahnstraße entgegen kommenden Lada-Taxen und Tuk Tuk’s hindurch.

Erstmals trafen wir hier auch auf die älteren Heck-an-Heck Zweiwagenzüge des japanischen Herstellers Kinki/Sharyo, von denen im Jahr 1982 insgesamt 30 Fahrzeuge mit den Nummern 101-130 für das Stadtnetz beschafft wurden. Die 16 Fahrzeuge 101-116 wurden zwischenzeitlich mit Scherenstromabnehmern ausgestatten und kamen in blauer Lackierung und den neuen Nummern 1101-1116 auf den Ramleh-Linien zum Einsatz. Inzwischen werden auch diese 16 Fahrzeuge wieder auf dem Stadtnetz eingesetzt und sind noch immer durch den zusätzlichen Scherenstromabnehmer und die vierstelligen Nummern erkennbar. Allerdings wurden die Wagen offensichtlich generalsaniert und erhielten wieder eine grüne Lackierung.


Der Kinki/Sharyo-Zweiwagenzug mit 126 an der Spitze bahnt sich auf der „Sherif“ seinen Weg zur nächsten Haltestelle. Die Daihatsu- und Chevrolet-Kleinbusse bilden das Rückgrat des Nahverkehrs in Ägypten und sind um kein waghalsiges Fahrmanöver verlegen.


Typische Häuserecke entlang der „Sherif“

Durch die „Sofaecke“ und das „Kfz-Schrauberviertel“ strebten wir dem großen Basar „Shohdaa“ entgegen. Eine feil gebotene, verbogene Vorderachse erregte die Aufmerksamkeit des Mitreisenden, Ich selbst konnte mich derweil nur mit Mühen davon abhalten, eines von zahlreichen verrosteten Endrohre zu erwerben 😀 Auch die übereinandergestapelten Stoßstangen diverser Automarken sahen nicht mehr ganz taufrisch aus…
Schließlich erreichten wir die vielleicht kurioseste Stelle des ganzen Streckennetztes, den großen Basar „El-Shohdaa“. Mitten durch den Basar verläuft auf engstem Raum die Straßenbahnstrecke zwischen Bekleidungsläden, Obst- und Fischständen. Unvorstellbare Szenen, in denen man sich vorkommt wie im Film. Zu allem Überfluss durchquert die Straßenbahn den Basar nicht nur, sondern verfügt auch in beide Richtungen über eine Wendeanlage zwischen Müllbergen und Gemüseauslagen.


GT6 891 bahnt sich einen Weg durch den Basar.


Auf engstem Raum quetschen sich die Bahnen zwischen den Marktständen hindurch.


Drei GT6 pausieren in der Schleifenanlage Richtung Osten.

Das Fotografieren gestaltet sich hier derweil mehr als schwierig. Die Herausforderung, die Fahrzeuge einigermaßen frei abzulichten, ist dabei noch das geringste Problem. Problematischer sind die Jugendlichen, die sich beim Blick auf die Kamera posierend vor die Bahn stellen. Etwas brenzlig wurde es gar, als eine der alten, am Boden sitzenden Marktfrauen offenbar der Meinung war, wir wollten mit unserer Kamera ihre Seele einfangen oder was immer sie dazu veranlasste ein riesen Theater anzufangen. Daraufhin wurden wir von einem komischen Vogel, der offenbar nichts weiter zu tun hatte, als unserem unrechten Schaffen auf die Schliche zu kommen, wild vollgequatscht. Die beste und einzig wirksame Gegenmaßnahme ist dabei noch immer, nicht auf das Gequatsche einzugehen – erst recht nicht auf die Frage „Do you speek english?“ – sich dezent abzuwenden und zielstrebig in der Masse zu verschwinden…
Mit der schnell untergehenden Sonne war das Fotolicht jetzt auch verschwunden, wir hatten Platte Füße und grummelnde Mägen. Am Bahnhof vorbei, ging es daher den gleichen Weg wie heute Mittag zurück zur Küstenlinie, wo wir nach kurzer Suche ein einladendes Restaurant fanden, das neben dem üblichen gegrillten Hähnchen, auch Beef und Pizza anbot. Das Essen in der „Taverna“ direkt neben der „El-Raml“-Station war sehr lecker, die Bedienung freundlich und vor allem enthielt die Karte vertändlichen Schriftzeichen 😀
Nach einem Mokka wurde der Tag trotz der Stunde Wartens zwischen den Kränen unter „erfolgreich“ verbucht und nach dem Kauf der üblichen großen Wasserflaschen für die Nacht für beendet erklärt. Kurz zuvor entstand noch die letzte Aufnahme des Tages in der „El-Raml“-Station.


Abendlicher Blick auf die „El-Raml“-Station.

Morgen Vormittag geht es dann erneut ins Stadtnetz, bevor ein Verkehrskollaps uns zur „El-Raml“-Tram treiben soll, aber davon mehr im nächsten Teil „Welcome to Egypt“.

2 thoughts on “Welcome to Egypt II – Warten zwischen Kränen und Gabelstaplern”

  1. Und wieder ein wunderbarer Beitrag! Ihr habt genau die selben Beobachtungen machen können wie wir vor zwei Jahren. Die frustrierende Taktung auf der Linie 6, besonders zur Mittagszeit, hat uns irgendwann mal dazu gebracht, einen Kurs einfach zu Fuß zu verfolgen. Schaffner und Fahrer haben ihr Tempo recht schnell angepasst und so sind eine gute handvoll unterschiedlicher Motive entstanden. Ansich bietet aber gerade die Linie 6 viele viele schöne Motive.

    Interessant ist auch der Vergleich zwischen den Fahrzeugen im Zustand 2017 zu 2019. Die grünen Wagen passen sich wohl recht schnell wieder vom Zustand den Gelben an. Der Sechsachser 833 hat seinen Scherenstromabnehmer und seine rote Farbe verloren und muss wieder aufs Stadtnetz. Bei uns fuhren auf der Linie 5 die Caféwagen und auf der Raml-Tram 6 die billigeren roten Düwags.
    Auf dem Stadtnetz sind uns damals leider keine Kinki-Wagen begegnet.

    1. Danke Dir!

      Ja, mit der Linie 6 war das so eine Sache, da sollten wir auch am Montag nochmal stranden…

      Die Kinki/Sharyo-Züge machten als einzige auf dem Stadtnetz einen einigermaßen guten Eindruck. Besonders die von der Raml-Tram ins Stadtnetz zurückbeorderten Züge schienen vor ihrem Einsatz im Stadtnetz grundlegend überholt worden zu sein und waren in ausgesprochen gutem Zustand. Einige Bilder dieser Züge, mit noch immer vierstelligen Nummern, gibt es im übernächsten Teil. Auf den Raml-Linien wurden allerdings gar keine der Zweiwagenzüge mehr eingesetzt.
      Von den Düwag-Wagen waren nur die Fahrzeuge der Raml-Tram und die im Stadtnetz mit veränderter Front laufenden Wagen in gutem Zustand, der Rest war einfach nur fahrender Schrott 😀

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