Welcome to Egypt III – Der tägliche Verkehrskollaps

Einen halben Tag konnten wir Alexandria bereits kennenlernen. Nun wollen wir den vielen ungelösten Fragen auf den Grund gehen und die pitoresken Linien des Stadtnetzes bereisen, bevor uns der Verkehr am Nachmittag zur „El-Raml“-Tram zwingt.

Zur groben Orientierung zunächst erneut das Liniennetz von Alexandria:


Die drei blau gefärbten Linien gehören zur „El-Raml“-Tram, welche immer unweit der Küstenlinie verläuft und hier die etwas besser gestellten Viertel der Stadt auf eigenem Bahnkörper bedient. Die grünen Strecken gehören zum Stadtnetz, welches größtenteils im normalen Straßenraum verläuft und auch viele der extrem ärmlichen Viertel der Stadt bedient. Auf die einzelnen Linienverläufe der zahlreichen Linien, welche teilweise aber nur sehr selten bedient werden, habe ich im Stadtnetz verzichtet und nur die Endstellen der Linien hervorgehoben.

Montag, 25. März 2019

Die Fenster des Frühstücksaals zeigen direkt auf die Ramleh-Station und dort spielt sich heute früh schon Interessantes ab: Gleich drei der blauen Düwag’s stehen an der Endstation der Linie 15 und harren der Dinge. In der Endschleife der Linie 5/6 wiederum stehen zwei weitere, rote Düwag’s. Allerdings tut sich seit Beginn des reichhaltigen Frühstücks überhaupt nichts in Sachen Düwag’s. Alle fünf Wagen stehen herum und warten. So kann ganz gemütlich gefrühstückt werden und auch als wir um kurz vor acht die Straße betreten stehen die Düwag’s noch tatenlos herum. Die Linien 1 und 2 der „El-Raml“-Tram verdichten allerdings langsam ihr Angebot, denn ab halb neun beginnen auch die Ägypter allmählich den Tag. Auch die Linie 15 des Stadtnetztes läuft bereits. Mehr als einen 15 min Takt – wenn man es denn Takt nennen will – bringen die drei Ganz-MAVAG Züge auf dem kurzen Reststück der Linie allerdings nicht zu Stande.
Wir begutachten erstmal die wartenden Düwags, drehen eine kurze Runde zur Schleife „El-Qa’ed Ibrahim“ und widmen uns anschließend der Linie 15, denn den heutigen Tag wollen wir eigentlich dem Stadtnetz widmen.


Die engen Verhältnisse in der Schleife der Linie 5 bieten eigentlich nur einem Wagen die Möglichkeit zu pausieren. Der rote Düwag 859 wartete daher über eine Stunde mehr oder weniger mitten auf der Straße hinter seinem Schwesterfahrzeug.

Mit der Einstellung der Straßenbahn in Kopenhagen bis 1972, konnte Alexandria 99 der 100 erst zwischen 1960 und 1966 gebauten Düwag GT6 übernehmen. Die GT6 ersetzten die in Alexandria ebenfalls gebraucht erworbene PCC’s und stellten einen großen Modernisierungsschub dar. Sie behielten ihre Kopenhagener Nummern 801 bis 900, wobei der in Kopenhagen ausgebrannte GT6 842 stets als „Lücke“ in der Nummerierung vorhanden blieb. In Alexandria verloren die Fahrzeuge ihre zweite Doppeltür im ersten Wagenteil, ihren für Kopenhagen charakteristischen Stangenstromabnehmer behielten sie hingegen, da auch in Alexandria der Betrieb mit Trolley Standard war. Im Jahr 2001 traten die Wagen 815 und 890 den Rückweg nach Dänemark ins dortige Straßenbahnmuseum Skjoldenæsholm an. 890 befindet sich dort derzeit in Aufarbeitung. Eine Menge Arbeit dürften die fleißigen Museumsbahner dabei gehabt haben, den Wagen in den noch nicht ganz fertigen, momentanen Zustand zurückzuversetzten, wie er im Blog bahnfotokiste.de in den wunderbaren Beiträgen zum dortigen Museum festgehalten wurde.

Da sich nach wie vor nichts tat bei den Düwag-Wagen, enterten wir erstmals in Alexandria eine Straßenbahn in Gestalt des Ganz-MAVAG Triebwagen 1226 der Linie 15. Nach fünf Minuten warten ging die rasante Fahrt für 0,5 ägyptische Pfund auch schon los. Wiedermal wäre Laufen kaum langsamer gewesen und das obwohl die Straßen um halb neun noch recht leer waren. Allerdings zog sich die Fahrt in zweiter Reihe hinter der Promenade, vorbei am „Denkmal der unbekannten Soldaten“, bis hin zur großen „Abu-l-Abbas-al-Mursi-Moschee“ doch ein ganzes Stück, sodass wir froh waren zu sitzen. An besagter Moschee verließen wir den Wagen. Hier macht die Strecke einen kleinen Schlenker um eine Grünanlage, sodass der Wagen noch weiter verlangsamt und das gefahrlose Abspringen ermöglicht – Wo die eigentliche Haltestelle gewesen wäre, blieb mal wieder ein Rätsel.


Der Ganz-MAVAG Zweiwagenzug aus 1211 und 1212 erreicht die große Moschee „Abu-l-Abbas-al-Mursi“ und umkurvt eine kleine Grünanlage.

Tatsächlich klappte die Aufnahme ohne Fahrzeuge und Passanten auf ganzer Länge des Zuges – eine fast schon gespenstische Szene 😀
Die Sonne schwächelte an diesem Morgen allerdings noch, sodass wir zunächst ein wenig Kultur einschoben. Die Qāitbāy-Zitadelle an der Spitze der fast halbkreisförmigen Bucht ist von hier aus nicht mehr weit, sodass wir erstmal DEN „Touristenpunkt“ in Alexandria abhakten. Dafür wechselten wir von der Straße mit der Linie 15 in die erste Reihe der Promenade und schlenderten der Verteidigungsfestung aus dem 15. Jahrhundert entgegen.


Auch der „Yachthafen“ hat mit dem, was wir uns als Mitteleuropäer vorstellen nicht übermäßig viel zu tun. Der blaue Himmel in der Ferne verrät dafür, das die übrige Bewölkung aus der Nacht nicht mehr lang anhalten wird.


Die „Flaniermeile“ unmittelbar vor der Zitadelle, wirkt ebenfalls nur bedingt einladend.

Die Zitadelle selbst litt dann doch etwas unter den ungünstigen Lichtverhältnissen. Am Besten wirkt das Gemäuer ohnehin über die Bucht hinweg gesehen. Ein weiterer Programmpunkt für Morgen…
Wie wir jetzt bemerkten, endete die Linie 15 bereits unweit der Zitadelle und lief daher, wie bereits geschrieben, als Inselbetrieb, ohne Anschluss an die „Baumarktlinie“ 6 in „Ras El-Tin“. Wir liefen das restliche Stück der Linie 15 zu Fuß ab. Die Sanierung der Gleise war schon sehr weit fortgeschritten und die Strecke direkt hinter den großen Strandanlangen der Promenade, hätte das ein oder andere schöne Motiv geboten. Rund um die Schleifenanlage „Ras El-Tin“, in der aufgrund der Baustelle nurmehr die „Baumarktlinie“ 6 endet, befindet sich ein gigantisches Marineareal. Das Fotografieren ist rund um die Wendeanlage daher nicht zu empfehlen. Da ohnehin mal wieder kein Düwag auf uns wartete, gingen wir auch an der Endschleife der „Baumarktlinie“ vorüber und hofften, das uns irgendwann etwas entgegen käme. Da wir nun an diesem Morgen aber schon wieder drei Kilometer am Stück gelaufen waren, verließ uns langsam die Lust am Herumlatschen, zudem ja der Verkehr auf dieser Linie so eine Sache ist. Der Plan war daher, mit einem Taxi zurück in die Innenstadt nach „El-Amari“ zu fahren. Die Konsultierung einer der Lada-Kisten verlief jedoch erfolglos, der Fahrer wollte satte 100 Pfund für die Fahrt haben – dachte wohl er könnte mit zwei dummen Touristen das Geschäft der Woche machen. Völlig entgegen der Kultur war er auch nicht zum Handeln bereit, sondern beharrte auf seiner dreisten Forderung und war wahrscheinlich der Meinung, am längeren Hebel zu sitzen. Tja, falsch gedacht, nicht mit uns… Ständig wollen ein diese Taxen mitnehmen und wenn man dann mal eins braucht, wollen sie einen nur übern Tisch ziehen – sehr witzig das Ganze…

Da aber auf der Baumarktlinie mal wieder Betriebsruhe zu herrschen schien und Laufen keine Alternative war, wagten wir eine dritte Möglichkeit: Einen der unzähligen verrückten Kleinbusse. Diese Chevrolet-Kisten rasen wie die Besengten zu Hunderten durch alle Straßen der Millionenmetropole und sind DIE Stütze des Nahverkehrs. Das Fahrtziel wird dabei laufend aus dem Fenster gebrüllt und mittels Handzeichen bekommt man die Karren auch leicht zum Stehen. Blöd nur, dass wir das Fahrtziel nicht verstehen und selbst wenn, würden wir es nicht kennen. Zum Glück sind wir aber auf dieser Landzunge mehr oder weniger gefangen und selbst wenn der Bus nicht in die Innenstadt fahren würde, so würde er doch früher oder später auf eine andere Linie der Straßenbahn treffen. Wir enterten also die nächstbeste Kiste und verfolgten während der Fahrt auf Osmand, wo wir uns befanden. Da wir einen Bus ohne Schaffner erwischten, wurde diese Aufgabe umgehend mir zuteil: Wir hatten uns nach Vorn gesetzt um möglichst einfach abspringen zu können, wenn wir an geeigneter Stelle wären. Nun wurde mir aber ständig von irgendwelchen Mitfahrenden von hinten Geld durchgereicht, mit dem ich auch nichts weiter anzufangen wusste, als es an den Fahrer weiterzugeben, welcher dann irgendwas zurückgab, was wiederum seinen Weg nach hinten in den Bus antrat. Irgendwie schienen die Leute das ganze Geld aber wieder zu entflechten und schon waren wir auch am Tahrirplatz in der Innenstadt angelangt. Schnell sprangen wir ab und waren froh, dem engen, stinkenden und röchelnden Gefährt mit dem Leben entkommen zu sein.
Der Tahrirplatz kam uns als Ausgangspunkt auch gar nicht mal ungelegen, konnten wir doch so gleich mal die Innenstadtschleife erkunden. Also ging es wie schon gestern durch den Markt hindurch, diesmal aber zur Endschleife St.Catherine Square. Hier enden die Linien 4, 16 und 18. Nur die Linie 10 befährt noch im Uhrzeigersinn die große eingleisige Innenstadtschleife.
Die Sonne hatte sich mitlerweile durchgesetzt und so stand einer ausgiebigen Fotosession von der Schleife „St. Catherine Square“ die „Abi El-Dardaa-Street“ bis „El-Amari“ hinunter, nichts im Wege.


Der Kinki/Sharyo-Zweiwagenzug aus 118 und 117 wendet als Linie 18 in der Schleife „St.Catherine Square“.

Da die Straße in Richtung „El-Amari“ als Einbahnstraße betrieben wird, haben die Bahnen in Gegenrichtung so ihre Probleme sich durch den Verkehr zu wühlen, besonders wenn noch eine Straßenbahn entgegen kommt und der Platz für die Autos und Tuk Tuk’s plötzlich so eng wird, dass sich in kürzester Zeit ein Propfen bildet, welcher in Millimeterarbeit und mit viel Gehupe wieder aufgelöst werden muss.


Für einen kurzen Moment ist Düwag 865 völlig frei von Autos auf der „Abi El-Dardaa-Street“ Richtung „El-Amari“ unterwegs.


GT6 822 wird hingegen von zahlreichen Fahrzeugen überholt. Wenn jetzt noch eine Bahn entgegen kommt, ist die Pattsituation vorprogrammiert…


Mitten auf der „Abi El-Dardaa-Street“ befindet sich die Gedenkstätte des gleichnamigen Weggefährten des Propheten Mohammed. Ein vergleichsweise kleines, dafür aber ausgesprochen schmuckes und gepflegtes Gebäude inmitten der grau-braunen Häuserwüste. Der Ganz-MAVAG Zug mit Tw 1227 umkurvt auf dem Weg zur Endschleife die Gedenkstätte.

Wir erreichten jetzt „El-Amari“ und hielten uns einige Minuten an diesem Knotenpunkt auf. Von einer schattigen Häuserecke konnten wir das wilde Treiben einige Minuten beobachten, ohne von den hier in der Innenstadt sonst immer „lauernden“ Kindern genervt zu werden. Das Fotografieren gestaltet sich gerade in der Innenstadt dabei völlig anders als sonst gewohnt: Der übliche Ablauf – Sonnenstand prüfen, Motiv suchen, geeignet positionieren, auf den nächsten Kurs warten, potentielle Störfaktoren ausmachen und im rechten Moment vieleicht zwei oder drei mal auslösen – muss hier vollständig über den Haufen geworfen werden. Die ersten beiden Punkte können bedingt noch übernommen werden, allerdings sollte auf den prüfenden Blick durch den Sucher verzichtet werden, denn damit zieht man schon viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich. Beim geeigneten Positionieren hört es dann aber schon auf, denn sicher kann man einfach nirgends stehen, der Verkehr sucht sich durch die noch so kleinste Lücke seinen Weg. Auch längeres Warten kann schon mal zum Problem werden, da bei dem kleinsten Anschein der Untätigleit direkt die „Welcome to Egypt“-Fraktion auftaucht und einen wahlweise nur in freundliche Gespräche verwickeln will, oder aber meistens bei einer Tasse Tee versuchen will, uns vom Kauf verbogener Vorderachsen, Sofas oder für europäische Mägen fragwürdiger Leckereien zu überzeugen. Auch die letzten beiden Punkte können direkt verworfen werden, denn Störfaktoren tauchen im Bruchteil von Sekunden von überall auf und verschwinden auch genauso schnell wieder: Ein Tuk Tuk, dass im Zentimeter-Abstand noch schnell die Tram kreuzt, einer der Kleinbusse der plötzlich direkt vor die Bahn zieht um einen Fahrgast abzuladen, oder einfach die vielen Passanten die kreuz und quer über die Straße laufen. Mit zwei, drei gezielten Auslösungen ist es also nicht weit her, stattdessen wird, sobald die Tram einigermaßen im Motiv ist, die Kamera herausgerissen und auf Dauerfeuer gestellt.

Mit GT6 831 kam nach einiger Zeit ein besonders abgerockter Vertreter der Düwag-Wagen, bei dem das eben beschriebene Programm sogleich abgespult wurde. Das Hauptmotiv des um die Ecke biegenden GT6 war eigentlich schon misslungen, doch es zeigte sich, dass sich hier binnen Sekunden noch eine neue Situation ergeben kann und es sich lohnt einfach weiter draufzuhalten, wie es sonst eigentlich gar nicht meine Art ist. Ergebnis war ein einigermaßen unkonventionelles Bild, das im Normalfall direkt dem Papierkorb zugeführt worden wäre. Allerdings zog von hinten noch einer der typsichen Pferdekarren ins Bild und dem GT6 ist so aus der Nähe erst seine ganze „Schönheit“ anzusehen. Nach der Aufnahme sprangen wir kurzentschlossen hinten auf und fuhren in Richtung „Karmouz“.


GT6 831 biegt in „El Amari“ Richtung „Karmouz“ ab.

Wir fuhren mit 831 die kurze Strecke bis Karmouz und sahen uns etwas beim Depot um. Zu unserer Überraschung trieben hier auch einige weitere Fotografen bzw. Filmer ihr Unwesen. Sonnenhut, Rucksäcke und Funktionsjacken ließen keinen Zweifel an der Herkunft dieser Hobbykollegen 😀


GT6 831 hat die Endstation am Depot „Karmouz“ erreicht, während 833 zu einer neuen Runde aufbricht. Ein Tuk Tuk demonstriert derweil die enorm vorausschauende ägyptische Fahrweise…


Eine besonders edle Weichenstraße führt in das Depot. Hinten links ist bereits der 831 auf seiner Schleifenfahrt zu sehen. Ein Lada-Taxi darf natürlich auch hier nicht fehlen.

Die letzten hundert Meter der Strecke bis zum Depot „Karmouz“ sind von einer riesigen Baustelle geprägt. Auf Osmand existierte hier eine Schnellstraße, die Wirklichkeit war derweil nicht ganz so schnell und bei dem Zustand der Baustelle darf daran gezweifelt werden, dass dieses Projekt in Kürze abgeschlossen wird. Auf der anderen Seite der zukünftigen Schnellstraße ragten jedenfalls beeindruckende neue Hochhaussiedlungen in die Höhe, die in einem erstaunlich guten Zustand zu sein schienen.


GT6 833 macht sich auf den Weg zu einer weiteren Runde. Einzig diese, mit geänderter Frontpartie modernisierten Düwag’s, machen einen halbwegs anständigen Eindruck.


Eine Fuhre Bananen vom Land macht sich auf den Weg zu einem der innerstädtischen Basare. Rechts neben der Straße befindet sich die gigantische Schnellstraßenbaustelle und jenseits der Baustelle ragen erstaunlich moderne Hochhäuser in die Höhe, während im Hintergrund Hochhäuser im normalen ägyptischen Zustand als Vergleich zu sehen sind.


Mitten im Bauschutt fristen die Überreste eines O303 ein trauriges Dasein.


Architektonische Kontraste und ein Haufen rollender Schrott in Gestalt von GT6 877.

Wir sprangen auf den nächsten vom Depot kommenden Wagen auf und traten die kurze Rückfahrt bis „El-Amari“ an, denn wenigstens einen der längeren Streckenäste wollten wir heute noch schaffen. Wir kamen bis kurz vor „El Amari“, dann stockte es und ein Blick aus dem Fenster verriet, das direkt vor uns noch ein Wagen stand. Es schien nicht mehr viel zu gehen. Also wieder rausgesprungen und sich das Ganze mal näher angeschaut. In einer langen Schlange standen mindestens sechs Wagen die verstopfte „Sherif“ Richtung „El-Shohdaa“ hinauf. In Gegenrichtung lief es noch ein wenig, doch dann stockte es auch hier und eine Prozession aus mindestens 6 Leichenwagen und hunderten von Trauergästen schob sich langsam durch die Straße. Diese Prozession gab dann – Achtung Wortspiel – auch dem Verkehr den letzten Todesstoß. Eine besondere Spezialität der Ägypter besteht schließlich darin, sich bei starkem Verkehr sehenden Auges in aussichtslose Pattsituationen zu manövrieren. Die „Sherif“ ist zwar eine Einbahnstraße, allerdings fahren die Trams Richtung „El-Shohdaa“ in Gegenrichtung. Den Bahnen standen nun aber entgegenkommende Fahrzeuge im Weg und diese konnten auch nicht ausweichen, da auch die anderen Spuren mehr oder weniger zum Stillstand gekommen waren. Währenddessen strömten von hinten immer mehr Fahrzeuge nach, die auch eine Rückabwicklung der verfahrenen Lage unmöglich machten. Die ganze Verstopfung war nur etwa einen halben Kilometer lang, aber es war so verfahren, dass gar nichts mehr ging als herumzustehen und zu hupen…


Auf der „Sherif“ bot sich eine völlig verfahrene Situation – Es ging garnichts mehr und das würde sich so schnell wohl auch nicht ändern.


Von hinten werden derweil fleißig weiter Fahrzeuge in den aussichtslosen Stau geschickt. GT6 802 biegt aus dem Basar „El-Shohdaa“ auf die „Sherif“ ein.

Da nun der Knotenpunkt der Tram vollständig blockiert war und eine Auflösung der Störung nicht absehbar war, entschlossen wir uns spontan, unseren Plan mit dem Stadtnetz über den Haufen zu werfen und die zwei Kilometer zu Fuß zur „El-Raml“-Tram hinüber zu laufen. Dort angekommen waren wir allerdings doch einigermaßen entnervt und was braucht es da? Richtig, einen schattigen Sitzplatz mit Cappuccino und Kuchen. Gestern hatte ich unweit der Endstation bereits ein Pâtisserie und Restaurant ausgemacht und auch wenn die Bedienung an den schattigen Plätzen an der Straße etwas grimmig war, der Cheesecake und Cappuccino waren excellent. Ein massiver Türsteher sorgte dabei allein mit seiner Präsenz dafür, dass auch die an der Straße sitzenden Gäste keinen ungebetenen Besuch bekamen…

Gestärkt ging es zur Ramleh-Station hinüber und es wurde direkt mal der nächstbeste Zug geentert. Zu beachten ist, das der jeweils führende Wagen für Frauen vorbehalten ist. Die Fahrt schlug mit 0,5 Pfund zu Buche und ging genau vier Stationen bis „El-Shoban El-Moslemi“. Dort stockte es erneut. Wir sahen mal draußen nach was da los war und der Grund war die hier verlaufende „Suez Canal Road“, welche der Hauptzubringer aus dem Hinterland an die Küstenstraße ist. Der Verkehr wurde hier von einem Polizisten geregelt, wobei regeln soviel heißt wie zehn Minuten Freigabe für die „Suez Canal Road“ und eine Minute für die kreuzende Nebenstraße mit der Tram. Wann die Züge also in der Ramleh Station losfahren, ist einigermaßen nebensächlich, der Takt wird erst an der Kreuzung mit der „Suez Canal Road“ hergestellt, wo in der kurzen Phase der Freigabe meist gleich zwei bis drei Züge über die Kreuzung huschen.


Ein Kinki/Sharyo Zug nutzt die seltene Chance an der Station „El-Shoban El-Moslemi“ die „Suez Canal Road“ zu überqueren. Im Hintergrund zieht der Tatra-Juk 701 davon, den wir dann auf seiner Rückfahrt abpassen wollen.

Irgendwann geht es tatsächlich weiter. Wir springen auf den zweiten Zug auf und fahren bis zur Station „Sporting Soghra“ weiter. Dort kommen uns gleich mehrere Düwag’s entgegen, die heute irgendwie im Pulk unterwegs sind.


GT6 854 fährt in die Station „Sporting Soghra“ ein.

Im Gegensatz zum Stadtnetz verfügen die „El-Raml“-Linien an jeder Haltestelle über umfangreiche Stationsanlagen mit teils schmucken Stationsdächern. Überhaupt macht das Umfeld dieser Bahn, immer eine Reihe hinter der Promenade, einen deutlich gepflegteren und besser situierten Eindruck. Auch die Fahrzeuge befinden sich in einem vergleichsweise guten Zustand.

Zum Einsatz kommen neben den Düwags auf der Linie 5/6 ausschließlich die Dreiwagen-Züge des japanischen Herstellers Kinki/Sharyo. Ab 1976 ersetzten die Wagen 101-208 den Großteil des vorherigen Wagenparks aus den 1920er Jahren. Ein Zug besteht dabei immer aus zwei Triebwagen mit jeweils einem Fahrerstand und einem Mittelwagen. Die Wagen eines Zuges sind fortlaufend durchnummeriert. Ab 1991 wurden noch einmal sechs dieser mittlerweile technisch veralteten Züge mit den Nummern 209-226 beschafft. Im Unterschied zu den älteren Zügen, verfügen diese sechs Züge allerdings am westlichen Ende über einen Doppelstock-Steuerwagen und in der Mitte über einen führerstandslosen Motorwagen. Zusammen mit Blackpool und Hongkong ist Alexandria damit die letzte Straßenbahn, bei welcher noch Doppeldecker im Planverkehr zum Einsatz kommen.


Alexandria – Blackpool – Hongkong. Die letzten drei Straßenbahnbetriebe, bei denen noch planmäßig Doppeldecker eingesetzt werden. Letzterer fehlt allerdings noch auf meiner persönlichen Liste, aber das kann ja noch werden… Das Gespann aus 212+213+214 fährt in die Haltestelle „Sporting Soghra“ ein.


Wenig später folgt mit 893 schon der nächste Düwag und trifft an der Station „Sporting Soghra“ auf den Dreiwagenzug 131+132+133.

Die nächste Station stadtauswärts ist bereits die Verzweigung, an der die Linien 2 und 5/6 für zwei Haltestellen einen kleinen Schlenker landeinwärts machen. Die wenigen Meter bis zur Verzweigung laufen wir zu Fuß und schon kommt der nächste rote Düwag entgegen.


GT6 859 hält am Abzweig „El-Rayada El-Kubra“ neben einem Dreiwagenzug.

Da auch der gelbe Tatra-Juk demnächst entgegen kommen müsste, liefen wir zu Fuß weiter entlang der landseitigen Strecke, um den Wagen nicht zu verpassen. Zunächst kam von hinten allerdings wieder einer der neueren Züge mit Doppelstocksteuerwagen. Auch ein weiterer blauer Düwag kam stadteinwärts durch, allerdings lag auf diesem Gleis ein ungünstiger Längsschatten eines Fahrleitungsmastes. Wenig später erreichten wir die Station „Cleopatra“. Nach einem weiteren Kinki/Sharyo-Zug kam auch schon der gelbe Neuling durch. Besonders schön sind die auf dem Bahnübergang abgestellten Dreiräder, welche zentimetergenau im Gleiszwischenraum geparkt sind, um noch eben das Passieren der Züge zu ermöglichen. Der Bahnübergang an der Station „Cleopatra“ demonstriert ein weiteres mal das Hauptproblem dieser Bahn: Obwohl auf eigenem Bahnkörper, gibt es an unzähligen Stationen ungeregelte Bahnübergänge an denen die Züge teils Minuten benötigen, um sich nach dem Halt durch die Masse an Fahrzeugen zu hupen. Immerhin verfügen die Züge der „El-Raml“-Tram über durchsetzungsstarke Luftdruckpfeifen, wie man sie zum Beispiel auch aus Blackpool kennt. Das Klingeln der Bahnen im Stadtnetz geht dagegen vollkommen im üblichen Verkehrslärm unter.


224+225+226 zwischen den Stationen „El-Rayada El-Kubra“ und „Cleopatra“


Der Zug aus 164+165+166 hat sich den Weg über den Bahnübergang an der Station „Cleopatra“ gebahnt und fährt weiter stadteinwärts. Der Gleiszwischenraum reicht soeben für einige Dreiräder aus.


Wenig später folgt der gelbe Neuling, Tatra-Juk 701. Woher die Inspiration für die Lackierung stammen könnte, demonstriert ein am Straßenrand geparktes Lada-Taxi.

Die Strecke versinkt mit dem Drehen des abendlichen Sonnenstandes immer weiter in den langen Schatten der Hochhäuser. An der Zusammenführung der beiden Streckenteile bei der Station „Mostafa Kamel“ bietet sich noch ein kleiner Spalt Sonne. Hier befindet sich auch das große Depot der „El-Raml“-Tram. Laufend werden scheinbar schadhafte Züge durch neue ersetzt und der Weichensteller hat mit seiner Trillerpfeife alle Hände voll zu tun. Die Hauptweiche im Streckengleis, an der sich die beiden Linienäste trennen, verfügt derweil über einen eigenen Weichensteller. Dieser sitzt in seiner Bude und springt immer erst kurz vor knapp heraus um den großen Weichenhebel umzuschmeißen. Teilweise müssen die nahenden Züge ihn auch mit einem energischen Pfeifen aus seiner Lethargie erwecken, um den Abzweig nicht versehentlich auf den falschen Streckenabschnitt zu passieren. Eigentlich war der Plan, hier noch mal ein schönes Türseitenbild eines Düwag’s zu machen. Allerdings schien das Pulk nun komplett durch zu sein und es kam erst nach einer knappen Stunde wieder ein Düwag stadteinwärts, für den das Licht dann nicht mehr ausreichte. Wir traten daraufhin den Rückzug an.


Von hinten rechts kommt ein Zug der Linie 2 mit dem Doppeldecker 221. Nach hinten links zweigen die Gleise der meerseitigen Linie 1 ab. Links ist eine der Depotzufahrten und auch die Gebäude auf der linken Seite gehören zum großen Depot der „El-Raml“-Tram.


„Leichte Gebrauchsspuren“ würde man wohl beschönigend auf ebay lesen. Stattdessen wirkt das Fahrerpult eines Kinki-Shryo Triebwagens doch schon sehr abgegriffen… Und wo ist eigentlich der Bildschirm mit den digitalen Rückspiegeln?

Wir befinden uns mit unserem Zug nun wieder mitten im Pulk der Düwag-Wagen und so laufen wir an der „10-Minuten-Kreuzung“ zwei Wagen nach Vorn und entern eine der ehemaligen Cafébahnen. Bequeme Ledersessel laden die Fahrgäste zum Verweilen ein und der Boden ist mit Teppich ausgekleidet. An den Fenstern hängen Gardinen und die ausklappbaren Tische zeugen noch von der kurzzeitigen Funktion als Cafébahn. Im Heck befinden sich auch noch die Reste der ehemaligen Theke.
An der Endschleife entstanden noch ein paar Aufnahmen der wartenden Düwags in der kurzen Abenddämmerung. Die Luxustrams werden hier nach jeder Fahrt fein säuberlich ausgefegt, die fünf Pfund wollen schließlich ihre Berechtigung haben.
Anschließend geht es wieder in das schon von gestern bekannte Restaurant, denn das Essen war gut und die Karte bot noch einige Dinge die man ausprobieren könnte…


GT6 859 und 899 warten in der Schleife „El-Qa’ed Ibrahim“ auf ihre nächste Runde.

Morgen haben wir dann nochmal einen ganzen Tag Alexandria vor uns und wollen einen weiteren Versuch starten, die noch unbekannten Äste des Stadtnetzes zu erkunden. Davon aber mehr im nächsten Teil „Welcome to Egypt“.

One thought on “Welcome to Egypt III – Der tägliche Verkehrskollaps”

  1. Und weiter geht das Feuerwerk! Danke dafür!
    Von den Hochhäusern am Karmouz-Depot war vor zwei Jahren noch nichts zu erahnen. Dafür mussten dort am Rand zum „Kanal“ einige Büsche weichen, die pünktlich zu unserem Besuch blühten. Sehr schade!
    Einen „Deadlock“ im Verkehr haben wir zum Glück auch nicht erlebt, vermutlich sind die aber während einiger unfreiwilliger Betriebspausen an anderen Stellen passiert, während wir uns die Beine in den Bauch standen. Eine solche Prozession entlang der Linie 6 hat uns zum Glück den langsamen nachfolgenden Straßenbahnkurs ermöglicht, der dann noch mehrfach einzufangen war.

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