Welcome to Egypt IV – Dreifach Düwag hält besser

Heute wollen wir unser gestern mittag gescheitertes Vorhaben wieder aufnehmen und auch das restliche Stadtnetz unsicher machen. Und eines sei Vorweg verraten, es wird uns deutlich besser gelingen als gestern, auch wenn der Verkehr wieder einige Überraschungen bereithalten wird.

Vorweg wie gewohnt zur Orientierung das Streckennetz von Alexandria. Heute werden wir uns ausschließlich im grünen Stadtnetz aufhalten:


Die drei blau gefärbten Linien gehören zur „El-Raml“-Tram, welche immer unweit der Küstenlinie verläuft und hier die etwas besser gestellten Viertel der Stadt auf eigenem Bahnkörper bedient. Die grünen Strecken gehören zum Stadtnetz, welches größtenteils im normalen Straßenraum verläuft und auch viele der extrem ärmlichen Viertel der Stadt bedient. Auf die einzelnen Linienverläufe der zahlreichen Linien, welche teilweise aber nur sehr selten bedient werden, habe ich im Stadtnetz verzichtet und nur die Endstellen der Linien hervorgehoben.

Dienstag, 26. März 2019

Heute morgen war von unserem Stammtisch im Frühstücksaal keine Düwag-Ausstellung wie gestern zu sehen und so ging es nach der morgendlichen Stärkung auch direkt Richtung Stadtnetz. Zunächst wurde aber im warmen Morgenlicht noch eine kleine Runde an die Promenade gedreht, um die große Bucht von Alexandria aufzunehmen. Auf dem großen Platz vor dem „Le Metropole“, befndet sich in einer kleinen Grünanlage auch die auffällige „Sa’ad Zaghloul Statue“. An der Statur vorbei, gelangt man direkt an die Promenade. Wobei, direkt ist dann doch etwas einfach umschrieben, denn zunächst gilt es die Küstenstraße „El-Gaish-Road“ zu überqueren, welche sich hier auf sechs bis acht Spuren ausdehnt. Da es in der ganzen Stadt so gut wie keine Ampeln gibt, erst recht keine reinen Fußgängerampeln, gleicht das Überqueren der Straßen diesem alten Spiel auf Win 95, wo es aus der Vogelperspektive mit einem Frosch eine breite Straße sicher zu überqueren gilt, auf welcher in dichtem Abstand Fahrzeuge fahren. Anschließend folgt ein Fluss, auf dem sichere Holzbretter vorbeitreiben, zwischen denen Krokodile oder ähnliches lauern. Nur wer Straße und Fluss sicher überquert, erreicht das nächste Level, in dem dann alles noch schneller abläuft. Ein denkbar simples Spiel mit unglaublichem Ergeiz- und Frustfaktor – ich glaube es hießt „Frogger“ oder so…
Jedenfalls übersprangen wir heute Morgen die ersten beiden Level und stiegen bei der Küstenstraße gleich mit erhötem Schwierigkeitsgrad ein. Auf eine große Lücke im Verkehr zu warten ist derweil recht aussichtslos. Irgendwann muss man einfach auf die Straße treten, wenn gerade kein Kleinbus direkt auf einen zugerast kommt und sich mit ständig mahnendem Blick auf die ankommenden Fahrzeuge über die Spuren schieben. Tatsächlich bremsen die Fahrer dann auch, oder schlängeln sich um einen herum. In den acht Tagen konnten wir jedenfalls vier Unfälle beobachten, aber in keinen war ein Fußgänger involviert, da die Wagenlenker auf diese doch besonders Acht geben. Jedenfalls erreichten wir das rettende Ufer und machten ein paar Aufnahmen entlang der Promenade.

„Sa’ad Zaghloul Statue“


Panoramablick in die große Bucht von Alexandria. Der kleine Buckel links neben der Einfahrt in die Bucht ist die Qāitbāy-Zitadelle.

Zurück über die Straße ging es nun erstmal an die Linie 15 um einen weiteren Versuch mit dem Denkmal des unbekannten Soldaten zu starten, allerdings gelang es auch heute nicht wirklich zur Zufriedenheit, sodass dieses Motiv eine Lücke zu bleiben droht.
Wir wollten uns stattdessen jetzt zur Innenstadtschleife durchschlagen, denn gestern war uns kein Bild der Linie 10 gelungen, wie sie aus der engen eingleisigen Häuserschlucht der Innenstadtschleife den „St.Catherine Square“ erreicht. Ein weiteres Mal bekamen wir es allerdings mit der Unberechenbarkeit der Straßenbahn Alexandria’s zu tun: Kamen gestern Mittag in kurzem Abstand mehrere Wagen aus dem eingleisigen Abschnitt, sollte heute Morgen in fast einer Stunde kein einziger Wagen vorbeigefahren Der Verkehr schien auf dieser Linie vor zehn Uhr einfach noch nicht anzulaufen. Leider war gestern Mittag aber der Verkehr auf dem „St.Catherine Square“ wiederum schon so weit im Chaos versunken, das schlichtweg kein vernünftiges Foto möglich war, weshalb wir es ja heute in den verkehrsarmen Morgenstunden versuchen wollten. Wir blieben während unseres Wartens aber überraschenderweise ungestört, lediglich ein älterer Mann bot uns immer wieder an, uns doch wenigstens zu setzten und einen Tee zu nehmen. Einer der vielen wirklich freundlichen Menschen, scheinbar ohne Hintergedanken. Allerdings liefen wenigstens die Linien zur Schleife „St.Catherine Square“, sodass wir uns garnicht setzten mussten, sondern uns die Zeit mit Aufnahmen dieser Linien vertrieben.


Der offenbar frisch sanierte GT6 894 startet am „St.Catherine Square“ zu einer neuen Runde.

Nunja, wir gaben es schließlich auf. Da die Sonne sich nun entgültig durch den morgendlichen Siff gekämpft hatte, wollten wir hier keine weitere Zeit vertrödeln. Stattdessen sprangen wir auf den nächstbesten Düwag hinten auf und fuhren über „El Shohdaa“ in Richtung der großen Blockumfahrung mit Depot. In bahnbrechender Geschwindigkeit kämpfte sich der Düwag zunächst im Gegenverkehr die „Sherif“ entlang, dann durch den großen Basar und anschließend die „Moharram Bek“ herunter zur Blockumfahrung. Nicht das Laufen langsamer gewesen wäre, aber ein wenig sitzen ist ja auch mal ganz schön. Am Beginn der Blockumfahrung sprangen wir ab und sahen uns ein wenig um.


Mitten auf der Straße trinkt ein Straßenhändler gelassen einen morgendlichen Tee.

Auf den Linien zwischen „El-Shohdaa“ und „El-Nozha“ liefen auch die erst vor Kurzem von der „El-Raml“-Tram abgezogenen Kinki/Sharyo-Zweiwagenzüge mit den Nummern 1101-1116, welche ursprünglich schon einmal gemeinsam mit den übrigen Fahrzeugen der Serie 101-130 im Stadtnetz liefen. Vor ihrer Rückkehr ins Stadtnetz verloren die acht Züge ihr blaues „El-Raml“ Farbkleid und wurden scheinbar generalsaniert, denn sie machten einen nahezu neuwertigen Eindruck. Zu erkennen sind sie nach wie vor an ihren nachgerüsteten Scherenstromabnehmern und den vierstelligen Nummern. Aufgrund ihrer markanten großen Frontlampe, wurden diese Fahrzeuge von uns fortan nur noch als „Zyklopen“ bezeichnet.


Die Zyklopen 1116+1115 an der Haltestelle „El-Rasafa“. Eine der wenigen Haltestellen mit erkennbarer Infrastruktur.

Wir liefen das kurze Stück zur Depoteinfahrt hinüber und warteten auf einen Kurs der uns weiter Richtung „El-Nozha“ bringen würde.


Auch die Ganz-Mavag Doppelzüge kommen vom Depot an der Haltestelle „El-Gamla“ aus zum Einsatz. Hier startet der Zug aus 1218 und 1217 von der Blockumfahrung kommend Richtung Innenstadt.

Mit dem GT6 864 erwischten wir anschließend ein besonders edles Gefährt. Der Zustand des Innenraumes spiegelt das heruntergekommene Äußere eins zu eins wider. Der Notbremshebel war noch original dänisch, alles andere war einfach nur schrottig und mindestens einmal erfolglos instandgesetzt worden. Die Sitze waren teilweise mit Stroh ausgestopft, teils nur Holzplatten, der Bodenbelag glich einem Hindernisparkour und die Farbe an Wänden und Decken bröselte so vor sich hin. Auch der Fahrerplatz war stark vereinfacht im Vergleich zum original Düwag-Equipment. Aber wozu benötigt man auch separate Türöffner, wenn ohnehin keine Tür mehr funktioniert. Die zweite Doppeltür im ersten Wagenteil wurde konsequenterweise gleich ausgebaut, aber auch die erste Doppeltür im zweiten Teil befand sich offenbar schon seit Jahrzehnten in geschlossener Stellung. Die Spaltmaße zwischen den starren Türflügel reichten an die 5 cm heran, da die Gummidichtungen schlichtweg fehlten. Eine Düwag-Patent-Falttür im Endstadium…


Der Platz des Chauffeurs ist doch stark vereinfacht.


Der Schaffnersitz im Heck wird nur von Zeit zu Zeit besetzt, je nachdem, ob der Schaffner gerade als Pendelschaffner durch den Wagen huscht, oder sich eine kleine Pause gönnt und hinten abkassiert.

Wir sprangen eine Station vor Ende ab und machten noch eine Aufnahme unseres Wagens auf der Strecke, bevor er in die enge Schleife um ein Haus herum einbog.


GT6 864 wartet an der Haltestelle „Ezbet Saad“. Genügend Zeit für einige Fahrzeuge, sich an dem Wagen vorbeizuzwängen. Unter dem ägyptischen Kennzeichen des Ladas, klebt ein gefälschtes europäisches Nummernschild. Das ist irgendwie eine Art Volkssport unter den Taxi-Fahrern, erst ein Lada mit westeuropäisch anmutenden Nummernschild ist ein richtiger Lada. Die Fälschungen reichten dabei von sehr offensichtlich bis täuschend echt.


In der engen Häuserschleife „El-Nozha“ fristet GT6 864 ein trauriges Dasein während seiner Pause.


So bemitleidenswert kann ein Düwag dreinschauen… Gut zu erkennen ist die mit Kreide aufgemalte Liniennummer 16, auch wenn diese wohl noch vom Vortag stammen dürfte, denn die 16 fährt hier eigentlich nicht.

Wir nahmen nochmals Platz in „unserem“ Düwag und fuhren ein paar Häuserblocks zurück. Die Lichtachse stand an dieser Linie gerade sehr passend und wir hatten einige potenzielle Motive entdecken können, sodass wir nach kurzer Zeit absprangen und zu Fuß weiterliefen.


Wenige Blocks zurück ist GT6 864 auf dem Weg zurück in die Innenstadt. Das Kind wendet sich derweil verwundert um, warum zwei Europäer diesen fahrenden Schrotthaufen fotografieren. Richtig! Auch wenn man es kaum noch erkennt, das war mal ein deutsches Qualitätsprodukt! 😀

Einige Straßen weiter hatte ich auf der Hinfahrt eine erstaunlich offene und autofreie Stelle ausgemacht, die mal nicht in den tiefen Häuserschluchten lag. Dort warteten wir mit einem kleinen Snack aus einem der tausenden kleinen Kiosk’s auf den nächsten Kurs. Das müsste eigentlich der recht frisch wirkenden grüne sein, der eben in der Schleife hinter uns gewartet hat. Irgendwas sah an dem Ding komisch aus. Und tatsächlich kam der Grüne und bekam von mir sogleich den Spitznamen „Typ Mannheim“ verpasst, denn bei diesem Exemplar hatte sich die Werkstatt scheinbar etwas ganz besonderes überlegt: Die gesamte Seitenwand war umgebaut worden und mit vier großen und tieferen, anstelle der fünf kleinen Fenster ausgestattet worden. Wie beim Typ Mannheim eben…
Im zweiten Wagenteil hatte der GT6 825 sogar ein Fenster das bis zum Fußboden reichte. Der kostet bestimmt Aufpreis 😀


An einer kleinen Grünanlage hält der GT6 825 „Typ Mannheim“ und nimmt zwei Fahrgäste auf.

Wie immer ging vor der Aufnahme ein prüfender Blick über die Schulter, ob poteniell etwas davorfahren könnte. Dem war zwar nicht unmittelbar so, aber was sich da die Gerade auf uns zuschob, war schon einigermaßen seltsam: Mindestens sechs Bahnen kamen dort auf einmal gefahren – was war den jetzt wieder los?
Grundsätzlich wäre das ja nicht schlecht – wenn die alle nach hinten fahren, müssen sie auch alle zurückkommen. Allerdings beschlich uns schon eine böse Vorahnung, denn ein Korso aus sechs oder mehr Bahnen würde den Verkehr in den engen Gassen mit Sicherheit zum Zusammenbruch bringen, da die Autos und Tuk Tuk’s nicht mehr genug Raum zum Ausweichen hätten und sich so eine riesige entgegenkommende Fahrzeugtraube vor den Bahnen bilden dürfte. Das Ganze war zwar offensichtlich, schien die Ägypter aber mal wieder nicht im Geringsten zu kümmern und so kam an unserer nächsten Stelle dann mal wieder über 30 Minuten garnichts. Dafür konnten wir einem stolzen Lada-Chauffeur beim fein säuberlichen Feudeln seiner schwarz-gelben Mühle zuschauen. Die Dinger sind zwar uralt und waren schon neu technischer von vorgestern, allerdings werden sie hier mit Liebe gepflegt und auf die unterschiedlichsten Weisen individualisiert. Ein Lada ist halt immer noch besser als ein Tuk Tuk oder Fuhrwerk…
Irgendwann kam dann der Korso etwas zerstückelt zurück, unser Bild scheiterte allerdings mal wieder an einem Kind, das im letzten Moment beim Erblicken der Kamera vor die Bahn sprang. War aber auch egal, da wir den Zyklopen problemlos zu Fuß überholen konnten und an der nächsten Ecke aufnahmen.


Kinki/Sharyo 1103 und 1104 sind wieder in die engen Häuserschluchten eingetaucht und schieben sich im Schrittempo durch die Gassen.

Der Korso war problemlos zu Fuß zu begleiten und so konnten wir an der nächsten Ecke weitere Aufnahmen der folgenden Düwag’s machen. Unser Treiben blieb dabei wiedermal nicht unbemerkt und prompt wurden wir für die Retter der verfahrenen Straßensituation gehalten. Ob wir „Traffic Engineers“ seien und uns mit dem Problem der ultralangsamen Straßenbahn beschäftigen würden. Jedenfalls war das alles was der freundliche Herr im Anzug verständlich auf englisch hervorbrachte. Zu bedenken war auch, dass jetzt aus der Stadt nach dem Korso schon wieder über eine Stunde garnichts mehr kam, worauf der Anzugmann scheinbar auch hinwies. Leider konnten wir ihm auch keine Hoffnung machen, dass wir irgendetwas an dieser verfahrenen Situation würden ändern können. Vorrangig müssten hier wohl auch nicht die Straßenbahnen oder Verkehrswege geändert werden um schneller voran zu kommen, sondern erstmal die Bevölkerung mit ihrem Verständnis von Straßenverkehr… 😀


Die nächsten beiden Bahnen des Korsos folgen an der Haltestelle „Kahwet El-Askari“. Zunächst GT6 887,…


…dann folgt der erstgebaute Kopenhagener Düwag 801.

Wir sprangen mal auf den nächstbesten Düwag auf und wollten wieder Richtung Innenstadt fahren, wobei wir wiedermal mehr standen als fuhren, denn die Straßenbahn verläuft hier in einer engen Straße neben der breiten Schnellstraße. Beide Spuren wurden aber kurzerhand von entgegenkommenden Fahrzeugen in Anspruch genommen, welche dann erstmal auf eine Spur komprimiert werden wollten. Das Vergnügen endete auch unvermittelt bereits am Depot, denn unser GT6 871 beendete seine Fahrt kurz entschlossen am Depot. Wir hatten uns schon gewundert, warum der Wagen keinen Schaffner an Bord hatte, nun stellte sich nur noch die Frage, ob der Schaffner nicht mehr an Bord war, weil der Wagen ohnehin spontan einrückte, oder ob der Wagen einrückte, weil ihm sein Schaffner abhanden gekommen war – das Henne/Ei Problem eben…


GT6 871 zirkelt rückwärts ins Depot.

Wie dem auch sei, wir beobachteten das nicht ganz einfache rückwärts Einrücken in das Depot, was bei dem Pulk an Autos, das sich um jede Bahn binnen kürzester Zeit bildet, einem gewissen Hindernislauf gleich kommt. Anschließend warteten wir mal auf einen Kurs der uns weiter in die Stadt bringen würde, wobei die meisten Kurse diesen kühnen Wunsch nicht erfüllen wollten, sondern auch einrückten oder sich in der großen Blockumfahrung sammelten. Irgendwann ging es dann aber doch weiter. Die Fahrt wurde allerdings etwas unschön, denn einige Jungs hatten offenbar nichts besseres zu tun, als aus der Gegenbahn in unsere umzusteigen als sie uns erblickten und uns fortan auf die Nerven zu gehen. Als ihre eigentliche Bahn in die andere Richtung sich dann aber doch allmählich weiter entfernte, zogen sie glücklicherweise auch wieder ab und liefen ihrer Bahn hinterher, die natürlich binnen kürzester Zeit eingeholt war. Eine wahnsinns Reisegeschwindigkeit 😀
Nach einigen hundert Metern auf der „Moharram Bek“ kam unser Gefährt allerdings mal wieder in aussichtsloser Situation zum Stehen. Wir waren kurz vor dem Basar „Shohdaa“ am Hauptbahnhof und etliche Bahnen stauten sich an diesem Nadelör. Es ging also zu Fuß weiter, denn wir hatten auf der „Sherif“ hinter dem Basar ohnehin noch einige Motive offen, nachdem vorgestern hier die Hausschatten bereits zu lang waren und gestern der Verkehr vollständig kollabiert war. Zu Fuß rechts am Markt vorbei, überholten wir bestimmt sechs oder sieben Bahnen. Ungefähr alles was vorhin im Korso an uns vorbei gefahren war, durchmischt mit den hier endenden und startenden Linien. Die Wagen die wir anschließend auf der „Sherif“ aufnahmen, waren jedenfalls alles alte Bekannte aus dem großen Korso, die wir vor über einer Stunde, nur wenige Kilometer entfernt, schon einmal in die gleiche Richtung abgelichtet hatten. Da fragt man sich doch irgendwie, wie viele Umläufe so ein Wagen am Tag wohl schafft. Mehr als zwei dürften es wohl kaum sein 😀
Die anschließende Session auf der „Sherif“ war jedenfalls sehr zufriedenstellend, sodass dieser Punkt von der Liste gestrichen werden konnte. Der Verkehr war hier heute glücklicherweise nicht wie gestern zusammengebrochen – kein Wunder, heute stand ja alles auf der „Moharram Bek“ vor dem Basar herum…


Kinki/Sharyo 126 bahnt sich seinen Weg durch den dichten Verkehr auf der „Sherif“. Eine typische Alltagsszene mit den Kleinbussen rechts und links der Bahn, einem Lada-Taxi und einem mitten im Weg parkenden Pritschenwagen eines örtlichen Händlers. Der Suzuki-Kleinbus nimmt unbeeindruckt vom blockierten Zyklopen noch spontan einen Fahrgast auf.


Wenige Meter weiter offenbart sich im „Sofaviertel“ für wenige Sekunden ein freier Blick auf GT6 887. Rechts stehen die Auslagen eines der Möbelhändler auf der Straße, während ein als VW getarntes Lada-Taxi an der Bahn vorbeizieht.


Fast schon gespenstisch wirkt die Szene mit GT6 801 wenige Meter weiter kurz vor dem Abzweig zu Innenstadtschleife. Einige Kleinbusse haben wohl die Straße für einen kurzen Moment vollständig blockiert – Haben wir den 801 nicht vor bald zwei Stunden an uns vorbei ziehen lassen, warum ist er jetzt wieder hinter uns? 😀

Nun hatten wir eigentlich nur noch einen Streckenast im Stadtnetz offen: Die Strecke in den Südwesten über „El-Metras“ nach „El-Maks“. Wir schwangen uns in den nächstbesten Wagen der am Knotenpunkt „El-Amari“ nicht abbog, sondern weiter der „Sherif“ folgte und hofften, dass er nicht später auf die „Baumarktlinie“ nach „Ras El-Tin“ abzweigen würde – die kann uns gestohlen bleiben 😀
Wiedereinmal machten wir Bekanntschaft mit dem ausgesprochen freundlichen Personal der Straßenbahn von Alexandria. Schon von draußen winkte uns der Fahrer in seine Bahn, wie uns schon so viele Chauffeure zuvor in ihr Gefährt einladen wollten – das Problem war halt bisher meistens, dass wir garnicht mitwollten und wir immer froh waren, wenn wir mal dort waren, wo wir hin wollten und es dann unendlich viel Zeit kosten kann, spontan irgendwo mitzufahren…
Diesmal konnten wir die freundliche Einladung des sichtlich stolzen Fahrers allerdings annehmen und wurden sogleich persönlich per Händedruck im Düwag begrüßt. Als wir dann wenig später beim diesmal pendelnden Schaffner unsere Tickets kaufen wollten, winkte dieser ab – wir waren jetzt die Gäste des Fahrers und mussten wie selbstverständlich nicht für unsere Fahrt bezahlen.

Schade, dass diese schönen Momente der wirklich herzlichen Menschen so häufig von den nervigen „Welcome to Egypt’s“ und „Fotoprellern“ in den Schatten gestellt werden, welche versuchen mit den Touristen ihr Geschäft zu machen und auch mal recht ungehalten werden, wenn diese nicht daran interessiert sind…

Unsere Bahn bog nicht ins Baumarktviertel ab, sondern fuhr wie erhofft weiter Richtung Südwesten über eine große Brücke ins Hafenviertel. Schon kurz hinter der Brücke mussten wir die Bahn schon wieder verlassen – die Arbeit rief 😉

Am Abzweig der ehemaligen Linie 7 nach „El-Werdian“ boten sich einige Motive. Hier exisitieren noch die Reste einer Wendeanlage und auch die Trasse der Linie 7, welche eine Parallelstraße des noch heute betriebenen Astes nach „El-Metras“ befuhr, ist noch gut erkennbar.
Mal wieder war nun ungewisses warten angesagt, denn es kam erstmal garnichts mehr. Über eine halbe Stunde warteten wir hier im immer schöner werdenden Nachmittagslicht. Für unser anvisiertes Motiv war das allerdings garnicht schlecht, denn es rückte mit der Zeit immer besser ins Licht.
Irgendwann näherte sich dann tatsächlich eine Bahn, doch was war das? Eine Doppeltraktion? Wohl eher nicht, denn die Düwag’s haben gar keine Kupplungen. Der grüne 805 hatte dann auch den Trolley gesenkt und lieferte die Erklärung für die lange Betriebspause, denn er wurde von GT6 862 geschleppt. Langsam schob sich der Zug über die Kreuzung und näherte sich der Brückenrampe, doch dann beging der Faher einen kapitalen Fehler und hielt hinter der Kreuzung an der Haltestelle. Damit war mit Vortrieb erstmal Ende. Beim Drehen der Kurbel auf „Fahrt“ bewegte sich die Fuhre zwar, allerdings in die flasche Richtung und rollte langsam rückwärts auf die stark befahrene Kreuzung zurück, was in einem noch größeren Hupkonzert resultierte, als hier ohnehin schon Normalität ist. Schnell die Bremse gezogen und der Konvoi kam halb auf der Kreuzung zum stehen und der erboßte Verkehr suchte sich seinen Weg um das Heck des 805. Was tun? Erstmal garnichts war die Antwort der Crew – abwarten und Tee trinken…
Nach fünf Minuten kam dann in der Ferne die Lösung um die Ecke gefahren: Der nächste Kurs aus „El-Metras“ in Gestalt von GT6 887, womit wir beim wiedermal seltsamen Titel diese Teils angekommen wären:
Nach kurzer Beratung mit 887, kehrte auch die Mannschaft des ziehenden 862 in ihre Tram zurück und begann den Versuch des Vortriebes. Der mitten auf der Kreuzung wenige Meter hinter der Fuhre stehende 887 legte daraufhin ebenfalls den Vorwärtsgang ein und rammte dem defekten 805 ins Heck. Kuppelstange – wofür braucht man sowas? Das wackelige Konstrukt das zwischen den ersten beiden Fahrzeugen des Dreiergespanns als Kuppelstange diente, hätte bei Schubkräften ohnehin nicht weitergeholfen…
Also zog der führende 862 mit druchdrehendem dritten Drehgestell an und 887 schob Stoßstange auf Stoßstange mit 805 von hinten. Mit vereinten Kräften gelang es, den 18-achsigen Schrotthaufen die Brücke hinauf zu hiefen.
Selbstredend geschah als dies mit Fahrgästen in den nicht defekten Wagen und einem wie immer unglaublich entspannten Fahrpersonal…


Screenshot aus dem Video der Abschleppaktion: 887 schiebt 805 im Schrittempo, Stoßstange auf Stoßstange die Brücke hinauf. Der Fahrer wirkt trotz der ungewöhnlichen Abschleppaktion tiefenentspannt.


Geschafft: Der Düwag-Dreiwagenzug aus 862, 805 und 887 hat die gröbste Steigung der Brückenrampe bezwungen.

Während der ganzen Aktion war unser Motiv nun auch allmählich ganz gut ins Licht gerückt, sodass der nachfolgende Kurs hier nochmal verarbeitet wurde. Zuvor wurde hinter der nächsten Ecke im „LKW-Viertel“ noch ein Kurs Richtung „El-Metras“ aufgenommen.


Der eigentliche Grund warum wir hier an der Brücke standen, war das Motiv an der Haltestelle „El-Tarikh Bridge“, mit einer Moschee im Hintergrund. Auf den Dreiwagenzug folgt GT6 865.


Wenige Meter weiter gelang im schönen Nachmittagslicht eine Aufnahme von GT6 831 Richtung „El-Metras“ im „LWK-Viertel“.

Mit dem nächsten Kurs stadtauswärts fuhren wir weiter Richtung „El-Metras“. Hinter der „LKW-Ecke“ verändert die Strecke ihr Gesicht allerdings grundlegend. Anders als sonst, verfügt die Tram hier über einen eigenen Bahnkörper, allerdings stets von einer brusthohen Betonmauer umgeben, sodass vernünftige Aufnahmen kaum möglich sind. Darüber hinaus war die Strecke auch schon wieder in den langen Hochhausschatten, der wiedermal ungewohnt schnell sinkenden Sonne versunken. Es ging also ohne Fotohalt bis zur Zwischenschleife „El-Metras“ wo die Mehrzahl der Kurse endet. Die Gegend wirkte bitterarm und überall liefen Kleinkinder herum, die kaum das Nötigste zum anziehen hatten und versuchten irgendwelches Zeug für wenige Piaster unter die Leute zu bringen. Nach einem schnellen Bild verschwanden wir umgehend wieder in der nächsten Bahn in Richtung Stadt. Die restliche Strecke nach „El-Maks“, würde für uns damit ein ungelüftetes Geheimnis bleiben, allerdings machte es angesichts der Lichtsituation und der fortgeschrittenen Zeit einfach keinen Sinn mehr weiter zu fahren. Zumal es auch wieder ein Rätsel war, wann hier überhaupt der nächste Kurs fahren würde und noch viel wichtiger, wann wir aus „El-Maks“ wieder zurückkämen.


Kurz vor der Zwischenschleife „El-Metras“ hat GT6 873 seine Fahrgäste entlassen und wendet anschließend für die Rückfahrt in die Innenstadt.

Nach kurzer Zeit bekam unser gut besetzter Düwag auch einen Fahrer und die Fahrt zurück konnte beginnen. Nach wenigen Metern ertönte allerdings ein lautes Poltern und der Wagen kam langsam zum Stehen. Der Trolley hatte einen anderen Weg gefunden als der Wagen, aber das ist hier keine Seltenheit und routiniert hängte der Schaffner aus dem Fenster lehnend die Stange wieder ein. Es konnte also weitergehen, wäre da nicht der Fahrer schon wieder verschwunden. Der hatte die Gunst der Stunde genutzt und die unvorhergesehene Unterbrechung auf freier Strecke spontan für einen Einkauf im nahen Krämerladen genutzt. Nach einigen Minuten kam er aber glücklicherweise zurück und brachte uns durch das nachmittägliche Verkehrschaos zurück in die Innenstadt.
Wir blieben dem Wagen bis „El-Amari“ treu und schlenderten anschließend ein weiteres mal die „Sherif“ entlang der KFZ-Schrauber – die verbogene Vorderachse und mein Auspuffendrohr waren noch immer auf Lager – und den Sofahändlern zum Basar „El-Shohdaa“. Dort wollten wir noch einmal den Versuch einiger Aufnahmen in dem engen Gewimmel zwischen Marktständen und Kleiderboutiquen starten. Stressfreier als vorgestern wurde es indes nicht, die Rufe und Blicke verfolgten uns auf Schritt und Tritt und warfen sich von Zeit zu Zeit auch in unser Bild. Da wir uns aber in der Ablehung der Bezahlung ungewollter Dienstleitung ohne Worte einig waren, konnte sich keiner der aufdringlichen Lungerer ein Zubrot mit unserer Anwesenheit verdienen. Einmal angefangen, irgendwem ein paar Piaster in die Hand zu drücken, würde man erst recht zur „Beute“ werden… Auch wenn der Aufenthalt im Markt selbst nicht unbedingt der große Spaß war, die Aufnahmen dieser völlig fremden Welt bei einbrechender Dunkelheit, waren nochmal das i-Tüpfelchen der rundum zufriedenstellenden Fotoausbeute des heutigen Tages!


GT6 865 erreicht nach den Lebensmittelständen die Kleidungsecke. Geradeaus geht es für 865 weiter in die Schleife zur Rückfahrt in westliche Richtung, rechts führt die zweigleisige Strecke durch den Markt weiter.


865 hat die gerade Strecke in die Schleife genommen und wendet nun um die „Lokalecke“ zur Rückfahrt über die „Sherif“.


Der frisch generalsanierte 820 ist einer der durchgehenden Kurse und durchmisst den Markt auf ganzer Länge. In der „Bekleidungsecke“ ist etwas weniger los, als in den wimmeligen Gängen der „Lebensmittelabteilung“. Selbst hier setzt noch ein Isuzu zu einem aussichtslosen Überholvorgang an und wird sich am Ende wohl doch wieder hinter dem Düwag einreihen müssen.

Was für ein Tag! Außer der morgendlichen Pleite an der Innenstadtstrecke der Linie 10, waren wir vollauf zufrieden. Abgesehen von den üblichen Betriebspausen hatte alles wunderbar geklappt und wir kannten nun bis auf die letzten Kilometer nach „El-Maks“ das gesamte Stadtnetz. Ein Fazit konnten wir nach zweieinhalb Tagen auch schon mal ziehen: Man sollte sehr viel Zeit mitnehmen, denn mehr als zwei Streckenäste sind aufgrund der vielen Unwegbarkeiten an einem Tag kaum zu schaffen. Unvergleichbar mit dem, was man hierzulande für eine Streckenerkundung an Zeit einplanen würde…
Wir schlugen den üblichen Weg am Bahnhof vorbei hinunter zur Promenade ein. Heute wollten wir für’s Abendessen aber nochmal was anderes ausprobieren. Es ging daher in das Restaurant mit Pâtisserie, wo wir gestern bereits einen vorzüglichen Cheesecake mit Café eingenommen hatten. Das Restaurant, unmittelbar neben dem Ende der „El-Raml“-Tram am „Saad Zaghlol Square“ mit der großen „Sa’ad Zaghloul Statue“, ist schon eine der besten Adressen der Stadt. Mit unseren vom ägyptischen Alltag etwas zerlumpten Klamotten – ich hatte auch wiedermal nur die ollsten Sachen für so einen „Hartcore-Trip“ geopfert – wären wir bei uns niemals in ein derart gehobenes Restaurant hinein gekommen, davon abgesehen, das ich es auch garnicht wollen würde. Aber wir wurden natürlich direkt als Europäer erkannt und damit bestand an unserer Liquidität für das angestrebte Dreigängemenü kein Zweifel und wir wurden direkt zu Tisch gebeten 😉 Das Essen aus in Blätterteig gebackenem Käse als Vorspeise, gegrilltem Hähnchen auf Pilzcremesoße mit Reis und lecker gewürztem Gemüse als Hauptspeise und einem großem Cappuccino zur Verdauung als Nachspeise, war vorzüglich und an diesen frisch gepressten Orangensaft anstelle eines pilsbierhaltigen Erfrischungsgetränkes, könnte man sich fast gewöhnen. So, wer hat jetzt keinen Hunger? 😀 Das wir am Ende umgerechnet kaum 15 Euro pro Person gelöhnt haben – für 99,9% der Ägypter wahrscheinlich schon eine enorme Summe für ein Abendessen – zeigt das Preisnivaeu und die vorherrschenden, ärmlichen Verhältnisse in Einem.

Mit dem Stadtnetz haben wir jetzt soweit abgeschlossen. Bis morgen Nachmittag der Zug zurück nach Kairo geht, wollen wir uns noch einmal einige Stunden intensiv mit der „El-Raml“-Tram auseinandersetzen und die noch fehlenden Meter bereisen. Aber davon mehr im nächsten Teil „Welcome to Egypt“.

2 thoughts on “Welcome to Egypt IV – Dreifach Düwag hält besser”

  1. Erneut wunderschöne und absolut ähnelnde Eindrücke! Wir scheinen wohl doch gemeinsam unterwegs gewesen zu sein, wenn da nicht gewisse Unterschiede bei den Fahrzeugen festzustellen wären. 😉
    Die Erinnerung an das Spiel „Frogger“ kam uns nach dem ersten „überlebten“ Level bei dieser Straße auch, fortan hieß sie dann auch Frogger-Autobahn.

    Auf der Innenstadtblockumfahrung ist uns nach einigen Tagen in aller Frühe ein Kurs aufgefallen, der die Strecke befahren haben muss (es kamen mehr zurück, als wir hinfahren sahen). Genau 24 Stunden später konnten wir dann die Ausfahrt auf den St. Catherine Square dokumentieren. Überhaupt haben wir schnell gelernt, bei verpassten Chancen einfach 24 Stunden später an selber Stelle zu stehen, es kam immer zur selben Zeit wieder ein Wagen.
    Neben dem wirklich kuriosen 825 fällt mir auch der GT6 801 auf, der 1:1 im Zustand vom Frühjahr 2017 unterwegs ist, in welchem nun wohl trotzdem dank grünem Neulack der doppelte Fahrpreis verlangt wird. Auch ein Kuriosum ist der Wagen 820, der weiter gelb (und mit grauem Streifen) unterwegs ist, aber sonst alle Merkmale eines „Grünen“ trägt.
    In El Metras war es wirklich aufgrund der vielen Kinder schwierig, länger auf einen Wagen zu warten. Deutlich ruhiger, aber dennoch nicht weniger ärmlich war es einige hundert Meter auf dem Außenast, wo sich nach einer guten Stunde Wartezeit auch mal ein Wagen zeigte. Bis ganz zum Ende haben wir es leider auch nicht geschafft. Bis Ende der 1990er Jahre ging es noch etwas weiter am Ufer entlang, das muss eine der schönsten Strecken der Stadt gewesen sein. In einer Ausgabe des Straßenbahn Magazins aus diesen Zeiten finden sich Aufnahmen davon.

    Grüße
    Frederik

    1. Moin Frederik!

      Beim 801 stellt sich auch die Frage, wie es da überhaupt möglich war, auf dem porösen Untergrund noch neue Farbe aufzubringen 😀
      Bei der Preisgestaltung konnten wir allerdings im Stadtnetz kein System mehr erkennen. Eigentlich haben wir meistens 0,5 Pfund für die Fahrt bezahlt, mit den Farben der Wagen schien das jedenfalls nicht mehr übereingestimmt zu haben. Es waren schließlich, wie du erkannt hast, einige Wagen unterwegs, die von ihrem Zustand her der Farbe und damit dem Fahrpreis nicht gerecht geworden wären.
      Mit der Innenstadschleife war das wie beschrieben so eine Sache, am Tag zuvor kamen um die Mittagszeit plötzlich ganz viele Wagen auf einmal. Im Großen und Ganzen ist der Betriebsablauf einfach ein undurchschaubares Chaos 😀
      In El-Metras haben wir uns tatsächlich sehr unwohl gefühlt, das war einer der Momente, wo wir einfach nur schnell wieder weg wollten…

      Gruß
      Tobias

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