Welcome to Egypt V – Mit der Raml-Tram zum Luxustempel

Ein halber Tag bleibt uns in Alexandria noch Zeit, bevor wir am Nachmittag den Zug nach Kairo nehmen wollen. Bis dahin sollen noch die letzten Meter der „El-Raml“-Tram erkundet werden.

Zunächst wie gewohnt der Linienplan von Alexandria:

Die drei blau gefärbten Linien gehören zur „El-Raml“-Tram, welche immer unweit der Küstenlinie verläuft und hier die etwas besser gestellten Viertel der Stadt auf eigenem Bahnkörper bedient. Die grünen Strecken gehören zum Stadtnetz, welches größtenteils im normalen Straßenraum verläuft und auch viele der extrem ärmlichen Viertel der Stadt bedient. Auf die einzelnen Linienverläufe der zahlreichen Linien, welche teilweise aber nur sehr selten bedient werden, habe ich im Stadtnetz verzichtet und nur die Endstellen der Linien hervorgehoben.

Mittwoch, 27. März 2019 I

Ein letztes Mal kamen wir heute morgen in den Genuss des umfangreichen Frühstück im „Le Metropole“. Auch wenn einige Dinge, wie üblich in diesem Land, für unsere Mägen mit Vorsicht zu genießen waren und wir im Zweifelsfall lieber Vorsicht walten ließen, würden wir uns in Kairo doch noch nach dem im Großen und Ganzen doch ordentlichen Frühstück hier zurücksehnen.

Der Checkout funktionierte recht reibungslos, nachdem ein Araber mit seiner voll verschleierten Begleitperson doch irgendwann sein Anliegen an der Rezeption abgeschlossen hatte. Die Koffer durften derweil noch etwas länger im „Le Metropole“ verweilen, während wir uns noch einen halben Tag eine letzte Dröhnung „Alexandria“ geben wollten.
Warum wir uns die restliche „El-Raml“-Tram für die letzten Stunden in Alexandria ausgesucht hatten? Nun, dies hatte einen recht pragmatischen Grund, ist doch im Stadtnetz, wie wir gelernt haben, stets mit Verkehrszusammenbrüchen zu rechnen – eher ungünstig, wenn wir dann kurz vor Abfahrt des Zuges irgendwo stranden sollten. Bei den „El-Raml“-Linien waren uns derart ausgeprägte Betriebslücken dagegen noch nicht untergekommen. Hinter der „10-Minuten-Kreuzung“ lief das Ganze, wenn auch langsam, doch irgendwie zuverlässig.


Aus der Tür des „Le Metropole“ getreten, nutzten wir zunächst noch die Gunst der Stunde und lichteten einen abfahrenden Ganz-MAVAG auf der 15 ab. Die Triebwagen 1212 und 1211 verlassen die Ramleh Station.


Völlig unverhofft, gelang wenige Meter weiter auf der Kreuzung eine weitere autofreie Aufnahme des Gespanns, wie es sich nach der Pause in der Endstation, in den noch recht moderaten Verkehr einreiht – die meisten Ägypter sind halt noch nicht wach um diese Zeit.

Nach den unverhofften „Bonusaufnahmen“ in der Ramleh Station, enterten wir den nächsten Kinki/Sharyo-Dreiwagenzug – diesmal die Billigstvariante mit Plastiksitzen für 0,5 Pfund – und fuhren mal die Strecke hinauf. Besonders standen natürlich noch die Einrichter auf den Linien 5/6 auf unserem Zettel. Eine geeignete „Türseitenstelle“ beim aktuellen Sonnenstand zu finden, stellte sich allerdings als nicht so einfach heraus. Da die Strecke fast schnurgeradeaus hinter der ersten Häuserreihe der Promenade entlang läuft, boten sich nur die Auszweigungen der zwei größeren Umfahrungen und die Endstation der Linie 5/6 in „San Stefano“ am Ende der zweiten Linienaufweitung an.
Auf der gesamten Fahrt kamen uns neben dem gelben Tatra-Juk auch zahlreiche Düwag’s entgegen, sodass diese demnächst hinter uns her kommen sollten. Am Abzweig der zweiten Aufweitung warteten wir auf den Tatra-Juk. Tatsächlich folgte uns der Erstling alsbald, wurde aber überraschend von einem Wolkenschaden heimgesucht – das waren wir so jetzt gar nicht mehr gewohnt. Kurz zuvor war aber noch eine Aufnahme eines Dreiwagenzuges gelungen.


Der Kinki/Sharyo-Dreiwagenzug aus 163+162+161 trifft als Linie 2 in „Isis (Bokla)“ wieder auf die landeinwärts verlaufende Linie 1. Die Linie 5/6 verläuft in dieser zweiten Aufweitung wiederum stadtauswärts meerseitig und stadteinwärts landseitig und nutzt die Linientrennung auf diese Weise als große Endschleife.

Nachdem die geplante Aufnahme vom Tatra-Juk krachend gescheitert war, eilten wir dem Wagen in die Station hinterher und stiegen kurzentschlossen ein. Ein völliger Kulturschock prallte daraufhin auf uns ein: Modernes Interieur, Vollklimatisierung, funktionierende Türen und gediegene Musik empfangen die Fahrgäste. Während der Fahrt konnte tatsächlich das von modernen Fahrzeugen gewohnte Summen und Singen der Elektronik vernommen werden – ein Geräusch, das bei dem allgegenwärtigen Jaulen der Fahrmotoren und dem Klappern und Scheppern von Wagenkästen, Türen und Fahrgestellen, schon in Vergessenheit geraten war. Lange dauerte die Fahrt leider nicht, denn die Endstation „San Stefano“ war nicht weit. Für die Fahrt löhnten wir dafür satte 5 Pfund, mal eben das Zehnfache des Normalpreises und umgerechnet ganze 25 Cent. Dafür konnten wir den Wagen dann aber an der Endstation der Linie 5/6 in „San Stefano“ doch noch einmal bei Sonne von der Türseite ablichten.
San Stefano wird von einem gigantischen Luxustempel geprägt, dem „San Stefano Grand Plaza“. In den unteren Etagen befindet sich die riesige „San Stefano Mall“, ein Einkaufstempel nach westlichem Vorbild, in dem all die gut bekannten westlichen Marken, vom Sportartikel bis zum Präzisionchronometer, ihre Stores haben. Im restlichen Komplex befinden sich Hotelanlage mit allem Komfort und unzähligen Luxusapartments. Der ganze Palast stellt eine absolute Parallelwelt zu den eigentlichen Lebensumständen in dieser Stadt dar und sowohl die Umgebung, als auch der Zugang, werden gut bewacht.

Zur Verdeutlichung der Dimensionen des „San Stefano Grand Plaza“ zunächst dieses ungewöhnliche, aus mehreren Aufnahmen zusammengesetzte Bild, mit Tatra-Juk 701 an der Endstation der Linie 5/6. Vorn im Bild verlaufen die Gleise der Linie 1, hinter dem Wagen die der Linie 2, welche sich hier wieder zu einem Linienbündel bis zu Endstation „El-Nasr“ vereinen.


Der Zug aus 140+141+142 hält am Bahnsteig der Linie 2 vor der „San Stefano Mall“.


Der Doppeldecker des Gespanns 209+210+211 begegnet als Linie 1 dem Tatra-Juk in „San Stefano“.

Wir eilten dem 701 einige Meter voraus, um noch eine weitere Aufnahme nach dem Verlassen von San Stefano anzufertigen. Anschließend arbeiteten wir uns weiter an der Linie 1 herunter, um die nachfolgenden Düwag-Kurse abzulichten. Sofort merkte man der Umgebung rund um die landseitige Linie 1 an, dass mit größer werdender Distanz zur Touristengegend an der Promenade, die Lebensverhältnisse wieder rapide schlechter wurden und teilweise an jene an den Stadtlinien heranreichten. Vor einem kleinen Laden an der übernächsten Station warteten wir auf den nächsten Düwag. Während des Wartens blieb genügend Zeit, die Verwertungkette des örtlichen Fleischgewerbes etwas genauer in Augenschein zu nehmen: In einem kleinen Etagenkäfig direkt an der Straße fristeten einige Hühner, die so gerade noch zu leben schienen, ein äußerst trauriges Dasein, während im Hauseingang hinter ihnen ihre Artgenossen gerade in verkaufsgerechte Portionen zerteilt wurden. Wenige Schritte weiter befand sich auch schon ein kleiner Eckladen, der das Hühnchen über dem Feuer in unterschiedlichsten Zubereitungsvarianten feil bot – das sind mal kurze Wege…


Der Tatra-Juk 701 ist zu einer weiteren Runde aufgebrochen. Das gigantische „San Stefano Grand Plaza“ überragt die Szenerie.


Das Gespann aus 104+105+106 bahnt sich einen Weg durch das Gewusel hinter der Station „Shots“.


Wenig später folgt an der Station „Shots“ der rote GT6 854.

Immer übler wurde die Gegend jetzt. Vor dem nächsten Bild muss ich eigentlich eine Warnung vorwegschicken: Teile der Aufnahme können enorm abschreckend wirken! Zwischen Bergen aus Müll stand an ein ausgebranntes Autowrack, ein mehr als bedauernswertes Pferd angebunden, das nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen schien und suchte im Müll nach den letzten Resten Grünzeug, die ihm hingeworfen worden waren. Bevor wir länger darüber nachdenken konnten, ob wir diese abschreckende aber zugleich auch die Realität vielerorts wiederspiegelnde Szenerie ablichten sollten, kam von hinten ein Zug der Linie 1 angerumpelt und nahm uns die Entscheidung ab. Länger verweilt hätten wir hier sonst aber sicher nicht…


Kaum zu glauben, dass ein Pferd so schmal sein kann. Die Knochen zeichneten sich deutlich unter der Haut ab, als von hinten der Zug aus 176+177+178 vorbei grumpelt kam. Eine äußerst abschreckende Szene, die zur Lebensrealität aber dazugehört.


Auch aus der Gegenrichtung kommt wenige Meter weiter schon der nächste Zug an der Hauswand entlang gefahren.

Wir näherten uns jetzt der nächsten Station und hier war schon wieder ein kleiner Basar. Durch die üblichen Obst- und Gemüseauslagen, schlugen wir uns zum Bahnsteig durch, nicht aber, ohne auch an der Fisch- und Fleischabteilung vorbeizukommen. Schon am Vormittag war der Geruch der ungekühlten tierischen Produkte mehr als unangenehm. Einer der miefigen Fischstände hatte sich auch ausgerechnet direkt mit dem Rücken zum Bahnsteig aufgestellt, sodass das Stationsdach von einer Wolke aus Gestank eingenebelt war. Wir zogen es daher vor, einige Meter abseits des Fisches zu warten und schon kam auch der nächste Düwag durch. Was dem Düwag folgte war indes viel interessanter: Ein Bauzug, bestehend aus einem geschobenen Flachwagen und einem noch recht modern wirkendem Gütertriebwagen – woraus der wohl zusammengeschustert wurde?


Durch Fischgestank erreicht GT6 893 die Station „Abu Shabana“.


Kurz darauf folgt ein Bauzug mit dem Gütertriebwagen RT 250 M.

Die letzen Meter der Strecke nach „El-Nasr“ wollten wir jetzt aber auch noch kurz anschauen und nahmen daher den nächsten Kurs der Linie 1 stadtauswärts. Das letzte Streckenstück war allerdings recht unspektakulär und unterschied sich nicht wesentlich vom Rest der Strecke, sodass nur kurz ein Bild vom Ende des Bahnsteiges entstand, bevor es mit dem nächsten Zug zurück ging.


Der Zug aus 161+162+163 verlässt die Endstation „El Nasr“.

Eigentlich hatten wir unser Programm jetzt durch, der imaginäre Zettel war abgearbeitet. Eine gute Stunde blieb aber noch Zeit, bevor wir den Weg zum Hotel und anschließend zum Bahnhof antreten mussten. Zufällig hatten wir bei Maps entdeckt, das in der San Stefano Mall ein uns bestens bekanntes Symbol auftauchte. Die britische Kaffeehauskette Costa, welche uns nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auch in Polen und anderen Ländern schon so manche eine Regenstunde hat aussitzen lassen. Mit Regen war jetzt zwar nicht unmittelbar zu rechnen, aber so ein Eimer Cappuccino mit einem schönen Stück Torte in international standardisierter Qualität – ja, das wäre doch was. Also hinein in den Einkaufstempel. Als Europäer war es mal wieder kein Problem die Mall zu betreten und die obligatorische Durchleuchtung verlief eher hablherzig. Plötzlich befanden wir uns in einem Paralleluniversum: Alles war sauber, keine unangenehmen Gerüche umschwirrten die Nase, überall bekannte Marken, sogar ein richtiges Lebensmittelgeschäft, wie man es bei uns an jeder Ecke findet, gab es hier. Die Besucher der Mall waren gut gekleidet und gehörten ausnahmslos der Upper Society Ägyptens an oder waren ausländische Touristen.
Wir waren aber nicht zum Shoppen hier und suchten zielstrebig den Costa auf. Das man dort platziert und am Tisch bedient wird, gibt es allerdings nicht mal im Original in England…

Für ägytische Verhältnisse ließen wir wohl ein Vermögen im einzigen Costa von Alexandria, umgerechnet lag der Preis allerdings immer noch deutlich unter dem in England üblichen Niveau. Ein Blick auf die Uhr mahnte dann aber doch so langsam zum Aufbruch und so verließen wir die Mall und traten wieder in die Realität hinaus. Sogleich schob sich auch schon ein Doppeldecker auf die Station zu, beim Zücken der Kamera wurde allerdings einer der Wachmänner des „San Stefano“ auf uns aufmerksam und das übliche „no picture“ war zu vernehmen. Wir gestikulierten allerdings mit den Aufnahmegeräten zum nahenden Doppeldecker, womit sich er sich scheinbar zufrieden gab und die beiden seltsamen Vögel nicht weiter beachtete, die nach Ägypten reisten um abgerockte Straßenbahnen zu fotografieren.
Anschließend nahmen wir auch gleich den Doppeldeckerkurs. Eine Mitfahrt im Oberdeck war allerdings nicht möglich, da die Doppeldeckersteuerwagen stadteinwärts immer die führende Wagen sind und damit für Frauen vorbehalten.


GT6 867 wartet an der Endstation der Linie 5/6 in „San Stefano“.


Der Doppeldeckerkurs, bestehend aus 209+210+211, zweigt in „San Stefano“ auf die Strecke der Linie 1 ab.

Ein bisschen Zeit blieb aber eigentlich noch und so sprangen wir unterwegs an der Station „El-Wazarah“, unmittelbar vor der Wiedervereinigung der Linien noch einmal aus dem Zug. Für einen kurzen Abschnitt lichtet sich die enge Hochausschlucht und mündet in eine weitere Hochhausschlucht, sodass es mal etwas anders aussah als sonst.
Was nun aber abging bzw. eben nicht abging, brachte uns mit fortschreitender Zeit allmählich ins Grübeln. Es kam nichts mehr! Hatte ich vorhin nicht darauf hingewiesen, dass uns bei den „El-Raml“-Linien keine wesentlichen Betriebsunterbrechungen untergekommen waren? Waren sie auch nicht – bis jetzt, wo es darauf ankam. Als die Zeit wirklich langsam knapp wurde, wollten wir schon bis zur Wiedervereinigung der beiden Linien zu Fuß laufen, um auf die Linie 2 zu hoffen, doch gerade als wir uns in Bewegung setzten, kam nach fast einer halben Stunde doch der nächste Kurs der Linie 1.


Gerade noch rechtzeitig kommt an der Station „El-Wazarah“ der nächste Kurs der Linie 1 in Gestalt von 104+105+106.

Der Zug machte tatsächlich mal ordentlich Fahrt und erreichte auch die „10-Minuten-Kreuzung“ in einem günstigen Moment, sodass er nicht lange auf die Freigabe warten musste. In der Ramleh-Station blieb sogar noch kurz Zeit für ein weiteres Bild unseres Zuges, den wir bereits an der Düwagschleife verlassen hatten und vorweg gegangen waren.


Abschiedsbild in Alexandria: Der Kinki/Sharyo-Dreiwagenzug aus 104+105+106 erreicht die Ramleh-Station.

Zügig wurden die Koffer aus dem Hotel geholt und die noch fast 20 Minuten bis zur Abfahrt reichten massig, um den Zug nach Kairo noch ohne Laufen zu erreichen. Ein letztes Mal zogen wir von der Promenade zum Bahnhof hinüber, wühlten uns durch die üblichen Verkehrs- und Menschenmassen, vobei an den fliegenden Händlern und „Taxi Taxi’s“, hinein in den Bahnhof, bestiegen unseren Wagen ganz am Ende des Bahnsteiges und verabschiedeten uns von Alexandria.
Vier anstrengende, aber auch erlebnisreiche uns erfolgreiche Tage Alexandria lagen hinter uns, alles weitere war jetzt eigentlich nur noch Bonus…

Im nächsten Teil geht es dann mit der Bahn zurück nach Kairo, wo dann noch zwei Tage Touristenprogramm anliegen, wobei wir doch teilweise recht weit von den üblichen Touristenpfaden abkommen sollten. Auch den letzten Resten der Kairoer Straßenbahn wollen wir noch einen Besuch abstatten.

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