Welcome to Egypt VI – Mit der ägyptischen Eisenbahn zurück nach Kairo

Nach dem Abschied von der Straßenbahn in Alexandria, geht es jetzt mit der Bahn zurück nach Kario.

Mittwoch 27. März 2019 II

Wir haben unsere Koffer im Hotel abgeholt und sitzen nun im Premiumzug zurück nach Kario. In den breiten Sesseln der 2+1 Bestuhlung der ersten Klasse ließ es sich bequem aushalten und pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung. Im städtischen Kopfbahnhof „Masr Station“ war der Zug noch nicht wirklich voll. Dies änderte sich allerdings beim ersten und letzten Zwischenhalt im Bahnhof „Sidi Gaber“. Hier werden all die Touristen aus den Strandhotels abgeholt und unser Wagen füllt sich bis nahezu auf den letzten Platz. Eigentlich hätten wir hier von der „Raml“-Tram direkt in den Zug umsteigen können, aber wir mussten ja noch unsere Koffer abholten.
Das Angebot eines Mittagessens lehnten wir dankend ab und langsam schlich der Zug aus der Häuserwüste der zweitgrößten Stadt Ägyptens. Da ich diesmal den Gangplatz inne hatte, konnte ich die Fahrt im schönen Nachmittagslicht ganz entspannt genießen und überließ die Arbeit dem Sitznachbarn. Hinter „Sidi Gaber“ dreht die Strecke nach Süden und verlässt nach kurzer Zeit das Stadtgebiet, welches sich an der Küste entlangzieht. Unsere Wagenseite war optimal, da sich die Strecke nie ernsthaft dreht und wir so die ganze Fahrt über mit der Sonne aus dem Fenster schauen konnten.


Direkt nach der Ausfahrt aus der „Masr Station“ passieren wir eine der EMD-Diesel mit einem Güterzug am Haken.


Wenig später verlässt der Zug die Häuserwüste von Alexandria.


Der erste Ort an der Strecke hinter Alexandria ist „Kafr ad-Dawwar“.

Wie auf dem Hinweg wechseln sich dicht bebaute Stadtgebiete mit großen landwirtschaftlichen Nutzflächen ab. Natur gibt es hier im Nildelta nicht, jeder unbebaute Quadratmeter wird für den Ackerbau genutzt. Überall werden neue Hochhäuser in die Höhe gezogen, wirklich fertig scheinen allerdings die Wenigsten, was jedoch kein Grund ist, diese nicht schon zu bewohnen. Besonders auffällig sind die von den Flachdächern teilweise noch zehn Meter hoch in die Luft ragenden Stahlbewehrungen. Bei Bedarf kann hier mit den immer gleichen Fertigelementen einfach noch eine Etage oben drauf gebaut werden. So ragen vom Dach aus auch nicht selten fertige Betontreppen in die Luft, welche im Nichts verenden, da der Etagenbau den Treppen nicht mehr hinterher gekommen ist…

Die Fahrt ging teilweise bedenklich schnell voran, Osmand vermeldete über weite Teile der Fahrt knapp 100 km/h. Um die Fahrzeit zu halten muss der Zug allerdings grob überschlagen auch einen Schnitt von über 70 km/h schaffen. Über die zahlreichen Entgleisungen mit teils schweren Folgen bei der ägyptischen Eisenbahn, sollte man dabei besser nicht nachdenken, dass diese Zwischenfälle allerdings nicht von irgendwo kommen, wurde bei dem Gerüttel und Gepolter aber mehr als deutlich. Gerade auf den ausgeschlagenen Weichenstraßen war das vorgelegte Tempo teils abendteuerlich…


Tuk Tuk im Überlandverkehr irgendwo auf dem Land kurz vor Damanhur. Befestigte Straßen sind hier die Ausnahme, zumeist gibt es nur schmale Schotterwege entlang der Versorgungsflüsse, welche meist nur mit Fuhrwerken oder Pritschenwagen befahren werden.


Wenige Minuten später passieren wir eines der vielen kleinen Dörfer, deren Bewohner wohl annähernd zu 100% in der Landwirtschaft tätig sind. Die Feldarbeit wird zumeist mit einfachsten Mitteln wie bei uns vor 100 Jahren bewerkstelligt und bietet daher Arbeit für den Großteil der 100 Millionen Einwohner Ägyptens. Die Folgen sind unabsehbar, sollte sich dies mit dem Einzug moderner Technik ändern… Der Zug überquert einen der tausenden Seitenkanäle des Nils.

Eines der wenigen vorzeigbaren Gebäude entlang der Strecke. Wie ein Fremdkörper wirkt diese Moschee in Damanhur inmitten der trostlosen Häuserwüste. Links ist eines der abertausenden nur halbfertigen Systemhäuser zu sehen, dessen Obergeschosse noch potenziellen Ausbauplatz bereithalten.


Fast schon idyllisch wirkt die Szenerie entlang eines der Nilkanäle. Mit Natur im eigentlichen Sinne hat das hier allerdings nichts zu tun und das Eselreiten wird auch keine Kinderbelustigung sein, sondern für viele Menschen die einzige Möglichkeit der Mobilität.


Ein weiteres Dorf entlang des Kanals zwischen Damanhur und Tanta. Über viele Kilometer läuft die Bahnstrecke parallel zum Kanal.

Nach der Hälfte der Fahrt ist die Großstadt Tanta erreicht. Wir lassen uns am Platz einen schwarzen Tee servieren, bevorzugen allerdings den Einmal-Pappbecher anstelle der nicht sehr vertrauenwürdig aussehenden, milchigen Glasbecher. Auch mit dem Lipton-Tee sind wir auf der sicheren Seite, denn auch nach fünf Tagen haben wir uns noch nicht den Magen verdorben und das soll nach Möglichkeit auch die letzten drei Tage noch so bleiben. Neben dem Tee werden auch Süßigkeiten und Knabbereien in regelmäßigen Abständen durch den Wagen geschoben, bezahlt wird allerdings erst kurz vor Ankunft in Kairo. Eine ausgeklügelte Taktik, so fallen dem all zu unvorsichtigen Schleckermaul erst nach dem Konsum diverser Leckereien die für ägytische Verhältnisse horrenden Preise auf 😉


Auf halber Strecke zwischen der Streckenmitte in Tanta und Kairo wird die Großstadt Banha passiert.


Hier wird auch einer der großen Seitenarme des Nils überquert.

In Banha durchfuhren wir riesige Abstellanlangen, denn hier befndet sich ein großes Streckendreieck, in dem von der Hauptstrecke von Alexandria nach Kairo eine weitere Strecke nach Osten abzweigt. Mitten in den Abstellanlagen fallen erneut die kleinen Wellblechsiedlungen auf. Ob diese dort legal errichtet sind, darf wohl bezweifelt werden, auf jeden Fall herrscht auch hier reges Treiben.


Der Zug erreicht das große Streckendreieck in Banha. Ein abgestellter Local wartet in dem gigantischen Gleisfeld.


Ein EMD-Diesel und eine der vergleichsweise modernen EMD JT42CWR warten im Rangierfeld. Die Bewegungsunschärfe des Videos lässt die bedenklich schnelle Geschwindigkeit auf den Weichenstraßen des Bahnhofes erahnen.


In den freien Flächen zwischen den Gleisen haben sich Wellblechsiedlungen ausgedehnt. Das große Gleisfeld wird in der Regel „wild“ überquert. In den Mauern rechts und links der Bahntrasse befinden sich zu diesem Zweck immer wieder Durchschläge.


Ob auch dieser ehemalige Oberlichtwagen inzwischen als Zuhause dient?


Immer noch in Banha wird diese interessante Brückenkonstruktion passiert.

Allmählich brach hinter Banha die Dämmerung herein und wir näherten uns pünklich Kairo. Der Zug tauchte in die scheinbar unendliche Häuserwüste Kairos ein, die uns die nächsten zwei Tage gefangen halten sollte. Noch bevor wir den Zug in der „Ramsis Station“ verließen, mussten wir bereits den ersten der lästigen Kofferträger mit Nachdruck davon überzeugen, unser Gepäck dort zu lassen wo es ist. Aus dem Bahnhof heraus, tauchten wir in die Metrostation ab. Warum allerdings auch am Aufgang grüne Pfeile nach unten zeigen, blieb uns ein Rätsel. Einige freundliche Reisende wiesen uns allerdings den Weg zum scheinbar richtigen Abgang.

Die Metrostation war wieder eine Geschichte für sich: Unmittelbar vor der „Ramsis Station“ befindet sich die Metrostation „Al-Shohdaa“. Hier kreuzen sich die Linie 1 aus den 80er Jahren und die Linie 2 aus den 90er Jahren. Die unterirdischen Wege zu und zwischen den Bahnsteigen der beiden Linien sind allerdings abendteuerlich. Auf Rolltreppen wurde großzügig verzichtet, diese findet man erst bei den neueren Metrostationen. Rolltreppen würden allerdings auch kaum etwas nützen, denn die unterirdischen Gänge sind ein ständiges auf und ab: Hier noch eine Ecke mit drei Stufen eingebaut, dann nach fünf Metern wieder hoch, dann nochmal ums Eck, sechs Stufen runter, dann wieder eine lange Treppe hoch, wieder eine Ecke…
Gewöhnungsbedürftig war bei der ersten Nutzung auch die Abfertigung an der Bahnsteigen. Durch ein lautes Alarmsingal wird die Einfahrt des Zuge angekündigt, dieser wartet anschließend allerdings keinesfalls bis der Fahrgastwechsel beendet ist, sondern schließt mit einem lauten tröten aus den Türen eben diese, sobald sein Countdown am Tunneleingang abgelaufen ist. Diese Praxis macht auch durchaus Sinn, denn bei den im Minutenabstand verkehrenden Zügen, würden sich andernfalls in den Tunnelröhren Staus bilden und die Wartezeit auf den nächsten Zug ist ja durchaus verschmerzbar. Allzu defensiv sollte man sich an den Türen allerdings nicht verhalten, sonst kann sich dieses Spiel durchaus mehrere Züge lang wiederholen…

An der Station „Sadat“ am Tahrirplatz verließen wir die Metro und zogen die wenigen Meter zu unserer Absteige von der ersten Nacht hinüber.
Blieb für heute nur noch das Problem der Nahrungssuche zu lösen, allerdings waren wir auch heute auf die Schnelle nicht in der Lage, die Restaurantecke ausfindig zu machen.
Ohne Navigation wäre man in diesen Straßen zudem vollkommen aufgeschmissen – es sieht einfach überall gleich aus und bei Tag dann noch mal ganz anders als im Dunkeln. Ein scheinbar normaler Mensch wollte uns zwischenzeitlich den Weg zu einem Restaurant weißen, führte uns allerdings bei immer unglaubwürdiger werdenden Geschichten nur in seinen blöden „Pseudoantiqitätenladen“ und dachte doch tatsächlich, uns erst verarschen und dann auch noch sein Geschäft machen zu können – Nicht mit uns ihr blöden Touristenpreller…
Wir gaben uns daher schließlich mit einer der vielen KFC-Filialen zufrieden. Der Filialchef nahm sich dafür sogleich persönlich der beiden Europäer an, besser machte es den irgendwie etwas geschmacklosen Chickenburger allerdings auch nicht.

Einigermaßen erledigt nach dem Herumgeirre auf der Suche nach Essen, ging es anschließend zurück ins Hotel.

Im nächsten Teil geht es zum Abschluss der Reise zwei Tage lang durch Kairo zu den Resten der Straßenbahn, den Pyramiden und vielem mehr…

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