Welcome to Egypt VII – Zwei Tage Kairo: Von eingestellten Straßenbahnen, Pyramiden und Totenstädten

Das eigentliche Ziel dieser Reise liegt mit Alexandria nun hinter uns. Was bleibt, sind noch zwei Tage in der Hauptstadt Kairo, in denen wir die Reste der Straßenbahn besuchen wollen und ansonsten auf der Suche nach Sehenswertem kreuz und quer durch die Straßen Karios ziehen.


Donnerstag, 28. März 2019

Die vergangene Nacht als „erholsam“ zu bezeichnen wäre weit gefehlt. Die nicht mehr richtig schließende Balkontür ließ eine Geräuschkulisse ins Innere des Zimmers, als stünde man selbst mitten auf der Kreuzung vor dem Hotel. Als sich der Verkehr dann gegen ein Uhr Nachts etwas beruhigte und das wilde Hupen etwas abnahm, rückten die Straßenhunde Kario’s aus. Ob die Hunde Revierkämpfe untereinander ausmachten oder ob die wilden Streuner Nachts von Menschen gejagt werden – wir wissen es nicht und eigentlich hätte ich in der Nacht auch viel lieber geschlafen, als darüber nachzudenken. Jedenfalls setzte ein stundenlanges, infernales Gebell und Geheule ein, das erst kurz vor dem Morgengrauen allmählich verhallte. Mehr als vier Stunden Schlaf habe ich wohl nicht gefunden und zu allem Überfluss schwirrten auch noch ständig Mücken herum, die durch irgendwelche Lücken zwischen Fenstern und Wänden ins Zimmer gelangen mussten.

Das „Frühstück“ konnte die Stimmung, ob der Aussicht hier noch weitere zwei Nächte zu verweilen, auch nicht aufhellen, bestand es doch lediglich aus zwei seltsamen Gebäckstangen, zwei Eiern und einem Tee. Umso schneller konnten wir unser Etablissement verlassen und uns dem heutigen Tagesprogramm zuwenden.


Der Blick beim sogenannten „Frühstück“ reichte bis zum Ritz-Carlton am Tahrirplatz.

Unser Ziel für heute: Die Reste der Straßenbahn im Stadtteil Heliopolis aufsuchen und anschließend die obligatorische Pyramidenbesichtigung im westlich von Kairo gelegenen Gizeh.

Der Stadtteil Heliopolis liegt im Nordosten Kairos und ist eines der gehobeneren Viertel der Stadt. Hier befand sich nach unserem letzten, einigermaßen aktuellen Meldungen, die letzte Kairoer Straßenbahnlinie vom „Court Spuare“ zum großen Depot „Tivoli“. Diese von der „Heliopolis Metro“ betriebene Strecke, ist das letzte Überbleibsel des einst großen Kairoer Straßenbahnnetztes. Neben „Heliopolis Metro“, betrieb auch die „Cairo Transport Authority“ zahlreiche städtische Straßenbahnlinien, welche noch in den 90er Jahren beispielsweise die zentrumsnahe Ramsis-Station erreichten. Auch im südlichen Stadtteil Helwan existierte ab 1978 eine separate Linie, welche wohl 2012 entgültig eingestellt wurde. Noch in den späten 70er und frühen 80er Jahren wurde der gesamte Wagenpark mit verschiedene Typen des japanischen Herstellers Kinki/Sharyo und durch ägyptische Nachbauten dieser Wagentypen modernisiert. Dem schleichenden Untergang der Straßenbahn konnte dies allerdings nicht mehr entscheidend entgegenwirken, obgleich die Stadt immer mehr im Verkehrschaos versank und die Straßenbahn mit ihrem vielerorts eigenen Gleiskörper hier Abhilfe hätte leisten können.
Stattdessen opferte man die Straßenbahn dem Individualverkehr und trieb ab den 70er Jahren den Bau des ersten afrikansichen Metrosystems voran.
Noch in den 90er Jahren muss die Straßenbahn von Kairo ein ähnliches Erlebnis wie in Alexandria gewesen sein, in den letzten Jahren war das System allerdings nur noch ein Schatten seiner selbst und mit Mühen wurden einige wenige Fahrzeuge der Heliopolis Metro am Laufen gehalten, um wenigstens die letzten Meter verbliebener Strecke noch bedienen zu können.

Bereits den Berichten aus 2017 war zu entnehmen, das die letzte Linie der Heliopolis Metro, nur noch in dünnem Takt mit gerade einmal zwei Zügen bedient wurde. Große Hoffnungen, hier irgendwas in Betrieb erleben zu können, machten wir uns daher nicht. Wenn wir nun aber schonmal in Kairo waren, könnten wir wenigstens mal vorbeischauen, was denn von der Straßenbahn noch übrig ist.

Das größte Problem in Kairo ist meistens in dem Verkehrschaos irgendwie erstmal halbweg in die Nähe des geplanten Ziel’s zu gelangen. Der Stadteil Heliopolis ist glücklicherweise mit der Metro ganz gut zu erreichen. Mit der Linie 1 fuhren wir von „Sadat“ am Tahrirplatz bis zur Station „Helmiet el-Zaitoun“.


Das ägyptische Museum am Tahrirplatz. Im Gegensatz zu Alexandria gibt es in Kairo wenigstens in der Innenstadt Ampelanlagen, auch wenn die Schaltungen nicht wirklich ausgefeilt sind und ab Mittag so oder so alles im Chaos versinkt. Am Morgen ist es dagegen noch recht ruhig.


Ebenfalls am Tahrirplatz befindet sich das Zentralverwaltungsgebäude „Mogamma Building“.


Metrosymbol auf dem Tahrirplatz. Das Zeichen der Metro Kairo ist international kompatibel.

Die Linie 1 ähnelt in weiten Teilen eher einer Vorortbahn: Die Anfang der 80er Jahre von Alstom zur Eröffnung gelieferten Fahrzeuge wirken deutlich schwerer als übliche U-Bahn-Fahrzeuge und sind auch in Sachen Beschleunigung eher träge. Darüber hinaus erfolgt die Stromversorgung über Oberleitung. Außerhalb des Zentrums verläuft die Strecke in weiten Teilen oberirdisch auf ehemaligen Trassen der Eisenbahn, auch die Stationsabstände sind deutlich länger als von anderen Metrosystemen gewohnt. Neben diesen Fahrzeugen werden auf der Linie 1 seit 2015 auch neue Fahrzeuge des südkoreanischen Herstellers Hyundai Rotem eingesetzt, welche im Gegensatz zu den alten Fahrzeugen über Klimaanlagen statt Ventilatoren verfügen und in Sachen Fahreigenschaften schon eher üblichen Metrofahrzeugen ensprechen.
Gefahren wird im Zentrum fast im Minutenabstand. Die Metro ist in Kairo so etwas wie eine Oase der Normalität für Europäer. Der Großteil des Systems wurde unter der Regie französischer Firmen gebaut und entspricht abgesehen von den teils seltsamen Zugängen westlichen Standards. Nur der Ticketverkauf erfolgt noch an Schaltern, wo allerdings auch bei uns übliche Tickets mit Magnetstreifen verkauft werden. In Sachen Safety, Security, Sauberkeit und Geschwindigkeit gibt es in der Hauptstadt kein ansatzweise konkurrenzfähiges Transportmittel.

In „Helmiet el-Zaitoun“ verließen wir die Metro und liefen zu Fuß die rund zwei Kilometer zum Court Square hinüber. Bis auf in die Richtung aus der wir kamen, starteten hier in alle drei Richtungen der Kreuzung Straßenbahngleise auf separaten Gleiskörpern in Straßenmitte. Ein Fahrzeug war allerdings nicht zu sehen und der Zustand der Gleise deutete auch nicht darauf hin, das hier in den vergangenen Monaten irgendetwas gefahren ist. Auch der letzte Rest der Straßenbahn von Kairo ist also Geschichte!


Aus und vorbei: Die Straßenbahn von Kairo ist Geschichte. Von dieser Haltestelle am Court Square startete die letzte Linie der „Heliopolis Metro“ Richtung „Tivoli“. Sowohl nach rechts, als auch nach links führen am „Court Square“ im Hintergrund vergleichbare Trassen mit noch vorhandenen Gleisen und Fahrleitungen durch den Stadtteil Heliopolis.

Wo wir nun aber schonmal hier waren, wollten wir wenigstens die gerade einmal drei Kilometer lange, bis zuletzt betriebene Strecke zum Depot „Tivoli“ ablaufen – vielleicht gab es ja irgendwo was Interessantes zu sehen. Bereits nach etwa 200 Metern zweigte die nächste stillgelegte Strecke aus. Auch hier das gleiche Bild: Sowohl Fahrleitung als auch Schienen sind noch vorhanden und auch die Trasse ist baulich freigehalten. Selbst die Grünanlagen rund um die in Straßenmitte verlaufenden Strecken, werden im reichen Heliopolis noch gepfelgt. Alles wirkt irgendwie wie in einen Dornrösschenschlaf gefallen, nur das es wohl nie wieder erwachen wird…


Das Umfeld der Straßenbahnstrecke wirkte nahezu aufgeräumt und einladend. Sogar Grünpfleger gingen in den Rabatten rund um die Trasse ihrer Arbeit nach. Hinter uns zweigt schon die nächste stillgelegte Strecke aus.

Im Depot Tivoli waren durch einige Löcher im Tor noch zahlreiche, optisch ganz gut aussehende Fahrzeuge zu erkennen – jedenfalls verglichen mit dem Zustand der Fahrzeuge in Alexandria. Auch war das Betriebsgelände noch durchaus belebt, überall standen gelangweilte Leute herum und taten garnichts oder bewachten das Depotgelände. Es machte fast den Anschein, als seien noch nicht alle Verträge der ehemaligen Personale ausgelaufen, da aber die Straßenbahn eingestellt wurde, müssen diese nun täglich ihre Zeit im Depot absitzen…


Die ehemalige Haupteinfahrt ins Depot „Tivoli“. In einem weniger einsehbaren Bereich des Depots standen noch zahlreiche Fahrzeuge herum.

Das Thema „Straßenbahn Kairo“ hatte sich damit bereits gegen Mittag erledigt. Was also jetzt mit der gewonnenen Zeit anstellen?
Wie bereits angeklungen, ist Heliopolis eines der wohlhabeneren Viertel Kairos. Direkt neben dem Straßenbahndepot befindet sich der „Tivoli Dome“, eine der abgeschotteten Luxusoasen für die High Society der Stadt. Was lag also näher, als sich nach dem mehr als dürftigen Frühstück und dem kilometerlangen Herumgerenne am Vormittag, erstmal bei Café und Snack eine kleine Auszeit zu gönnen? Am gut bewachten Eingang in die Oase wurden wir direkt wieder als europäische Touristen entlarvt und nach dem üblichen Metalldetektor und einem prüfenden Blick in die Kameratasche, stand uns die Luxuswelt westlichen Standards offen. Den obligatorischen Starbucks ließen wir wie gewohnt links liegen – ich brauche noch immer keinen Becher auf dem mein Name steht für den doppelten Preis. Stattdessen setzten wir uns an einen schattigen Platz vor einem einladenden Café. In der Mitte der Anlage plätscherten Wasserspiele vor sich hin, gedämpfte Musik schallte aus Lautsprechern und die dargebotenen, frisch gebackenen Sandwiches waren von Extraklasse und von einer Größe, das sie gemeinsam mit den dazu gereichten Fritten locker als Hauptspeise durchgingen. Wie in einer Parallelwelt, genoss hier die Upper Class Kairos den milden und sonnigen Frühlingstag. Zur Linken tratschte eine Gruppe Frauen vor sich hin, besonders der Versuch, vollverschleiert einen Burger zu verdrückten, wirkte irgendwie umständlich… Weiter hinten saß eine Gruppe Männer mit riesigen Sonnenbrillen, goldenen Uhren und Polo-Hemden mit kleinen, aufgenähten Krokodilen und Stieren. Schon eine Stunde später kam mir diese Szenerie zurück im Alltag Kairos wieder unendlich fern vor…
Die Preise entsprachen hier selbstverständlich auch westlichem Standard, allerdings waren die Portionen dafür auch deutlich großzügiger als bei uns üblich.
Schweren Herzens verließen wir diese Oase nach einiger Zeit wieder und wendeten uns dem restlichen Tagesprogramm zu: Unser nächstes Ziel waren die Pyramiden von Gizeh.
Vom „Tivoli Dome“ aus war nun der Weg zur neuesten der drei Kairoer Metrolinien, der Linie 3, am nächsten. Die Linie verbindet in ihrem derzeitigen Ausbauzustand den Stadtteil Heliopolis mit dem Zentrum, wo sie in „Ataba“ an die Linie 2 anschließt. 2012 wurden die ersten 4,4 km von „Ataba“ bis „Abbassia“ eröffnet. Erst 2014 wurde die 7,7 km lange Verlängerung bis zur Station „Al-Ahram“ in Heliopolis eröffnet. Diese Linie wird, wie die Line 2 mit Stromschiene betrieben, verfügt aber ebenfalls über eine unabhängige und wahrscheinlich auch inkompatilbe Fahrzeugflotte.
Von der vorletzten Station „Koleyet el-Banat“, wollten wir bis „Ataba“ fahren und von dort mit der Linie 2 nach Giza, von wo wir uns mit dem Bus weiter bis zu den Pyramiden durchschlagen wollten.
Auf dem Weg zur Metrostation machte ich noch kurz Halt an einem der unzähligen Straßenkiosks. Zum wiederholten Male machten wir hier Bekanntschaft mit der dreisten Kairoer Wechselmasche. So wollte mir der Typ im Kiosk einfach kein Wechselgeld rausgeben, obwohl ich die Flasche Wasser gerade mal mit einem 5 Pfund Schein bezahlt hatte. Stattdessen wechselte er kurzerhand in Naturalien und legte auf die Wasserflasche noch irgendwelche Bonbons oben drauf. Nicht das erste Mal, dass uns dies hier in Kario passierte. So meinte selbst in der Metrostation der Mann hinterm Schalter, er könne auf den 10 Pfund Schein (das entspricht 50 Eurocent!) nicht herausgeben. In wie weit dies in Teilen eine Masche ist um Touristen zu verarschen, lässt sich im konkreten Fall natürlich nie ganz nachprüfen und wegen ein paar Piaster fängt macht man dann auch keine Szene an, haben wir doch durch diese Masche am Ende wohl in Summe nicht einmal einen Euro gelassen. Aber genau darauf bauen diese „Nicht-Wechseln-können-Heinis“ ihr Geschäftsmodell. Jedenfalls ist es kaum nachvollziebar, dass in der Metro mit unzähligen Schaltern niemand in der Lage ist, auf einen 10 Pfund-Schein herauszugeben…

Wir fuhren mit der Metro nach „Giza“. Unser Hotel hatte uns natürlich auch einen Shuttleservice zu den Pyramiden angeboten, wollte dafür aber auch satte 30 Dollar kassieren. Eine weitere Alternative wäre auch ein Bus vom Tahrirplatz gewesen. Von dort kannten wir zumindestens zwei Liniennummern, die zu den Pyramiden fahren sollten, der Zeitbedarf würde sich aber wohl auf mehrere Stunden aufsummieren. Von der Metrostation „Giza“ hingegen, mussten wir lediglich noch die rund 8 Kilometer die schnurgerade „Al-Haram“ hinunter, die direkt auf die Pyramiden zuführt.

Kaum aus der Metrostation, hatten wir auch schon wieder einen neuen Freund gewonnen, der uns den „Egyptian Way“ zu den Pyramiden zeigen wollte. Wir ließen uns mal darauf ein und tatsächlich war der Weg sehr authentisch. Mit einem der lebensmüden Kleinbusse ging es die „Al-Haram“ hinunter. Der Bus war mit seinen etwa fünf Reihen zeitweise mit über 20 Fahrgästen gut voll und in geduckter Haltung stand ich zunächst im Mittelgang. Busse dieser Größe sind in der Regel auch mit einem Schaffner besetzt. Dieser hing pausenlos aus der Tür, rief das Fahrtziel aus und hielt nach potenziellen Fahrgästen Ausschau, für die sich der Bus dann an den Rand der achtspurigen Straße manövrierte und in langsamer Fahrt die Fahrgäste aufspringen ließ, während der Schaffner nebenherlief und weiter unablässig in die Menge rief. Durch den Schaffner wird der Fahrer von den Aufgaben des Fahrgäste aquirieren und Geld kassieren entbunden und kann sich noch mehr auf’s Telefonieren, Chatten und Rauchen konzentrieren. Achja, ab und an wirft er auch einen kurzen Blick auf die Straße 😀
Kurz vor den Pyramiden bedeutete unser neu gewonnener Guide uns auszusteigen. Von hier ging es mit einem von dutzenden T2 weiter.


Umsteigen vom Kleinbus in den T2

Langsam wurde das Ganze aber schon wieder seltsam, denn am eigentlichen Touristeneingang waren wir schon vorbei gefahren. Die letzten Meter ging es zu Fuß weiter und ehe wir uns versahen, saßen wir in einer kleinen Bude und sollten wählen, ob wir ein Pferd oder eine Kutsche haben wollten. Natürlich wieder der übelste Touristennepp, wir ließen uns aber heute mal auf den Quatsch ein, einmal muss man schließlich auch den normalen Touri spielen. Der Preis war zwar ordentlich, aber für eineinhalb Stunden noch immer günstiger als 20 Minuten mit dem Viaker durch Wien zu fahren und immerhin ist das hier das letzte erhaltene Weltwunder der Antike. Kaum war unsere Einachskutsche gestartet, war unser neuer bester Freund auch schon verschwunden und nahm mit Sicherheit den nächsten Bus zurück zur Metro, um mit den nächsten Touristen auf dem „Egyptian Way“ seine Provision zu verdienen, inklusive der wieder gleichen Geschichten, warum er gerade zufällig auch auf dem Weg zu den Pyramiden sei und gern den Weg weisen würde…


An den Stallungen der Pferde und Karren vorrüber, ging es wieder zurück zum Haupteingang.

Die nächsten zweieinhalb Stunden trieben wir uns rund um die antike Welterbestätte herum. Unseren Karren ließen wir nach einer Stunde ziehen, wir bevorzugten es dann doch uns frei zu bewegen und wirklich komfortable war das Ganze auch nicht. Das allerdings bereits gegen halb fünf Sperrstunde war und alle Besucher des Areals von der Tourismuspolizei mit unfreundlichen Gesten und Gerufe geradezu vom Gelände „getrieben“ wurden, war dann doch etwas ärgerlich, da das Licht gerade schöner und die Siffschicht etwas dünner wurde.


Die erste Steigung hinauf zur Cheops-Pyramide ist überwunden.


Panoramablick von der nächsten Ebene mit den drei großen Pyramiden. Links die Cheops-, mittig die Chephren- und rechts die Menkaure-Pyramide.


Die Cheops-Pyramide von der Chephren-Pyramide aus gesehen. Die Aufnahmen täuschen nicht, die politische Situation hat dem Tourismus auch an dieser Weltwunder-Städte deutlich zugesetzt, sodass man recht ungestört fotografieren konnte, ohne sich durch große Menschenmassen zu wühlen oder eben diese stets im Bild zu haben.


Am Fuße der Chephren-Pyramide. Im Hintergrund liegt Gizeh im allgegemwärtigen Kairoer Dunst.


Am Rande von Gizeh stehen die Pyramiden. Dahinter ist Kario dann tatsächlich zu Ende und geht direkt in Wüste über.


Das Hinterteil der Sphinx war etwas eingerüstet. Selbst hier an der Aussichtsplattform konnte, durch einige Deppenzepter (auch Selfie-Sticks genannt) blöd grinsender Asiaten hindurch, recht ungestört fotografiert werden.


Noch einmal die Cheops-Pyramide mit ihren fast 139 Metern Höhe.


Zum Abschied noch ein Blick auf die Chephren-Pyramide mit immerhin auch ganzen 136,4 Metern Höhe.

Die Dimensionen der Pyramiden waren einfach nur beeindruckend, vor allem wenn man eben bedenkt, dass diese Klötze vor tausenden von Jahren errichtet wurden. Anfänglich hatte ich so meine Zweifel, ob ein Besuch der Pyramiden nun unbedingt sein musste, da ich solchen Touristen-Hotspots meist nicht viel abgewinnen kann, wenn man zwischen hunderten knipsenden Asiaten und aus Luxushotels mit Bussen herangekarrten Scharen von sonnenverbrannten Europäern versucht seine Bilder zu machen. Allerdings stellte sich die Situation als völlig hamlos dar: Die politische Situation setzt dem Tourismus doch sehr deutlich zu und so waren zwar schon zahlreiche Besucher vor Ort, von Menschenmassen wie in europäischen Tourismushochburgen wie Venedig, konnte aber nicht die Rede sein. Alles lief recht gesittet ab und in dem weitläufigen Areal hatte man meist seine Ruhe, abgesehen von den ständig laut ausgerufenen Mitfahrgelegenheiten der Kutschfahrer.

Den Rückweg traten wir dann allerdings vom Haupteingang aus mit dem Stadtbus an. Über ein halbe Stunde wühlte sich der Bus durch das nachmittägliche Verkehrchaos bis zur Metrostation „Giza“. Besonders seltsam war an dieser Busfahrt, dass an Bord des Busses wie üblich die Fahrkarten von einem Schaffner verkauft wurden, nach einiger Zeit dann aber aus einem anderen Bus noch ein Kontrolleur einstieg, der die Fahrkarten ein weiters Mal sehen wollte und wenig später im nächsten Bus verschwand. Der Sinn dieser zusätzlichen Kontrolle erschloss sich uns jedenfalls nicht, ist doch ohnehin jeder Stadtbus mit einem Schaffner besetzt.

Zurück am Tahrirplatz blieb für heute eigentlich nur noch die Frage des Essens zu klären. Ein wenig Recherche bei Maps und openstreetmap ergab, das sich das Restaurantviertel scheinbar nordwestlich des Tahrirplatzes im Norden der großen Nilinsel befindet. Da es mit den Bussen hier ja so eine Sache hinsichtlich Fahrtzielen ist, nahmen wir die Strecke zu Fuß in Angriff und nach einem scheinbar ewigen Fußmarsch, erreichten wir nach 20 Minuten die Straße des 26. Juli. Rund um die Straße reihen sich westlich anmutende Restaurants und Cafés aneinander. Wir nahmen in einer scheinbar recht „hippen“ Pizzeria Platz und waren angesichts des Publikums doch überrascht: Die Kleidung der Gäste war für hiesige Verhältnisse recht freizügig und kein einziges Kopftuch war zu sehen. Scheinbar handelt es sich bei der Nilinsel um ein sehr christlich geprägtes Stadtviertel.


Mit Anbruch der Dunkelheit legen von der Nilinsel unzählige bunt beleuchtete und laut schallende Partyboote ab.


Auf dem Rückweg gelang von der Nilbrücke noch ein Bild der nächtlichen „Skyline“.

Wir hatten für heute fertig, schleppten uns zurück zum Hotel und wollten auch demnächst schlafen, doch dann fing ein ohrenbetäubender Lärm scheinbar direkt vor unserem Fenster an. Auf einer Dachterasse nebenan hielt die junge Upper Class Kairos eine Party ab und schien sich wenig um die übrigen Anwohner zu kümmern. Aber wir hatten ja auch Donnerstag und das ist hier ja im Grunde wie bei uns der Freitag. Bis nach Mitternacht wummerten westliche Evergreens und aktuellen Charts in den Nachthimmel. Es war so unbeschreiblich laut im Zimmer, als würde auch bei uns eine voll aufgedrehte Box stehen…

Irgendwann muss der Lärm nachgelassen haben und ging wieder in Hundegebell über, jedenfalls fanden wir ein paar Stunden Schlaf.


Freitag, 29. März 2019

Noch ein Tag Kairo galt es heute zu überstehen. Nach der wiederholt wenig erholsamen Nacht – ich begann schon mich nach Alexandria zurück zu wünschen – ging es raus auf die Straße. Im Grunde stand ein großer Rundgang durch die Innenstadt auf dem Programm: Über die Kasr Al-Nile – so etwas wie die Fashion Meile Kairos – ging es zum großen Basar „Khan el-Khalili“ hinüber, der größte Basar der arabischen Welt. Um diese Zeit waren sowohl Straßen, als auch der Basar noch vergleichsweise ruhig und so kamen wir zu Fuß gut voran. Durch Berge billiger Klamotten aller Formen, Farben und Größen wühlten wir und durch den allmählich erwachenden Basar. Am Ende angelangt war unser nächstes Ziel der große „al-Azhar“-Park. Der Park kostete zwar einige Pfund Eintritt, dafür war dann aber auch das Publikum etwas ausgewählter. Eine grüne Oase mitten in einem Monster von Stadt. Hier flog nirgends Müll herum, die Grünanlagen waren gepflegt und selbst der allgegenwärtige Lärm ließ deutlich nach. Für einen Moment vergaßen wir, durch was für einen Bruch wir uns hier den ganzen Tag bewegten. Hier hätte ich mich auch den ganzen Tag ins Café setzten und entspannen können, aber irgendwie wollte man ja an diesem letzten Tag in Kairo auch noch ein wenig von der Stadt sehen.


Die „Saint Joseph’s Roman Catholic Church“ steht in einer Queerstraße der Fashion Meile „Kasr Al-Nile“. Um kurz vor neun herrscht noch eine gespenstische Leere auf Kairos Straßen.


Der Busbahnhof vor dem größten Basar der arabischen Welt, dem „Khan el-Khalili“.


Dieser Schrotthaufen war längst nicht das Übelste was so rumgurkte.


Auch der Basar ist noch angenehm leer und viele Geschäfte öffnen gerade erst. Ab spätem Vormittag ist das Gedränge dagegen kaum mehr auszuhalten.


Eine der unzähligen Moscheen am Rande des Basarviertels.


Aus der grünen Oase inmitten der Häuserwüste, dem großen „al-Azhar“-Park, wirkt das Gewimmel, der Gestank, der Lärm und der Müll des Monsters von Stadt irgendwie weit entfernt.


Von den Anhöhen des Parks hat man einen super Blick auf den arabischen Teil der Stadt mit dem großen Basar und den unzähligen Moscheen. Aus der Ferne wirkt auch alles nur halb so schlimm…


Am Rande der Parkanlage kommen wir dem Bruch schon wieder sehr nahe, getrennt von einer Mauer und schmiedeeisernen Toren an den Eingängen.

Was auf den letzten Bildern schon teilweise zu erkennen war, ist eine weitere besondere Eigenheit Kairos: Es existiert eine Stadt auf der Stadt.
Mit dem enormen Zuzug vom Land, wurde bereits ab den 70er Jahren der Wohnraum in der Hauptstadt knapp, sodass die ersten zugezogenen Landbewohner auf den Dächern der Flachbauten Hüttendörfer aus Holz und Wellblech hochzogen. Die Dachbewohner erledigten für die Hausbesitzer Hausmeister-Tätigkeiten, zahlten eine geringe Miete und durften im Gegenzug ihre Dachhäuser an das Versorgungssystem des Hauses anschließen. Es entstand eine Parallelwelt – eine Stadt auf der Stadt – die für Touristen und selbst für die Mehrheit der „normalen“ Stadtbewohner verborgen bleibt. Die Dachbewohner verlassen teilweise für Monate nicht ihre Dörfer auf den Dächern der Stadt. Wird das Dach doch einmal verlassen, um Besorgungen auf dem Basar zu machen, oder wenn die Kinder zur Schule gehen, müssen die Dachbewohner stets das separate, enge Lieferantentreppenhaus benutzen. Mittlerweile gehört fast jedes Dach Karios zu dieser Stadt auf den Dächern. Eine beeindruckende Dokumentation über das Leben auf den Dächern Kairos, wurde vor einiger Zeit von ARTE veröffentlicht und ist bei youtube unter dem Titel „Auf den Dächern von Kairo“ zu finden.

Unser nächstes Ziel war die „Zitadelle von Saladin“, eine der wenigen erhaltenen befestigten Anlagen Kairo’s. Zu der Anlage gehört auch die bekannte „Muhammad-Ali-Moschee“.
Wie nun aber dort wieder hinkommen? So richtig weit ist es eigentlich aus dem Park nicht hinüber zur Zitadelle und mit den Bussen ist das so eine Sache: Der staatliche Verkehrsbetrieb „Cairo Transport Authority“ betreibt zwar tausende von Bussen auf hunderten Linien, allerdings scheinen die Fahrer allein die Linienpläne zu kennen und auch erkennbare Haltestellen gibt es nicht. Überhaupt halten die Busse ungern an, es muss schon während der Fahrt aufgesprungen werden. Ein toller Artikel über dieses Verkehrschaos in Kairo und den hoffnungslosen Versuch, es mit der Metro in den Griff zu bekommen, ist im vergangenen Jahr unter dem Titel „Das Transportsystem von Kairo ist Chaos“ in der SZ-Serie „Nahverkehr weltweit“ erschienen. Etwas älter, aber immer noch sehr aktuell und mit etwas ironischem Unterton ist der Artikel „Metro Kairo – Fahrt in den Kollaps“ bei Spiegel Online. Trefflicher kann ich kaum beschreiben, was hier tagtäglich auf den Straßen abgeht, daher verweise ich an dieser Stelle mal auf diese beiden Artikel.

Wieder einmal mussten die zwei Kilometer also zu Fuß zurückgelegt werden. Was wir vorher allerdings nicht wussten war, dass uns der Weg geradewegs am Rand der „Stadt der Toten“ entlang führen würde. Zwei dieser „Totenstädte“ oder auch „Nekropolen“ gibt es in Kairo, wobei wir mit der nördlichen noch die deutlich kleinere tangierten. Bei den Totenstädten handelte es sich einst um im Mittelalter am Rande der Stadt angelegte Friedhöfe mit zahlreichen Moscheen, in denen später besonders die wohlhabeneren Bewohner Kairo’s ihre Angehörigen bestatteten. Mitte des 20. Jahrhunderts sorgte der enorme Zuzug von Arbeit suchender Landbevölkerung für eine akute Wohnungsknappheit, wie sie im Grunde bis heute anhält. Neben der „Stadt auf den Dächern“, ließen sich die Wohnungslosen auch auf dem Gelände der beiden großen Friedhöfe nieder und bauten dort sogar primitive Häuser inmitten der historischen Grabstätten. Die Bewohner verdienen teils als Tagelöhner ihr Geld mit der Pflege der Grabstätten und dem Ausheben neuer Gräber. Von außen betrachtet, muten diese „Totenstädte“ mit ihrer Mischung aus Friedhof und Slum durchaus gespenstisch an, betreten sollte man sie als Tourist ohne Guide wohl besser nicht, wir streiften die nördliche Totenstadt im Grunde auch nur südlich auf der „Bab Al Wada“. Die beiden Nekropolen gehören seit 1979 zum Weltkulturerbe des „Historischen Kairo“ und beherbergen mittlerweile nach Schätzungen eine halbe Millionen Einwohner. Neben der „Stadt auf den Dächern“ bilden die Nekropolen eine zweite große Parallelgesellschaft in offiziell nicht anerkannten Behausungen.


Blick über den Rand der nördlichen „Totenstadt“. Hinten links thront unser Ziel, die Zitadelle mit der Muhammad-Ali-Moschee, über der Stadt.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl erreichten wir schließlich die Zitadelle und durften als ausländische Touristen sogleich mal wieder den happigen Touristenpreis als Eintritt zahlen, was sich mit unseren knapp werdenden Pfunden als garnicht so leicht herausstellte, sodass wir noch die letzten Münzen zusammenkratzen mussten. In der Zitadelle zahlten wir dann erstmal eine Flasche Wasser mit einem 10 Euro Schein und ließen uns das Wechselgeld zu unserem selbst genannten Kurs in Egypt Pound herausgeben. Der Mensch an der kleinen Bude schien den Wechselkurs garnicht zu kennen – da hätten wir bestimmt noch Gewinn rausschlagen können…

Aus einer gewissen Distanz betrachtet, wirkt die Zitadelle mit ihren beiden großen Moscheen durchaus imposant, zu nah sollte man allerdings nicht an die Gebäude herantreten, sonst fällt auf, dass auch diese Fassaden völlig schmucklos aus dem üblichen Kairoer Einheits-Gelb-Grau aus Staub und Dreck bestehen.
Die Zitadelle ist jedenfalls der Touristen-Hotspot in Kario schlechthin. Mit Reisebussen werden die Scharen direkt von den Hotels zum Großparkplatz vor dem Haupteingang gekarrt, damit sie vom realen Leben in der Stadt auch bloß nichts mitbekommen. Auch wenn so eine durchorganisierte „All-Inclusive-Tour“ sicher bequem und komfortabel ist und man hinterher viele Postkartenbilder stolz zuhause vorzeigen und behaupten kann man hätte Kairo gesehen, für mich wäre das nichts… Ein wenig sollte man sich schon aus seiner sicheren und bequemen Komfortzone bewegen, um wenigstens einen kleinen Hauch des realen Lebens mitzunehemen.


Nach der „Totenstadt“ gibt’s wieder „Touri-Postkartenbilder“: Die „Muhammad-Ali-Moschee“ in der Zitadelle von Kario.

Aus dieser Distanz ist die wenig schmucke und wie der Rest von Kairo versiffte Fassade schon erkennbar. Dennoch ist allein die Größe der Moschee beeindruckend.


Blick von der Mauer der Zitadelle: Durch den Dunst von Kairo sind in der Ferne die Siluetten der Pyramiden von Gizeh zu erahnen. Erst aus solchen Perspektiven werden die monumentalen Dimensionen dieser Bauwerke wirklich greifbar.

Unser nächstes Ziel war nun die „Ibn-Tulun-Moschee“ mit ihrem markanten, rechteckigen Innenhof. Dafür verließen wir die Zitadelle und liefen von der kleinen Anhöhe zurück in die Straßen Kairo’s. Quer durch einen Basar ging es durch die vermüllten und stickigen Straßen zur Moschee hinüber. Hier wurde natürlich wieder eine kleine Spende fällig, dafür musste man diesmal aber nicht die Schuhe ausziehen, sondern bekam Überziehschuhe aus Stoff umgebunden. Die „Ibn-Tulun-Moschee“ liegt schon wieder etwas abseits der großen Touristenströme. Hierher verirren sich eher kleinere Reisegruppen und die wenigen Individualtouristen. Dafür herscht in dem gesamten Gemäuer eine wunderbare Stille. Fast wie ausgestorben wirkte die älteste in ihrer Ursprungsform aus dem Jahr 884 erhaltene Moschee Kairo’s. Neben dem symmetrischen Innenhof war besonders der Blick vom Minaret den Besuch wert. Über eine enge steinerne Wendeltreppe gelangt man bis ganz hinauf und wird mit einem tollen Blick über Kairo belohnt.

Auf dem Weg zur „Ibn-Tulun-Moschee“ das übliche wilde Straßenleben, an welches man sich erschreckender Weise langsam gewöhnte und ohne zu zögern große Straßen überschritt, selbst wenn von allen Seiten Fahrzeuge nahen. In einer ruhigeren Nebenstraße treffen sich zwei der lebensmüden Minibusse.


Mit ihrem symmetrischen Innenhof ist die „Ibn-Tulun-Moschee“ die flächenmäßig größte Moschee Kairos. Erstaunlich gut hält das alte Gemäuer den Lärm und Gestank der Großstadt ab, sodass im Innern eine spirituelle Ruhe herrscht. Links ist das Minaret zu sehen, von dem aus wir die Szenerie gleich von oben betrachten.


Die „Ibn-Tulun-Moschee“ vom Minaret aus gesehen.


Zu einem der vorherigen Teile erhielt ich den Kommentar, man könne auf den Dächern von Alexandria bei Langeweile die Satellitenschüsseln zählen – Ich wünsche viel Spaß… 😀


Unmittelbar neben die Moschee aus dem Jahr 884, wurde später eine weitere gebaut, auf die man vom Minaret aus fast herübersteigen könnte. Stattdessen nehmen wir lieber die steile Wendeltreppe wieder hinab.

Als nächstes stand noch die sogenannte „Hängende Kirche“ auf dem Programm. Die Geschichte der koptisch-orthodoxen Kirche der Heiligen Jungfrau Maria reicht bis ins 3. Jahrhundert zurück, womit sie eine der ältesten Ägyptens ist. Um dorthin zu gelangen mussten wir uns irgendwie zur Metro durchschlagen. Langsam ging bei mir das ständige Rumgelatsche aber gewaltig an die Substanz. An einem Kiosk musste erstmal eine Rolle Oreo-Kekse und eine Schweppes als gröbste Nervennahrung herhalten. Hier gibt es so eine Lemon-Minz Geschmacksrichtung, die zwar am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig schmeckt, aber irgendwie wahnsinnig belebend wirkt…
Zwei Kilometer Fußmarsch später war die Metrostation „El-Sayeda Zeinab“ an der Linie 1 erreicht. Der Versuch einen Fahrdienst zu aquirieren, war im Übrigen auch heute wieder krachend gescheitert. Ein Tuk Tuk wusste mit unserem Fahrtziel nichts anzufangen und konnte weder englisch, noch Karten lesen. Ein vollwertiges Taxi hatte dafür erst garnkein Interessen seine Beförderungsleistung feilzubieten. Irgendwas läuft hier echt komisch mit diesem Taxigewerbe: Sobald man irgendwo an der Straße ist, wird man ständig angehubt oder mit „Taxi Taxi“ angebrüllt, sobald man dann aber mal wirklich eins braucht, löst sich das ganze in eine Luftnummer auf. Die haben echt Humor die Leute…

Mit der Metrolinie 1 erreicht man dafür direkt die „Hängende Kirche“, welche sich unmittelbar an der Station „Mar Girgis“ befand. Hier wollte man dann sogar nichtmal Eintritt haben, dafür war die koptische Kirche mit Betonblöcken gesichert, zahlreiche bewaffnete Wachposten standen herum und die Besucher wurden sorgsam durchleuchtet. In den vergangenen Jahren hat es in Ägypten immer wieder Anschläge auf koptische Kirchen gegeben.
Die Kirche selbst war natürlich sowohl was das Gemäuer, als auch die Menschen anging, der größtmögliche Kontrast zum bisherigen Moscheen-Programm und eine wilkommene Abwechslung.


Die „hängende“ koptisch-orthodoxe Kirche der Heiligen Jungfrau Maria.

Allmählich hatten wir nun aber beide genug. Mit der Metro ging es zurück in die Stadt für den letzten Programmpunkt des heutigen Tages: Wir wollten noch einmal bei Tageslicht auf eine der Nilbrücken für ein Bild der Hotel-„Skyline“ am Nil. Von der Metrostation „El-Sayeda Zeinab“ liefen wir auf die „Cairo University Bridge“ südlich der großen Nilinsel. Der aufziehende Wolkensiff machte uns aber einen gehörigen Strich durch die Rechnung, ein Bild im schönen Abendlicht zu machen. Stattdessen fing es sogar an zu regnen, was auf den Straßen für das völlige Chaos sorgte: Die Feuchtigkeit gepaart mit der Kairoer Staubschicht, ergab eine siffige Schmierschicht auf der Fahrbahnoberfäche. Mit einem halbwegs anständigen Reifen würde das natürlich keine großen Auswirkungen haben, mit den dritt- und vierterstellen Gummiresten, die hier auf die Felgen gezogen werden, kombiniert mit dem Fehlen sämmtlicher elektronischer Fahrhilfen, begann das wildeste Gerutsche und Geschlinger. Jedesmal wieder waren die Wagenlenker überrascht, dass nachdem der grüne Countdown auf null war, die Ampel auf rot sprang und schlingerten verzweifelt auf die Bremse tretend auf die Kreuzung zu. Unfassbare Szenen, die wir unter einem kleinen Dach vor dem Regen Schutz suchend beobachteten, während wir auf einen Bus Richtung Innenstadt warteten. Der tragische Höhepunkt war ein Pferdekarren, welcher vor der Kreuzung nicht zum Stehen kam und einem die Fahrbahn kreuzenden Auto in die Seite rannte. Unter großem Tumult wurde dieser Unfall in der Folge von zahlreichen Anwesenden und den in das Geschehen verwickelten selbst analysiert. Das Pferd mit dem Karren war derweil der tragische Verlierer des Aufpralls und stand mit gebrochenem Bein am Straßenrand abgestellt. Irgendwann verschwanden dann alle, nur das Pferd und der Karren blieben von einem Jungen bewacht am Straßenrand zurück. Der Bauer war wahrscheinlich dabei, das ledierte Pferd, das ihm eigentlich sein Einkommen garantierte, auf dem nächsten Basar zu verkaufen und sich nach Ersatz umzuschauen. Nur eines der täglich wahrscheinlich hunderten Einzelschicksale im wilden Verkehr der Krake Kairo…


So war der abendliche Blick auf die Nilinsel nicht gedacht.

Hatte ich eigentlich gerade was von auf den Bus warten geschrieben? Richtig, da von hier eigentlich das meiste in die Innenstadt fahren musste, wollten wir einfach mal wieder unser Glück versuchen und den nächstbesten städtischen Bus entern. Notfalls wären wir wieder abgesprungen, wenn die Richtung ganz falsch werden sollte. Stattdessen brachte uns das blaue Ungetüm aber tatsächlich bis zum Tahrirplatz.

Es war erst 17 Uhr durch, aber wir hatten nun beide absolut keine Lust mehr auf Kairo, spätestens die Szenen der schleudernden Autos und der Pferdekaramolage hatten uns abgesehen vom kilometerlangen herumgelaufe den Rest gegeben. Was es jetzt brauchte war ein großer Pott Kaffee mit einem schönen Stück Kuchen. Zufälligerweise gibt es an der Kasr Al-Nile mal wieder eine Costa-Filiale, in der wir den restlichen Tag unsere verbliebenen Pfunde verbrieten. Nach dem Kaffee legten wir im nicht weit entfernten Hotel eine Stunde die Füße hoch, nur um dann unter dem grinsenden Blick des Barrista wenig später wieder im Costa aufzutauchen, denn die Baguettes und Sandwiches sahen auch sehr verlockend aus und sollten für das Abendessen herhalten. Zwei vorzügliche gebackene Sandwiches, einen Saft und einen Capuccino später hatten wir mit Kairo doch ganz versönlich abgeschlossen und schleppten uns viele Pfunde leichter die letzten Meter zurück zum Hotel.


Samstag, 30. März 2019

Der Flieger sollte heute schon um 10:30 abheben. Das sogenannte „Frühstück“ im Hotel ließen wir also sein und wurden gleich nach dem Aufstehen zum Flughafen chauffiert. Heute Nacht hatte ich garnicht erst richtig versucht zu schlafen, stattdessen versuchte ich noch so viel wie möglich meines Vodafone Egypt Guthabens in den verschiedenen Mediatheken zu verbraten. Ein paar Stunden habe ich aber wohl doch noch geschlafen, bevor es um sieben am Hotel losging.
Unser Fahrer war auch wieder so ein „friend“ und war felsenfest davon überzeugt „all Egypt Air flights from terminal 3“, nachdem wir ihm gesagt hatten wir müssten zum Terminal 2. Mindestens drei mal fragte er uns ob wir wirklich zu Terminal 2 wollen, denn von dort würde Egypt Air nicht fliegen „all Egypt Air flights from terminal 3“. Am Ende setzte „my friend“ uns doch bei Terminal 2 ab, nicht ohne zu erwähnen, der Weg zu Terminal 3 sei im Notfall nicht so weit. Jaja, als wüsste die Airline nicht wo sie abfliegt und schickt stattdessen ihren Kunden falsche Abfluginformationen. Völlig überraschend war der Flug doch tatsächlich für Terminal 2 angeschrieben. Nach einer Woche ist man doch froh, diese Sorte nerviger Schnacker wieder los zu sein…

Hinter der Sicherheitskontrolle noch die letzte Challenge des Urlaubs: Nach dem Frühstück noch so viel wie möglich von dem verlbiebenen, siffigen Kleingeld loswerden. Also zwei Flaschen Wasser für den Flug, aber halt, für ein Wasser und eine Sprite würde es auch gerade noch reichen und so bekam die Bedienung an der Kasse von uns eine Hand von siffigen 1 Pfund-Scheinen und diverse Münzen, bis auf den letzten Piaster passend. Das Grinsen, das wir für unsere genau kalkulierte Wahl erhielten verriet, dass wir nicht die ersten sind, die sich hier im loswerden möglichst aller Piaster versuchen…

Der Egypt Air war wohl ein Flieger ausgefallen, jedenfalls bekamen wir mit dem Airbus A330 eine ausgewachsene Maschine, mit 2+4+2 Bestuhlung, die wohl kaum zur Hälfte gefüllt war – dieser Flug dürfte wohl kaum wirtschaftlich gewesen sein…
Warum die Boarding Time allerdings bereits für eine Stunde vor Abflug angekündigt war, um schlussendlich erst 10 Minuten vor Abflug zu beginnen, bleibt wohl das Geheimnis von Egypt Air.


Der Airbus A330 den die Egypt Air schickte, war maßlos überdimensioniert.

Rund vier Stunden später setzten wir in Schönefeld in der Zivilisation auf. Man musste sich erst wieder daran gewöhnen, wie ruhig und geordnet Straßenverkehr ablaufen kann, wie sauber und ordentlich selbst der Berliner Nahverkehr plötzlich wirkt, wie eben Fußwege verlegt werden können, ja selbst eine Bordsteinabsenkung wirkte plötzlich nicht mehr selbstverständlich…
Der Rest ist schnell erzählt: Mit dem RE ging es zum Ostbahnhof, mit dem ICE bis Wolfsburg und mit dem Enno hinüber in die Löwenstadt. Alles lief pünktlich und reibungslos und am Abend lag man wieder im eigenen Bett und fragte sich was man da acht Tage lang erlebt hatte…


Epilog

Im Nachgang eines Urlaubs stelle ich mir meist die gleichen Fragen: War es erholsam? Hat es Spaß gemacht? Würde ich das wieder machen? Hat es sich am Ende gelohnt? Meine Antwort: Nein! Nein! Wohl eher nicht! und JA!!! Die Reise selbst war in weiten Teilen auf den Straßen Ägyptens einfach nur anstrengend und nervenaufreibend. Ein ständiger Fotokampf zwischen Müllbergen, „Welcome to Egypt’s“, Fotoprellern und lebensmüden Wagenlenkern. Die wenigen Stunden der Entspannung waren im Grunde die Zugfahrten und die Besuche der Restaurants und Café’s – eben alles, wo man für einige Minuten nicht direkt in Kontakt mit dem „richtigen“ Ägypten war. Wenn sich jetzt in Alexandria grundlegend etwas ändern würde oder in Kairo eine Linie mit alten Fahrzeugen wiedereröffnen würde, könnte ich vielleicht in die Verlegenheit kommen, irgendwann mal wieder nach Ägytpen zu reisen, es wird aber wohl doch eher ein einmaliges Abendteuer bleiben. Und das war es auch: Ein aufregendes Abendteuer voller krasser Erlebnisse und unglaublichen Anekdoten, die ich im Nachhinein nicht missen möchte. Der dumme Spruch „Reisen bildet“, trifft hier vielleicht tatsächlich mal zu. Es war ein Einblick in eine Kultur, die mir bis dahin völlig unbekannt war und mir wohl bis heute auch fremd geblieben ist. Die Umstände unter denen wir hier in Deutschland leben, weiß man allerdings umso mehr zu schätzen und erst nach einer Woche hatte ich mich zuhause soweit aklimatisiert, dass ich all diese einfachen Dinge wieder als selbstverständlich hinnahm. Ja, es hat sich gelohnt!

2 thoughts on “Welcome to Egypt VII – Zwei Tage Kairo: Von eingestellten Straßenbahnen, Pyramiden und Totenstädten”

  1. Toll, dass ihr nach den Tagen in Alexandria noch die Nerven hattet, euch durch Kairo zu schlagen. Schöne Eindrücke!
    Wir haben neben dem Kurzbesuch an der Straßenbahn und dem Pyramidenbesuch (direkt vom Hotel aus) keine Lust und auch keine Nerven mehr für mehr gehabt, allerdings sind genau zu unserem Reisezeitraum auch die Temperaturen von 27-30 Grad auf über 40 Grad gesprungen. In weiser Voraussicht haben wir uns für die letzten zwei Nächte in Kairo das Steigenberger gegönnt, welches uns diese „Oase abseits Ägyptens“ bot, nach der ihr euch ja besonders in Kairo auch immer wieder gesehnt habt.

    Dein Fazit finde ich auch interessant, denn Spaß hatten wir eindeutig. Möglicherweise ist das der Unterschied einer Reise zu viert, gegenüber einer Zweierreise.
    So langsam packt uns vier übrigens wieder das Ägypten-Fieber, deine tolle Reihe verstärkt unsere Sehnsucht nach einem erneuten Sprung ins Chaos. Ich bin mal gespannt, ob dir das in zwei oder drei Jahren auch so geht. 😉

    1. Moin Frederik,

      Freut mich das du diese Reihe so interessiert verfolgst und auch eure Erlebnisse wiedererkennst.

      Spaß hatten wir natürlich auch jede Menge, besonders angesichts der vielen Erlebnisse, die uns aufgrund der Situationskomik gerade im Nachhinein, beim Revue passieren lassen des Tages beim abendlichen Restaurantbesuch, immer wieder schmunzeln ließen.
      Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen wollte ist, dass es durchaus anstrengend war, acht Tage durch die ägyptischen Straßen zu ziehen und das es gerade bei den zwei Tagen Kairo hin und wieder einiges an Überwindung gekostet hat, nicht einfach in irgendeinem Café hängen zu bleiben und das Kulturprogramm über den Haufen zu werfen 😀

      Ob zu zweit dritt oder noch mehr, würde ich fast als unwesentlich bezeichnen, nur allein würde mir so ein Trip absolut nicht behagen…

      Nach Alexandria würde ich wohl auch ein zweites Mal reisen, wenn es etwas neues gibt, allerdings würde ich den zwangsläufigen Zwischenstopps in Kairo wohl so kurz wie möglich halten…

      Gruß,
      Tobias

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