Auf 760mm durch die Rhodopen IV: Von Velingrad zum höchsten Bahnhof des Balkan

Hinter dem Haltepunkt Velingrad-yug verlässt die Rhodopenbahn die Hochebene und nimmt den streckentechnisch wohl anspruchsvollsten Teil der Strecke nach Avramovo in Angriff.

Zur groben Übersicht zunächst wie gewohnt die Gesamtstrecke der Rhodopenbahn im Überblick.

Im heutigen Teil fahren wir von Velingrad-yug hinauf zum höchsten Bahnhof des Balkan in Avramovo.

Der Streckenabschnitt von Velingrad bis Yakoruda und damit auch die anspruchsvolle Steilstrecke zwischen Sveta Petka und Avramovo, wurde erst rund 10 Jahre nach dem Erreichen von Velingrad Ende 1937 eröffnet. Zunächst folgt die Strecke wieder dem Chepinska, auf den sie in Velingrad erneut gestoßen ist. Auch die Straße verläuft auf diesem Stück noch parallel, bevor die Strecke Fluss und Straße verlässt und stattdessen dem einsamen Tal des kleinen Flusses Ablanitsa folgt. Einzig eine unbefestigte Sandpiste ermöglicht, abgesehen von der Eisenbahn, das Erreichen des nächsten Haltepunktes Ostretz. Nach rund 14 Kilometern erreicht die Strecke hinter Velingrad den nächsten Bahnhof. Erst hier in Tsvetino ist die Strecke mit dem Auto wieder erreichbar, allerdings auch nur über Schotterpisten, die einiges mehr an Bodenfreiheit und Unterbodenschutz erfordern, als mein kleiner Mietwagen bieten konnte. Trotz der völligen Abgelegenheit des Bahnhofes von Tsvetino, ist auch dieser selbstverständlich mit drei Mann Personal besetzt.
Hinter Tsvetino beginnt die spektakuläre Streckenführung hinauf nach Avramovo. Durch den ersten von neun Tunnels bis Avramovo wird der Haltepunkt Sveta Petka erreicht. Dieser besteht aus nicht mehr, als einer etwa fünfzig Meter langen, angedeuteten Bahnsteigkante. Durch mehrere Kehrtunnel und Schleifen, überwindet die Strecke von Sveta Petka bis hinauf nach Avramovo, mit teilweise bis zu 30 Promille Steigung, auf rund 10 Kilometern Strecke über 200 Höhenmeter. Was auf der Karte spektakulär aussieht, ist in der Realität leider kaum darstellbar, denn die Schleifen und Tunnels befinden sich nahezu vollständig in dichtem Wald versteckt. Während meiner Mitfahrt von Avramovo bis Sveta Petka, konnte ich so auf dem trassierungstechnisch interessantesten Abschnitt der Strecke, leider kein einziges potenzielles Motiv in der Karte notieren. Die anschließende kleine Wanderung von Sveta Petka bis Tsvetino, war dafür umso schöner: Durch völlig einsame Auenlandschaft führte der Sandweg, der hin und wieder von kleinen Bächen unterbrochen wurde, welche dann irgendwie halbwegs trockenen Fußes überwunden werden wollten. Nur selten begegnete ich einzelnen Rinderhirten und Hirtinnnen, welche meist nicht mehr als drei Tiere durch die grüne Landschaft trieben und dabei auch nicht selten die Bahntrasse als Wanderweg nutzten. Kurz vor Tsvetino eröffnen sich dann gleich mehrere Motive, mangels Zügen konnte ich diese jedoch nicht umsetzten, da ich mit dem nächsten Gegenzug zurück nach Avramovo fahren wollte und so nur den Bahnhof Tsvetino umsetzten konnte.


75 008 erreicht aus Avramovo kommend am Morgen des 19. Mai die Stadtgrenze von Velingrad. Hier verläuft parallel noch die einigermaßen befahrbare Straße 843, welche anders als die Bahnstrecke, jedoch nicht nach Avramovo, sondern ins rund 40 Kilometer entfernte Dospat-Reservoir zwischen Sarnitsa und Dospat führt.

Der Fahrkartenkauf ist bei der Rhodopenbahn noch ein vollständig analoges Unterfangen. Für meine Rückfahrt von Tsvetino nach Avramovo, wollte ich am örtlichen Bahnhof eine Fahrkarte erwerben. An den besetzten Bahnhöfen sollte, wenn möglich, bereits im vorhinein ein Fahrschein erworben werden. Für spontan oder an Haltepunkten Zugestiegene, stellt allerdings auch der Schaffner im Zug Fahrkarten aus.
Wenn nun aber selbst diese Bahnhöfe mitten im Nichts mit drei Personalen besetzt sind, wollte ich diesen wenigstens ein bisschen Beschäftigung verschaffen und betrat den kleinen Aufenthaltsraum des Bahnhofes, welcher über eine Scheibe mit dem Personalraum verbunden ist. Nachdem ich die Aufmerksamkeit des in eine dichte Qualmwolke gehüllten alten Mannes im angrenzenden „Leitstand“ des Bahnhofes gewonnen hatte, konnte ich ihm mit Händen und Füßen meinen Fahrtwunsch verdeutlichen und er begann mit der Prozedur des Fahrscheinausstellens. Dabei will aber alles seine Richtigkeit haben und so wird auf einem standardisierten Formblatt nicht nur Datum, Start, Ziel und der Fahrpreis eingetragen, sondern auch noch einige weitere Dinge die ich nicht verstanden habe. Am Ende wird alles durch eine Unterschrift quittiert. Der ausgefüllte Fahrschein wandert jedoch nicht etwa zum Fahrgast, sondern für die Statistik in die eigene Schublade. Der Kunde erhält wiederum eine mittels Kohlepapier erstellte „Durchdruckvariante“ des Fahrscheins, sobald er den enormen Fahrpreis von in meinem Fall 1,5 Leva entrichtet hat. Die Gesamtstrecke kostet im Übrigen ganze 6,5 Leva, was in Euro etwa noch die Hälfte ist. Der Fahrpreis ist also gerade noch erschwinglich, was viel schwerer wiegt, sind die fünf Stunden „verlorener“ Zeit 😀
Nach diesem Procedere folgte noch die interessierte Frage, wo ich denn herkäme. Für mehr als die Klärung dieser Frage, reichte die sprachliche Schnittmenge allerdings leider nicht aus und schon eine Viertelstunde später musste das immens gestresste Personal des Bahnhofes Tsvetino auch schon wieder zur Tat schreiten, um den in Kürze ankommenden Zug nach Dobrinishte in Empfang zu nehmen und abzufertigen.


Meine nächste Aufnahme entstand erst wieder in Tsvetino, wo ich am Nachmittag des 17. Mai 75 008 mit dem Zug nach Velingrad erwartete, um nach einem Fußmarsch von Sveta Petka nach Tsvetino, zurück nach Avramovo zu fahren. Hinter dem Zug lugt noch der Weichenwärter mit seiner obligatorischen Warnweste hervor, während der Stationsvorsteher den Zug in Empfang nimmt und abfertigt. Das Cross-Motorrad gehört wiederrum dem in eine Qualmwolke gehüllten Mann im Innern des Bahnhofes, der mir auch meine Fahrkarte ausgestellt hat.


Per Hand wird jede einzelne Fahrkarte fein säuberlich ausgefüllt und die mittels Kohlepapier erstellte Zweitversion an den Fahrgast ausgehändigt. Ganze 1,50 Leva kostete mich die Fahrt von Tsvetino nach Avramovo.


Eine Sandpiste bietet einen wunderbaren Wanderweg von Sveta Petka nach Tsvetino und von dort auch weiter nach Ostretz. Umgeben von unendlichem Grün und vereinzelten Viehhirten, verläuft der Weg nahezu eben durch das Tal des Flusses Ablanitsa. Die Bahn verläuft währenddessen die meiste Zeit rechts am Hang hinter Bäumen, was in diesem Fall aber nebensächlich war, da ich den nächsten Zug ohnehin im Bahnhof Tsvetino abpassen musste.


Der Haltepunkt Sveta Petka war der Ausgangspunkt meiner kleinen Wanderung. Für eine Aufnahme meines Zuges reichte es leider nicht mehr, da dieser im Haltepunkt kaum zum Stehen kam.

Mit dem Auto muss währenddessen zwischen Velingrad und Avramovo ein gänzlich anderer Weg eingeschlagen werden. Der „Pass“ (die Straße 84) führt in westlicher Richtung aus dem Zentrum von Velingrad. Über Sveta Petka, dass weit abgelegen vom gleichnamigen Haltepunkt liegt und nur durch eine Offroad-Piste mit selbigem verbunden ist, wird der kleine Wintersportort Yundola auf rund 1400 Metern Höher erreicht. Anschließend geht es wieder hinab bis zum Bahnhof von Avramovo, der mit 1267 m.ü.M. den höchsten Punkt der Rhodopenbahn und den höchstgelegenen Bahnhof des Balkan markiert.


Auch mit dem Auto hat der „Pass“ zwischen Velingrad und Avramovo einige tolle Ausblicke in die sanft bergige Landschaft der Rhodopen zu bieten.


Richtung Südwesten türmen sich die „richtigen“ Berge des Rila-Gebirges und damit auch das Ziel der Rhodopenbahn auf.


Aus nördlicher Richtung stößt die Straße schlussendlich in Avramovo wieder auf die Rhodopenbahn. Der eigentliche Ort liegt mal wieder ein ganzes Stück entfernt auf dem Hügel


Auch von dort bietet sich eine tolle Aussicht in die Landschaft, die während einer längeren Zugpause in Avramovo genossen wurde.


Nach 69 Kilometern erreicht die Strecke den Bahnhof Avramovo.


Am Abend des 18. Mai hat 75 008 die Rampe überwunden und erreicht den Bahnhof Avramovo. Die beeindruckende Wolkenkulisse zeugt noch von dem nicht ganz so erfreulichen Wetter am Nachmittag. Das Gleis im Vordergrund gehört noch zum ehemaligen Wendedreieck, das hier zu Dampfzeiten zum Drehen der Vorspannloks genutzt wurde. Heute besteht nur noch dieser Rest des Dreiecks an der östlichen Bahnhofseinfahrt.


Der Bahnhof versteckt sich unter großen Nadelbäumen, als 75 008 wenig später am Bahnsteig wartet.


Wenig später setzt der Zug seine Fahrt nach Dobrinishte fort.


Mit einer grünen Garnitur wartet 75 008 am 16. Mai in Gegenrichtung auf die Abfahrtszeit. Eine große Touristengruppe hat hier den Zug verlassen und setzt ihre Reise nun mit dem parallel gefahrenen Reisebus fort. Dieses Procedere ist bei der Rhodopenbahn häufiger zu beobachten, da die Fahrzeit von fünf Stunden für das durchschnittliche Touristenprogramm einfach zu lang ist.


Aus Dobrinishte kommend, erreicht 77 002-4 am 17. Mai die Einfahrt von Avramovo. Im Hintergrund ragen die fast 3000 Meter hohen Gipfel des Rila-Gebirges empor, dessen Füße mit Razlog und Bansko auch das Ziel der Rhodopenbahn sind.

Damit endet der heutige Teil unserer Reise. Im nächsten Teil geht es dann von Avramovo weiter zum Kreuzungsbahnhof Yakoruda.

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