Auf 760mm durch die Rhodopen III: Die Hochebene von Velingrad

Mit Kostandovo erreichen die Züge von Septemvri aus den ersten Scheitelpunkt der Strecke und durchfahren auf den nächsten rund 10 Kilometern die Hochebene von Velingrad.


Von Kostandovo nach Velingrad

Zur groben Übersicht zunächst wie gewohnt die Gesamtstrecke der Rhodopenbahn im Überblick.

Von Kostandovo geht es in geringem Gefälle auf die Hochebene von Velingrad hinab.

Der Bahnhof von Kostandovo markiert mit einer Höhe von 805 m.ü.M. den ersten Scheitelpunkt der Strecke. Die Strecke knickt hinter dem Bahnhof Richtung Westen ab und verläuft in leichtem Gefälle, die wenigen Höhenmeter auf die Hochebene von Velingrad mit ca. 750 m.ü.M. hinab. Die von allen Seiten von Bergen umgebene Hochebene von Velingrad ist geprägt von landwirtschadtlichen Flächen und bietet wieder völlig neue Perspektiven auf die Rhodopenbahn. Auf den langen Geraden können die ursprünglich für 70 km/h ausgelegten Maschinen sogar mal etwas mehr Fahrt machen, als die sonst üblichen 25-40 km/h. Loks und Wagen quittieren die annähernd 50 km/h allerdings auch umgehend mit einem fröhlichen auf- und abwippen, ausgelößt durch die zu den Schienenstößen meist leicht abfallenden Gleise. Insgesamt ist der Oberbau im Vergleich zu manch anderen Schmalspurbahnen jedoch recht solide – kein Wunder, muss er doch mit den 48 Tonnen schweren 1100 PS-Monstern einiges an Last tragen können…


Hinter Kostandovo macht die Strecke noch einige Schlenker im Gelände, um auf die Höhe der Hochebene hinab zu gelangen. Der weit vom Bahnhof abgelegene Ort Kostandovo, liegt zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade im Hintergrund in der Sonne. Gleich zweimal versuchte ich hier vergeblich mein Glück mit einem Sonnenbild. Der erste Versuch mit 75 008 am 18. Mai 2019, kann sich aber dank der dunklen Wolken auch ohne Sonne sehen lassen.


Der Blick vom Fotostandpunkt in die Hochebene zeigt die angespannte Wolkensituation. Mehrere große Haltebuchten erlauben an der Straße das problemlose Abstellen der kleinen französichen Mietwagenschleuder.


Am Morgen waberte rund um Velingrad meist eine dichte Nebelsuppe, die sich dann allerdings binnen weniger Minuten auflößte und entweder den Blick auf blauen Himmel oder eine richtige Wolkendecke Preis gab. Am 18. Mai 2019 lößte sich die Nebelsuppe einige Minuten zu spät für die Durchfahrt von 77 009-9 Richtung Septemvri auf.


Der Nachmittag des 16. Mai 2019 war von heftigen Schauern und Gewittern geprägt. Bei Sonne wäre die Durchfahrt von 77 002-4 allerdings auch in völligem Gegenlicht von Statten gegangen, während die Wolkendecke kurz hinter der Ausfahrt von Velingrad Richtung Septemvri ein interessantes Lichtspiel bot…


Exakt die gleiche Stelle passierte 77 009-9 am nächsten Tage in Gegenrichtung. Heftige Gewitter bildeten sich an diese Nachmittag rund um Velingrad, sodass ich nach dieser Aufnahme in ansprechendem Schimmerlicht, Fersengeld geben musste, um das an der Straße geparkte Gefährt noch trockenen Fußes zu erreichen.


Velingrad

Mit Velingrad erreicht die Rhodopenbahn den größten Ort entlang der Strecke. Zur Zeit der Eröffnung bestand die heutige 22.000 Einwohner-Stadt noch aus mehreren Dörfern und der Bahnhof Velingrad hörte noch auf den Namen der beiden angrenzenden Ortschaften „Ladzhene-Kamenitza“. Die für eine Schmalspurbahn beeindruckenden Ausmaße des Bahnhofes, zeugen von einer Zeit, als der Rhodopenbahn noch eine wesentlich größere Bedeutung zukam. Wie nahezu alle Bahnhöfe, zeigt sich auch Velingrad in einem äußerst gepflegten Zustand und weiß besonders durch die vielen, wunderbar in den Bahnsteig integrierten und schattenspendenden Bäume zu gefallen. Das Bahnhofsgebäude setzt sich in Stil und Farbe deutlich von den anderen Bahnhöfen ab.


Aus Septemvri kommend, rollt der letzte Zug des Tages Richtung Dobrinishte, nach rund eineinhalbstündiger Fahrt, am frühen Abend in den Bahnhof von Velingrad ein. Hier wird er den vorletzten Gegenzug nach Septemvri kreuzen, bevor ihm im weiteren Verlauf noch der späte Abendzug in Yakoruda entgegen kommen wird.


Zahlreiche Fahrgäste warten am Morgen des 20. Mai 2019 auf den von 75 006 geführten Zug nach Septemvri.


Der alte Wasserturm wird seit dem Ende der Dampflokära in Velingrad nicht mehr benötigt. Auf dem gigantischen Gleisfeld fristen heute nur noch zahlreiche ausrangierte Güterwagen ein trauriges Dasein. Am Abend des 16. Mai zeigte sich nach heftigen Schauern doch noch einmal die Sonne, eine Zugfahrt stand in Velingrad allerdings nur noch bei Dunkelheit um 21:19 Uhr Richtung Septemvri an…

Schauen wir uns in diesem bedeutensten Ort entlang der Strecke doch noch etwas genauer um. Für die Dauer meines Aufenthaltes hatte ich Velingrad als strategische Basis auserkoren. Aufgrund des Passes zwischen Velingrad und Avramovo, ist natürlich sowohl eine Basis westlich wie östlich des Passes mit gewissen Kompromissen behaftet. Allerdings war Velingrad schon aufgrund des örtlichen Angebotes an Supermärkten, Restaurants und sonstiger notwendiger Infrastruktur die wohl beste Wahl. Ein ähnliches Angebot findet man auf der anderen Seite des Passes erst wieder in Bankso und Razlog, was nun wirklich weit ab vom Schuss gelegen wäre…

Dem „normalen“ Besucher ist Velingrad wahrscheinlich am ehesten durch seine über 90 Mineralquellen ein Begriff, dessen Wasser gesundheitsfördernde Wirkungen entfalten soll. Mir fielen, in der mit EU-Mitteln in den vergangenen Jahren vollständig sanierten Flaniermeile, vor allem die zahlreichen Spiellokale und sonstigen Vergnügungsmöglichkeiten auf. Mit nicht einmal zwei Stunden Fahrzeit ist Velingrad vermutlich an Wochenenden ein bliebtes Ausflugsziel der Sofioter Bevölkerung.


Nach kräfrigen Regenfällen brach am Abend des 16. Mai 2019 unerwartet nochmal die Sonne durch, sodass ich noch spontan zu einem kleinen Spaziergang durch Velingrad aufbrach.


Regionale Bekanntheit muss auch die Bibliothek von Velingrad haben, jedenfalls war das Gebäude im ganzen Ort ausgeschildert.


Die gesamte Innenstadtmeile wurde in den vergangenen Jahren mit EU-Mitteln saniert, worauf dutzende Schilder vor den Gebäuden stolz hinwiesen. Schade, dass eine Übersetzung ins Englische auf sämtlichen Schildern vergessen wurde.

Mein persönliches Highlight von Velingrad erwartete mich schon am Abend meiner Ankunft. Nachdem das Apartment bezogen war, brach ich noch einmal zum Einkaufen im nahe gelegenen Billa auf. Doch was parkte da direkt vor dem Bahnhof von Velingrad gerade mit laut aufheulendem Motor ein? Ein Kässbohrer Setra S 215 UL. An sich in der bulgarischen Provinz noch keine Seltenheit – aber die Farbe – Die FARBE! Kam mir irgendwie gleich bekannt vor: Himmelblau bis über die Radkästen, dann warmes gelb bis hinauf zum Dach. Busse in dieser auffälligen und äußerst ansprechenden Lackierung erkennen Bewohner von Braunschweig und der Region sogleich als jene der „Verkehrsgesellschaft Landkreis Gifhorn“. Mit eben jenen unverwüstlichen Setras bin ich dereinst vor rund zehn Jahren noch durch den Süden des Landkreises Gifhorn geritten. Noch etwas ungläubig schritt ich daher einmal um den Bus, um mögliche Indizien für die Herkunft auszumachen, denn nicht selten kommt es auch vor, das Betreiber sich bestimmte Lackierungen einfach von anderswo abschauen. Eine alte Fahrzeugnummer war nicht mehr auszumachen, aber ein nur halbherzige entferntes Logo der Stadt Wittingen verriet die Herkunft des Gefährts entgültig, das in einem anderen Leben noch ganz im Norden des einst flächengrößten Landkreises Deutschlands umhergurkte. Kaum zu fassen, das man sich nach all den Jahren durch reinen Zufall, 2000 Kilometer entfernt der Heimat, in der bulgarischen Provinz noch einmal über den Weg läuft, auch wenn ich damals nur mit seinen Brüdern der südlichen Einsatzstellen unterwegs war. Auch die kommenden Tage sollte sich der Setra immer gegen 19:00 Uhr am Bahnhof von Velingrad zur Nachtruhe einfinden. Einmal begegnete er mir sogar unter ohrenbetäubendem Gebrüll in der Chepino-Schlucht zwischen Varvara und Tsepino.


Einfach unverwüstlich diese Setra Überlandbusse. Der S 215 UL hat sich zur Nachtruhe vor dem Bahnhof von Velingrad eingefunden.


Das nur halbherzig entfernte Wappen der Stadt Wittingen, verriet den Setra entgültig.


Auch am folgenden Abend sonnte sich der Veteran vor dem Bahnhof von Velingrad.


Wenden wir uns nach diesem kleinen Exkurs wieder der Rhodopenbahn zu. Hinter dem Bahnhof von Velingrad verläuft die Strecke bis zum Ende des Ortes stets in unmittelbarer Straßennähe bis zum Bahnhof Velingrad-yug (Velingrad Süd). Dieser Teilabschnitt wurde bereits ein Jahr nach der Eröffnung des ersten Abschnittes in Betrieb genommen. Hier lassen sich zahlreiche Motive in verhältnismäßig urbaner Umgebung umsetzten. Auch der zum Haltepunkt degradierte Bahnhof Velingrad-yug ist aufgrund seines schmucken Empfangsgebäudes einen Besuch wert.


Kurz nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof Velingrad, wurde es am 15. Mai 2019 nach heftigen Regenfällen noch einmal leidlich hell. So konnte 77 009-9 auf dem Weg nach Dobrinishte an einer Nebenstraße in Velingrad abgelichtet werden. Das Durchfahren der zahlreichen Pfützen auf der nur teilweise asphaltierten Nebenstraße, war derweil eine Nervenprobe, da sich die Tiefe der Pfützen wiedermal nicht erahnen ließ…


Am Vormittag des folgenden Tages ist 77 002-4 einige Meter weiter Richtung Dobrinishte unterwegs.


Den ersten morgendlichen Zug fing ich in der Regel irgendwo im Süden von Velingrad ab. So auch am 19. Mai 2019, als 75 008 soeben Velingrad-yug im Hintergrund verlassen hat.


Am 16. Mai 2019 erreicht 77 009-9 den Haltepunkt Velingrad-yug. Gut zu erkennen ist, das hier einst mehrere Gleise gelegen haben. Die Straße links führt theoretisch östlich der Bahn bis in den Norden von Velingrad und könnte als Abkürzung für ein weiteres Bild auf der Hochebene dienen. Praktisch ist das Befahren mit einem normalen Fahrzeug jedoch nicht möglich, da die Straße von den schweren Holztransporten, für die die eigentliche Ortsdurchfahrt von Velingrad gesperrt ist, vollkommen zerstört ist und nur noch aus übelsten Schlaglöchern besteht.


Der Abend des 18. Mai wartete mit wunderbar klarer Luft und schönstem Abendlicht auf. 75 008 macht sich in Velingrad-yug auf den Weg zum nächsten Steilabschnitt nach Avramovo auf. Aufgrund des phantastischen Lichtes, nahm auch ich den Pass trotz fortgeschrittener Stunde noch einmal in Angriff und lichtete den Zug rund eine Stunde später in Avramovo ein weiteres mal ab.

Soweit dieser Abschnitt unserer Reise. Im nächsten Teil geht es dann über die Steilstrecke nach Avramovo hinauf.

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