Zwei Wochen in Graubünden II: Von Bever hinab bis Zernez

Nach den ersten zwei Tagen soll es heute mal bis nach Zernez hinuter gehen. Ziel sind vor allem die Einsätze der Ge 6/6 II vor den Personenzügen, aber auch die Ge 4/4 I mit ihrem täglichen Güterzug. Grundsätzlich lockte die Engadin-Linie im Sommer 2019 mit einer dort lange nicht gesehenen Fahrzeugvielfalt.


Dienstag, 23. Juli 2019: Von Bever bis Zernez

Auf dem Weg beim Brötchen holen zum Volg strahlte schon die Sonne vom Himmel und weckte die Lebensgeister. Der anschließende Kaffee und die wie immer hervoragenden Schweizer Brötchen taten im Anschluss ihr Übriges. Um kurz nach acht war alles wichtige im Rucksack verstaut und das Rad gesattelt. Erster Anlaufpunkt war das bekannte Kirchturmmotiv von Bever an der Ausfahrt Richtung La Punt. Das Motiv wiederholte ich aber später noch mit Ge 6/6 II, also geht es gleich weiter hinüber nach La Punt. Die Route nordwestlich der Bahn auf der alten Straße nach La Punt und anschließend am Berghang entlang, wird von kaum einem Wanderer oder Mountainbiker benutzt und so kann hier ganz in Ruhe die Strecke in den Nachbarort hinüber gefahren werden. In der großen Kurve vor La Punt überraschte mich dann der RE 1317 nach Samedan, welcher völlig unerwartet als Pendelzug durchkam, sodass auf den eigentlich gegenlichtigen Zug ein Nachschuss möglich war. Die Stelle wiederholte ich aber einige Tage später noch besser, sodass wir direkt durch La Punt hindurch zum ersten geplanten Motiv des Tages weiterfahren: Die Burgruine von Madulain. Praktisch direkt über der Strecke stehen die Überreste der Burganlage und ermöglichen am Morgen einen phantastischen Blick das Engadin hinauf. Hier wartete ich den folgenden Engadin-Star und einen RE nach Disentis ab.


Suchbild von der Burgruine von Madulain das Engadin hinauf. Ge 4/4 II 627 mit dem verpendelten Engadin-Star nach Landquart.


Gefolgt vom RE Samedan-Disentis mit Ge 4/4 II 633.

Das Motiv von der Straßenbrücke zwischen Zuoz und Madulain hatte ich gestern Nachmittag mit dem Güterzug umgesetzt. Am Vormittag müsste diese Stelle aber auch wunderbar anders herum von unten gehen. Mein nächster Anlaufpunkt war also wiederum nicht weit entfernt. Vor dem nächsten Regio müsste aber noch der Güterzug nach Landquart durchkommen, welcher oftmals erst ab Zernez Wagen am Haken hat und daher eher ein kurzes Motiv mit viel Lok benötigt. Das war aber einige Schritte weiter auch möglich, sodass ich hier gleich beide Züge abwartete.


Der Güterzug 5336 mit Ge 6/6 II 704 hat heute ab Samedan sogar schon einen Wagen am Haken und konnte zwischen Madulain und Zuoz aufgenommen werden. An vielen hohen Bahndämmen wurden in den letzten Jahren derartige Gitterkonstruktionen errichtet, um das Abrutschen des Schotterdamms zu verringern.


Einige Schritte weiter Richtung Zuoz folgt wenig später der RE nach Disentis mit Ge 4/4 II 631.

Nach meinen Berechnungen war jetzt aus Landquart allmählich die Ge 6/6 II dran, die die letzten Tage den Engadin-Star 1342 am Vormittag nach St. Moritz gezogen hatte. Tatsächlich war auch heute eine der Maschinen für diesen Umlauf eingeteilt. Da das Licht für diese Richtung noch so gut wie nirgends stand, nahm ich die überraschend lange Garnitur etwas seitlicher zwischen Zuoz und S-chanf. Anschließend ging es weiter nach S-Chanf, wo noch der Vereina-Güterzug abgewartet wurde.


Ge 6/6 II 707 mit dem Engadin-Star RE 1327 und wenigen Minuten Verspätung zwischen S-chanf und Zuoz.


Das Motiv in Gegenrichtung war freilich deutlich schöner und wurde mit dem nächsten kreuzenden Engadin-Star mit Ge 4/4 II 623 festgehalten.


Hinter S-chanf fährt Ge 4/4 II 613 mit einem RE nach Disentis.


Auf der anderen Seite des Ortes konnte der Vereina-Güterzug 5329, heute zur Abwechlsung mit Ge 4/4 II 611, aufgenommen werden. Auf dieser Leistung wechselten die Loktypen recht häufig. Die Ortsausfahrt S-chanf ist eine der ersten Stellen, die am Mittag in Richtung Samedan ins Licht rückt und so sehr gut geeignet für diese Leistung, die ansonsten weite Teile des Engadins im Gegenlicht unterwegs ist.

Nun galt es erstmal die kleine Höhenstufe hinuter nach Cinous-Chel-Brail zu überwinden. Auch wenn es eigentlich hinuter geht, gilt es auf der MTB-Route, hier zunächst ein ganzes Stück bergauf zu fahren, bevor es anschließend umso schneller hinab geht. Den Bahnhof Cinous-Chel-Brail ließ ich aufgrund von Baumaßnahmen gleich links liegen und saußte zur Wiese unterhalb der Bahnhofseinfahrt weiter. Dank minimaler Verspätung reichte die Zeit soeben noch aus und der RE nach Samedan kam zu meiner Überraschung mit Ge 4/4 III 641 daher. Das war nun auch mal eine nette Abwechslung. Auf der Engadinlinie habe ich die Ge 4/4 III, so weit ich mich erinnere, auch noch nie angetroffen. Da war im Moment fahrzeugseitig wirklich einiges geboten!


Ge 4/4 III erreicht mit einem RE nach Samedan Cinous-Chel-Brail.

Nun galt es aber in die Pedale zu treten, um das Tagesziel Zernez zu erreichen, wo ich den mit Ge 4/4 I geführten Güterzug 5943 nach Samedan, in der großen Kurve aufnehmen wollte. Um auf die MTB-Route am Südosthang zu gelangen, muss in Cinuos-chel-Brail allerdings zunächst das hier tief eingeschnittene Flusstal durchfahren werden. Bei grenzwertiger Steigung kletterte ich die Schotterpiste am Gegenhang hinauf, stets am schmalen Grad zwischen Steigen des Vorderrades und Durchrutschen des Hinterrades. Aber der frisch gewechselt Pneu biss sich in den Schotter und ich erreicht unter Anstrengungen die Höhe des Fernradweges. Obwohl durchgängig Schotterpiste, quälten sich hier mangels Alternativen in diesem Talabschnitt, auch zahlreiche Tourenfahrer und Rentner auf E-Bikes die Strecke nach Zernez entlang. Eigentlich sollte es ja bergab gehen, aber die Strecke macht im Gegensatz zur Bahnlinie jede Menge tote Höhenmeter mit denen ich nicht unbedingt gerechnet hatte. So wurde alles rausgehauen und auch diverse elektrische Verwandte überholt, um zum Güterzug noch rechtzeitig in Zernez anzukommen. Es wurde eine Punktlandung: Als die große Kurve in Sicht kam, startete Ge 4/4 I 605 gerade in Zernez. Es reichte soeben noch das Rad an den Hang zu lehnen, die Kamera herauszureißen und außer Atem den Auslöser zu betätigen – Puuh, das war knapp!


Ge 4/4 I 605 mit dem Güterzug 5943 Zernez-Samedan in der großen Kurve von Zernez. Ein wenig Baugeraffel wurde digital aus der Wiese gehoben.

Von oben drückte nun auch die Ge 6/6 II mit dem Engadin-Star 1342. Dank der großen Kurve lässt sich in Zernez meist mit beiden Richtungen etwas anfangen und so ging es die letzten paar Meter nach Zernez hinuter zur großen Wiese innerhalb der Kurve. Anschließend ging es erstmal in den Ort die Vorräte auffüllen und nach der Raserei erstmal ein ordentliches Mittagessen einzukaufen. Eben jenes wurde anschließend im Wald oberhalb von Zernez genossen, während ich an einer kurzen Lichtung gemütlich auf den nächsten Zug wartete.


Ge 6/6 II 707 mit dem Engadin-Star 1342 nach Landquart in der großen Kehre von Zernez.


Und noch ein etwas seitlicherer Blick auf die selten gewordene Bespannung.


Oberhalb von Zernez durchfährt Ge 4/4 II 623 mit einem Engadin-Star nach St. Moritz das Gemisch aus Wald und Wiesen.

Nun fuhr ich in etwas entspannterem Tempo die Höhenstufe wieder hinauf. Erst hinter S-chanf war wieder ein Fotohalt vorgesehen. Es ging den kleinen Schotterweg am Hang der Außenkurve hinter dem Ort hinauf, wo ich auf den nächsten Engadin-Star wartete. Mittlerweile war es halb fünf und das Licht schon angenehm warm. Ich hoffte insgeheim noch einmal auf eine Ge 6/6 II an diesem Top-Motiv und tatsächlich kam zwanzig Minuten nach dem deutlich verspäteten RE Disentis-Samedan, Ge 6/6 II 707 mit dem Engadin-Star 1351 zurück aus Landquart.

Zwei Ziele standen jetzt noch auf dem Zettel: Ein Motiv zwischen Zuoz und Madulain und der abendliche Blick von der Albula-Straße ins Engadin hinab. Beides sollte noch hervorragend klappen. Auch heute kam 1358 aus St. Moritz mit Ge 6/6 II durch, allerdings war mit diesem hier beim momentanen Sonnenstand nichts anzufangen und so blieb es bei einem Beweisbild.


Ge 6/6 II 707 mit Engadin-Star 1351 bei S-chanf.


Ge 4/4 II 633 mit einem RE nach Samedan zwischen Zuoz und Madulain.


Eine unerkannt gebliebene Ge 4/4 II kurz vor La Punt aus der ersten Kehre des Albula-Passes gesehen.


Zum Tagesabschluss gab es noch den verpendelten Engadin-Star 1359 mit Ge 4/4 627 und 52804 an der Spitze kurz vor Bever im allerletzten Licht. Die Schatten des Hanges sind um 19:00 Uhr bereits bedrohlich nahe.

Damit endete dieser rundum erfolgreiche Fototag im Engadin. Morgen soll es dann mal an den Bernina gehen.

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