Über den Röstigraben und Retour II: Mit Kohle und Öl von Brienz auf das Rothorn

Gestern hatte ich mich schon etwas sportlich entlang der BOB aufwärmen können. Heute soll es dann mit dem ersten vollen Tag im Berner Oberland auch gleich den ersten Berg hinauf gehen. Ziel für heute ist die Brienz Rothorn Bahn.


Mittwoch, 21. Juli 2021: Mit Kohle und Öl von Brienz auf das Rothorn

Der Wecker klingelt um kurz vor sieben. Mit fast zehn Stunden Schlaf ist die gestrige Anreise jetzt aber auch schon wieder aus den Knochen. Nur aus dem Kopf noch nicht ganz, aber das sollte sich an der frischen Bergluft über den Tag auch noch legen. Das Frühstücksbuffet ist umfangreich und bietet mehr als genug Stärkung für die ersten Stunden des Tages. Der Milchkaffee wird wie gewohnt in Einzelteilen in zwei separaten Stahlkännchen serviert.

Das Wetter war bis einschließlich Freitag sehr gut angesagt, für Juli typisch, natürlich aber mit nachmittäglichen Quellwolken. Trotzdem sollte es gleich heute Richtung Rothorn gehen, kenne ich die dortige Zahnradbahn doch nur von einem kurzen Besuch an der Talstation im Jahr 2009. Mit ihrer fehlenden Elektrifizierung hat die Strecke auf das Rothorn bis heute eine Sonderstellung in der langen Reihe der Schweizer Zahnradbahnen und ist schon aus diesem Umstand einen ausgiebigen Besuch wert.
Von meiner durch die Tourismusabgabe bezahlten Churkarte angeregt, beschloss ich spontan, dass Auto heute gleich am Hotelparkplatz stehen zu lassen und stattdessen mit der BOB und Zentralbahn nach Brienz zu fahren. Bis Niederried gilt die Churkarte von Interlaken, sodass nur noch die Strecke Niederried-Brienz und Retour zu bezahlen ist. Von Brienz aus sollte der Berg dann zu Fuß erklommen werden.

Der blaue Himmel und der die Berge hinunter kletternde Sonnenschein, ließen mich nicht lang beim Frühstück verweilen. Schnell raus an die frische Bergluft. Um es noch auf den 7:48 Uhr Zug der BOB nach Interlaken zu schaffen, verschob ich das Einkaufen der Tagesvorräte auf den Coop in Brienz. Pünktlich lief der Zug nach Interlaken ein, wo knappe zehn Minuten auf den Interregio Richtung Luzern blieben. Ohne Halt kurvt der Interregio bis nach Brienz am See entlang. Was für eine herrliche Strecke immer oberhalb des Seeufers mit den Bergen rundherum und der warmen Morgensonne. Meine zusammengebastelte Kombination aus Churkarte und Anschlussticket ab Niederried wurde vom Schaffner auch anstandslos anerkannt.


In Wilderswil läuft der 07:48 Uhr Zug Richtung Interlaken ein. Auch die Schynige Platte Bahn hat schon gebootet. Der Early Bird ist hier schon um 07:35 Uhr Richtung Berg gestartet – aber dazu dann in zwei Tagen mehr…

In Brienz geht es noch kurz zum Coop um energiereichen Proviant für die anstehende Wanderung zu kaufen. Dann stand auf der Brienz Rothorn Bahn auch schon der Early Bird Richtung Berg an. Um 8:36 Uhr fährt dieser in der Saison 2021 Richtung Rothorn ab. Am Wochenende gibt es noch eine frühere Fahrt um 7:36 Uhr. Für beide Fahrten gilt ein vergünstigter Tarif für Frühaufsteher, der mich kurz über eine Mitfahrt bis zur Planalp hatte nachdenken lassen. Zum Normaltarif kostet eine Retourfahrt ansonsten stolze 94 CHF, Oneway bis zur Planalp immer noch saftige 40 CHF. Da ist der Early Bird mit 49 CHF bis hinauf auf’s Rothorn durchaus interessant. Ich wollte aber auch noch die Wiese an der Betriebsausweiche Gäldried aufnehmen, welche morgens perfekt im Licht über dem Brienzersee liegt. Somit entschloss ich mich letztendlich, den gesamten Weg zu hoch und runter zu laufen. Ein wenig Respekt blieb aber vor dieser Aufgabe angesichts der 1678 Höhenmeter die von der Zahnradbahn auf 7,6 Kilometer Strecke überwunden werden. Ein Fragezeichen waren zudem die neuen Trailschuhe, die erst einige Stunden in der Stadt eingelaufen wurden und nun quasi aus dem Kaltstart für diesen Trip herhalten mussten. Mal schauen was das Geläuf dazu heute Abend meint. Aber erstmal los und den Early Bird noch oberhalb der Talstation in Brienz ablichten.


Vor dem Einkaufen wartet die H 2/3 12 mit dem Early Bird bereits an der Talstation auf Fahrgäste.


Ob es am guten Wetter oder dem attraktiven Preis liegt? Jedenfalls zischt auch der Frühzug schon ordentlich gefüllt durch Brienz Richtung Rothorn. Die H 2/3 12 gehört zur vier Fahrzeuge umfassenden Reihe 12-16 von ölgefeuerten Dampfloks aus den Jahren 1992 und 1996.

Was sollte mich heute eigentlich fahrzeugmäßig hier erwarten? Wie immer waren dank der Spontanität die Vorbereitungen diesbezüglich ausbaufähig. Gestern hatte ich aber gelesen, dass mittwochs der „Dampfwürstlibummler“ auf’s Rothorn fahren sollte. Damit erwartete ich wenigstens eine kohlegefeuerte Lok. Ansonsten ging ich erstmal von Öldampflok und Diesel aus und ließ mich überraschen.
Im Vorhinein hatte ich auch überlegt, mit dem MTB bis Oberstaffel hinauf zu fahren und vor allem wieder hinab. Bis Planalp führt zu den verstreuten kleinen Ansiedlungen ohnehin ein Asphaltsträßchen hinauf, danach zumindest noch eine Schotterpiste zur Versorgung der Alphütten bis Oberstaffel. Letztlich hatte auch der spontane Entschluss, nach Brienz den Zug zu nehmen, die Entscheidung auf’s Laufen gelenkt. Bergauf würde dies wohl sogar schneller gehen. Ich wollte aber mal die Augen offenhalten, inwieweit der Berg bis Oberstaffel mit dem Rad zu bezwingen wäre.
So lief ich mich nun also erstmal warm bis zur ersten Betriebsausweiche Gäldried. Der Wanderweg kürzt hier die Serpentinen des steilen Asphaltsträßchens quer durch den Wald ab. Durch einen hohen Laubbaumanteil ist der untere Teil des Weges allerdings nicht wie so oft finster und karg, sondern führt größtenteils durch dichtes sattes Grün – das gefällt.


Durch saftiges Grün führt der Wanderweg nach Gäldried hinauf und kürzt dabei die Serpentinen der Straße quer durch den Wald ab, sodass ich kaum auf Asphalt laufen musste.


Unterhalb von Gäldried öffnet sich die erste Alp, die sich rund um die Betriebsausweiche erstreckt. Oberhalb von Gäldried befinden sich mehrere Tunnel, die unter anderem durch die Felswand im Hintergrund führen. Das schwarze Loch in der Felswand dürfte ein wenige Meter langes Fenster im Tunnel sein, welches den Fahrgästen einen kurzen Blick auf den Brienzersee ermöglicht und vor allem den Rauch aus dem Tunnel abziehen lässt.

In gut vierzig Minuten erreichte ich in strammem Schritt Gäldried. Die nächsten Züge sollten Brienz um 9:40 Uhr verlassen, sodass diese nun bald zu erwarten wären. Vorher blieb noch etwas Zeit sich an der Betriebsausweiche umzuschauen.


Die Kreuzungsstelle in Gäldried, in BRB-Schreibweise Geldried, liegt wunderbar eingebettet in eine kleine Alp über dem Brienzersee.


Eine Hütte mit Sitzgelegenheit und Aussicht lädt Wanderer zum Verweilen ein. Der Ein- und Ausstieg aus den Zügen ist hier offiziell allerdings nicht möglich.

Der Wanderweg kreuzt die Strecke oberhalb der Kreuzungsstation genau an der richtigen Stelle, um von dort einen perfekten Ausblick auf die in die Alp eingebettete Ausweiche oberhalb des Brienzersees zu eröffnen. Als wäre das noch nicht genug, steht auch noch eine Bank herum, auf der sich gemütlich die erste Stärkung einnehmend, das akustische Spektakel schon einige Minuten vor der Durchfahrt der Züge genießen lässt – so muss Urlaub…

Die 9:40 Uhr Abfahrt wurde dann auch schon mit zwei Zügen geführt. Zu meiner Freude kam nach der Öldampflok H 2/3 14, die Kohledampflok H 2/3 7 unter beeindruckender Geräuschentwicklung den Berg hinauf gestampft.


H 2/3 14 mit der 9:40 Abfahrt ab Brienz an der Kreuzungsstation Gäldried.


Gefolgt von der Kohledampflok H 2/3 7 mit zwei älteren Vorstellwagen.

Nach der kleinen Pause und den ersten Kalenderbildern auf dem Chip, ging es weiter hinauf zur Planalp. Bis dorthin verschwindet der Weg wieder größtenteils im Wald und kommt erst in der kleinen Siedlung auf Höhe der Planalp wieder hervor. Auch die Strecke verschwindet hier in mehreren Tunnels und bietet keine ernsthaften Motive. An der Kreuzungsstelle Planalp wollte ich dann den um 10 Uhr in Brienz abfahrenden „Dampfwürstlibummler“ abpassen und möglichst noch vor dem Zug dort sein. Mit etwas Eile gelang dieses Vorhaben und ich traf wenige Minuten vor dem Zug am ersten planmäßigen Halt der Rothornbahn ein.


Der „Dampfwürstlibummler“, geführt von H 2/3 2, hat in Gäldried den ersten Talfahrer gekreuzt und trifft in der Kreuzungsstelle Planalp ein. Die Maschine gehört zur Urausstattung der Brienz Rothorn Bahn, bestehend aus den Dampfloks 1-4 der SLM aus dem Jahr 1891, mit denen am 17. Juni 1892 der Betrieb offiziell eröffnet wurde.


In Planalp legt der „Dampfwürstlibummler“ seinen namensgebenden Halt ein: Bis zu den nächsten Bergfahrern stellt sich der Zug auf’s Ausweichgleis und bietet den Fahrgästen eine kleine Pause bei mit Kesselwärme gekochten Würstchen.


Auf 1341 m ü.M. müssen die Dampfloks erneut Wasser nehmen für den restlichen Anstieg auf 2244 m ü.M.. Für H 2/3 2 bleibt dafür während der Würstchenpause mehr als genug Zeit. Zuvor hat der Zug die Ausweiche einmal durchfahren, um dann ins abzweigende Gleis der Ausweiche zurückzurollen.


Da bleibt genug Zeit sich die kleine Maschine einmal im Detail anzuschauen.


Auch die winzigen Vorstellwägelchen passen zum Format der Lok. Besonders kurios, dass der zweite Vorstellwagen trotz seiner Kürze noch in einen offenen und einen geschlossenen Bereich unterteilt ist.

Ich ließ die Planalp erstmal hinter mir, wollte ich doch für die nächsten Züge auch wieder ein Motiv erreichen. Dazu war aber noch rasch die Strecke entlang des Mülibachs zurückzulegen, wo die Bahn stets jenseits des Baches im vormittäglichen Gegenlicht verläuft. Erst bei der Alpsiedlung Greesgi lässt sich der Bach wieder kreuzen und die Strecke bei Mittlisten auf die Sonnenseite überqueren. Dort erwartete ich dann den beeindruckenden Korso aus vier Zügen, bestehend aus den Öldampfloks H 2/3 15 und 16, der Kohledampflok H 2/3 6 und dem sich in Planalp dem Korso anschließenden „Dampfwürstlibummler“ mit H 2/3 2.


Zwei identische Züge aus Öldampflok und zwei modernen Vorstellwagen führen den 10:45 Uhr Korso aus Brienz an. Als zweites überquert hier H 2/3 16 die Kühbodenalp oberhalb der Planalp. Die 1992 gebaute Lok 16 wurde erst 2005 von der Montreux – Rochers-de-Naye – Bahn übernommen, die mit der als Touristenattraktion gedachten Lok nichts mehr anzufangen wusste.


Gefolgt von der dritten Kohledampflok des Tages, H 2/3 6 mit nur einem Vorstellwagen. Nach einem 16-jährigen Dornröschenschlaf ab August 1914 aufgrund hinter den Erwartungen zurückgebliebener Fahrgastzahlen, erwachte die Brienz-Rothorn-Bahn erst 1931 wieder zum Leben. Die Fahrgastzahlen stiegen nun so schnell, dass auch eine zu den ursprünglichen Maschinen indentische, von der Wengernalpbahn beschaffte Dampflok, nicht ausreichte, um der Nachfrage gerecht zu werden. 1933 und 1936 wurden daher zwei größere und leistungsstärkere Heißdampflok bei SLM beschafft, die nun statt einem großen oder zwei kleinen, zwei große Vorstellwagen auf den Berg schieben konnten. Mit den Maschinen H 2/3 6 und 7 waren heute beide leistungsstarken Kohledampfloks im Einsatz.


Zu guter Letzt bemüht sich noch der „Dampfwürstlibummler“ mit den anderen Zügen des Korsos Schritt zu halten.


Die kleine Maschine wurde ab der Planalp schon wieder gut abgehängt von den stärkeren Loks: H 2/3 6 hat den Tunnel hinter der Alp schon wieder verlassen und ist nun eine Ebene höher unterwegs zur Kreuzungsstelle Oberstaffel.

Ich ließ es nun etwas langsamer angehen und legte schon auf Höhe des Tunnels Kühmaadtunnel oberhalb der Alp die nächste Pause ein und wartete bei einer Stärkung gemütlich auf die in Oberstaffel kreuzenden Talfahrer. Das war nun auch einfach herrlich hier in der Bergwiese mit weitem Blick über die Alp bis hinab zum Brienzersee zu warten, die zischenden und stampfenden Dampfloks über und unter einem am steilen Hang und auf der Alp. Schon hier zu warten, war dann auch genau die richtige Entscheidung, denn hinab kam die Kohledampflok H 2/3 7 mit ihren zwei Vorstellwagen, die ich hier nun auch einmal perfekt von der Lokseite ablichten konnte.


H 2/3 7 hat den Kühmaadtunnel talwärts verlassen und führt den ersten Korso des Tages Richtung Brienz an.


Gefolgt von der ölgefeuerten H 2/3 14.

Ich stieg nun einige Serpentinen weiter den Weg hinauf. So richtig weit kam ich dabei aber wieder nicht, denn schon der nächste Blick auf die Alp, einige Ebenen weiter oben, gefiel mir zu gut, um einfach weiter zu laufen. Ich wartete also kurzerhand nochmal 20 Minuten auf den 11:45 Uhr ab Brienz. So richtig pünktlich lief das Ganze durch die großen Korsos mit entsprechend langen Kreuzungszeiten auch nicht mehr ab. So erreichte der Zug die Alp erst gegen 12:40 Uhr, als er eigentlich schon fast auf dem Rothorn angekommen sein sollte.


Die Mittagsabfahrt aus Brienz ist inzwischen durch die langen Kreuzungszeiten der großen Korsos stark verspätet, wird aber auch nur noch einfach gefahren von einer Öldampflok.


Noch eine paar Serpentinen des Wanderweges höher, bremst dann schon der nächste Talfahrer auf der Alp gen Brienz.

Noch ein paar Serpentinen und Oberstaffel ist schon fast erreicht. Hier mussten erstmal dringend die Wasservorräte ergänzt werden. Eine Kreuzung stand gerade nicht an, sodass ich gleich weiter hinauflief. Erstmals war mit Rothorn Kulm nun auch das Ziel der Wanderung sichtbar. Obwohl gefühlt nun schon so nahe, zogen sich diese letzten, immerhin noch gut 400 Höhenmeter nun aber extrem. Aus einer Mischung aus müden Beinen, dünner werdender Luft und anspruchsvoller werndendem Weg, wurde das nun wirklich langsam zum Kampf. Auf halbem Weg zwischen Oberstaffel und Kulm ging ohne kurze Pause nichts mehr. Der Spezialbooster aus einer Handvoll Kürbiskernen und einer Banane musste her. Nach zehn Minuten ging es dann aber weiter.


Eine kleine Verschnaufpause zwischen Oberstaffel und Kulm war noch nötig, um die letzten Meter hinauf in Angriff zu nehmen. Der Ausblick hätte dabei schlechter sein können…

Allmählich begannen auch die Wolken typisch für den Hochsommer zu quellen und über den Berggraten hängen zu bleiben. Auch um Rothorn Kulm bildeten sich dicke Quellwolken und der große Bergkessel lag nun am Nachmittag bereits im Gegenlicht. Schon aus Ehrgeiz wollte ich die letzten Meter hinauf nun aber auch noch bezwingen. Eine misstrauisch blickende Kuhherde galt es noch zu durchschreiten und schon kreuzte ich die Strecke der Zahnradbahn oberhalb des großen Bergkessels, der von der Bahn am Gegenhang befahren wird. Hier wartete ich nochmal die nächsten Talfahrer ab, von denen sich der erste Zug bereits an der Gipfelstation in Bewegung gesetzt hatte.


Eine Kuhherde hat zwischen Oberstaffel und Kulm den Wanderweg in Beschlag genommen.


H 2/3 6 kommt den Berg hinunter Richtung Brienz. Auch am Rothorn quellen schon ordentlich die Wolken.


Es folgt noch der Öldampfer 12. Der Blick hinunter in den Bergkessel mit dem scharf geformten Grat wirkt wie eine Modellbahn. Dahinter klebt die von den Jahren schon etwas ausgeblichene Hintergrundtapete von Faller 😉


Das letzte Stück des Weges hinauf nach Kulm ist dann nochmal etwas knifflig aufgrund des grobschlächtigen Gerölls. Aber auch das konnte ich hinter mir lassen und die Bergstation liegt nun schon leicht unterhalb des hier abflachenden Wanderpfades.


Mit Fernsicht ist am Nachmittag im Hochsommer natürlich nicht mehr viel. Wenigstens hingen die Wolken aber leicht oberhalb der Gipfelstation – nicht wie vergangenes Jahr am Pilatus genau auf Höhe der Station… Drei Züge warten noch auf die Nachmittagsspitze hinab nach Brienz.


Noch ein Blick von der anderen Seite mit dem Gipfel des 2348 Meter hohen Brienzer Rothorn im Hintergrund. H 2/3 14 hat schon eine Menge Fahrgäste für die nächste Talfahrt gesammelt.


Blick über den Grat nach Sörenberg.

Anstatt zum Gipfelkreuz hinauf, schleppte ich mich lieber auf die Terrasse der Kulmgastro. Dort durfte es erstmal ein starker Kaffee und ein Stück Pflaumenkuchen sein. Nach zwanzig Minuten entspannen waren die Lebensgeister schon wieder geweckt.

Hier oben wäre nicht mehr besonders viel anzustellen. Die Sicht war wie erwartet nicht wirklich gut und die Bahnmotive im Gegenlicht. Recht zügig ließ ich mich daher anschließend nach Oberstaffel hinabtreiben. Die Kuhherde hatte sich in der Zwischenzeit nun wirklich direkt auf dem Wanderpfad breit gemacht und lag wiederkäuend mitten im Weg. Ein kleiner Schlenker durch die steile Wiese blieb mir daher nich erspart. Ein Bergfahrer-Korso aus zwei Zügen nahm ich unterwegs noch mit, dann wollte ich in Oberstaffel noch eine nachmittägliche Kreuzung abwarten.

Hinab kamen ein ölgefeuerter Dampfzug und der „Dampfwürstlibummler“. Hinauf folgte einem Öldampfer und zu meiner Überraschung noch einmal die Kohledampflok H 2/3 6 mit dem blauen Vorstellwagen. Mindestens genauso interessant war derweil das tierische Treiben der dortigen Alpbewohner: Eine Herde Ziegen tollte an der Einfahrtsweiche rund um den Bahndamm und auf den Gleisen herum. Erst als der Zug unmittelbar nahte, ließen sich die Ziegen auf den Gleisen davon überzeugen, den Weg freizugeben – immerhin nicht ganz so hartnäckig wie einst die Schafe am Snowdon 😀 Die Herde war nun aber getrennt, was den wenigen Tieren auf der anderen Seite sichtlich missfiel. Einige huschten auf Tuchfühlung mit dem Dampfross also kurzentschlossen doch noch auf die andere Seite. Das Personal kennt dieses Spiel hier aber scheinbar bestens und ließ sich nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen. Zu sehen noch besser an der nächsten Szene in der Kreuzungsstelle selbst: Zwei Esel fanden hier das Gras unmittelbar an den Schienen unwiderstehlich und ließen die Talfahrer nur widerwillig einfahren. Da die Talfahrer ohnehin einige Minuten warten mussten, wurde den Eseln anschließend von der Zugbegleiterin gut zugesprochen, was diese mit störrischer Gelassenheit ignorierten. An den Halftern gepackt, ließen sich die beiden grauen Kollegen dann aber doch mit etwas Nachdruck über den Bahndamm führen und hinab auf die Weise schicken. So konnten dann auch die bergfahrenden Dampfloks problemlos passieren.
Anschließend konnten auch die Talfahrer ihren Weg fortsetzten. Obwohl offiziell kein Personenhalt, konnte in der Zwischenzeit auch zwei Fahrgäste in Oberstaffel noch im Planzug untergebracht werden.


Dem Plankurs folgt der Dampfwürstlibummler hinab vom Gipfel und läuft in die Kreuzungsstelle Oberstaffel ein. Die Ziegenherde wurde schon vom vorausfahrenden Plankurs verscheucht.


In der Kreuzungsstelle Oberstaffel werden erstmal die Esel von der Zugbegleiterin vom Bahndamm komplimentiert.


Dann kommt auch schon H 2/3 6 als zweiter Bergfahrer entgegen.


Ab hier haben die Bergfahrer das Ziel fest vor Augen, unterbrochen nur von der Galerie und dem Tunnel vor der Gipfelstation, die hier noch gut 400 Meter über dem Zug thront.


Der Öldampfer ist der kohlegefeuerten H 2/3 6 bei Oberstaffel schon ein beträchtliches Stück voraus und hat den Bergkessel schon zu 90 Grad umfahren.

Mit der Sonne hatte ich in Oberstaffel nochmal Glück gehabt. An den Bergen hatten sich jetzt aber ordentlich Wolken festgesetzt die sich quasi nicht bewegten und für die herumwandernde und sinkende Sonne zunehmend zum Problem wurden. Es war mittlerweile aber auch 16 Uhr durch und ich mit dem Tag schon mehr als zufrieden. Gemütlich lief ich also weiter den Weg die Serpentinen auf die nächste Alp hinunter. Nach dem Trubel auf dem Kulm, herrschte den gesamten Weg hinab wieder Menschenleere. Wohl kaum ein Dutzend anderer Wanderer waren mir unterwegs den Tag über begegnet. Mal abgesehen von jenen typischen Gipfelstürmern, die mit der Bahn hinauf und hinab fahren, um dann in voller Outdoor-Klamotte, bestehend mindestens aus Stiefeln, Cargohosen, Funktionsjacken und Rucksäcken in Neonfarben und bewaffnet mit Wanderstöcken, drei Schritte von der Bergstation in die „Wildnis“ zu wagen 😉 Es spricht ja nichts dagegen, einfach mit der Bahn hinauf und hinab zu fahren, einen Kaffee zu nehmen und einfach die Aussicht zu genießen – dafür wurde die Strecke schließlich gebaut. Aber dieses Auftreten als Möchtegern-Messner lässt mich dann schon immer etwas schmunzeln 😀 Denn das schöne ist ja eigentlich das es mit der Bahn auch in Turnschuhen oder Badelatschen geht 😉

Unterhalb des Kühmaadtunnel wartete ich jedenfalls nochmal die nächsten Talfahrer ab. Je näher die Züge, desto unwahrscheinlicher wurde es mit der Sonne – die meiste Zeit wartete ich im Dunkeln. Hinab kam schon wieder die kohlegefeuerte H 2/3 6, gefolgt von einem Ölbrenner. Kurz vor der Durchfahrt waberten dann doch kleine Sonnenfelder durch das Motiv. So richtig war die Situation nicht einzuschätzen. Ich gab einfach mal Dauerfeuer und schaute hinterher kurz nach was daraus geworden war. Naja, so richtig Sonne… aber so richtig keine Sonne auch wieder nicht. In der Nachbearbeitung ließ sich dann doch einiges herausholen und das Ergebnis der Kohlegefeuertern gefällt mir im Nachhinein richtig gut.

Den in Planalp kreuzenden, letzten Bergfahrer, wartete ich dann auch noch ab. Das Ergebnis war diesmal aber eindeutig: Vorn dunkel + hinten hell = Schrott. Zu meiner Überraschung brummte es dann anschließend aber von hinter der Kuppe und dem letzten Bergfahrer folgte noch das Diesel 11 mit einem Versorgungswagen für die Kulm. Das Bild wurde zwar genauso schrottig, aber für die Sammlung immerhin auch noch ein Diesel. Ich war schon etwas überrascht, das überhaupt kein Planzug mit Diesellok geführt wurde und stattdessen gleich zwei kohlegefeuerte Dampfloks in den Planumläufen liefen. Etwas schade war das schon, denn irgendwie sind die drei 1975 und 1987 gebauten Dieselloks 9-11 auf ihre Weise auch urig und ziemlich einmalig. Der Prototyp Hm 2/2 8 von 1973 gelangte inzwischen über den Rochers-de-Naye zur Monte Generoso Bahn.


Nicht bei Volllicht, aber in schöner Lichtstimmung, bremst H 2/3 den zweiten Zug der vorletzten Talfahrer unterhalb des Kühmaadtunnel Richtung Planalp und Brienz hinab.

Der weitere Abstieg war dann bahntechnisch recht ereignislos. Ab Planalp begann wieder das Asphalsträßchen, sodass der restliche Weg im Laufschritt hinab gebremst werden konnte – hach wäre das jetzt cool gewesen mit dem Rad. Aber auch auf zwei Beinen ging es zügig hinab. So schaffte ich es sogar knapp vor dem letzten Talfahrer gegen 18:30 hinab bis Gäldried. Dort flammte für einen Moment sogar noch die Sonne zwischen den Wolken auf, Sekunden vor dem Zug war das warme Abendlicht aber wieder verschwunden. Naja, das ist hier abends motivlich eh kein Highlight…

Pünktlich mit meiner Ankunft sperrte der Coop in Brienz zu, dafür erreichte ich aber just in time den Regio nach Interlaken. Fast hätte ich auf der falschen Seite gestanden, bemerkte aber noch rechtzeitig, das hier bei fehlender Kreuzung immer am Hausbahnsteig gehalten wird. So nutzte ich dann eben in Interlaken die zehn Minuten Übergang auf die BOB für einen Einkauf beim Coop pronto am Bahnhof. Zurück in Wilderswil waren Beine und Füße dann mehr als schwer, die Schuhe hatten sich aber super bewährt. Noch das beim Coop zusammengestellte Abendessen verzehrt und bei der anschließenden Partie des World Matchplay aus Blackpool fielen mir die Augen so oft zu, das ich es aufgab und mich gleich hinhaute.

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