Über den Röstigraben und Retour VIII: NStCM und Ausweichprogramm im Jura

Heute soll es nach ein paar letzten Aufnahmen an der NStCM hinüber nach Yverdon zur YSC gehen und abends weiter nach Bercher. Wie die YSC zum wiederholten Male zur Enttäuschung mutierte und ich stattdessen zu einer Radtour im Jura kam, davon erzählt dieser achte Teil der Reise über den Röstigraben.


Dienstag, 27. August 2021

Auch der zweite Morgen in Saint-Cergue begrüßte uns mit Anflügen von Helligkeit. Gleiches Frühstücksprogramm wie gestern, gleiches Procedere mit dem nachbezahlen der Tourismusabgabe. Einziger Unterschied: Heute packten wir im Anschluss die Koffer und verluden alles ins Auto. Eigentlich schade, das Hotel hier war super gewesen, abgesehen vom fehlenden Nachschlag beim Frühstück. Aber hier oben hatten wir es jetzt auch gut gesehen und nur für die Unterkunft immer nach Saint-Cergue hochzufahren ist es dann auch irgendwie nicht, denn die nächsten Ziele lagen doch eher Richtung Lac de Neuchâtel. Konkret wollte ich heute nach Yverdon hinüber um ein wenig die Strecke Yverdon-St.Croix zu bearbeiten, an der ich noch kaum brauchbare Aufnahmen vorzuweisen habe. Zuvor wollte ich noch den Versuch starten, die Aufnahmen hier oben Richtung La Cure nochmal mit etwas mehr Licht zu wiederholen. Das Quartier für heute Abend hatte ich schonmal unweit von Berchers, am Streckenende der LEB (Lausanne-Echallens-Bercher) gebucht. Das ist von Yverdon nicht übermäßig weit und ich wäre praktisch auch gezwungen, nach zehn Jahren Pause mal wieder bei der LEB aufzukreuzen und wenigstens die neuen Triebwagen aufzunehmen. So war also zumindest mal der Plan für heute…

Die Wege der Reisegefährten trennten sich sogleich nach dem Beladen des Autos. Ich mit dem Auto Richtung La Cure, die zweite Hälfte zum Bahnhof. Noch sah es durchaus vielversprechend hell aus und ich parkte gleich wieder an der großen Wiese bei La Givrine. Sowohl der ABe 4/8 Richtung Nyon, als auch die anschließende Dreifachkiste nach La Cure gingen bei Sonne durch – so könnte es doch weitergehen. Anschließend schaute ich noch weiter bis La Cure. An der Strecke war aber leider absolut nichts zu machen, sodass es nur ein Bild im Endbahnhof, unmittelbar an der französischen Grenze gab. Für die Rückfahrt bot sich dann einzig die Einfahrt in Saint-Cergue ganz passabel für eine Aufnahme an.


Morgenstimmung über der Hochebene des Jura bei La Givrine. Das Auto findet hier unkompliziert auf dem Schotterplatz neben der Straße seinen Platz.


Aus La Cure erreicht ein Abe 4/8 die große Weise bei La Givrine.


Bis zum Gegenzug bleibt Zeit für ein paar Landschaftsstudien.


Querab über die Wiese bei La Givrine nahm ich anschließend die morgendliche Dreifachkiste nach La Cure – ein wenig fehlt hier doch die Standhöhe aus der Vormittagsperspektive.


“Dank” des Stundentaktes im oberen Abschnitt hat die Dreifachkiste in La Cure eine ausgiebige Pause. Das Haus rechts im Hintergrund gehört bereits zu Frankreich.


Der Grenzübergang befindet sich unmittelbar neben dem Bahnhof wenige Meter rechts die Straße hinunter. Bis 1958 führte die Strecke hinter La Cure wieder hinab und endete im französischen Morez. Daher rührt noch heute die Abkürzung NStCM für Chemin de fer Nyon–St-Cergue–Morez.


Für die Rückfahrt bot sich nicht mehr so recht ein Motiv an. Fündig wurde ich einzig direkt am Ortseingang von Staint-Cergue, wo sich die Strecke eng an den Hang schmiegt.

Richtig Ideen hatte ich jetzt nicht mehr. Irgendwie interessierte mich aber der kleine Haltepunkt La Chèvrerie Monteret, der das kleine Dorf mitten im Wald zwischen Saint-Cergue und Arzier an die große Welt anschließt. Bei gut zwei Dutzend Häusern dort unten im Wald sollte das kleine Sträßchen doch eigentlich befahrbar sein. Am Ortsausgang von Saint-Cergue nahm ich also den scharfen Rechtsknick auf das kleine Asphaltsträßchen in den Wald. Gegenverkehr kam glücklicherweise nicht und ich konnte das Auto vor dem Örtchen auf einem Schotterparkplatz abstellen und zum Haltepunkt hinunterlaufen. So richtig Sonne war zwar nicht mehr, aber für den idyllischen Haltepunkt mitten im Wald sollte es ausreichen. Kaum war der Abe 4/8 Richtung Saint-Cergue abgefahren, trat auch schon der liebe Kollege Bahnfahrer aus dem Schatten des Wagens hervor – deshalb hatte der Zug hier im Nichts also gehalten. Bei einem kleinen Schwätzchen wartete wir die Rückfahrt ab, die allerdings bei noch weniger Sonne abging.


Ein Halbstunden-Anschluss in die weite Welt ist auch nicht schlecht für ein Dörfchen im Nichts mitten im Wald mit nur guten zwei Dutzend Häusern. Zumindest wurde aber auch hier fleißig gebaut und saniert, sodass das Fahrgastpotenzial in Zukunft nicht sinken dürfte. Ein Abe 4/8 verlässt den Haltepunkt La Chèvrerie Monteret Richtung Saint Cergue.

Jetzt war aber Ortswechsel angesagt. Während der SwissPass weiter hinauf nach La Cure fuhr, wollte ich nun hinüber nach Yverdon. Auf dem Weg hinab Richtung Seen hielt ich aber nochmal am Sonnenblumenmotiv von gestern. Diesmal schien sogar die Sonne. So ganz entscheiden kann ich mich aber nicht, ob nun die sonnenlose Aufnahme mit dem bedrohlich schwarzen Himmel von gestern, oder die heutige mit Sonne, aber wenig Frontlicht und siffigem Himmel besser kommt.


Zweiter Versuch am Sonnenblumenfeld zwischen Givrins und Genolier, wieder mit einer Kiste. Heute zwar mit Sonne, dafür aber wenig Frontlicht und Siffhimmel.

11 Uhr war schon wieder durch und damit höchste Zeit es nach Yverdon zu schaffen. Rund eine Dreiviertelstunde dauerte die Fahrt hinüber zum Lac de Neuchâtel. An der Autobahnabfahrt steuerte ich noch den großen Coop an und verbesserte die Versorgungslage. Dann fuhr ich mal den ersten kleineren Ort hinter Yverdon, Valeyres sous Montagny an, um von dort aus mit dem Rad weiter zu fahren. Hier gab’s aber irgendwie so gar keine Möglichkeit das Auto los zu werden. Die Weiterfahrt nach Vuiteboeuf wurde indes durch eine Baustelle verhindert, sodass ich nochmal einen Bogen über Valeyres sous Montagny schlagen musste, um die Strecke bei Essert sous Champvent zu erreichen. War das hier schon wieder ein nerviges Rumgeier – vermisst man irgendwie so gar nicht, das Gefahre in den Schweizer Agglos… Über 1 1/2 Stunden nach dem letzten Bild erreichte ich dann endlich den Bahnhof Essert sous Champvent. Mal Richtung Bahnsteig gelaufen um zu schauen, wie und wo man denn hier für den Parkplatz zahlen durfte, da fielen sie mir schon auf: Gefährliche orangene Aushänge. Diese verkündeten nichts Gutes: Ersatzverkehr ab Baulmes. Schon beim letzten Besuch hier kamen mieses Wetter und eine Baustelle zusammen – jetzt also wieder. Obwohl das Wetter sogar noch etwas Chance gelassen hätte. Aber mit Ferien und Ersatzverkehr war hier nun wieder nicht mit dem Einsatz der GTW 2/6 zu rechnen. Stattdessen wahrscheinlich zwei oder drei neue Stadler, die auf dem langweiligsten Abschnitt der Strecke immer hin und her fuhren. Nein danke, das brauchte ich dann irgendwie auch nicht.


Wiedermal eine Enttäuschung an der YSC: Ersatzverkehr ab Baulmes. Aber es kam gerade eh was im Bahnhof Essert sous Champvent, also wenigstens ein Beweisbild, bevor es an die Ersatzplanung ging.

Bei Schokibrötchen und Milchkaffee musste also ein Ersatzprogramm her. Klar, hätte ich auch schon zur LEB hinüberfahren können oder ein wenig Neuchatel machen. Aber irgendwie hatte ich jetzt Lust, den Nachmittag einfach irgendwo entspannt Rad zu fahren. Vom Wetter war eh nicht mehr viel zu erwarten heute. So kam ich auf die Idee, einfach schonmal die Jurabahn etwas vorwegzunehmen, wo wir auf dieser Reise eh noch einige Tage verbringen wollten. Aber die Fahrt dorthin ist von hier aus über Autobahn und Schnellstraße sehr entspannt, ich könnte dabei noch etwas weiter essen und dann dort oben einfach mal mit dem Rad etwas Streckenkunde betreiben. Das wäre jetzt zwar viel tote Strecke, müsste ich doch heute Abend zur Unterkunft nach Berchers wieder ewig weit zurück. Zum einen weil natürlich der Kollege danach plante, zum anderen weil die Unterkunft wohl auch nicht mehr stornierbar gewesen wäre. Aber was soll’s – es ist Urlaub, einfach mal nicht so viel Nachdenken, sondern tun wonach gerade ist. Also auf nach Chaux-de-Fond!
In einer Stunde war ich auch schon die Schnellstraße nach Chaux-de-Fonds und die 18 weiter nach Le Noirmont gefahren. Vor dem Ort konnte der Wagen an einem Schotterparkplatz abgestellt werden. Den restlichen Nachmittag wollte ich einfach mal den Ast Richtung Glovelier hinab radeln, bis dieser im tiefen Wald verschwindet. Inzwischen hatte sich eine dicke Wolkendecke gebildet, die aber wenigstens ein wenig Struktur hatte und nicht den kompletten Siff abgab.

Im Wesentlichen genoss ich aber einfach nur die herrlich ruhige Landschaft, den nur moderaten Tourismus und die große Freiheit an Wegen und Schotterpisten durch die Hügel des Jura entlang der Bahnstrecke. Hier und da wartete ich natürlich auch mal einen Zug ab, im Wesentlichen war der Nachmittag aber unter Urlaub pur mit Streckenkunde zu verbuchen. Bei einer zweiwöchigen Tour darf das aber auch mal sein und da zu keiner Zeit Hoffnung auf Sonne bestand, gab es auch kein Zittern an den Motiven und schlechte Laune, wenn die Sonne im letzten Moment immer verschwindet. Ich schaffte es am Ende bis zum späten Nachmittag nach Bollement hinunter, wo die Strecke endgültig im dichten Wald hinab nach Glovelier verschwindet. Viele Bilder auf diesem Abschnitt sollten auf dieser Reise noch bei feinstem Sonnenschein gelingen, sodass die Bildauswahl noch etwas verkürzter ausfällt, als sie tatsächlich schon war.


Ein mittelgroßer Sprung brachte mich an die CJ zwischen Le Noirmont und Glovelier. Auch hier fahren schon seit einigen Jahren die “Einheits”-Be 4/4 von Stadler, allerdings noch mit altem Wagenmaterial. Heute kam auf dem Ast nach Glovelier unter anderem der Be 4/4 655 mit dem umgebauten Einzelgänger Abt 715 zum Einsatz, den wir gleich noch besser sehen werden. Hier ist der Pendel im abgelegenen Tal zwischen Pré Petitjean und La Combe unterwegs.


Bis Bollement schaffte ich es an diesem Nachmittag noch hinunter Richtung Glovelier. Am Nachmittag fahren auf diesem Ast zwei Verstärkerzüge, die für zwei Stunden einen ungefähren Halbstundentakt herstellen. Oftmals setzt dafür einer der GTW 2/6 631-634 ein. So auch heute, als GTW 2/6 632 in Bollement bereits Ausfahrt in den kurzen Tunnel in Richtung des Abstieges nach Glovelier bekommen hat.


Es geht wieder zurück Richtung Noirmont. Kurz vor La Combe taucht die Strecke aus dem Wald aus und erreicht am Rande einer Wiese entlang und über eine kleine Brücke den Bahnhof La Combe. Nur wegen eines Gütergleises für den Holztransport darf sich La Combe Bahnhof nennen. Eine Kreuzungsmöglichkeit besteht hier nicht. Wieder ist Be 4/4 655 mit Abt 715 zu sehen.


Ein Nachschuss auf den seltsamen Zwitter von Steuerwagen auf der kleinen Brücke vor dem Bahnhof lohnt sich. Der seltsame Umbau mit einem Kopf im Stil der GTW 2/6 ist bis heute ein Einzelgänger.


Viele der Sträßchen durch die abgelegenen Täler sind öffentlich befahrbar. Kuh- und Pferdeherden laufen hier aber frei in großzügig abgesteckten Arealen herum. Wer hier den Vorrang für sich beansprucht wird beim Blick auf den White-Van deutlich. Als die Kuhherde über die Wiese getrieben wurden, bevorzugten die beiden Pferde den bequemeren Weg auf der Straße und denken gar nicht daran, den Fahrzeugen Platz zu machen.


Der Blick von der Straße querab eröffnet dieses Motiv mit GTW 2/6 632 am Etang Plain-de-Saigne zwischen La Combe und Pré Petitjean. Die Kühe ziehen im Gegensatz zu den Pferden etwas unterhalb auf der Wiese zu neuen Weidegründen.


Zwischen Pré Petitjean und Le Bémont bieten sich immer wieder weite Blicke über das sanfte Tal. Be 4/4 654 ist auf dem Weg nach La-Chaux-de-Fonds.


Bei der Fahrt durch Saignelégier konnte ich diese verfallene Bausünde des ersten Schweizer Betonwahns nicht unfotografiert lassen. Lange war der Jura nicht nur geografisch am äußersten Rand der Schweiz gelegen, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht immer etwas abgehängt. Inzwischen wird zwischen La-Chaux-de-Fonds und Noirmont aber gebaut was das Zeug hält, wobei auch heute an vielen Stellen in Sachen Beton eher das Motto “Klotzen statt Kleckern” zu gelten scheint…

Das war es dann in fotografischer Hinsicht auch schon von diesem Tag. Für die Prognosen von einer sehr niedrigen einstelligen Zahl bis gar keine Sonnenstunden, waren zumindest heute Vormittag noch einige schöne Aufnahmen an der NStCM ergänzt worden. Der Nachmittag war dann einfach als eine sehr entspannte Radtour mit ein wenig Streckenkunde zu verbuchen. Am Parkplatz von Noirmont angekommen war es dann auch schon wieder 19 Uhr. Zum Glück hatte ich unterwegs schon etwas eingekauft, denn wirklich länger als 19 Uhr haben eigentlich nur in den großen Orten einige Detailhändler geöffnet, außer man hat Glück und stößt irgendwo auf einen geöffneten Volg, bei denen wirklich jeder Laden andere Öffnungszeiten zu haben scheint. So konnte ich ganz entspannt wieder hinab zum See gondeln und weiter nach Yverdon. Bis zu Unterkunft in Saint-Cierges unweit von Bercher waren es jetzt schon knapp 100 Kilometer. Aber es fuhr sich jetzt am Abend super entspannt die Schnellstraße und Autobahn bis Yverdon hinab. Warum mich das Navi in Yverdon mitten durch die Stadt schickte und ich es zu spät bemerkte? Gute Frage – Aber auch hier war es schon recht leer und lief problemlos, so kam ich also auch noch zu einer abendlichen Stadtrundfahrt. Hinter Yverdon ging es dann über die letzten Kröppelstraßen durch’s hügelige Hinterland, wobei für die Kröppelstraßen hauptsächlich eine Umleitung verantwortlich war. Gerade noch rechtzeitig erreichte mich der Anruf, es sei nicht mehr mit vertretbarem Zeitaufwand zu schaffen, öffentlich von Bercher nach Saint-Cierges zu gelangen. Noch musste ich nichtmal einen ernsthaften Umweg fahren, um dort vorbei zu kommen. So ging es zu zweit die letzten Kilometer nach Saint-Cierges weiter, wo wir nach einigem Rumgeirre in einem Neubaugebiet am Hang auch die private Unterkunft fanden. Man sprach natürlich wieder ausschließlich Französisch, aber wo unser rechtmäßiger Parkplatz war, konnte uns auch so vermittelt werden. Wiedermal zahlte es sich aus keinen Monster-SUV oder sonstigen Schlitten zu fahren, denn alles über meinem Leon hätte hier keinen Platz gefunden…
Die Privatunterkunft mit drei Zimmern war super schön. Ein altes Haus, aber alles top ausgebaut mit einer gemeinsamen Kaffeküche, zwei großen Einzelbetten und eigenem, modernen Bad. “Große” Einzelbetten war derweil sehr wörtlich gemeint, denn es schien als seien diese für Hagrid selbst entworfen worden. Bestimmt 2,20 lang und vor allem auch mit einem Meter Einstiegshöhe. Naja, für mich genau richtig und es schlief sich einfach wunderbar hier. Vorher gab es aber noch einen Kaffee aus der frei zur Verfügung gestellten Maschine in der Teeküche und natürlich das obligatorische große Fressen am Abend. Wir – und damit meine ich nicht mich, mit meinen null Jahren Französischunterricht – brachten noch in Erfahrung, wie das denn mit Frühstück morgen aussähe, schließlich hätten wir ja morgen früh keine Eile und könnten es gemütlich angehen. Für CHF 7 kleines Frühstück, für irgendwas über CHF 10 ein größeres wurde vermeldet. Das klang doch gut. Wir entschieden uns für die kleine Variante.
Für morgen ist das Wetter nochmal etwas unklar angesagt. Es soll wohl umgekehrt zu heute, vor allem am Nachmittag langsam aufmachen. Auch nicht schlecht, das bedeutet erstmal ausschlafen und dann morgen früh noch etwas an der LEB herumgondeln, bevor es dann ernsthaft und für längere Zeit in den Jura hinauf gehen soll.

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