Swiss Reloaded V: Zum Abschluss drei Tage Tessin – Centovallina und Monte Generoso

Zum Abschluss der Schweiz-Reise geht es über den Alpenhauptkamm ins Tessin. Zwei halbe Tage werde ich hier bei der Centovallibahn verbringen und einen Tag wird es hinauf auf den Monte Generoso gehen.


Sonntag, 15. August 2021: Über den Nufenenpass ins Centovalli

Der Wecker klingelte pünktlich zum Frühstück, das ich nach dem frühen Aufstehen gestern, heute noch einmal voll mitnehmen konnte. Derweil nahm der Plan für heute Gestalt an: Ins Tessin sollte es gehen. Nach dem genialen Tag gestern, war das hier eigentlich nicht mehr zu toppen, sodass ich auch einen weiteren lang gehegten Wunsch in Angriff nehmen könnte und mich einmal genauer im italienischen Teil der Schweiz umsehen. Im Grunde nur einmal war ich bislang dort gewesen, während einer eintägigen Rundfahrt Spiez-Lötschberg-Brig-Domodossola-Locarno-Gotthard-Luzern-Spiez im Sommer 2009. Das war nun schon einige Tage her und beinhaltete im Tessin auch nur die Mitfahrt in der Centovallibahn von Domodossola bis Locarno. So war mir bislang auch die Zahnradbahn auf den Monte Generoso noch gänzlich unbekannt, mal ganz abgesehen von Streckenaufnahmen entlang der Centovallibahn. Besonders die Centovallibahn drückt aber allmählich, soll doch mindestens ein Teil der Flotte ab 2023 durch neue Stadler-Triebzüge ersetzt werden. Besonders dringlich ist das angesichts der einmaligen Fahrzeuge, die dort aktuell noch im Einsatz stehen. So wirklich die beste Jahreszeit ist der Hochsommer natürlich nicht im Tessin, wenn man eine gewisse Aversion gegen schwülwarmes Klima hegt. Aber wer weiß schon, wann man dem Centovalli in den nächsten Jahren wieder so nahe kommt und die Wetteraussichten für die nächsten Tage sehen auch erstmal so schlecht nicht aus.

Also noch das Zimmer bezahlt, nach drei Nächten hier oben alles wieder zusammengeschmissen und Abfahrt. Denn so ganz kurz ist die Anreise dann doch nicht – ist halt irgendwie der Alpenhauptkamm im Weg… Ohne Bahnverlad bietet sich die gemütliche Fahrt über den Nufenenpass an, wie ich mir während des Frühstücks zurechtgelegt hatte. Also erstmal wieder ins Goms – auf der Strecke kannte ich nun langsam die Kurven auswendig. In Ulrichen zweigt dann Richtung Südosten recht unscheinbar der Nufenenpass ab. So unscheinbar, dass ich etwas in Gedanken erst am Abzweig auf die Nufenenstrasse vorbeifuhr, meinen Fehler aber umgehend korrigieren konnte. Am örtlichen Volg besorgte ich noch ein zweites Frühstück – wer weiß wann es am Sonntag wieder einen geöffneten Laden hat – und nahm anschließend den Nufenenpass in Angriff. Auch ein toller Pass, den ich bislang noch nie gefahren war, der sich heute aber längst nicht so überlaufen zeigte, wie manch andere Passstraße an einem sonnigen Ferientag in dieser Ecke. Es war ein wirklich gemütliches cruisen in der Vormittagssonne. Bei der Passhöhe legte ich auf immerhin satten 2478m ü.M. ein halbes Stündchen Pause ein und machte mich erstmal über den kalten Milchkaffee aus dem Volg her, bevor dieser demnächst mit Tessiner Außentemperaturen Bekanntschaft machen würde.


Blick vom Nufenenpass zurück Richtung Deutsch-Schweiz. Hinten quer verläuft das Goms mit der MGB-Strecke von Visp Richtung Furka.


Auf immerhin 2478 Meter Höhe bringt es der Nufenenpass. Es war aber recht wenig los an der Passhöhe und auch die dortige Raststation schien wohl seit längere Zeit geschlossen – eine Folge von Corona?


Blick in die entgegengesetzte Richtung auf die Staumauer des Griessee und den Griesgletscher.


Wer schichtet eigentlich immer diese Steintürme auf?

Hinter der Passhöhe geht es direkt in den italienischsprachigen Teil der Schweiz. Deutlich unspektakulärer ist derweil diese Seite des Passes. Nach einigen Serpentinen unmittelbar hinter der Passhöhe, läuft die Strecke recht gemütlich und deutlich länger als auf der Nordseite im Val Bedretto Richtung Airolo aus. Einige leidige Schleicher waren hier jetzt unterwegs, aber ab Airolo konnte ich dann nach Tagen mal wieder auf eine Autobahn wechseln und mit 100-120 Sachen ungewohnt schnell dahingleiten. Insgesamt zieht sich die Fahrt über Biasca und Bellinzona bis nach Locarno dann aber doch ein wenig, zumal es in Bellinzona Süd von der A2 herunter und anschließend etwas kröpplich bis Locarno weitergeht. Was die Städte auf Schweiz-Reisen angeht, bin ich dann ja doch ein relativer Kulturbanause, sodass ich Locarno gleich links liegen ließ – es zieht in diesem Land halt immer in die Landschaft und an die Bahnen…
Bei einer Tankstelle mit angeschlossenem Coop pronto legte ich aber noch einen Halt ein, denn so richtig geöffnet sahen die Detailhändler hier an diesem Sonntag dann nicht aus. Angesichts der Masse an Leuten, die sich hier mit dem Tagesbedarf eindeckten anstatt zu Tanken, schien dieser Coop eine der wenigen sonntäglichen Anlaufstellen in ganz Locarno zu sein. Ich besorgte also vorsorglich schonmal alles, was ich bis morgen früh noch bräuchte. Dann ging es aber weiter Richtung Centovallibahn, die in Locarno unterirdisch endet und erst Richtung Ortsausgang ans Tageslicht gelangt. Wie schon geschrieben, hatte ich hier an der Strecke noch so gut wie nichts. Dementsprechend mussten erstmal die Basics abgearbeitet werden, die ich mir im Vorhinein herausgesucht hatte. So steuerte ich zunächst die große Brücke bei Intragna an. Kaum das Auto abgestellt, nahte am Hang aus Locarno auch schon etwas. Schnell zu einem Spurt über die Brücke angesetzt und das erste Bild war im Kasten.


Ein ABe 4/6 überquert die große Stahlgitterbrücke vor Intragna.

Ich wechselte anschließend hinauf zum Bahnhof, um erstmal einen Blick auf den Fahrplan zu werfen. Schon eben hatte es mich beim Aussteigen aus dem Auto gut umgehauen. Schwülwarme, satte 30 Grad empfingen mich hier im Centovalli. Es ist eben doch August und ich hier nur auf einer Höhe von rund 300 Meter. Da wünschte man sich irgendwie zurück auf eine Höhe weit über 1000 Meter… Der Fahrplan jedenfalls eröffnete ein ziemliches Chaos: Durchgehende Züge bis Domodossola in Italien gibt es immer etwa alle ein bis zwei Stunden, wobei kein sauberer Takt gefahren wird. Über die Grenze wollte ich angesichts der Scherereien bei der Einreise nach Italien aber ohnehin nicht, gäbe es erstmal doch auch diesseit der Grenze genug zu tun. Ein ungefähr doppelt so dichterer Fahrplan herrscht bis zum Grenzbahnhof in Camedo, wobei die Züge teilweise auch schon hier in Intragna, oder unterwegs in Verdasio enden. Teilweise kommen im Schweizer Abschnitt auch zwei Züge direkt hintereinander, wobei es sich bei einem dann immer um einen Langläufer bis Domodossola handelt. Zusammengefasst: Ein absolut nicht intuitiver Fahrplan, bei dem gefühlt jeder Zug auf eine andere Minute fährt. Irgendwie so gar nicht was man sonst kennt aus der Schweiz.

Ich wartete hier im beschaulichen Bahnhof einfach mal auf den nächsten Zug. Auf Mittag sollte gleich ein Panoramazug Richtung Locarno durchkommen. Dabei handelt es sich dann natürlich um einen der drei seltsamen Skoda-Triebzüge, die es in dieser Form einzig bei der Centovallibahn gibt.


Ein vierteiliger Skoda-Triebzug mit ABe 4/4 81 am Schluss hält im Bahnhof von Intragna.

Ich fuhr einfach mal ein wenig Richtung Italien, um mich erstmal etwas bekannt zu machen mit der Strecke. Nicht nur die Bahnstrecke ist extrem eng und verwachsen, wie ich schon 2009 festgestellt hatte, auch die Straße besteht praktisch nur aus Kurven. Und diese sind durchweg im Minimalradius verbaut und direkt aneinandergelegt, so als hätten beim Aufbau einer Carrera-Bahn ausschließlich Kurven zur Verfügung gestanden. Dabei geht es garnicht mal steil bergauf, aber die Enge am Rande des Tals und die vielen Quertäler, von denen auch der Name Centovalli herrührt, führen eben zu dieser leicht verrückten Linienführung. Materialschonend könnte man hier eigentlich durchgehend im dritten Gang mit dreißig dahingondeln, fast schon hypnotisch ständig hin und her lenkend – wie bei diesen schlechten Filmen, wo die Fahrer auf der Autobahn auch geradeaus ständig hin und her lenken, nur das es hier eben zwingend notwendig ist. Aber erstens will man ja irgendwann ankommen und zweitens – und das ist der Hauptgrund – ist hier ordentlich was los an Autoverkehr. Macht man gemütlich, sitzt einem binnen kürzester Zeit ein EU-Kennzeichen mit einem “I” als Länderkürzel im Nacken und mit Vorbeilassen ist bei dieser Topografie auch nicht viel…
Dabei dann noch nach Motiven Ausschau zu halten ist praktisch unmöglich. Wenn man doch eins erspäht, ist es aber ebenso fast unmöglich, irgendwo das Auto loszuwerden und selbst wenn das nach einiger Zeit gelingt, führt der einzige Weg zurück zum Motiv eben über jene verrückte Straße, wo um jede Ecke ein Italiener geschossen kommen kann. Kurzum: So richtig Spaß macht das hier nicht. So steuerte ich dann schon etwas genervt nach einer halben Stunde Herumgegurke den Bahnhof von Camedo an – ich war schon am Ende des Schweizer Teils angekommen. Hier findet sich dann auch die zweite große Stahlträgerbrücke, die ebenfalls ein Favorit bei Osmand Wert gewesen war in der Vorbereitung. Das Auto wurde ich irgendwo halb legal an der kleinen Serpentinenstraße oberhalb des Stausees los. Ein paar hundert Meter lief ich dann zu Fuß noch weiter hinauf an der Straße, bis ich den passenden Ausblick auf die Brücke, Camedo und den Stausee fand. Zeit das Mittagessen nachzuholen und hier im angenehmen Schatten auf Züge zu warten. Aus Camedo startete nach einiger Zeit der Regio zurück nach Locarno. Für den Langläufer in Gegenrichtung ging es dann hinunter auf Seehöhe um die Brücke noch einmal aus der Vogelperspektive abzulichten.


Letzter Bahnhof auf Schweizer Seite ist Camedo. Dort starten etwa zu jeder zweiten Stunde Regios nach Locarno, wobei die Abfahrtsminuten stark variieren. Das Dorf selbst schmiegt sich etwas oberhalb an den steilen Hang des Haupttals des Centovalli.


Die Landschaft ist schon wirklich toll – irgendwo zwischen malerisch und spektakulär. Auf einer großen Stahlträgerbrücke wird hinter Camedo ein Zufluss des Lago di Palagnedra überquert.


Nicht weniger Weitwinkel braucht es aus der Froschperspektive für den Langläufer in Gegenrichtung nach Domodossola.

Also gondelte ich mal wieder zurück und versuchte dabei irgendwelche Motive auszumachen. Bei Verdasio befindet sich einer der zahlreichen kleineren Steinviadukte unmittelbar vor dem ebenfalls – wie könnte es anders sein – in der Kurve gelegenen Bahnhof. Durch die hier abgehende Seilbahn hinauf zum Monte di Comino gibt es zahlreiche Stellplätze, von denen sogar einer für mich frei war. Mit dem ABe 4/8 46 kam dann auch endlich einer der vier 2011 verlängerten ABe 4/6 55-58, welche nun als ABe 4/8 die Nummern 45-48 tragen. Auch durch die neue Lackierung kommen die Fahrzeuge für mich deutlich eleganter daher, als die acht verbliebenen ABe 4/6 51-54 und 61-64.


ABe 4/8 46 erreicht als Langläufer aus Domodossola den Bahnhof Verdasio Richtung Locarno. Meist werden auf den langen Kursen heute die vier verlängerten ABe 4/8 46-48 und die meist zu drei vierteiligen Kompositionen zusammengestellten Skoda-Triebzüge eingesetzt.

Das war jetzt so gar nicht auf meiner Karte notiert gewesen, aber irgendwie gefiel die Ansicht auf den eng in der Kurve gelegenen Bahnhof, auch wenn der Viadukt nicht so richtig zur Geltung kam. Bei Intragna hatte ich jetzt aber noch den Nachmittagsblick auf der anderen Seite des Ortes auf dem Zettel. Irgendwie wurde ich eng an die Mauer geduckt auch das Auto kurz vor dem Ort los und lief die paar Meter hinüber ans Motiv an dem kleinen Viadukt vor dem Ort. Zunächst sollte es die Perspektive auf Schienenhöhe sein. Für den nächsten Langläufer lief ich ein Stück zurück, wo der Wanderweg hinab zur bekannten Ponte Romana auf einer neuen Brücke die Strecke quert. Von eben jeder neuen Brücke – vormals gab es hier nur einen niveaugleichen Überweg – lässt sich jetzt auch ganz gut auf die Centovallibahn schießen. Den nächsten Regio gab’s dann abschließend noch mal auf dem Viadukt vor Intragna, diesmal aus der erhöhten Kalenderperspektive von der Straße aus.


Der Schweizer ABe 4/6 54 überquert den kleinen Viadukt bei Verdasio Richtung Camedo.


Für den Wanderweg hinab zur berühmten Ponte Romana wurde eine neue Brücke über die Bahn gebaut, die sich jetzt für eine erhöhte Perspektive anbietet.


Blick von der Brücke: ABe 4/8 48 rollt vor Intragna hinab Richtung Locarno.


Der nächste Regio Richtung Locarno kreuzt in Intragna mit einem Langläufer nach Domodossola. Eigentlich hatte ich es auf eben jenen Langläufer abgesehen, um das Kalendermotiv von Intragna mit einem der schicken ABe 4/8 umzusetzen. Dummerweise quoll es jetzt am späten Nachmittag doch von überall her ordentlich zu, sodass der Langläufer bei Dunkelheit durchging und es eben beim ABe 4/6 54 bleiben musste.

Auf weiteres Gekurve im Centovalli hatte ich jetzt irgendwie keine Lust mehr. Das sind dann eben die Momente wo es auch schön ist nicht allein zu reisen, dann kann einer nach Motiven, Zügen und Parkplätzen Ausschau halten und navigieren und einer sich auf das Fahren konzentrieren. Ein paar schöne Sachen waren aber schließlich schon gegangen. So wollte ich dann noch etwas am unspektakuläreren Teil Richtung Locarno machen, der auch einige schöne Bahnhöfe zu bieten hat. Aber bereits angerissene Quellwolken verleideten dieses Vorhaben zusehends. So steckte ich etwas in einem Motivationsloch. Das Tagesziel war für heute Mendrisio unweit der Talstation der Monte Generoso Bahn. Das wäre ja auch noch mal eine Stunde zu fahren und unterwegs könnte ich noch ein Beweisbild der neuen Niederflurwagen auf der Strecke Locarno – Ponte Tresa machen, die in meinem Portfolio noch vollständig fehlte. Nicht dass das aus meiner Sicht jetzt ein großer Verlust wäre – aber wenn man schonmal da ist.

In Lugano fuhr ich daher mal Richtung Ponte Tresa. Während am Endpunkt beim abendlichen Sonnenstand nichts zu wollen war und ich unverrichteter Dinge wieder abzog, sollte die Station Magliaso für ein Beweisbild genügen. Immerhin schien hier wieder die Sonne vom Himmel und heizte ordentlich ein.


Be 4/8 51 verlässt die Station Magliaso Richtung Lugano. Neun dieser Stadler Tramlink haben erst in diesem Monat den Betrieb auf der Meterspurstrecke Lugano – Ponte-Tresa aufgenommen. Die Bahn gleicht heute eher einer modernen S-Bahn, deren Konzept auch schon die Vorgängerfahrzeuge aus Be 4/8 “Mandarinli” entsprachen, wie man sie auch vom Regionalverkehr Bern-Solothurn kannte.

Dann war es das auch schon gewesen für heute. Von Lugano war es nicht mehr weit bis zu meiner Unterkunft in Mendrisio. Ein kleines Hotel mit angeschlossener Bar, in dem es leider kein Stück kühler war als in den engen Gassen des Ortes. Immerhin konnte das nahe gelegene Parkhaus über Nacht kostenlos genutzt werden, sodass ich nur für die erste Stunde morgen früh noch ein Ticket lößte. Ein Telefonat am Abend gab mir für morgen noch den wertvollen Tipp, dass man bis zur letzten Kreuzungsstation Bellavista der Monte Generoso Bahn problemlos mit dem Auto kommt. Dort sei unweit ein großer Parkplatz mit einer Parkuhr für CHF 5 pro Tag. Das war doch mal sehr hilfreich, hatte ich doch schon ein wenig gegrübelt, wie ich diese Bahn morgen angehen sollte: Von unten aus laufen, wo es doch bis Bellavista fast nur durch den Wald geht und die drückende Schwüle einen Aufstieg fast unerträglich machen dürfte – nicht so der tolle Plan. Andererseits hatte ich auch wenig Lust, für eine langweilige Bahnfahrt durch den Wald einen Haufen Geld zu lassen. Das schmale Sträßchen Richtung Bellavista mit angeschlossener Parkuhr sollte diese Probleme doch lösen können. Von dort aus sollte es ein gemütlicher Spaziergang hinauf nach Generoso Vetta sein.
Wirklich kühler wurde es derweil nicht im Zimmer und so hieß es nach dem Abendessen und ein wenig Mediathek-gezappe alle Decken über Bord zu werfen und heute Nacht ein wenig zu schwitzen…


Montag, 16. August 2021: Ferrovia Monte Generoso

Der Morgen empfing mich wiedermal mit Sonne. Schon sehr italienisch wurde das Frühstück draußen auf der ummauerten Terrasse serviert. Auch das Frühstück selbst war sehr italienisch: Ein Kaffee, Marmelade und ein Croissant. Angesichts der angekündigten Quellwolken und Gewitter für den Nachmittag, wollte ich möglichst schon zum ersten Zug an den Berg. Da dieser aber erst um 09:25 Capolago verlässt, sollte das kein allzu sportliches Unterfangen werden. Nach dem traurigen Frühstück – der etwas mürrische Betreiber war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt, sodass es auch keinen Nachschlag beim Kaffee gab – räumte ich das Zimmer des kleinen Hotels. Da der Wirt weiterhin verschollen war und auch nach Betätigen der Klingel nicht auftauchte, ließ ich einfach den Schlüssel auf dem Tresen und machte mich vom Acker – bezahlt war ja eh schon online.
Einer ebenfalls deutschen Touristin, die ich schon beim Frühstück gesehen hatte, durfte ich dann noch die Funktion einer Parkuhr erklären. Das war hier so ein Teil wo man das Kennzeichen hinterlegen muss, damit ja niemand anders die Restparkdauer nutzen kann. Obwohl sie im Gegensatz zu mir umfangreich des Italienischen mächtig war, schien sie an dem Gerät zu verzweifeln. Ich schaltete die Parkuhr einfach mal auf Deutsch und navigierte inzwischen souverän durch den Bezahlvorgang – war jetzt kein Hexenwerk, aber man hilft ja wo man kann 😀 Einig wurden wir uns während des kurzen Schnacks jedenfalls, dass die Temperaturen verbunden mit der Schwüle schon jetzt kaum mehr auszuhalten seien und man lieber wieder schnell in höhere Lagen oder andere Landesteile fliehen sollte. Sehr richtig, aber zunächst hätte ich heute noch eine Verabredung mit der Ferrovia Monte Generoso, der letzten mir noch fehlenden Zahnradbahn der Schweiz – wobei mir bildlich auch noch die Dolderbahn in Zürich fehlt, aber da drücke ich jetzt mal ein Auge zu 😉

Noch schnell im Einkaufszentrum ein wenig Kost für den Berg besorgt und dann machte ich mich auf die Suche nach der Zufahrtsstraße nach Bellavista. Ohne den gestrigen Hinweis wäre ich im Leben nicht auf die Idee gekommen, dass man das kleine Sträßchen bis hinauf nach Bellavista einfach so nutzen darf. Ist ja irgendwie auch eine komische Konkurrenzsituation zur Zahnradbahn – kein Wunder, dass diese eigentlich seit jeher mit geringen Fahrgastzahlen kämpft.

Bereits 1890 wurde die Strecke von Capolago am Luganer See hinauf auf den Monte Generoso mit Blick über die bergige Seenlandschaft des Tessins eröffnet. Angestoßen wurde der Bau von einem Arzt aus Mendrisio, der auf diesem Weg seinen nur schwer erreichbaren Hotelkomplex in Bellavista erschließen wollte. Abseits des Hotels bestand jedoch kaum Nachfrage, sodass die Aktiengesellschaft bereits 1904 ein erstes Mal liquidiert wurde. Nach weiterhin schwieriger Wirtschaftslage wurde der Betrieb 1939 schließlich eingestellt. Als Retter der Bahn tat sich schließlich der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler hervor, der die gesamte Bahn kaufte und in eine Genossenschaft umwandelte. Noch heute ist die Ferrovia Monte Generoso im Besitz des Migros-Genossenschafts-Bundes. Ein in der Schweiz meines Wissens recht einmaliges Betreiberkonzept einer Eisenbahn.
Noch bis 1954 wurde mit einigen Dampfloks aus der Anfangszeit, ergänzt durch vom Rochers-de-Naye übernommenen Maschinen gefahren. Zwei in eigener Werkstatt gebaute Dieselloks ergänzten seit 1954 den Fahrzeugpark. Zur weiteren Kostensenkung wurden 1957 zwei Dieseltriebwagen Bhm 2/4 und 1967 und 1969 jeweils ein Bhm 1/2 in Betrieb genommen, sodass auf die Dampfloks endgültig verzichtet werden konnte. Erst 1982 wurde die Monte Generoso Bahn als bislang letzte Zahnradbahn der Schweiz elektrifiziert. Seither verbleibt die Brienz-Rothorn-Bahn bis heute als letzte nicht elektrifizierte Zahnradbahn in der Eidgenossenschaft. Mit den vier Doppeltriebwagen Bhe 4/8 11-14 wird seither der gesamte Verkehr zwischen Capolago und Generoso Vetta abgewickelt, wobei im regulären Stundentakt lediglich zwei Triebwagen benötigt werden. Seit die urigen und einmaligen Dieselloks und -Triebwagen in den 80er Jahren von der Strecke verschwanden, hat die Bahn bei Eisenbahnfans wohl doch deutlich an Interesse eingebüßt, versprühte der seltsame Wagenpark doch einen ganz eigenen Charme, ganz abgesehen von der für die Schweiz ohnehin ungewöhnlichen Dieseltraktion. Die Strecke selbst ist indes nicht sonderlich spektakulär und die Bhe 4/8 in dieser Form auch von der Chemin der fer des Rochers-de-Naye bekannt, was das Schattendasein dieser Strecke nicht nur bei Touristen, sondern auch bei bahnaffinen Besuchern, wohl ein Stück weit erklären dürfte.

Nun aber weiter im hier und jetzt: Verlässt man Mendrisio Richtung Castel San Pietro, zweigt einige hundert Meter hinter Mendrisio die Via Acqua Fresca linkerhand aus. In vielen Serpentinen geht es auf der fast durchgehend einspurigen Straße durch die kleinen verwinkelten oberen Ortslagen schließlich auf die Via Lunga. An der Kreuzungsstation St. Nicolao trifft die Straße das einzige Mal unmittelbar auf die Bahnstrecke. Dann geht es durch den dunkeln Wald in engen Kurven und Serpentinen weiter den Berg hinauf. Immerhin ist die Strecke durchgehend asphaltiert, der dritte Gang bleibt – wenn überhaupt – aber das höchste der Gefühle auf der teils ausgefahrenen Mini-Piste. Ich konnte mich die ganze Zeit eigentlich nur wundern, dass dieses Sträßchen tatsächlich öffentlich befahrbar ist und hoffte jeweils je weiter die Entfernung zur nächsten Ausweichstelle, auf möglichst wenig Gegenverkehr. Unfassbare fast 10 Kilometer sind es am Ende vom Abzweig hinter Mendrisio bis zum großen Parkplatz knapp unterhalb Bellavista am Gasthof La Peonia – eine echte Materialschlacht diese Fahrt 😀

Vom Parkplatz aus ist es dann nur ein knapper Kilometer hinüber nach Bellavista. Bis hinauf nach Generoso Vetta sind es nur noch knapp vier Kilometer bei 450 Höhenmetern. Das wäre selbst bei der heutigen Schwüle entspannt zu schaffen. Ich lief gleich an Bellavista vorüber, um den offenen Abschnitt unterhalb Generoso Vetta zu erreichen. Dabei kam ich nun aber doch schon ordentlich ins Schwitzen. 25 Grad hatte es hier oben auch locker und eine Luftfeuchtigkeit in der man sich gefühlt schwimmend hätte fortbewegen können. Drei kurze Tunnels liegen zwischen Bellavista und Generoso Vetta. Etwas entgegen meiner Erwartung ging unterhalb des Letzten der drei Tunnels Richtung Vetta leider rein gar nichts. Eine Stelle hätte es zwischen dem ersten und zweiten Tunnel gegeben, wo der Wanderweg kurz parallel zur Bahn verläuft und diese anschließend kreuzt. Das Motiv war allerdings ebenso unspektakulär wie zu dieser Uhrzeit noch verschattet. Ansonsten ist die Strecke hier einfach vollkommen eingewachsen oder vom Weg aus nicht einsehbar, sodass der erste Bergfahrer irgendwo oberhalb von mir im Gestrüpp durchratterte. Für die anschließende erste Talfahrt hatte ich dann aber meinen Aussichtspunkt über dem dritten und letzten Tunnel erklommen. Von hieraus bietet sich der Blick über die letzten Meter der Strecke hinauf zum 2017 neu eröffneten Gebäude “Fiore di pietra” der Bergstation Genroso Vetta. Da die Strecke hier immer auf der falschen Seite des Berggrats verläuft, bietet sich allerdings nirgends Bahnblick hinab auf die Seenlandschaft des Tessins. Viel gesehen hätte man dort aber auch nicht mehr, machten sich die Quellwolken doch noch früher als befürchtet breit.


Als erster Talfahrer des Tages bremst Bhe 4/8 14 um kurz nach zehn unterhalb der Talstation Richtung Capolago.


Immerhin ein wenig sonnig war es noch, sodass der Aufstieg nicht vollkommen umsonst gewesen war.


Der Tunnel ist derart kurz, dass auf der anderen Seite auch noch der Nachschuss auf denselben Zug möglich ist. Auf dem Vorstellwagen ist auch der Transport von Mountainbikes möglich.


Zu Fuß bietet sich vom Monte Generoso der grandiose Blick über die Seenlandschaft des Tessins. Bei klarem Wetter sicher ein echtes Highlight, wenn dann in der Ferne auch noch die schneebedeckten 4000er über der Szenerie thronen. Das wäre dann wohl eher etwas für die frühen oder späten Betriebstage im Jahr im April oder November, wenn auch im Tessin klare Sicht herrscht.


Heute gehen die verschiedenen Bergreihen in unterschiedlichen Blautönen letztendlich übergangslos in den diesigen Himmel über.

Wieder unten auf dem Wanderweg, nahm ich die letzten Meter Richtung Generoso Vetta in Angriff. Wenn auch nach dem Höhentraining der letzten Tage und Wochen nicht wirklich anstrengend, so war es dem Klima geschuldet doch weiterhin gut schweißtreibend. Durch eine kleine Ziegenalm hindurch erreichte ich schließlich die Bergstation. 2014 wurde hier das alte Bergrestaurant abgerissen und bis 2017 durch einen neuen, in seiner kühlen Atmosphäre kaum zu übertreffenden Komplex ersetzt – natürlich alles unter Migros-Branding. Was immer man in diesem Komplex anstellen kann, so richtig einladend wirkte es alles irgendwie nicht. Nicht mal die Wasserflaschen ließen sich irgendwo nachfüllen. So unternahm ich nur einen kleinen Rundgang, dokumentierte die Bergstation und suchte anschließend noch eine etwas weitere Perspektive auf die Gipfelstation auf.


Als zweites Fahrzeug steht heute der Bhe 4/8 13 im Einsatz. Durch die Kreuzung in Bellavista auf etwa 2/3 der Strecke, fällt die Zeit in der Bergstation recht lang aus: Eine halbe Stunde Pause haben die Triebwagen auf dem Gipfel. Rechts pausiert auch der betagte Besitzer der kleinen Ziegenalm – ob der Betrieb nach seinem hoffentlich noch langen Leben noch eine Zukunft hat? Viele andere Almen konnten vom Weg aus in der Ferne als eingefallene Ruinen erblickt werden…


Die Architektur der neuen Bergstation lässt sich wohl vortrefflich kontrovers diskutieren…


Blick über die kleine Alm, die Bergstation mit dem neuen Migros-Komplex und den Gipfel.

Angesichts des zunehmend eingequollenen Wetter und fehlender Ideen ging es dann mal wieder talwärts. Am Tunnel könnte ich den Talfahrer noch von Schienenhöhe aus umsetzten und die nächste Kreuzung dann in Bellavista abwarten – so richtig wäre der Tag dann zwar noch nicht rum, aber wie gesagt: Ideen fehlten gerade irgendwie etwas.
Momentan befindet sich die Monte-Generoso-Bahn in einer Art stufenweiser Generalsanierung, die früher oder später wohl auch die geforderte Barrierefreiheit herstellen soll. So zeigte sich die Kreuzungsstation Bellavista bereits vollständig ausgebaut. Das ehemalige Buffet della Stazione hingegen zeigte sich verlassen und wirkte auch nicht unbedingt so, als habe erst Corona den entscheidenden Todesstoß versetzt. Richtung Seeseite befinden sich in Bellavista im Wald die Anlagen des ehemaligen Hotelkomplexes, der erst der Grund für den Bau der Bahn gewesen war. Auf der Suche nach einem Motiv unterhalb Bellavista drehte ich eine kleine Runde um die weiträumig ummauerten Anlagen, die noch verfallener daherkamen als der Bahnhof. Ein wenig wirkte das doch alles wie ein Lost Place, würde das Ganze nicht durch die eben erst sanierten Bahnanlagen konterkariert. Die Motivsuche jedenfalls scheiterte, sodass ich nach meiner kleinen Runde wieder im Bahnhof landete, mich an das geschlossene Buffet setzte und ein wenig ZEITung hörte, bis schließlich die Kreuzung nahte, die letzten Endes ganz klassisch im Bahnhof festgehalten wurde.


Mittlerweile war es stellenweise so diesig geworden, dass die Schwarz/Weiß-Umsetzungen schon einen künstlerischen Touch bekamen. Überall an den kahlen Hängen waren vom Weg unterhalb Vetta verlassene und verfallene Almen auszumachen.


Gleiche Stelle wie schon vorhin, nur jetzt neben dem Tunnelportal anstatt darüber. Bhe 4/8 13 bremst Richtung Kreuzungsstation Bellavista.


13 Uhr-Kreuzung in Bellavista mit Bhe 4/8 13 und 14. Irgendwoher kam trotz den fetten Quellwolken immer noch die Sonne.

Dann also wieder hinab zum Auto. Am Parkplatz konnte ich auch endlich die Wasserreserven nachfüllen, die nun bei der Schwüle doch schnell gen null tendierten. Eine letzte Anlaufstelle hatte ich nun noch mit der Station St. Nicolao – etwas Besseres als mich dort noch umzusehen, hatte ich eh nicht zu tun, war es doch gerade einmal früher Nachmittag. Bis dorthin müsste ich aber erstmal hinab kommen. Ein Schild warnte schon knapp hinter dem Parkplatz vor Bauarbeiten, die in bestimmten Zeiten für übergroßen Gegenverkehr sorgen könnten – jedenfalls war das meine freie Übersetzung des Schildes. So kam dann auch bald an ungünstiger Stelle ein Transporter entgegen. Gut das passte noch irgendwie, das Auto halb an den Hang gewinkelt. Wild gestikulierend und irgendeinen italienische Wortfluss von sich gebend, blieb der Transporter dann direkt neben mir stehen. Was ich verstand war nur so viel: Da kommt gleich noch was Größeres – bleib lieber gleich hier stehen. Ich reckte den Daumen, bedankte mich und wartete mal noch ein zwei Minuten ab, ohne das etwas passierte. In dem Wissen, dass da eben noch ein deutsches Touristenpaar vor mir runter gefahren war, fuhr ich dann irgendwann doch weiter. Was immer da kommen möge, müsste sich erstmal mit diesem Möchtegern-SUV auseinandersetzten, dessen Wagenlenker in solchen Situationen meist maximal unbeholfen daherkommen. Als ich selbige langsam vor mir erblickte und diese mit Warnblinker irgendwie umständlich an den Rand manövrierten, suchte ich mir auch mal einen Ausweg. Die kleine Schotterausbuchtung bot aber noch ausreichend Platz, um mich gleich dahinter zu stellen. Mit einem weiteren Begleitfahrzeug kam dann ein fetter Bagger das kleine Sträßchen hoch gekrochen – gut, dass hätte auf dieser Straße keinesfalls überall gepasst. Mehr Ungemach schien vorerst nicht zu drohen, sodass ich mich bis St. Nicolao hinabhangeln konnte. Dort legte ich eine gemütliche Pause auf einer schattigen Bank ein und wartete essend und meinen ZEITungsartikel weiterhörend auf den nächsten Bergfahrer. Nachdem Bellavista mit den neuen Bahnsteigen ja doch etwas S-Bahn-mäßigen Charakter bekommen hatte, zeigte sich St. Nicolao noch maximal beschaulich, ohne jegliche Bahnsteige oder Infrastruktur, abgesehen von einem Trafohäuschen und einigen Holzbänken.


Bhe 4/8 14 verlässt auf dem Weg zum Monte Generoso die Kreuzungsstation St. Nicolao. Da der erste Berg- und Talfahrer am Morgen etwas aus dem Stundentakt fällt, wird die Kreuzungsstation sogar einmal täglich noch planmäßig genutzt.


Für den talfahrenden Bhe 4/8 13 reichte es dann nicht mehr mit der weniger werdenden Sonne. Gleich unterhalb dieser Aufnahme verschwindet die Strecke in einem halben Kehrtunnel.

Wieder auf Seehöhe buchte ich das Auto mal für eine Stunde am Bahnhof ein, um mich auch hier noch etwas umzusehen. Während die Züge auf dem Monte Generoso eine lange Pause abstehen, fällt die Wende in Capolago deutlich kürzer aus, sodass der Bhe 4/8 13 gerade abgefahren war, als ich den Bahnhof erreichte. Vorbei an der kleinen Wagenhalle, aus der die beiden anderen Bhe 4/8 11 und 12 herausschauten, schlenderte ich zum Schiffsanleger am Streckenende Capolago Lago. Nur ein Zug bedient täglich um 11 Uhr den Anleger pünktlich zum Eintreffen des Schiffes, alle anderen Züge enden bereits am Bahnhof Capolago – Riva S. Vitale. Zwischen Bahnhof und Anleger befindet sich gegenüber der kleinen Wagenhalle auch noch die Hauptwerkstatt, in der neben den dieselbetriebenen Dienstfahrzeugen auch noch eine Dampflok für Sonderfahrten bereitsteht, welche zumindest 2020 auch regelmäßig an ausgewählten Tagen zum Einsatz gekommen war. Bis der nächste Zahnradzug die Talstation erreichte, blieb dann auch noch Zeit für einen Kaffee und ein dem italienischen Original in nichts nachstehenden Eis im Bahnhofskiosk.


Das eingleisige Streckenende in Capolago Lago. Nur ein Zug befährt täglich die letzten Meter der Strecke bis zum Schiffsanleger.


Während des Wartens und Kaffeetrinkens fiel auch ein Blick in den regelspurigen Teil des Bahnhofes Capolago – Rica S. Vitale. Ein Flirt rauscht als RE nach Milano in den Bahnhof.


An der ebenfalls nur eingleisigen Abfahrtsstation vor dem Bahnhof hat sich bis heute nicht viel geändert. Das könnte sich aber mit der laufenden Modernisierung der Strecke schon bald ändern. Bhe 4/8 14 macht sich bereit für die Fahrt auf den Monte Generoso.


Eine durchaus noch recht lauschige Szenerie, wie zu Zeiten, als die Schmalspurbahnen ganz selbstverständlich außerhalb des eigentlichen Bahnhofes auf dem Vorplatz abfuhren.

Jetzt gingen mir aber endgültig die Ideen aus und es hatte sich komplett zugezogen. Ich beschloss daher langsam meiner Unterkunft entgegen zu fahren, welche ich auf der kleinen Landzunge südlich von Lugano in einem Dorf auf dem Hügelkamm gebucht hatte. Unterwegs steuerte ich noch das große Industriegebiet Paradiso an, das auf der gleichen Landzunge liegt. Wohl kaum einen unpassenderen Name hätte es für die Ansammlung aus Autobahnabfahrten, Autohäusern, Ikea und Industrieanlagen geben können. Aber der riesige Coop bot eine gelungene Auswahl für das Abendessen und zum Auffüllen der heimischen Rösti- und Lager-Reserven. Mit etwas vollerem Kofferraum ging es anschließend hinauf auf den kleinen Hügelkamm zur “Agra Grotto Flora”, meiner Unterkunft für die letzte Nacht dieser Reise. Wirklich eine herzliche Grotte und sehr zu empfehlen mit dem großen Innenhof, in dem Frühstück und Abendessen serviert werden. Auf letzteres verzichtete ich angeischts der Reisekasse allerdings wie gewohnt. An Zimmerkategorien gibt es alles was man wünscht, sodass ich hier wiedermal recht günstig in einem Einzelzimmer mit modernem Bad auf dem Gang unterkam. Den Tag über wiedermal offline unterwegs, liefen jetzt die unfassbaren Bilder vom Flughafen aus Kabul über den Tablet-Schirm. Passend dazu spielte sich auch vor dem Fenster ein Weltuntergang ab: Heftige Gewitter entluden sich über dem Luganer See und umliegenden Bergen – das war aber auch mal Zeit.

Nach den Gewittern kam dann unvermittelt wieder die Sonne heraus, kurz bevor sie hinter den Bergkuppen unterging. Die Luft war jetzt reingewaschen, die Sicht klar wie seit dem Morgen am Gornergrat nicht mehr, sodass ich noch zu einem kleinen Spaziergang auf den Hügelkamm oberhalb des kleinen Dorfes startete. Nach den zwei schwülwarmen Tagen war das einfach nur herrlich. Leider war die Sonne um kurz nach acht dann schneller weg, als dass ich noch einen schönen Ausblick gefunden hatte – es ist eben doch schon Mitte August… Schon fast bei Dunkelheit erreichte ich so nach einer knappen Stunde wieder die Grotte, öffnete weit die Fenster um die kühle Luft hereinzulassen und legte mich alsbald schlafen. Morgen steht dann nach einer Woche schon die Rückreise an. Und es sollte eine lange Fahrt werden, denn von hier aus dem Tessin sind es dann doch nochmal ein paar Kilometer mehr als sonst. Trotzdem wollte ich beim angekündigten Sonnenschein am Vormittag nochmal im Centovalli vorbeischauen, um die diesigen Bilder von Vorgestern noch mal etwas aufzubessern.


Abendlicher Spaziergang auf meiner Hügelkette mit Blick auf Lugano und den darüber thronenden Aussichtsberg Sighignola. Die schweren Gewitterwolken haben sich entladen und die Luft reingewaschen.


Auf der anderen Seite der Landzunge fällt der Blick auf das Dorf Brusimpiano.


Dienstag, 17. August 2021: Nochmal Centovalli und Rückreise

Dank der kühlen Luft, die das Gewitter hinterlassen hatte, schlief es sich einfach herrlich. Dennoch war ich wie immer pünktlich zur Eröffnung des Frühstücks zur Stelle, sollte es doch ein langes Programm werden heute mit der Rückfahrt. Das Frühstück wurde im großen Innenhof serviert und fortlaufend ergänzt, wenn am Tisch etwas zu fehlen drohte. Hier hätte ich es wohl noch etwas länger ausgehalten. Aber nach in Summe nun über drei Wochen Schweiz seit Ende Juli, fiel der Aufbruch heute dann doch nicht übermäßig schwer – irgendwann ist es einfach nicht mehr zu toppen, wie ich schon in den letzten zwei Tagen gemerkt hatte, die irgendwie keine “richtigen” Highlights mehr bereitgehalten hatten und teilweise eher “Programm abarbeiten” waren.
Trotzdem wollte ich heute Morgen noch einmal im Centovalli vorbeischauen, denn die nun klare Luft gepaart mit dem Morgenlicht könnte ich dann doch nicht einfach ignorieren. An der A2-Abfahrt Rivera kam ich daher schon nach wenigen Minuten wieder von meinem Kurs Richtung Norden ab und rollte hinüber nach Locarno. Zunächst stand wieder die große Brücke vor Intragna auf dem Programm, aber selbst jetzt um kurz vor zehn war diese schon leicht aus dem Licht gerückt – da muss man wirklich früh aufkreuzen. Auch schon bekannt von Vorgestern war die große Stahlbrücke vor Camedo. Eigentlich wiederholte ich also nur die beiden Must-Have-Motive, jetzt nochmal mit richtigem Licht und klarem blauen Himmel. Nachdem das beides erledigt war, gab es auf der Rückfahrt im Centovalli noch einen Halt zwischen Palagnedra und Verdasio vor einem kleinen Tunnel – mir war eh gerade ein Zug auf den Fersen. Dieser Regio ab Camedo lief mit einem der schicken ABe 4/8, sodass ich diesen an der großen Brücke von Intragna auch noch einmal abwartete, hatte ich etwas zügiger über die fürchterliche Straße räubernd, doch recht problemlos einen Vorsprung herausgefahren. Im Wesentlichen dürfte das allerdings an einer Kreuzung gelegen haben… Zum Abschluss gab es dann noch einen dem Regio folgenden Panorama-Langläufer auf der Stützmauer bei Pontebrolla, der soeben ohne Autoschaden durchging.


Auch um halb zehn ist die große Stahlträgerbücke bei Intragna Richtung Dorf schon aus dem Licht gerückt. Dennoch sind das Licht und der klare Himmel deutlich schöner als noch vorgestern. Ein Regio mit ABe 4/6 verlässt Intragna Richtung Locarno.


Der Hauptschuss geht dann bei diesem Sonnenstand doch eher über die beeindruckende Schlucht unterhalb der Brücke.

ABe 4/8 48 erreicht als Regio nach Camedo gleich das Ende der Fahrt kurz vor der italienischen Grenze. Viele der kleinen malerischen Dörfer liegen oberhalb des Haupttals an den Berghängen und sind nur über kleinste Sträßchen erreichbar.


Wenige Meter weiter überquert der ABe 4/8 48 die beeindruckende Stahlträgerbrücke oberhalb des Stausees nach Camedo. Links am Bildrand ist der Bahnhof von Camedo, unterhalb des eigentlichen Dorfes erkennbar.


Als Langläufer kommt eine Skoda-Komposition aus Italien Richtung Locarno entgegen, dem der Regio wenig später folgen wird.


Ein Baucontainer verschandelte leider etwas die Bahnhofsansicht von Camedo mit dem pausierenden ABe 4/8 48.


Mit etwas Vorsprung auf den Regio ließ sich noch dieses Halb-Motiv zwischen Palagnedra und Verdasio kurz vor einem Tunnel finden. ABe 4/8 48 ist nun auf dem Weg zurück nach Locarno.


Durch einen Kreuzungshalt konnte ich den Regio noch einmal überholen und den eleganten ABe 4/8 48 noch einmal auf der Brücke bei Intragna aufnehmen.


Zum Abschluss dann noch der folgende Skoda-Langläufer am Straßenabschnitt bei Pontebrolla. Mit dem Rückstau vom Bahnübergang im Hintergrund ging es sich soeben aus.

Das war doch noch ein gelungener Abschluss der Reise. Es war nun auch schon wieder Mittag, sodass ich doch allmählich die Rückfahrt in Angriff nehmen müsste, wollte ich noch heute die Heimat erreichen. Ich wusste auch noch nicht sicher, ob ich ohne großen Zeitverlust durch den Gotthard kommen würde, oder die schönere Strecke über den Pass wählen würde, was natürlich auch keine schnelle Alternative wäre. An der coop-Tanke von vorgestern kaufte ich noch alles Nötige für die Rückfahrt und einen frischen Kaffee und schwang mich so ausgestattet auf die A2. 20 Minuten Wartezeit verkündete SRF für den Gotthard. Na da kann man sich doch mal hinten anstellen. Nicht selten hört man vom Gotthard ja eher Stunden- als Minutenangaben bei den Wartezeiten. Aber es war zum Glück weder Wochenende noch Stoßzeit, wenn die je Richtung nur einspurige Tunnelröhre regelmäßig kollabiert.
Viel zu erzählen gibt es dann nicht mehr. Es rollte einfach wunderbar heute, sodass ich noch vor der Rush-Hour durch alle Schweizer Autobahn-Nadelöhre und unbehelligt über die Grenze kam. Hier und da ein kurzer Power-Nap und so erreichte ich in vielleicht insgesamt rund zehn Stunden die Löwenstadt – das war ja mal unvergleichlich problemlos und der perfekte Abschluss dieser Reise.


Epilog

Swiss Reloaded – abschließend betrachtet doch ein durch und durch gelungenes Unterfangen. Es war genau die richtige Entscheidung bei dem angesagten Kaiserwetter einfach noch einmal die 800 Kilometer unter die Räder zu nehmen und noch eine Woche in den Bergen zu verbringen. Mit den “alten” Rigi-Bahnen konnte ich nun endgültig meinen Frieden schließen. Am auch so schon unvergesslichen Tag am Gornergrat liefen sogar noch die alten Bhe 4/8, welche wohl auch schon demnächst aus dem Planbetrieb verschwinden dürften. Auch hinter die DFB konnte ich endlich mal einen dicken Haken setzen, auch wenn ein Besuch bei etwas mehr Betrieb natürlich nochmal reizen würde. Vom Erholungs- und Spaßfaktor nicht ganz so hoch waren die abschließenden Tage im Tessin, was aber zuvorderst an meiner Aversion gegen Schwülwarmes Klima liegt – selber schuld könnte man also sagen. Was fährste da im August runter 😀 Im Nachgang bin ich aber sehr froh es getan zu haben, denn was genau in den nächsten Jahren mit dem einzigartigen Fahrzeugpark der Centovallibahn geschieht, ist noch nicht so recht absehbar, wohl aber, dass einiges des alten Rollmaterials rausfliegen wird. Der Monte Generoso war dann als einziges ein wenig enttäuschend, aber ich kann auch dort nun beruhigt einen Haken hinter setzten, falls es doch in den nächsten Jahren nach der Oberbau-Erneuerung auch an den Fahrzeugpark geht.

Alles in Allem war es also eine geniale Woche und ein solches Wetterchen Mitte August ist in den Alpen auch eher außergewöhnlich. Nächste Besuche in der Schweiz werden sich dann nach den drei Sommerwochen wohl eher mal um den Herbst oder Winter kümmern oder im Sommer wieder einen größeren Schwerpunkt Richtung Radfahren setzten.

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