6 Länder, 11 Tage, 15 Trambetriebe VII: KT4D und Warten auf den Pesa in Cluj-Napoca

Von Oradea geht es nun weiter ins Landesinnere nach Cluj-Napoca, dem östlichsten Punkt unserer Reise, wo uns neben KT4D aus Berlin und Potsdam auch der erste Pesa Niederflurwagen erwartet.


Sonntag, 8. Juni 2014: KT4D in Cluj-Napoca

Nachdem wir von der Endschleife Nufărului in Oradea am späten Vormittag aufgebrochen waren, lagen nun rund 160 Kilometer rumänischer Landstraße vor uns, immer der DN1 folgend, die beide Städte miteinander verbindet. Nachdem wir die letzten Tage hauptsächlich durch sommerlich trockene und doch recht eintönige Agrarlandschaft gefahren waren, wollten nun allerdings die Ausläufer des Apuseni-Gebirges überquert werden. Landschaftlich ist diese Strecke zwar durchaus reizvoll, da sie jedoch aus Westen die Hauptverbindung in Rumäniens zweitgrößte Stadt mit rund 325.000 Einwohner darstellt, ist das Verkehrsgeschehen hier eher weniger entspannt. Gepaart mit dem gefürchteten rumänischen Fahrstiel, zog sich die Fahrt doch über fast drei Stunden hin. Besonders in den steigungsreichen Abschnitten durch den Gebirgszug ging es teils kaum über Schritttempo hinter völlig überforderten Lastzügen, landwirtschaftlichen Gespannen und abgerockten Sprintern mit Anhänger auf dem Weg zum nächsten Markt voran. An Überholen war dank der zahlreichen Kurven und den nur 86 PS unter der Haube auch kaum zu denken – jedenfalls nicht nach deutschen Standards für Überholvorgänge. Als ich mir die waghalsigen Manöver der Rumänen allerdings einige Male angesehen hatte, passte ich mich schleichend den Gepflogenheiten an und setzte auch hin und wieder zu einer Überholung an – nicht das es irgendetwas genützt hätte, hing man doch nach wenigen hundert Meter wieder hinter einem neuen Hindernis…
Dennoch erreichten wir am frühen Nachmittag wiedermal unbeschadet unser Ziel und die Sonne strahlte noch immer vom Himmel. Es ging also gleich mal an die einzige Straßenbahnstrecke von Cluj-Napoca, welche von bis zu drei Linien bedient wird: Die Linie 101 fährt aus dem westlichen Stadtteil Mănăştur vom Depot aus rund sechs Kilometer bis zum Hauptbahnhof nördlich der Innenstadt. Von dort fährt die weniger bedeutende Linie 100 in dünnerem Takt wiederum rund sechs Kilometer in das Industriegebiet im Osten der Stadt rund um den Bulevardul Muncii. Dort befindet sich das zweite Depot mit großer Abstellanlage. An Werktagen scheint es auch noch die Verstärkerlinie 102 zu geben, welche die Gesamtstrecke befährt, dank Pfingstsonntag und -montag würde diese aber heute und morgen nicht verkehren.

An dieser Stelle vielleicht noch ein paar Worte zum Hintergrund der Straßenbahn: Der Betrieb gehört zu den zahlreichen rumänischen Straßenbahnbetrieben, welche erst in den 1980er Jahren errichtet wurden. Ziel war es, unabhängiger von den teuren Ölimporten zu werden und so wurden in den 80ern und Anfang der 90er auch in Botoșani, Brașov, Constanța, Craiova, Reșița und Ploiești neue Straßenbahnbetriebe eröffnet. Schon nach wenigen Jahren gerieten diese Betriebe allerdings in enorme Schieflage, da die mit billigsten Mitteln gebaute und kaum instandgehaltene Infrastruktur und die arg zerschlissenen Fahrzeuge kaum mehr einen Betrieb zuließen. Kurzfristig konnten sich diese Betriebe durch den Fall des eisernen Vorhangs mit Gebrauchtwagen aus dem Westen einschließlich der ehemaligen DDR über Wasser halten, welche die erste Fahrzeuggeneration schon nach weniger als zehn Einsatzjahren vollständig ablösten.
Mittelfristig erforderte die Infrastruktur allerdings ebenfalls eine vollständige Sanierung und so wurden aufgrund einer Mischung fehlender finanzieller Mittel und politischem Willen die Betriebe von Brașov, Constanța und Reșița nach teils weniger als 20 Jahren Betrieb wieder eingestellt. Auch Botoșani ist bis heute einer dieser bedrohten Betriebe und wurde soll nun im Laufe des Jahres 2020 „vorübergehend“ zur Sanierung eingestellt werden. In Craiova, Ploiești und Cluj wurde in den vergangenen Jahren demgegenüber eine grundlegende Sanierung von Strecken und Fahrzeugen in Gang gesetzt, sodass diese Betriebe heute einer doch recht gesicherten Zukunft entgegensehen.

Nun aber zurück ins Hier und Jetzt: Aus Westen kommend erreichten wir die Linie 101 und hielten ein erstes Mal an der durchaus imposanten, allerdings wohl noch nicht ganz fertiggestellten Biserica Sfinții Apostoli Petru și Pavel unweit der Haltestelle Minerva. Anschließend arbeiteten wir uns in der prallen Mittagshitze die Strecke bis zum Bahnhof entlang.


KT4D 36 (Berlin 9487) passiert die Biserica Sfinții Apostoli Petru și Pavel zwischen den Haltestellen Gr. Alexandrescu und Minerva.


Auf dem Rückweg zum Bahnhof erneut der KT4D 36. Im ehemaligen Feld für die Liniennummer wird heute dauerhaft die Fahrzeugnummer angezeigt.


Auch wenn die Straßenbahn die Fußgängerzone nicht durchfährt, weiß die innenstadtnahe Strecke der Linie 101 mit ihren Prachtbauten durchaus zu gefallen. Besonders um die Haltestelle G. Baritiu bieten sich beeindruckende Perspektiven. Der ehemalige Potsdamer KT4D 205 trägt heute die Nummer 73. 1989 gelangte das Fahrzeug nach nur vier Einsatzjahren aus Berlin nach Potsdam, wurde 1992 in Bautzen modernisiert und gelangte schließlich 2009 nach Cluj.


Am Bahnhof endet die Linie 101 in einer großen Blockumfahrung. KT4D 41 (Berlin 9496) hat soeben die End- und Starthaltestelle verlassen und macht sich auf zu einer weiteren Runde Richtung Westen.

Der Gesamtverkehr auf den beiden Linien wird heute hauptsächlich von den aus Berlin und Potsdam übernommenen KT4D abgewickelt. Unterstützt werden die Fahrzeuge seit letztem Jahr zusätzlich von vier Pesa Swing Niederflurwagen.
Die 16 Berliner KT4D konnten zwischen 1997 und 1999 übernommen werden und lösten bereits einen entscheidenden Teil der zur Aufnahme des Betriebes im Jahr 1987 gelieferten Timis 2 Züge ab.
2002 konnten aus Magdeburg 18 T4D und 2 B4D übernommen werden, welche die verbliebenen Timis 2-Züge weitgehend ablösten, inzwischen allerdings bereits wieder vollständig ausgemustert wurden.
Erst 2009 konnten schließlich aus Potsdam zehn modernisierte KT4DM übernommen werden, sodass der Betrieb seither vollständig mit den Kurzgelenkwagen von CKD abgewickelt wird. Die Potsdamer KT4DM stammen ursprünglich ebenfalls aus Berlin, wurden allerdings schon nach wenigen Betriebsjahren nach Potsdam abgegeben und dort zwischen 1993 und 1994 in Bautzen einer Modernisierung unterzogen.
2012 lieferte Pesa mit vier Fahrzeugen der Baureihe 120NaC „Swing“ die ersten Niederflurwagen nach Cluj. Weitere dieser Fahrzeuge sollen wohl zu einem späteren Zeitpunkt den Wagenpark weiter verjüngen. Die Infrastruktur entlang der gesamten Linie 101 wurde in den vergangenen Jahren bereits grundlegend saniert und für den Einsatz der neuen Niederflurwagen vorbereitet.

Vom Bahnhof fuhren wir nun noch die Linie 100 in das östliche Industriegebiet ab. Wirklich spektakulär ist dieser Abschnitt allerdings nicht, die interessanteren Motive liegen dann doch eher an der Linie 101. Das zunehmend schwüle Wetter brachte dann auch bald Wolkenschmodder gefolgt von dicken Gewitterwolken. Wir vertrieben uns die Zeit daher anschließend in der Innenstadt bei einem hervorragenden Stück Schokotorte und einem erfrischenden Eiscafé.


KT4DM 75 (Potsdam 223) in der westlichen Endschleife der Linie 101 am Bulevardul Muncii. Einige hundert Meter weiter auf dem Bulevardul dem Stadtrand von Cluj entgegen, befindet sich das größere der beiden Straßenbahndepots, in dem wie üblich zahlreiche überzählige Fahrzeuge auf eine Aufgabe warteten.


Nach einer ausgedehnten Kaffeepause in der Innenstadt, wurden die Gewitterwolken zurück an der Linie 101 schon bedrohlich dunkel. Der KT4DM 73 (Potsdam 205) trifft unweit der Opera Maghiara auf einen unmodernisierten Berliner KT4D.


So manche Häuserzeile in der Innenstadt kann sich durchaus sehen lassen, wie diese auf dem Piata Unirii, wenn auch hier und da ein wenig mehr Glanz sicher die Zahl der interessierten Blicke erhöhen würde… Mitten auf dem Piata Unirii befindet sich auch die katholische Kathedrale „Sfântul Mihail“.


Für den orthodoxen Teil der Bevölkerung stellt wiederum der rund 300 Meter entfernte Piața Avram Iancu mit der orthodoxen Kathedrale „Mitropolitană Adormirea Maicii Domnului“ den Stadtmittelpunkt dar. Hier fand am heutigen Pfingstsonntag auch eine festliche Zeremonie mit vielen Besuchern statt.

Den restlichen späten Nachmittag und Abend war aufgrund des Wetters dann fototechnisch nicht mehr viel zu holen. Wir schauten einfach nochmal beim Trolleybus vorbei und schlenderten etwas durch die Stadt. Für Morgen hoffen wir dann auch eines der neuen Pesa-Fahrzeuge zu Gesicht zu bekommen.


Montag, 9. Juni 2020: Pesa-Jagd in Cluj

Die Gewitter gestern Abend hatten die nach tagelanger Hitze staubige und schwere Luft reingewaschen. So empfing uns beim Verlassen des Hotels ein wunderbar klarer, blauer Himmel. Vom unweit des Bahnhofes in einer am Hang befindlichen Nebenstraße gelegenen Hotel, fiel der Blick auf die hügelige Landschaft mit ihren vereinzelten Häusern rund um Cluj. Die Lebensgeister waren sogleich geweckt und das Tagesprogramm konnte beginnen. Zunächst wollten wir am Morgen hier in Cluj nochmal nach den Pesa-Fahrzeugen Ausschau halten. Gegen späten Vormittag sollte es dann wieder westwärts gehen, die rund 300 Kilometeretappe ins Eldorado gebrauchter Meterspurfahrzeuge nach Arad, wo wir am Nachmittag eintreffen wollten.


Neben der sehenswerten Innenstadt, sind auch die in den Hügeln gelegenen Wohnsiedlungen von Cluj durchaus lauschig. Dort befand sich unweit des Bahnhofes auch unser Hotel und der Morgen begrüßte uns mit bestem Fotowetter. Westeuropäische Kleinwagen, kann man auch in Rumänien inzwischen bedenkenlos einfach über Nacht auf offener Straße stehen lassen…

Es ging nun erstmal zum Bahnhof hinüber, die heutigen Umläufe der beiden Straßenbahnlinien anschauen. Da auch der Pfingstmontag in Rumänien gesetzlicher Feiertag ist, war mit einem ähnlichen Auslauf wie bereits gestern zu rechnen. Während die KT4D kamen und gingen, konnten auch ein paar Aufnahmen der hier fahrenden Trolleybusse gemacht werden. Aufgrund des recht kleinen Straßenbahnbetriebes, trägt der Trolleybus in Cluj die Hauptlast des städtischen Verkehrs und eignet sich mit seinem elektrischen Antrieb hervorragend für die hügeligen Wohnsiedlungen, die andernfalls unter dem Brüllen der Dieselmotoren erzittern würden.


Die beiden Abfahrthaltestellen der Linien 100 und 101 sind am Bahnhof durch die T-Kreuzung der Straße voneinander getrennt. Auf der 101 hat heute KT4DM 77 Dienst und wartet auf die Abfahrtzeit.


Irisbus 175 biegt am Hauptbahnhof als Linie 3 ab.

Der Umlauf der Linie 100 war jetzt rum und von einem Pesa war nichts zu sehen. Wir fuhren also mal den übrigen Umläufen der Linie 101 Richtung Osten entgegen und machten hier und da eine Aufnahme im klaren Morgenlicht.


Durchaus eindrucksvolle Häuserfassaden bieten sich rund um die Haltestelle G. Baritiu als Kulisse für die KT4D an, hier in Gestalt von Wagen 12 (Berlin 9130).


Zwischen den Haltestellen Plopilor Sud und Sala Sporturilor passiert KT4DM 76 aus Potsdam (224) die orthodoxe „Biserica Înălțarea Sfintei Cruci“.

Am Depot angekommen, waren wir dann auch längst rum mit dem Umlauf und ein Pesa hatte sich noch nicht blicken lassen. Das westliche Depot Bucium dient vor allem unzähligen Trolleybussen als Einstellmöglichkeit, aber auch die Tram hat hier einige Abstellgleise. Auf einem davon war auch einer der vier neuen Pesa Swing mit der Nummer 81 zu sehen. Wir schauten uns die Sache mal genauer an, aber der Niederflurwagen schien abgestellt. Leider stand ein Trolleybuss genau vor der Fahrzeugfront, sonst wäre über den Depotzaun schon ein astreines Fahrzeugbild drin gewesen. Als wir uns schon abwenden wollten und diesen Tagesordnungspunkt als gescheitert ansahen, kam dann ein Mitarbeiter doch recht zielstrebig auf den Pesa zu, stieg ein und kurz darauf hob sich der Stromabnehmer und die Aggregate auf dem Dach begannen zu arbeiten. Der Mitarbeiter schlenderte zwar erstmal gemächlich zur Personalbude zurück, aber wenn er den Wagen an einem Feiertag aufrüstet, dürfte er wohl auch demnächst auf Strecke gehen, denn mit Werkstattarbeiten war nun heute nicht zu rechnen. Wir suchten uns einen schattigen Platz zwischen Bäumen vor einem der Wohnblöcke und harrten mit Blick auf den pinken Pesa der Dinge. Es war schon wieder ordentlich warm, sodass die kleine Siesta nicht das Schlechteste war. Um 9 Uhr war der Stromabnehmer des Pesas angelegt worden und wir hatten unseren Schattenplatz eingenommen. Aber auch eine halbe Stunde später hatte sich noch kein potenzieller Fahrer aufgerafft. Da wir hier nun nicht den ganzen Tag herumsitzen und warten wollten und auch irgendwann die nicht ganz kurze Strecke bis Arad abgerissen werden sollte, setzten wir uns 10 Uhr als Zeitlimit.
Doch 10 Uhr kam näher und nichts geschah. Gerade als wir uns aufraffen wollten geschah es dann aber doch: Ein Fahrer schritt zielstrebig auf den Pesa Swing 81 zu, öffnete die Tür und zog tatsächlich zur Depotausfahrt vor. Jetzt war nach dem Herumgedöse plötzlich Eile geboten: Schnell ein Bild an der Depotausfahrt gemacht, zum Auto gehastet und den Wagen über die Strecke begleitet. Dank des Feiertages war die Verfolgung und das Parken an der Strecke problemlos möglich, ansonsten wäre dieses Unterfangen wohl recht aussichtslos gewesen…


Straßenbahn und Trolleybus teilen sich das Deposito Bucium. Teile der Endschleife befinden sich auf dem Depotgelände, wo KT4D 46 (Berlin 9488) neben Irisbus 176 seine Pause abwartet. Bereits ab 2004 wurden bis 2013 insgesamt 37 Irisbus Citelis 12T beschafft. In den vergangenen Jahren konnten zudem zahlreiche Renault-Dieselbusse von RATP-Paris übernommen werden und wurden bei Astra in Arad zu Trolleybussen umgebaut. So kommt der Trolleybus in Cluj bereits heute auf einen beachtlichen Niederfluranteil und während unseres Aufenthaltes an den zwei Pfingstfeiertagen, standen keine Hochflurbusse mehr im Einsatz.


Um 10 Uhr hält dann auch bei der Tram das Niederflurzweitalter Einzug: Der neue Pesa 120NaC „Swing“ 81 gibt sich doch noch die Ehre und begibt sich auf die Linie 101 zum Bahnhof. Hier posiert er noch einmal kurz in der Depotausfahrt


Vor der Haltestelle Plopilor Nord gelang die erste Streckenaufnahme.


An der Haltestelle Parcul Central wird die für den Einsatz der Niederflurwagen zuvor vollständig sanierte Infrastruktur deutlich.


Auf dem Rückweg vom Bahnhof warteten wir den Pesa vor der Synagoge an der Haltestelle Horea ab.


Eine letzte Aufnahme des Niederflurwagens an der Haltestelle Gr. Alexandrescu. Im Hintergrund kämpft sich einer der zahlreich aus Paris übernommenen Dieselbusse mit heftiger Schlagseite die Steigung hinauf.

Nach dieser doch recht ungewöhnlichen Straßenbahnbegleitfahrt endete unser Besuch in Cluj-Napoca, dem östlichsten Punkt unserer Reise. Damit lag nun schon die Hälfte der Reise hinter uns, aber auch die kommenden 5 1/2 Tage sollten noch einiges zu bieten haben…

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