6 Länder, 11 Tage, 15 Trambetriebe X: Ungarns neue Niederflurwagen und Tatras in Szeged

Am späten Nachmittag sind wir von unserem kurzen Besuch aus Timişoara mit dem Ziel Szeged aufgebrochen, wo wir den restlichen Abend und den Großteil des morgigen Tages die neuen Pesa Swing und die vielen gebrauchten Tatras aus Deutschland aufnehmen wollen.


Dienstag, 10. Juni 2014: Szeged im Abendlicht

Rund zwei Stunden Fahrt waren es aus Timişoara hinüber ins ungarische Szeged. Auffällig dabei war wiedermal die fahrerische Kulturgrenze zwischen Rumänien und Ungarn. Während das Verkehrsgeschehen in Rumänien doch recht chaotisch ist und im Grunde jeder mehr oder weniger so unterwegs ist wie er will und kann, ist das Fahrverhalten in Ungarn auffällig defensiv und vorschriftsmäßig. Gelten Tempolimits in Rumänien eher als Richtwerte, und wer eine der langgezogenen Ortschaften, mit je nur einer Häuserreihe neben der Straße, mit weniger als 70 durchfährt, riskiert kurzerhand von einem LKW überholt zu werden, werden die Tempolimits und Vorfahrtsregeln in Ungarn nahezu minuziös eingehalten. Einen Beitrag dazu könnten zu einem gewissen Teil wohl auch die strengen Kontrollen leisten: An nahezu jeder Autobahnabfahrt und Raststätte war wenigstens ein Streifenwagen positioniert und beobachtete das Verkehrsgeschehen. Auch die Strafen treffen die Wagenlenker anders als bei uns in Deutschland empfindlich. Beides zusammen sorgt auf ungarischen Straßen außerhalb der Großstädte jedenfalls für ein entspanntes Dahincruisen.

In Szeged angekommen stand die Sonne um 19 Uhr doch schon recht tief, dafür war die Hitze wieder etwas auf dem Rückzug und an einigen Stellen sollten doch noch ein paar schöne Abendaufnahmen drin sein.


Unweit der Tramhaltestelle Rókusi templom kreuzen die Linien 1 und 2 die Trolleybuslinien 5, 9 und 19. Der nagelneue Skoda Tr187 kommt von der Haltestelle Hétvezér utca und kreuzt die Tramlinien.


Schon kommt auf der Tram einer der ebenfalls noch jungen Pesa Swing 120Nb als Linie 2 angefahren und hält an der Station Rókusi templom.


Auf der anderen Seite der Kreuzung wartet der KT4D 213 aus Cottbus auf das Umspringen der Ampel.


An der Haltestelle Veresács utca an der Linie 3 bot sich gerade noch so ein passender Sonnenspot für KT4D 214.

Die letzten Sonnenstrahlen waren ausgekostet und damit die Zeit für ein gemütliches Abendessen bei dem ein oder anderen Erfrischungsgetränk gekommen. Auf der Suche nach einer passenden Lokalität kamen wir auch an dem schweren GANZ Zweiachser 1950 vorüber, welcher schon seit vielen Jahren in der Somogyi utca einem Lokal als Räumlichkeit dient. Erfreulicherweise präsentierte sich der Wagen noch immer im selben hervorragend gepflegten Zustand wie schon bei unserem 2007er Besuch. Das war uns glatt noch ein Bild zur blauen Stunde wert.


Schon seit vielen Jahren dient der schwere Zweiachser 1950 in der Somogyi utca als Räumlichkeit für ein Lokal.

Auf der Holzverander eines Lokals mit heimischer Küche wurden wir schließlich fündig und genehmigten uns zum hervorragenden Essen das verdiente pilsbierhaltige Erfrischungsgetränk. Die Hitze war heute schon recht unerträglich gewesen und wir konnten über den Tag kaum so viel trinken wie wir verdunsteten, sodass die Flüssigkeitsreserven am Abend wieder aufgefüllt werden wollten. Wer kommt auch mitten im Juni bei konstanter Hochdrucklage auf die Idee, eine Tour durch das Binnenland Osteuropas zu machen…?

Die abendliche Abkühlung der Sommerluft war nun genau das Richtige und so drehten wir nach dem Essen noch eine Runde durch die sehenswerte Innenstadt von Szeged mit ihren abendlich beleuchteten Fassaden. Zahlreiche Menschen saßen auch zu später Stunde noch munter plauschend vor den Lokalen.


Der Klauzál tér bei Nacht.


Vor dem eindrucksvollen Rathaus der Stadt Szeged bot sich sogar eine nächtliche Spiegelung mit den dortigen Wasserspielen an.


Mittwoch, 11. Juni 2014: Mit Pesa und Tatra durch Szeged

Am nächsten Morgen ging es wegen der ähnlichen Parkplatzsituation wie in Debrecen, gleich zum etwas abseits des Zentrums gelegenen Hauptbahnhof, da hier sowohl die SMS-Parkzone endete als auch die Hoffnung auf Tageskarten bestand. Im Bahnhof jedoch gähnende Leere. Am Bahnhofskiosk gab es lediglich Einzelfahrscheine. Mit Händen und Füßen wies uns die freundliche Besitzerin des Kiosks allerdings auf einen nur von außen erreichbaren Nebenraum des Bahnhofsgebäudes hin, in dem ein Fahrkartenautomat mit Tageskarten versteckt war. Als stolze Besitzer zweier Tageskarte wurde im Anschluss der Betrieb per Tram erkundet. Als erstes wurde gleich mal der neu gestaltete Bahnhofsvorplatz abgelichtet bevor es Richtung Innenstadt ging.
Vorab aber noch ein paar Info’s zum eingesetzten Wagenpark während unseres diesjährigen Besuches:

Seit 2011 kommen auf dem zweitgrößten ungarischen Straßenbahnnetz erstmals Niederflurfahrzeuge in Gestalt von neun Pesa 102Nb „Swing“ zum Einsatz. Die Fahrzeuge wurden ausschließlich auf der Linie 2 zwischen Europa Liget und dem Bahnhof eingesetzt und wurden dort von Tatra-Fahrzeugen unterstützt. Die Pesa „Swing“ verdrängten mit ihrer Inbetriebnahme die letzten verbliebenen Bengali’s von FVV aus dem Linienbetrieb.

Auf den Linien 1, 3 und 4 kamen die verschiedenen Tatra-Baureihen mit Gebrauchtwagen aus Cottbus, Potsdam und Rostock zum Einsatz:

  • 1996-1997 erhielt Szeged insgesamt 13 fabrikneue Tatra T6A2H von CKD.
  • Von 2004 bis 2009 konnte Szeged 14 der modernisierten KT4DM aus Potsdam übernehmen, welche die Nummern 200-206 und 212-217 erhielten. Sieben der Fahrzeuge waren in Potsdam lediglich geführte Triebwagen, wurden in Szeged aber wieder für den Solobetrieb hergerichtet.
  • Weitere fünf unmodernisierte KT4D konnten 2005 und 2006 aus Cottbus übernommen werden. Sie sind noch heute von den Potsdamer Fahrzeugen durch die ursprünglichen Scheinwerfer und die teilweise erhaltenen Falttüren zu unterscheiden und erhielten die Nummern 207-211.
  • Ein 2009 aus Cottbus übernommener KTNF6 kam in Szeged nie zum Einsatz und wurde schließlich 2014 nach Schöneiche abgegeben.
  • Aus Rostock wurden 2005 sechs bereits seit Jahren abgestellte Tatra Beiwagen vom Typ B6A2 übernommen, von denen vier zu Beitriebwagen ohne Fahrerstand umgebaut wurden und seither mit den Nummern 950-953 hinter den T6A2H zum Einsatz kommen. Die übrigen 2 Beiwagen dienten für einen KT8A3-M-LF Prototypen für Addis Abeba.

Nun aber wieder an die Strecke, wo wir am Hauptbahnhof unsere heutige Fototour starteten und uns mehr oder weniger durch die Stadt treiben ließen. Immer wieder kreuzten wir dabei auch die Leitungen des Trolleybusses und hier und da entstanden Aufnahmen des auch durchaus abwechslungsreichen gummibereiften Wagenparks.


Pesa Swing 104 erreicht in der Blockumfahrung am Hauptbahnhof die Endstation.

Dort wartet er anschließend als Linie 2 auf die Abfahrtzeit. Die Pesa Swing wurden ausschließlich auf dieser Linie eingesetzt.


Der Trolleybus trägt ebenfalls einen erheblichen Teil der Verkehrslast. Der Skoda 21Tr 801 wartet an der Haltestelle Széchenyi tér.


Auf der gegenüberliegenden Seite des mit dichtem Grün bewachsenen Széchenyi tér kommt uns Pesa Swing 105 entgegen.


Auch Hochflurkurse werden auf der Linie 2 weiterhin benötigt. Weit draußen in den nordöstlichen Plattenbausiedlungen begegnet uns der aus Cottbus stammende KT4D 209 kurz vor der Haltestelle Vértó. Einige der ehemaligen Fahrzeuge aus Cottbus verfügen noch über die charakteristischen Falttüren. Eine Station später ist die Endschleife Európa liget erreicht.


Eine Besonderheit in Szeged ist der hohe Anteil eingleisiger Strecken, selbst auf innenstadtnahen Abschnitten. Die Linien 3 und 4 zu den Endschleifen Vadaspark und Kecskés verlaufen ab der Trennung im Zentrum nahezu vollständig eingleisig mit Ausweichen. Auf der Linie 4 nach Kecskes erreicht der Zug aus T6A2H 907 und 908 die Ausweichhaltestelle Szivárvány kit.


Aus der entgegengesetzten Richtung kommt wenige Meter weiter der Potsdamer KT4DM 202.


KT4DM 212 wartet an der Endhaltestelle Kecskés. Zuvor wurde der Wagen nach der Ankunft durch ein Gleisdreieck gewendet. Auf einer zur HVZ im 10-Minuten-Takt verkehrenden Linie auch keine Alltäglichkeit.


Zurück in der Innenstadt an der Haltestelle Dugonics tér einer der noch zahlreich eingesetzten Skoda 15Tr mit der Nummer 601. Ebenso wie die Straßenbahnen, machen auch die Trolleybusse nach drei Tagen in Rumänien einen äußerst gepflegten Eindruck.


Ebenfalls an der Haltestelle Dugonics tér wurde einer der T6-Züge mit ehemaligem Rostocker Beiwagen abgepasst. Der T6A2H 905 wird mit dem Beitriebwagen 951 eingesetzt.


Und noch ein genauerer Blick später am Tag an identischer Stelle auf den ehemaligen Rostocker B6A2 903 und heutigen Beitriebwagen 951.


Pesa Swing 103 passiert im Zentrum den Klauzál tér.


Die hübsche Innenstadt mit ihren prächtigen Häuserfassaden lädt einfach zum Fotografieren ein. Aus der Gegenrichtung kommt Pesa Swing 103 wenig später vom Bahnhof zurück.


Erneut entlang der Häuserzeile am Széchenyi tér begegnet uns am frühen Nachmittag der KT4DM 215.


Kurz vor der Haltestelle Anna – kút gelang neben der reformierten Kirche erneut eine Aufnahme eines ehemaligen Cottbuser KT4D, diesmal in Gestalt von 208.


In Doppeltraktion kommen die KT4D in Szeged nicht zum Einsatz. Einen ungewohnten Anblick bot daher die Schleppfahrt von KT4DM 213 und 214 auf der Tisza Lajos krt.


Bei der Haltestelle Szt György tér erneut KT4D 208.

Damit endeten gegen drei Uhr am Nachmittag unser Besuch in Szeged. Unser Tagesziel war das kroatische Osijek und lag noch fast 180 Kilometer und ungefähr drei Autostunden entfernt. Gegen frühen Abend sollte der kleine Betrieb allerdings erreicht werden und am morgigen Vormittag wollen wir dort dann auf die Jagd nach den aus Mannheim übernommenen Düwag GT6 gehen.

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