Durch Rumäniens Osten V: Das Rumpfnetz von Galați

Heute verlassen wir Iași und fahren gleich am Morgen weiter ins Schwerindustrierevier nach Galați, wo wir die Rotterdamer Düwag ZGT6 und vielleicht auch den ein oder anderen KT4D aus Berlin erwarten.

5. Mai 2015: Das Rumpfnetz von Galați

Am Morgen wurde zeitig nach dem Frühstück aus dem Hotel ausgecheckt und am Piata Unirii der nächste GT4 Richtung Gara geentert. Aus dem Fenster wurde der Verkehr beobachtet und jetzt gab uns die Straßenbahn von Iași doch nochmal ordentlich Einen mit:
Nachdem wir uns nach der morgendlichen Entäuschung ob des langweiligen Fahrzeugauslaufes, im Verlaufe des Tages aufgrund der Depotbesuche gestern doch noch etwas mit unserem Besuch hier in Iași zufriedengegeben hatten, verspielte der Betrieb jetzt aber jeglichen wiedererlangten Kredit bei uns. Was wir aus dem Fenster auf Linie sahen, war nämlich der Augsburger GT8 Typ Mannheim, den wir gestern im Depot Dacia gesehen hatten. Was für eine Frechheit das der jetzt läuft, wo wir Iași den Rücken kehren wollen. Kurz wurden unsere Möglichkeiten beraten: Doch noch ein wenig in Iași bleiben und wenigstens noch mal ein paar Bilder des GT8 machen? Aber wie lange würde „ein wenig“ dauern, denn die Zugverbindungen laufen hier alles andere als regelmäßig und würde der Wagen überhaut auf Linie bleiben, oder war er, wie einer der beiden Darmstädter gestern, nur ein morgendlicher Verstärkerkurs, der dann breit grinsend wieder im Depot verschwinden würde, sobald wir unseren Zug hätten ziehen lassen…
Das waren uns letztendlich zu viele Unwegbarkeiten und das Risiko, den ganzen Tag für Galați zu verlieren, zu groß. Also folgten wir unserem Plan wie vorgesehen und verließen Iași ein wenig angefressen. Letztenendes war es aber wohl die richtige Entscheidung, denn bei den vielen Fahrzeugen die uns hier noch auf Linie fehlten, müsste man ohnehin bald wiederkommen und in Galați sollte es schließlich auch einiges Neues zu sehen geben.


Wir verließen Iași, trotz des gesichteten Augsburger Typ Mannheim, wie geplant direkt nach dem Frühstück. Das Bild im Bahnhof entstand bereits gestern beim Fahrkartenkauf

Jetzt wurde erstmal Strecke gemacht. Gut 200 Kilometer südlich von Iași liegt die Stadt Galați mit rund 250.000 Einwohnern. Wir erreichten Galați nach mehrstündiger Fahrt am frühen Nachmittag. Wenigstens hatten wir bei der heutigen Fahrt auch mal wieder das Gefühl, etwas voran zu kommen…
So ganz wussten wir nicht, was uns hier in Galtati erwarten sollte. Einzige ernsthaft verkehrende Linie sollte momentan wohl die 39 vom Israelischen Friedhof im Norden der Stadt in den Bezirk „Micro 19“ im Süden sein, wo sie am Ende der „Strada Oțelarilor“ in einem Kreisverkehr endet. Alle anderen Linien, so es sie den geben sollte, existieren wohl nur noch als Ergänzungen an der Durchmesserlinie 39.
Wie der Großteil der gesamten Stadt, ist auch der Bahnhof im Westen vom Straßenbahnverkehr abgeschnitten. Zwar ist der Gleiskörper wie an so vielen Stellen auch hier noch vorhanden und größtenteils freigehalten, der Zustand des selbigen verriet allerdings auch, warum hier nichts mehr fährt…
Notgedrungen ging es also mit dem Bus in die Innenstadt. Dort wurde erstmal eine Möglichkeit gesucht, die Koffer los zu werden, denn am Bahnhof war das mal völlige Fehlanzeige und eine Übernachtung war in Galați nicht eingeplant. Ein vertauenswürdig aussehendes Hotel erklärte sich schließlich nach ein wenig Überzeugungsarbeit bereit, unsere Koffer für den Nachmittag in seine Obhut zu nehmen. Natürlich gab es für den freundlichen Service auch ein paar Lei als Dankeschön…

Mit dem Trolleybus, welcher ebenfalls nur über eine ernsthafte Durchmesserstrecke verfügt, bedient von den Linien 102 und 104, ging es anschließend in den Bezirk „Micro 19“, wo er auf die Straßenbahnlinie 39 trifft.


Das „Netz“ des Trolleybusses besteht nur aus den zwei Linien 102 und 104, welche den größten Teil parallel als Durchmesserlinie vom Norden in den Südwesten der Stadt verlaufen, und sich erst kurz vor dem Ende in zwei Äste aufteilen. Im Gegensatz zur Straßenbahn, gibt es allerdings schon ein wenig modernes Fahrzeugmaterial.

Nach dem ganzen Herumgehumpel mit den Bussen, war dann auch irgendwann die Linie 39 im Bezirk „Micro 19“ erreicht. An der „Strada Stadionului“ hatten wir noch einen besonderen Besuch auf dem Zettel. Unmittelbar an der Kreuzung mit der „Strada Brăilei“ befindet sich ein großer Mc Donald’s, welcher als Veranstaltungsraum auf ein ganz besonderes Objekt zurückgreifen kann:
Ein ehemaligen Frankfurter L-Wagen aus Bukarest. Von den in Bukarest schon größtenteils Mitte der 90er ausgemusterten L-Wagen, konnte sich Mc Donald’s gleich mehrere Exemplare als Veranstaltungsräume beispielsweise für Kindergeburtstage sichern. Eines der Fahrzeuge dient in Galați bis heute in dieser Funktion, während bei der Straßenbahn Galați noch immer einige der fünf aus Frankfurt übernommenen, baugleichen Fahrzeuge, für Werkstattfahrten vorgehalten werden.

Im Einsatz auf der Linie 39 standen derweil ausschließlich die ehemaligen Rotterdamer ZGT6, welche Galați im Jahr 2006 erreichten.


Der Rotterdamer 1535 befindet sich an der Kreuzung der „Strada Stadionului“ mit der „Strada Brăilei“ unmittelbar neben der Mc Donald’s Filiale mit ihrem ganz besonderen Veranstaltungsraum.


Ein ehemaliger Frankfurter L-Wagen aus Bukarest dient hier bis heute für Kindergeburtstage u.ä.

Der gesamte Abschnitt vom ehemaligen Betriebsmittelpunkt am „Piața Energiei“ Richtung Südosten zum Bezirk „Micro 19“ ist bereits generalsaniert und in den komfortablen Rotterdamer ZGT6 ergibt sich ein dahingleitendes Fahrgefühl, wie wir es in den vergangenen Tagen selten erlebt haben.


In der „Strada Frunzei“ begegnet uns ZGT6 1261 in alten Rotterdamer orange-braun. Der Gleiskörper zeigt sich auf dem südlichen Abschnitt vorbildlich genaralsaniert – vielleicht ein Gutes Zeichen für den Fortbestand der Straßenbahn von Galați…

Wir bewegten uns weiter Richtung „Piața Energiei“. Sobald die Strecke auf den großen „Bulevardul Siderurgiștilor“ einbog, welcher direkt auf den großen Kreisverkehr am „Piața Energiei“ zuführt, wurde die Gleislage wieder sehr rustikal und sollte sich auch bis zur Endschleife der Linie nicht mehr verbessern. Am „Piața Energiei“ verließen wir erneut die Bahn, hier sollte sich jetzt zeigen, ob neben der Linie 39 noch irgendetwas anderes läuft. Alte Strecken hatten wir an diversen Stellen abzweigen sehen, aber betrieben sahen davon fast keine aus. Immerhin umfasste das Netz mal über 30 Kilometer, von denen die heute verkehrende Linie 39 gerade einmal deren 10 abdeckt.
Also einfach mal mitten auf den Kreisel gestellt und geschaut, was so vorbei kommt. Unter anderem die dritte Lackierungsvariante der Rotterdamer ZTG6 in silber. Ansonsten war auf dem einstmals wuseligen Tramdrehkreuz so gut wie nichts los. Doch dann kam aus der „Strada 1 Decembrie“ ein irgendwie anders aussehendes Fahrzeug angeschaukelt und stellte sich wenig später als Berliner KT4D heraus. Das war ja eine freudige Überraschung und da wir den Umlauf der 39 längst rum hatten, müsste er wohl auch eine andere Line bedienen. Und tatsächlich hielt der Fahrer mitten auf der Fahrbahn des Kreisverkehrs an und stellte in alle Seelenruhe die Weiche von Abweig auf Geradeaus. Der Wagen war als Linie 1 beschildert und wählte die Strecke am Depot vorbei über die Große Brücke zum Kombinat. Bis dort sollte er allerdings nicht gelangen, denn er drehte noch vor der Brücke ab und endete in der Endschleife unmittelbar davor.


ZGT6 1531 trägt die dritte Rotterdamer Lackierungsvariante, welche auch in den Niederlanden schon alle drei parallel im Einsatz zu sehen waren.


Tatsächlich stand mit der Linie 1 noch eine zweite Linie im Einsatz. Mit gerade mal einem KT4D bestückt, fuhr die Linie von der Schleife zwischen Depot und der großen Brücke zum Kombinat, zur Enschleife „Comat“.

Immerhin konnten wir so einen KT4D im Liniendienst aufnehmen, wenn sich uns der Sinn dieser Linie auch nicht wirklich erschloss, läuft sie doch eigentlich abgesehen vom kleinen Stück zum Depot, die ganze Zeit parallel zur 39.
Nächster Punkt war dann wieder mal unser Versuch eines Depotbesuches. Vorher musste aber noch eine Stärkung her, denn irgendwie war die Nahrungsaufnahme bislang sehr kurz gekommen an diesem Tag und der Nachmittag war schon weit fortgeschritten. Also suchte ich einen Imbissstand am „Piața Energiei“ auf. Einigermaßen verdutzt war der junge Mann hinterm Tresen, das ein einsamer Tourist seinen Imbisstand aufsuchte. Da in der jüngerne Generation Rumäniens das Russisch von Englisch abgelöst wurde, war die Kommunikation in diesem Fall mal erfreulich problemlos. Was mich denn hier nach Galați verschlagen habe, musste sogleich in Erfahrung gebracht werden. Die Antwort, es seien alte Berliner Straßenbahnen, ließ ihn anschließend kaum weniger verdutzt dreinschauen. Ich käme also aus Berlin? Nein zum Glück nicht, sondern aus Braunschweig, zwischen Berlin und Hannover. Bei dem Wort „Hannover“ signalisierte sein Gesichtsausdruck plötzlich Erkenntnis. Ja, Hannover, da habe er mal eine Zeit lang gelebt, wusste er zu berichten, Deutschland habe ihm sehr gut gefallen.
Nachdem er mir gleich zu Beginn vom Hamburger abgeraten und stattdessen den Döner als bestes Produkt des Hauses angepriesen hatte, war er mit der Zubereitung nun parallel zum Small-Talk fertig und nachdem auch dem restlichen Personal im Bistro mitgeteilt wurde, das da ein Tourist aus Deutschland bei ihnen gekauft habe, überreichte er mir endlich die langersehnte Malzeit und nach einem freundlichen Abschied, eilte ich dem Rest der Truppe zum Depot hinterher. Ach ja, der Döner war wirklich sehr gut!

Die Reisegruppe war derweil nicht untätig geblieben und war beim Türen öffnen des Depots in Vorleistung gegangen – natürlich nicht im physischen Sinn, sondern verbal.
Unser Anliegen war schon vorgetragen und die Bearbeitungskette ins Rollen gekommen. Wobei selbige wiedermal rumänientypisch kurz und problemlos war und wenig später durften wir in Begleitung eines älteren Mannes mit verdrecktem langen Arbeitsumhang, wie es sie bei jeder rumänischen Straßenbahn zu geben scheint, über den Betriebshof wandeln. Dort gab es wieder mal so Einiges zu sehen: Diverse Dresdner T4D standen leider recht unfotogen abgestellt am Rand, teilweise auch jene mit linksseitigen Türen für Heck an Heck Betrieb. Das Highlight waren allerdings die beiden Frankfurter L-Wagen 1268 und 1269. Der nach all den Jahren noch immer mit Frankfurter Tengelmann Werbung versehene 1269, sah sogar noch sehr fit aus und diente wohl als eine Art Werkstattwagen für Dienstfahrten. Das gesamte Betriebsgelände sah doch recht ordentlich aus, außergewöhnlich waren die vielen Bäume mitten auf dem Gelände, welche für eine dreigleiseige Abstellgruppe sogar eine Art Allee bildeten. Dazwischen döste mal wieder ein tiefenentspannter Depothund – wirklich urgemütlich das Ganze!


Viel Grün dominiert die Abstellanlage und lässt fast das Gefühl einer Parkanlage aufkommen.


Nicht viel los im Depot momentan bei nur einer zu bedienenden Linie, da kann man mal ganz gemütlich ein Nickerchen im Schatten eines Rotterdamer ZGT6 einlegen.


Noch recht fit wirkte der Frankfurter L-Wagen 1269, der wohl noch als Werkstattwagen dient.


Zwischen viel Grün ist auch der zweite Frankfurter L-Wagen 1268 abgestellt.

Wir hatten alles gesehen was wir wollten und verschoben uns wieder an die Strecke der Linie 39. Schließlich waren wir noch nicht an der nördlichen Endschleife am Israelischen Friedhof gewesen. Die Strecke ist vom „Piața Energiei“ bis zur Endschleife noch gänzlich unsaniert und bietet Richtung Endschleife schon fast ländliches Flair. Wirklich teils übelstes Gerumpel boten die Gleise hier, die äußerst komfortabel laufenden ZGT6 taten aber ihr Bestes, die vielen Löcher und Ecken möglichst gut wegzubügeln.

Bevor die Strecke die Endschleife erreicht, passiert sie noch das zweite große Depot, welches allerdings sehr verrammelt aussah. Dennoch konnten wir noch einige Timis 2 und T4-Reste durch den Zaun erkennen. An ein Betreten war jedoch nicht zu Denken, da weit und breit niemand zu sehen war, der uns die entsprechende Erlaubnis hätte erteilen können. Nur das üblich schlecht gelaunte Sicherheitspersonal schlich herum – ich glaube diese festgewachsene, mürrische Miene, gehört bei diesem Job zur Berufqualifikation 😉
Am Depot biegt auch die mit dem einen KT4D betriebene Linie 1 in eine Zwischenschleife ab und spart sich so die letzten 500 Meter bis zum Israelischen Friedhof.


Neben dem zweiten großen Depot rechts der Straße, begegnet uns ZTG6 1263 in fast schon ländlicher Umgebung.


Wenig später erreicht ZGT6 1263 den Endpunkt am Israelischen Friedhof.


Da es im Umfeld der Endschleife außer dem Friedhof und den üblichen dubiosen Hinterhöfen nicht viel gibt, sind die Wagen an den ersten Haltestellen auf dem Rückweg in die Stadt noch entsprechend leer.


Der Zustand des nördlichen Abschnittes ist das genauige Gegenteil der Strecke in den Süden. Auch auf Ampeln wird hier großzügig verzichtet und so muss sich ZGT6 1535 den Weg kurzerhand freiklingeln. Besonders schnell sollten die Autos diese Kreuzung ohnehin nicht überfahren, einige sportliche Fahrer schliffen sich unüberhörbar den Unterboden auf.

Der Nachmittag war schon weit fortgeschritten und die Abfahrtszeit unseres Zuges nach Brăila rückte langsam aber sicher näher. Wir machten uns daher auf den gummibereiften Weg zurück in die Innenstadt, holten die Koffer aus der Obhut des Hotels und begaben uns zum Bahnhof.

Ein Bild der 1501051 vor dem Bahnhof im schönsten Abendlicht durfte nicht fehlen. Dann gab es in der einzigen Lokalität im Bahnhof noch einen kleinen Imbiss, bevor unser Zug nach Brăila ging.


Vor dem Bahnhof ist 1501051 als Denkmal aufgestellt.

Der Bahnhof selbst ist derweil auch eine einigermaßene Kuriosität. Scheinbar genaralsaniert, ist die große Innenhalle irgendwie völlig verbaut. Überall im Gebäude sind unterschiedlich große Stufen vereinzelt verstreut und nach der gebogenen Treppe auf die obere Ebene kommen nach einigen Schritten auch noch mal zwei weitere unerwartete Stufen. Fahrstühle oder Rolltreppen sind selbstredend Fehlanzeige. Da würden bei uns völlig zurecht sämtliche Behindertenverbände auf die Barrikaden steigen und niemand würde so ein Stufengewirr abnehmen. Die Pläne wurden wohl noch vor dem EU Beitritt abgesegnet…

Einigermaßen belustigt vom eigenwilligen Innendesign, bestiegen wir unseren Zug nach Brăila. Leider wieder kein Triebwagen, genug rumgestanden hätten hier…


Unverkennbar ein ehemaliger Deutscher im Bahnhof von Galati.


Sogar eine Malaxa-Rakete stand fahrbereit im Bahnhof – das wäre natürlich was gewesen zum Tagesabschluss…

Aber auch so war die Ausfaht aus Galați zum Genießen:
Die Bahnstrecke verlässt Galați eigentlich in die falsche Richtung nach Norden, liegt doch Brăila gerade einmal 20 Kilometer südlich. Daher macht die Strecke einen riesigen 180-Grad Bogen um die ganze Stadt herum. Sogar eine siffige Tunneldurchfahrt unter einem Stadtteil hindurch ist inklusive. Dann hat die Strecke das richtige Heading Richtung Süden und verläuft an einigen Abraumseen entlang der gigantischen Eisenhütten. Genau zur richtgen Zeit für einen tollen Sonnenuntergang hinter den Industriekomplexen, tauchten wir aus dem Tunnel auf und fuhren entlang des Ufers.


Die Sonne versinkt hinter den gigantischen Eisenhütten-Komplexen von Galați

Ein schöner Abschluss dieses doch nach seinem miesen Anfang in Iasi, recht erfolgreichen Tages. Kurze Zeit später erreichten wir Brăila, zogen die Koffer ins Hotel und vielen in die Betten.
Der morgige Tag ist dann für die Düwag Lizensbauten und Berliner KT4D hier in Brăila vorgesehen, bevor es am Abend zur letzten Station auf dieser Reise nach Bukarest weiter geht.