Durch Rumäniens Osten IV: Auf Fahrzeugsuche durch Iași

Eine sehr lange Liste gilt es heute abzuarbeiten: Die Liste der noch fehlenden Fahrzeugtypen in Iasi, auf der noch verschiedenste Gebrauchtfahrzeuge aus Augsburg, Bern, Darmstadt und Nordhausen stehen. Ob und wie uns das im Baustellennetz von Iasi gelingt, verrät dieser Teil unserer Reise durch den Osten Rumäniens.

Montag, 4. Mai 2015: Auf Fahrzeugsuche durch Iasi

Das wirklich empfehlenwerte Hotel war auch noch für die kommende Nacht gebucht, sodass wir uns heute voll auf die Suche nach den vielen gestern nicht gesehenen Fahrzeugtypen machen konnten. Noch vor dem Frühstück ging es direkt mal die paar Meter zum Piata Unirii hinaus, denn aus Arad kennt man die Regel: Der frühe Vogel fängt den Wurm (Ein Zehner ins Phrasenschwein bitte). Was ich damit sagen möchte: In der Frühspitze sind meist noch mal ein paar interessante Fahrzeuge mehr unterwegs, welche für den restlichen Tag dann im Depot verschwinden.
Also um kurz vor sieben mal auf den Piata Unirii rausgestanden und beobachten, was so unterwegs ist.
Nach einer Dreiviertelstunde mussten wir allerdings feststellen: Es sind jede Menge GT4 unterwegs. Der Unterschied zu gestern? Es sind noch mehr GT4 unterwegs :/
Einziger Lichtblick waren zwei Darmstädter ST10, einer auf der Linie 6 und einer auf der Linie 7. Der 278 auf Linie 7 schien wenigstens nicht einzurücken, sondern den Tag über auf Linie zu bleiben. Typ Mannheim aus Augsburg, Berner Vier- oder Achtachser, Darmstädter ST11, Nordhäuser GT4? Fehlanzeige!


Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Häuser und erleuchten einen der beiden am Piata Unirii haltenden Darmstädter ST10. Gleich in einem Bild zwei Nicht-GT4. Der Haken dabei: Die ST10 275 und 278 waren auch schon alle Nicht-GT4 die heute überhaupt liefen…

Einigermaßen deprimiert gings erstmal zum Frühstück. Das Frühstück wurde dann sogar im Salon des angrenzenden Grand Hotel serviert, obwohl wir ja nur im Seitenflügel des Gebäudes im Astoria eingecheckt hatten, aber auch das konnte die etwas angeknackste Stimmung nur bedingt heben. Warum setzt der Verkehrsbetrieb auch am Werktag nur die kleinsten und ältesten Schachteln auf Linie ein? Natürlich wurden baustellenbedingt deutlich weniger Fahrzeuge benötigt als im Regelfall, aber das erklärte uns auch nicht, warum man nicht die fassungsstärkeren und komfortableren Fahrzeuge aus Damrstadt und Augsburg einsetzte…
Aber alles Lamentieren half jetzt auch nichts, wir mussten irgendwie das beste aus dem Tag machen und so beschlossen wir, erstmal den ST10 auf der 7 zu erledigen und dann spontan unser Glück in den Betriebshöfen zu versuchen. In anderen rumänischen Betrieben wie Arad, hatten wir da durchaus gute Erfahrungen gemacht.
Erneut aus dem Hotel getreten, konnte eigentlich der ST10 278 auf der Linie 7 nicht mehr weit sein und so wurde dieser ein erstes Mal am Piata Unirii erledigt.


ST10 278 am Piata Unirii. Das Café auf der Veranda des Hotels links, musste am Nachmittag mal wieder für einen Kaffee mit Schokokuchen herhalten und enttäuschte nicht.

Da die Linie 7 zwei Haltestellen weiter an der Haltestelle „Târgu Cucu“ in der Schleife neben der Klosteranlage wendet, fuhren wir dem ST10 in die entgegengesetzte Richtung zur Schleife „Rond Canta“ voraus. Dort warteten wir dann zwanzig Minuten auf den uns folgenden Darmstädter Kurs.


In der Schleife „Rond Canta“ kam zunächst noch der Stuttgarter GT4 423, der VanHool rechts scheint hingegen eine Brüsseler Vergangenheit zu haben.


Nächster Kurs war dann der ST10 278. Zu allem Überfluss zogen jetzt auch noch Schleier am Himmel auf. Auf einigen der Balkone der umstehenden „Ceaușescu-Bunker“ würde ich mich derweil nicht unnötig lange aufhalten. So manch einer felhte auch schon…


Der Innenraum ist noch original Darmstadt.

Mit dem Darmstädter ging es zurück bis zum Bahnhof. Ziel war das große „Depou Gara“ unweit des Bahnhofes. Hier war laut Google auch die Verwaltung der „RATP Iasi“ beheimatet und wir wollten unser Glück zur Erwirkung einer Zutrittserlaubnis für das Depotgelände mal austesten:
Wichtigstes Hilfsmittel hierbei: Ein Türöffner. Damit ist jetzt kein Brecheisen gemeint, sondern vor der Reise ausgedruckte Bilder der gesuchten Fahrzeuge, meist noch bei ihren Betrieben in Deutschland. Ein Fingerzeig auf die Kamera, eine gestenreiche, gespielte Auslösung selbiger und gleichzeitig das Vorzeigen eines Bildes und schon war unser Anliegen ohne jegliche sprachliche Schnittmenge verstanden. Jetzt kam der erste entscheidende Moment: Würde man sich weiter mit diesen drei seltsamen Gestalten befassen oder sie gleich abwimmeln? Wir wurden nicht abgewimmelt, sondern stiegen auf die zweite Sprosse der Leiter, die dann wie so oft den gleichen Verlauf nimmt:
Man würde uns gern lassen, habe aber nicht die nötige Berechtigung dazu, sondern müsse erst Cheffe fragen. Also war einige Minuten warten angesagt, bis die Meinung des Betriebsleiter eingeholt war, welcher uns wenig später persönlich bergüßte und uns erlaubte, uns mehr oder weniger frei auf dem Gelände zu bewegen und unsere Fotos zu machen. Das war doch mal die erste gute Nachricht heute und was für eine…

Wir sahen uns im Anschluss dann etwas genauer auf dem Gelände um. Beheimatet waren hier im Depou Gara neben unzähligen GT4 (darunter auch jene drei aus Nordhausen), hauptsächlich die Berner Fahrzeuge und noch einige Augsburger GT8. Dazwischen natürlich noch so einiges an Arbeitswagengerümpel und zu unserer Begeisterung auch der GT4-Prototyp mit Neuaufbau. Die erst vor kurzem aus Augsburg übernommenen GT8 Typ Mannheim, standen leider abgestellt in den hinteren Reihen eingebaut, sodass nicht einmal vernünftige Fahrzeugaufnahmen möglich waren. Das Fehlen der in Rumänien vorgeschriebenen Kennzeichen, deutete darüber hinaus darauf hin, dass die Fahrzeuge noch gar nicht für den Linienbetrieb adaptiert waren.


Typisch für Rumänien sind auch die in Eigenregie zusammengezimmerten Arbeitswagen, wie dieser Pick-Up Nr.344


Das Depot Gara beherbergt einen Großteil der GT4-Flotte, darunter auch der neuaufgebauten 302.


GT4 317 wartet auf seine nächste Aufgabe.


Auch die Schweizer Flotte, bestehend aus den Berner Be 4/8 und den Be 4/4 + Beiwagen ist im Depou Gara beheimatet.


Insgesamt macht die Fahrzeugflotte in Iasi einen sehr gepflegten Eindruck, für rumänische Verhältnisse sogar schon einen Ausgezeichenten. So präsentiert sich auch der Innenraum eines der Berner Be 4/4 in einem tadellosen Zustand.

Wir hatten unsere Bilder im Kasten. Was fehlte uns jetzt eigentlich noch? Kurz die Listen im Kopf überflogen – eigentlich nur die Damstädter ST11. Schnell ein Bild herausgekramt und unserem Begleiter gezeigt. Ja, den Wagen kannte er und schien auch zu wissen wo wir ihn finden könnten und in einer unglaublich zuvorkommenden Weise wurde doch tatsächlich spontan auch ein Besuch des zweiten Betriebshofes im Stadtteil Dacia für uns organisiert. Man gab uns zu verstehen, wir sollten einfach dort hin fahren und man würde uns dann dort erwarten. Wir hatten ja mit so Einigem gerechnet, bei unserem Versuch Zutritt zu den Depots zu bekommen – also eigentlich mit einem kläglichen Scheitern – aber mit welcher Hilfbereitschaft uns hier entgegen gekommen wurde und wie ernst unsere Anliegen behandelt wurden war schon der Wahnsinn. Man muss dabei ja immer bedenken, dass wir hier unserem Hobby nachgehen, während die Mitarbeiter des Betriebes Arbeiten müssen und eigentlich Wichtigeres zu tun hätten…
Diese Einladung ließen wir uns natürlich nicht entgehen und fuhren zum Depot Dacia hinaus, wo wir dann tatsächlich schon von zwei Mitarbeitern erwartet wurden, welche uns bereitwillig über das Außengelände und durch die Fahrzeughalle führten. Im Außenbereich trafen wir dann auch die Darmstädter ST11 an und in der Fahrzeughalle stand der erste für den Linienbetrieb adaptierte Augsburger GT8 805. Ganz hinten im Freigelände stand die „Museumsreihe“ von Iasi. Aus Geschichtsbewusstsein wurde von den meisten Baureihen in den vergangenen Jahren jeweils ein Exemplar aufbewart. So waren dort noch ein Augsburger GT5, ein Darmstädter ST7, ein Timis 2-Zug und ein V2A anzutreffen. Mangels Geld und Platz fristen diese Wagen zwar ein äußerst tristes dasein und besonders die qualitativ minderwertigen Fahrzeuge aus Rumänien sind bereits völlig von Rost zerfressen, aber der gute Wille ist da…


Leider stand kein ST11 im Linieneinsatz, auch 283 und 284 stehen im Außengelände.

Das eigentliche Highlight folgte jedoch erst noch. Nicht ohne Stolz wollte man uns jetzt auch noch DEN Museumswagen präsentieren und fuhr das Prachtstück aus einem Nebengebäude, wenige Meter aus dem Schuppen heraus ans Tageslicht: Ein originaler Tatra T4R. Zwar war der Innenraum etwas zerpflückt und die Deckenverkleidung hing herunter, aber die Kiste fuhr doch tatsächlich.
Voller Stolz wurde der Wagen einige Meter hin und her gefahren, wir wurden kurz ins Innere gebeten und anschleißend fuhr der Meister das Museumsstück wieder in den Schuppen und die zwei Leiter unserer Privatführung begleiteten uns wieder zum Ausgang.


DER Museumswagen: Ein originaler Tatra T4R.

Einfach toll was wir hier alles gesehen hatten. So im Nachhinein hätten wir deutlich weniger erlebt, wenn die ganzen Fahrzeuge einfach im Linienbetrieb gelaufen wären, wenn auch das Thema Iasi mit lediglich Fahrzeugaufnahmen auf dem Chip, in den nächsten Jahren wohl noch mal auf die Tagesordnung gesetzt werden müsste…

Den restlichen Tag hatten wir jetzt nicht mehr wirklich viel vor und so wurde noch nahezu das gesamte verbliebene Netz bereist. Zunächst ging es zurück in die Innenstadt, wo noch die Vormittagsmotive an der Hauptmagistrale zwischen Piata Unirii und Târgu Cucu abgearbeitet wurden.
Auf dem Zettel stand außerdem noch die Strecke der Linien 3 und 13 in den östlichen Stadtteil „Tatarasi“. Der Streckenast hat einige interessante Steigungsstrecken aufzuweisen und führt teilweise noch über sehr ursprüngliche Gleisanlagen. Baustellenbedingt endeten allerdings beide Linien bereits an der Zwischenschleife „Tatarasi Nord“.


Der Klassiker in Iasi ist der Piata Unirii mit Blickrichtung zum Grand Hotel. Eine Baustelle auf dem Platz verunstaltete das Bild allerdings deutlich.


In Blickrichtung Piata Unirii ist an der Haltestelle „Filarmonica (Teatrul National)“ auch eben jenes mit ins Bild zu bekommen. Wie gestern schon begegnet uns an dieser Stelle GT4 325.


Der Zustand der Bausubstanz schwankt, wie überall in Rumänien, auch in Iasi stark. Zwischen „Filarmonica (Teatrul National)“ und „Târgu Cucu“ stehen auch einige etwas heruntergekommene Gebäude, welche GT4 138 kurz vor dem Kloster passiert.


Augsburg trifft Stuttgart an der Haltestelle „Târgu Cucu“, unmittelbar neben dem großen Turm der Klosterfestung.


Wir folgten den Linien 3 und 13 in den Stadteil „Tatarasi“ im Osten der Stadt. Hier durchquert die Straßenbahn durchaus ärmliche Gegenden und auch der Zustand der Strecke ist nicht der Beste. Unmittelbar hinter der Innenstadt durchquert die Strecke einen kleinen Talkessel, in dem sich zwei Haller GT4 treffen.


Auf der anderen Seite des Talkessels heult GT4 318 die Steigung nach „Tatarasi“ hinauf.


GT4 316 vor der „Skyline“ von Iasi


Notdürftig werden im Hintergrund die Schienen zusammengeflickt, während GT4 128 die Steigung bezwingt.

Das Wetter machte jetzt immer mehr zu und so beschlossen wir einfach mal den Streckenast der Linien 1, 8 und 13 in den äußersten Nordwesten der Stadt nach „Copou“ hinaus zu fahren. Die Strecke verläuft, meist in Straßenmitte, entlang der Universität, dem Stadion und großen Parkanlagen.


GT4 138 erreicht die in einem Kresverkehr gelegene Endschleife „Copou“.


Großzügige Parkanlagen gibt es hier im Nordwesten der Stadt neben der Universität und dem Stadion.


Die Eier haben eine ganz schön lange Anreise zu diesem rumänischen Wochenmarkt 😉

Wir hatten es jetzt irgendwie gesehen, zumal das Wetter immer trüber wurde. So verlegte ich mich für den Rest des Tages auf das Filmen der schwankenden GT4 auf den unsanierten Teilstücken des Streckennetzes. Am Abend kehrten wir wieder an gleicher Stelle ein wie gestern. Zusätzlich zu der Pizza, gab es heute als Vorspeise noch eine vorzügliche Bolognese, nach dem vielen Herumgerenne heute, war ich doch einigermaßen hungrig, denn außer einem Kaffee am Nachmittag, war irgendwie die Nahrungsaufnahme vergessen worden…
Morgen früh geht es dann direkt weiter nach Galați, wo neben den Rotterdammer GT6, vielleicht auch noch die Berliner KT4D im Einsatz sein würden. Aber dazu später mehr…

2 thoughts on “Durch Rumäniens Osten IV: Auf Fahrzeugsuche durch Iași”

  1. Hallo
    Bei den „Museumswagen“ auf der Abstellfläche in Daccia ist leider kein ST9 zu finden. Beim gemeinten Tw handelt sich um den Tw 103 (ex Darmstadt 23″ = ST7), der als einziger die Verschrottungsaktion 2013 „überlebt“ hatte.

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