Durch Rumäniens Osten VI: Düwag Lizensbauten und KT4D in Brăila

Der heutige Tag ist für die Düwag Lizensbauten aus Rotterdam und Wien, sowie die KT4D aus Berlin in Brăila vorgesehen. Erst am Abend geht es weiter nach Bukarest.

Mittwoch, 6. Mai 2015: Düwag Lizensbauten und KT4D in Brăila

Der frühaufstehende Teil der Reisegruppe, machte heute morgen noch vor dem Frühstück einen kleinen Rundgang über den Bulevard der Unabhängigkeit. Es bestand wohl bei dieser Aktion die heimliche Hoffnung, der letzte betriebsfähige Nürnberger MAN-Zug könnte in der Frühspitze eine Runde drehen. Ich verzichtete auch angesichts eines kurzen verschlafenen Blickes auf das Wetter vor dem Fenster dankend auf diesen Tagesordnungspunkt und döste noch ein Stündchen weiter, bevor sich die Mannschaft schließlich gegen acht vollzählig in den Frühstücksraum begab. Der Nürnberger war ohnehin nicht unterwegs gewesen – alles richtig gemacht also, nicht auszudenken wie ich mich geärgert hätte, wenn die Karre tatsächlich morgens eine Runde gedreht hätte, aber das erschien mir einfach viel zu unwahrscheinlich um den Schlaf vorzeitig abzubrechen…

Die Innenstadt von Brăila ist aufgebaut wie ein Fächer. Das Zentrum liegt am Donauufer und von dort aus gehen wie bei einem Fächer die Radialstraßen ab. Zwischen den Radialstraßen sind parallel verlaufene halbkreisförmige Bögen aufgespannt. So ergibt sich eine engmaschige Fächerstruktur. Zwei Halbkreisbögen werden von der Straßenbahn durchfahren. Der innere Bogen, der Bulevard der Unabhängigkeit, auf dessen Innenseite unmittelbar die Altstadt beginnt, wird von der Linie 21 bedient. Einige Bögen weiter außen verlaufen die Linien 22 und 23 auf dem „Bulevardul Dorobanților“. Im Norden treffen sich die Linien 21 und 22 und Enden nach kurzer Fahrt in einer großen Blockumfahrung mit Anschluss an das nördliche Depot. Die Linie 23 zweigt bereits vorher aus dem „Bulevardul Dorobanților“ aus und führt in den Nordwesten der Stadt.
Im Süden treffen sich alle drei Linien und führen durch die südlichen Stadtteile und einen große Parkanlage bis zum Depot „Radu Negru“.
In der Parkanlage wiederum starten die Linien 24 und 25, welche über das Depot hinaus auf die Überlandstrecke zum Naherholungsgebiet „Lacu Sarat“ führen. Hier endet die Linie 25, welche nur alle 30 bis 60 Minuten verkehrt. Die Linie 24 verkehrt noch seltener und nur unregelmäßig und führt noch bis zum ehemaligen Kombinat weiter. Früher einmal war dies die Hauptstrecke der Straßenbahn von Brăila. Dutzende Züge rollten zum Schichtwechsel aus der Innenstadt zum Kombinat, um die Belegschaft zu ihren Arbeitsplätzen zu bringen. Mit der Stilllegung des Kombinates ist diese Aufgabe entfallen und die Strecke über das Naherholungsgebiet zum Kombinat wird nur noch selten befahren und verfällt zunehmend.

Zum Einsatz kommen in Brăila derzeit hauptsächlich die 2005 aus Rotterdam übernommenen Düwag Lizens GT8 von Werkspoor mit Baujahr 1968, sowie 2008 aus Wien übernommene E1 von SGP. Daneben sind auch noch einige, bereits 1997 aus Berlin übernommene, KT4D im Einsatz. Mit Baujahr in den späten 70er Jahren sind diese Wagen nun schon fast so lange in Brăila, wie einst in ihrer Heimat Berlin. Als letztes gibt es noch den schon erwähnten MAN-Zug aus Nürnberg, bestehend aus dem T4 237 und dem B4 1610. Dies ist der letzte betriebsfähige Zug von einst 10 Triebwagen und 16 Beiwagen aus Nürnberg.

Der Regen vom Morgen hatte sich verzogen und wir starteten unseren Fototag am südlichen Depot „Radu Negru“.


Eine Haltestelle vom Depot aus stadteinwärts, hat GT8 1612 das Ende der Linie 22 fast erreicht. Das Mobiliar der Haltestelle wirkt ungemein einladend…


Der ehemalige Berliner KT4D 9103 erreicht die Endhaltestelle am Depot „Radu Negru“. Der Wagen fuhr den gesamten Tag über als einziger irgendeine nummernlose Baustellenlinie oder ähnliches, zwischen Radu Negru, Dorobanti und Chercea. Leider blieb keine Zeit diesem Kurs genauer nachzugehen, er begegnete uns aber immer wieder.


GT8 1612 kommt aus der Schleife am Depot zurück.


GT8 1611 biegt als Linie 21 in die Schleife am Depot ein. Im Hintergrund ist die Endhaltestelle vom zweiten Bild zu sehen. Geradeaus würde es für 1611 weiter zum Naherholungsgebiet und Kombinat gehen.

Auch einige Aufnahmen auf dem Depotgelände wurden uns wieder ohne bürokratischen Akt gewährt. Das interessanteste Fahrzeug, ein Timis 2 mit großem Schneepflug unter der Fahrerkabine , stand leider recht eingebaut. Ansonsten gab es die üblichen Reservefahrzeuge und Ersatzteilspender zu sehen.


E1 4637 dient offensichtlich nur noch als Ersatzteilspender, ebenso wie KT4D 9080 dahinter, dessen Wagenkasten sich nur noch auf Holzblöcke abstützt.


E1 4638 und KT4D 9086 bilden heute die Betriebsreserve im Depot „Radu Negru“. Hinter dem Wiener steht der zum Schneepflug umfunktionierte Timis 2 69.


Wieder zurück in der Endschleife präsentiert E1 4653 stolz seine neue Heimat.


An der Endstation kommt mal wieder KT4D 9103 angeschaukelt.


Auch das ist in ländlichen Bereichen Rumäniens noch Alltag: Transporte mit klapprigen Pferdefuhrwerken.

Anschließend ging es mit einem der seltenen Kurse auf die Überlandstrecke bis zur Zwischenschleife am See „Lacu Sarat“. Hier endete unserer Kurs, wann und ob heute noch eine Bahn bis zum ehemaligen Kombinat weiter fahren würde, hatten wir nicht herausbekommen. Für Streckenbilder ist die Überlandstrecke leider zu selten befahren oder aber wir hatten zu wenig Zeit…
Also ging’s nach einem Bild an der Zwischenschleife wieder zurück in die Stadt. Der Berliner schaukelte dabei gemütlich durch teils dichtes Gestrüpp und bahnte sich seinen Weg zurück Richtung Depot. Gehalten wird scheinbar bei Bedarf, wenn sich jemand an die Strecke stellt. Es gab aber auch „offizielle“ Haltestellenschilder.


KT4D 9150 an der Zwischenschleife „Lacu Sarat“. Hier endet heute die Fahrt.

Wir fuhren gleich am Depot vorbei und in die große Parkanlage, welche von den Linien 21, 22 und 23 durchfahren wird. Die Linien 24 und 25, so sie denn fahren, enden hier in einer Schleife mitten im Wald und fahren stadtauswärts Richung Kombinat.


KT4D 9069 durchfährt als einer der zwei Kurse der 23 die großzügige Parkanlage. Links liegt die Endschleife der Linien 24 und 25 mitten im Wald.


„Unser“ KT4D 9150 ist heute der einzige Kurs auf der Überlandlinie und wartet in der Parkschleife auf seine Abfahrtszeit. Die meisten Fahrgäste steigen bereits hier aus den Linien 21-23 in die Überlandlinie um.


Die Strecke durch den Park wäre ohne die Oberleitung kaum im dichten Grün auszumachen. GT8 1612 fährt als Linie 22 stadtauswärts. Der siffige Himmel war hier genau richtig, hätte das Schattenspiel des Laubwaldes doch vernünftige Aufnahmen bei Sonnenschein verhindert.


Am großen Kreisverkehr neben der Kathedrale „Nașterea Domnului“, verzweigen sich die Linien. Die 22 und 23 biegen in den äußeren Ring des Fächers, den „Bulevardul Dorobanților“ ein, während die 21 noch weiter ins innere des Fächers fährt und wenig später in den Bulevar der Unabhängigkeit einbiegt. GT8 1611 fährt als Linie 21 stadtauswärts.


Schon wieder begegnet uns KT4D 9103 auf seiner Sonderlinie und verlässt den „Bulevardul Dorobanților“ stadtauswärts vor der großen Kathedrale „Nașterea Domnului“.

Wir folgten den Linien 22 und 23 auf dem äußeren Ring. Kurz vor dem Ende des Bulevard und der erneuten Zusammenführung mit der Linie 21, zweigt die Linie 23 in die „Strada Apollo“ ab.


KT4D 9060 biegt als Linie 23 aus der „Strada Apollo“ auf den „Bulevardul Dorobanților“ ein.

Wir fuhren bis zur Blockumfahrung am Ende der Linien 21 und 22 weiter und liefen zu Fuß die Stichstrecke zum Depot hinein. Irgendwo müssten ja noch die Reste der Nürnberger Züge herumstehen, in „Radu Negru“ war von ihnen weit und breit nichts zu sehen. Wie so oft wurden wir freundlich empfangen, einige Aufnahmen der hier laufenden Fahrzeuge bei ihren ursprünglichen Betrieben wechselten den Besitzer und wir durften uns den Betriebshof etwas genauer ansehen. In diesem Depot war dann auch deutlich mehr los als in „Radu Negru“. Der Großteil der Betriebsreserve ist hier beheimatet, wobei die Reserve wie so oft den halben Wagenpark ausmacht und die Grenze zwischen Reserve und Ersatzteilspender nicht immer gleich zu erkennen ist. Das Highlight war aber der Nürnberger MAN Zug aus T4 237 und B4 1610. Der Zug sah noch sehr gut in Schuss aus und wurde sogar gerade gründlich gereinigt. Er habe gerade einen kleineren Defekt, sei aber grundsätzlich noch betriebsbereit, gab man uns zu verstehen. Auf den Schrottgleisen standen noch weitere Nürnberger Fahrzeuge herum, darunter auch ein zum Arbeitswagen umgebauter Triebwagen und ein zu einer Art Partywagen umfunktionierter Beiwagen. In der Werkstatthalle waren auch zwei schwere zweiachsige Beiwagen in Aufarbeitung zu sehen.


Sehr schade, dass der letzte Nürnberger Zug aus 237 und 1610 wegen einem kleinen Defekt abgestellt war. Wenigstens aber war er sehr fotogen ausgestellt und wurde sogar gerade blitzblank gewischt.

Im Anschluss gab es noch ein paar Bilder in der teils recht pitoresken Blockumfahrung der Linien 21 und 22. Die Blockumfahrung ist wirklich urig und vielleicht der interessanteste Streckenabschnitt im städtischen Bereich des Straßenbahnnetzes. Die langen Abschnitte auf den Bulevard’s sind eben doch sehr eintönig und teils nicht sonderlich fotogen…


Die Fahrzeuge wiederholen sich doch recht schnell: Höchstens ein Dutzend Wiener und Rotterdamer auf den Linien 21 und 22, zwei KT4D auf der 23, noch einer auf der Überlandlinie, sowie der KT4D 9103 auf seiner Sondermission. In der Blockumfahrung am Ende der Linien 22 und 23 konnte mal wieder der GT8 1611 aufgenommen werden.


Die eingleisige Blockumfahrung bietet diverse pitoreske Ecken. Hier mit E1 4660 auf Linie 22.


Die Rotterdamer GT8 1611 und 1613, treffen sich unmittelbar vor der Blockumfahrung.

Anschließend ging es auf dem Buldevard der Unabhängigkeit mit der 21 zurück in die Innenstadt, sodass die Netzbereisung damit auch kompletiert wäre. Zur Endschleife der 23 waren wir zwischenzeitlich auch hinaus gefahren, wegen dünnem Takt und schlechtem Sonnenstand war dabei aber nichts Vorzeigbares herausgesprungen.
Nachdem auch der Buldevard der Unabhängigkeit festgehalten war, schlenderten wir durch die direkt angrenzende Altstadt zum Donauufer herunter. Wirklich vom Hocker riss uns das alles aber irgendwie nicht, könnte aber auch an unseren Mägen und Beinen gelegen haben, welche nach Stunden Herumgelaufe, zunehmend nach der inzwischen ritualisierten nachmittäglichen Kaffeepause riefen. Unmittelbar am zentralen „Piata Traian“ fanden wir wonach wir suchten: Ein uriges kleines Café mit angeschlossener Kondtorei und gemütlichen Sesseln an niedrigen Tischen. So in bequemer Lage niedergelassen, konnte der Kaffee mit einer Kalorienbombe von Schokotorte genossen werden. Genau das Richtige, um für einige Minuten auszuspannen.


Im Gegensatz zum äußeren Bulevard mit der Linie 22 und 23, ist der Bulevard der Unabhängigkeit, welcher unmittelbar an der Fußgängerzone vorbeiführt, nahezu verkehrsberuhigt. Die Gleise verlaufen rechts und links neben einem üppigen mittigen Grünstreifen und teils unabhängig vom Individualverkehr.


Nicht so recht einladend wirkte dagegen das Donauufer, welches abgesehen von einem Anleger größtenteils verwaist war.

Am frühen Abend machten wir uns schließlich zum Bahnhof auf. Unser direkter Zug nach Bukarest sollte um kurz nach sechs auslaufen und war wie so oft auf dieser Reise auf die Minute pünktlich. Man fährt zwar weder häufig noch schnell, aber wenigstens weitgehend zuverlässig und pünktlich, so kann man doch seine Reise wenigstens sehr gut planen…

Die Strecke über Buzău und Ploiești nach Bukarest war dabei fast so etwas wie die Schnellstrecke auf dieser Tour. Gut „schnell“ wäre jetzt maßlos übertrieben, aber auf der vollständig unter Fahrdraht verlaufenden Strecke, hatte man teilweise fast das Gefühl, regelrecht zügig voranzukommen.


Pünktlich läuft unser Zug nach Bukarest im modernisierten Bahnhof von Brăila ein.

Jedenfalls hätte sie uns zügig vorkommen können, wenn nicht etwa auf halbem Wege in irgendeinem Dorf ein Mütterchen mit mehreren prall gefüllten Taschen unser Abteil geentert hätte. Sah irgendwie nach Monatseinkauf auf dem Dorf aus, oder aber Verwandtenbesuch in der großen Stadt, dem ordentlich was vom Land mitgebracht wurde. Mit Sicherheit wurde uns das auch zwischenzeitlich mitgeteilt, denn das herzliche Mütterchen redete pausenlos auf uns ein. Wir gaben ihr irgendwie zu verstehen, das wir Touristen sind und kein Wort ihrer umfangreichen Erzählungen verstanden – wohl irgendwie ein Sohn von ihr der Professor in Bukarest ist, oder aber Student, wir wissen es bis heute nicht. Das störte sie allerdings nicht im Geringsten, sodass die Kommunikation eben einfach einseitg weitergeführt wurde, ein abwechselndes gelegentliches Nicken oder Ähnliches unsererseits war völlig ausreichend. Nach zwanzig Minuten hatte ich aber irgendwann genug und setzte mir in einem kurzen Moment der Ruhe unauffällig die Kopfhörer auf und überließ das „Gespräch“ dem armen Mitreisenden, der keine Kopfhörer dabei hatte 😀

Im Dunkeln erreichten wir Bukarest, halfen unserer Mitreisenden ihre diversen Taschen aus dem Wagen zu hiefen und verließen an einem Schwall von „Taxi! Taxi!“ Rufen vorbei den Bahnhof. Der Weg zu Fuß im Dunkeln vom Gara de Nord zum Hotel war dann schon leicht unangenehm, wie das eben in aller Welt in Bahnhofsvierteln so ist, wir erreichten unser Domizil allerdings unbeschadet. In einer großen Residenz und Spa Anlage einige Blocks vom Bahnhof entfernt, waren wir einen unschlagbaren Deal für ein riesiges Apartment mit zwei Bädern, zwei Zimmern und großem Wohn-/Esszimmer eingegangen. Das war zwar viel mehr als wir brauchten, aber eben ein super Deal und günstig zum Bahnhof gelegen. Nur die Gegend war eben etwas zwielichtig, besonders im Dunkeln, aber die große Anlage war mehr oder weniger vom Rest der Welt abgetrennt.
Die nächsten drei Tage haben wir dann vollständig für das große Straßenbahn- und Kulturprogramm hier in der Hauptstadt, aber davon im nächsten Teil mehr.

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