Zu den Resten der Duisburger GT8 in Norrköping

Noch ein halber Tag Göteborg steht auf dem Plan, bevor es am frühen Nachmittag weiter nach Norrköping geht. Viel werde ich an diesem Vormittag wohl nicht mehr reißen hier in Göteborg, dafür ist die Vorfreude auf Norrköping, mit den stark veränderten ehemaligen Duisburger GT8, bereits um so größer.

Der gestrige Nachmittag machte den Aufenthalt in Göteborg zum vollen Erfolg. Entsprechend gering war die Motivation heute Vormittag, bei mal wieder bedecktem Himmel, noch groß was zu machen. Der Besuch des Keillers Park war da genau das richtge, um für einige Minuten aus dem Großstadtverkehr heraus zu kommen und den Ausblick über Göteborg zu genießen. Die Aussicht hatte ich ja bereits im vorletzten Teil gezeigt. Ich ließ mich im Anschluss einfach durch die Stadt treiben und bei einem Anflug von Sonnenschein suchte ich noch einmal den Vasaplatsen, unweit der Uni, für ein Bild mit der prächtigen Häuserfassade auf. Der Sonnenschein war jedoch längst verschwunden als ich dort ankam.


Brunnsparken noch mal aus völlig neuer Perspektive von der Haltestelle der Linien 5 und 10 aus gesehen.


Und in die Gegenrichtung zur Haltestelle Lilla Bommen mit den Wagen 859 und 734.


Auch der Abzweig von der Södra Hamngatan am Kanal zur Haltestelle Domkyrkan lässt sich besser bei bedecktem Himmel ablichten.


856 und 705 vor der prächtigen Häuserfassade bei Vasaplatsen. Hier hätte die Sonne richtig gestanden. Eines der wenige Motive auf meinem „Zettel“ das einfach nicht mit Sonne klappen wollte…

Dann war die Zeit für die Weiterreise gekommen. Koffer aus dem B&B geholt, noch einen kleinen Schnack mit dem Besitzer gehalten und dann gings zur Centralstation. Der X2000 nach Stockholm wurde noch gereinigt und so blieb etwas Zeit sich ein wenig umzuschauen. Die Centralstation ist im Übrigen von innen ein wirklich prächtiges Gebäude, das sich auch zu besuchen lohnt, wenn man nicht mit der Bahn fahren will. Neben meinem X2000 stand einer der neuen Stadler Züge des Betreibers MTR Express, welcher ebenfalls Intercity Leistungen zwischen Göteborg und Stockholm anbietet. Ein echter Schmunzler ist der Taufnahme dieser Züge „Trainy McTrainface“. Nachdem bei der Abstimmung für den Namen eines britischen Forschungsschiffs der Wahlsieger „Boaty McBoatface“ von den Verantwortlichen schlichtweg übergangen wurde, bewies der Betreiber MTS Express mehr Humor als die öffentliche Namenswahl für die neuen Züge, als Anspielung auf die britische Bootstaufe, „Trainy McTrainface“ als Sieger hervorbrachte. Tatsächlich erwies sich der Humor von Betreiber und Wählern sogar als riesen Marketingcoup, landeten die neuen Züge doch weit über die schwedischen Grenzen hinaus in den Medien.
Inzwischen war auch der X2000 gereinigt und bereit zur Abfahrt. Ich nahm meinen bequemen Fensterplatz ein und genoss im Anschluss die äußerst komfortable Fahrt des Neigetechnikschnellzugs. Nach unzähligen Seen und Millionen von Bäumen war in Katrineholm Umsteigen in den Regio nach Norrköping angesagt.
Mit einem X12 der SJ heulte ich anschließend noch eine halbe Stunde bis Norrköping. Während der Zugfahrt hatte es zunehmend aufgelockert und in Norrköping wurde ich von schönster Nachmittagssonne begrüßt. Kaum aus dem Bahnhof herausgetreten musste auch schon schnell auf den Auslöser gedrückt werden, als Tw 65 als Linie 3 die Centralstation erreichte.


„Trainy McTrainface“ und mein X2000


Mit einem X12 der SJ ging es von Katrineholm nach Norrköping weiter. Hier ein baugleicher Triebwagen am nächsten Nachmittag.


Direkt nach dem Verlassen des Bahnhofs kommt auch schon der ex Duisburger 65 vorbei.

Fehlt nur noch eine Tageskarte. An der Haltestelle stand auch ein Automat. So weit ich das Verstand musste man jedoch erst eine Basiskarte kaufen, auf die dann die 24h Karte geladen werden konnte. Das überraschte mich jetzt nicht wirklich, ähnlich wird das auch in Göteborg und Stockholm gehandhabt. Netterweise bot mir dann der Automat auch gleich zur Begrüßung englisch und deutsch an. Also mal mit eher geringen Erwartungen auf „deutsch“ getippt und siehe da, die Startseite erscheint in verständlicher Sprache. Kommt da jetzt noch ein Haken? Ja, da kommt noch ein Haken sonst würde ich diese Zeilen schließlich nicht schreiben 😀 Sobald man von der obersten Menüebene eine Option wählt, erscheinen alle weiteren Ebenen nun wieder in diesem komischen schwedisch 😀 Gut, bei „deutsch“ hatte ich mit so etwas gerechnet, aber auch bei der Auswahl „englisch“ zeigte sich zuverlässig das selbe Bild. Welches Genie hat sich denn diesen Quatsch ausgedacht? Nicht ganz sicher ob belustigt von dem wahnsinns Programmierer hinter diesem Automaten oder genervt von der verschwendetetn Zeit, gab ich nach einigen Versuchen auf und sah mich nach einem Plan B um. Irgendwen anquatschen wäre jetzt die nächste Option gewesen. Außer dem Automaten können in diesem Land ja wirklich alle excellentes Englisch. Aber halt, hier am Hauptbahnhof müsste es doch eigentlich auch ein Reisezentrum geben und tatsächlich war einige Meter neben dem Bahnhof eine großes Infozentrum. Glücklicherweise Mo-Fr bis 18:00 geöffnet. Dort bekam ich dann für umgerechnet nur 5 Euronen eine 24h Stundenkarte in Form eines Kassenbeleges. Das war ja ein echter Schnapper und wahrscheinlich sogar deutlich günstiger als die Automatenversion mit der erst zu erwerbenden Grundkarte…
Nach dieser kleinen Anekdote brachte ich erstmal den Koffer ins Hotel an der Linie 3 Richtung Klockaretorpet.


Tw 67 kurz vor der Haltestelle Vägträffen

Noch ein paar Infos zur Straßenbahn in Norrköping gefällig? Bitteschön:
Das Straßenbahnnetz von Norrköping umfasst eine Gesamtlänge von knapp 19 Kilometer, welches sich in vier Äste teilt die von zwei Linien bedient werden. In den Sommermonaten verkehrt zusätzlich zu den Linien 2 und 3 noch die Oldtimerline 1. Jüngste Verlängerung ist die erst 2011 eröffnete Strecke der Linie 2 nach Kvarnberget.
Leider fuhren bei meinem Besuch beide Linien baustellenbedingt nur bis zum Bahnhof. Die Äste nach Vidablick und Fridvalla wurden mit Bussen bedient.

Zum Einsatz kommen 16 in den Jahren 2006, 2011 und 2014 beschaffte Niederflurwagen des Typs „Flexity Classic“ von Bombardier, intern als M06 bezeichnet.
Darüber hinaus verkehren 10 ehemaliger Duisburger Düwag GT8 (M97). Die direkt aus Duisburg übernommenen Wagen wurden jedoch bereits ohne ihre Mittelteile ab 1994 nach Norrköping verkauft und kamen dort einige Zeit als Sechsachser in ihrem typischen Düwag-Erscheinungsbild zum Einsatz. Vier Wagen erreichten Norrköping als GT8 über den Umweg Dessau. Ab 1997 erhielten die GT6 Niederflurmittelteile und eine neue flache Frontpartie. Von den GT8 aus Dessau wurde nur ein Wagen umgebaut, die drei weiteren dienen als Ersatzteilspender in Norrköping und Skjoldenaesholm. Seit dem Umbau ist den Wagen ihre Herkunft nur noch auf den zweiten Blick anzusehen, die inzwischen über 50 Einsatzjahre sind an der Substanz der Wagen aber nicht spurlos vorbei gegangen. So kommen die ursprünglich im Jahr 1966 gebauten Fahrzeuge zum Teil schon arg mitgenommen daher…

Deutsche Gebrauchtfahrzeuge haben derweil seit der Ankunft der Düwags eine gewisse Tradition in Norrköping. So übernahm der Betrieb im Jahr 1999 den 1989 gebauten GT6N-Prototypen aus Bremen, den ersten 100% Niederflurwagen der Welt. Dieser Wagen befindet sich inzwischen wieder in Bremen und steht dort wohl behütet im Bremer Straßenbahnmuseum Sebaldsbrück. Auch die drei GT6N-Prototypen aus München wurden 1999 bzw. 2001 übernommen, wobei der 2001 erworbene Wagen zunächst Erstatzteilspender blieb. Erst nach einer aufwändigen Modernisierung, hauptsächlich des elektrischen Teils, ging der Wagen im Laufe des Jahres 2007 in den Planverkehr. Alle drei Wagen befinden sich noch heute in Norrköping und fristen dort ein eher bemitleidenswertes Dasein. Das bis 2015 trotz 100%iger Niederflurigkeit alle vier Wagen ausgemustert wurden, spricht für die Probleme bei der Instandhaltung und Ersatzteilbeschaffung für diese Prototypen.
Ein weiteres kurzes Intermezzo waren die sechs aus Berlin übernommenen Tatra T6. Diese Wagen wurden jedoch von Anfang an nur zur Überbrückung eines akuten Wagenmangels beschafft, welcher in Folge einer Lieferverzögerung der Flexity Classic, aufgrund eines Hochwasser im Bombardierwerk Bautzen entstand.

Nun aber zurück zum Hier und Jetzt. Nachdem ich den Koffer los war, nutzte ich die noch verbleibenden Sonnenstunden für die ersten Aufnahmen der betriebenen zwei Äste. Und es verblieben überraschend viele Sonnenstunden, denn die Sonne ging genau in der Straßenachse der, zum zentralen Umsteigepunkt Söder Tull führenden, Nygatan unter.
Am Söder Tull treffen sich die Linie 2 aus Westen und die Linie 3 aus Südosten. Die Linie 3 verläuft von hier aus durch die Fußgängerzone die Drottninggatan direkt zum Hauptbahnhof, während die Linie 2 ein großes Viereck um die Innenstadt herum und am Depot vorbei fährt, bis sie am Rathaus wieder auf die Linie 3 trifft.


Tw 37 am zentralen Umsteigepunkt Söder Tull


Wagen 46 befindet sich fast an der selben Stelle wie zuvor Wagen 37, diesmal über den Platz hinweg gesehen. Im Vordergrund zweigt die Strecke der Linie 3, die Drottninggatan hinuter, ab.


Eine Haltestelle vor Söder Tull befindet sich Wagen 33 kurz hinter der Haltestelle Stortorget. Die Architektur bietet hier recht starke Kontraste.


Am Rathaus treffen sich die Linien wieder und verlaufen von dort gemeinsam über die Drottninggatan zum Hauptbahnhof. Tw 65 befindet sich kurz hinter der Haltestelle Rådhuset(Rathaus) vor dem Grand Hotel und erreicht in Kürze die Centralstation.


In die entgegengesetzte Richtung verläuft die Linie 3 von Söder Tull aus nach Klockaretorpet drei Haltestellen lang die schnurgerade Nygatan Richtung Westen hinauf. Tw 65 kurz vor der Haltestelle Gymnastikgatan.


Kurz vor der Haltestelle Strömbacken erreicht Tw 62 das Ende der Nygatan.


Tw 65 hat soeben die Haltestelle Strömbacken verlassen.


Zurück am Söder Tull schweift der Blick die vom letzten Sonnenschein angeleuchteten Gleise in der Nygatan hinauf. Wagen 62 erreicht gegen halb Acht im letzten Sonnenschein Söder Tull.

Damit erreichte der sehr ergiebige Fotoabend sein Ende. Leider waren auch sämtliche Bistro’s und ähnliches bereits dabei die Bordsteine hochzuklappen. Irgendwie seltsam in einem Land wo sonst alles ewig geöffnet hat, wahrscheinlich steckt die Restaurant-Maffia dahinter 😀 Potenzielle Kunden waren noch zur Genüge unterwegs. Dann eben beim ICA-Supermarkt ein reichhaltiges Abendessen eingekauft und bei etwas Europa-League im Hotel genossen. Ja, hier in Schweden gibt’s das alles im Free-TV: Champions League, Euro-League und und und. Interessiert hier halt einfach keinen dieses Fußball, dann sind die Fernsehrechte entsprechend günstig…

Morgen werden dann noch die beiden betriebenen Äste in Gänze abgearbeitet und dann geht’s gegen Abend weiter nach Stockholm.

Bis dann,
Tobias

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