Auf Schienen durch Stockholm I: Mit dem Mustang in den Djurgården

Im ersten Teil zu Stockholm geht es zur Djurgardslinjen. Eine kurze, hauptsächlich für den Touristenverkehr mit modernen Niederflurwagen und historischen Fahrzeugen betriebene Straßenbahnlinie.

Mit dem „Dagen H“, der Umstellung auf Rechtsverkehr, wurden am 03.09.1967 alle verbliebenen Straßenbahnlinien in Stockholm eingestellt. Lediglich die auf eigenem Bahnkörper verlaufenden Vorortbanen „Nockebybanan“ und „Lidingöbanan“ blieben erhalten.
Damit war Stockholm über 20 Jahre straßenbahnfreie Zone, bis schließlich nach etwa fünf Jahre langer Planung und Umsetzung im Auftrag der Stadt, der Innenstadtabschnitt vom Normalmstorg in den Djurgården, als historische Linie wieder in Betrieb genommen wurde.
Der Betrieb wurde zunächst hauptsächlich mit sechs aus Göteborg übernommenen „Mustang“-Zügen von Hägglund abgewickelt. Die Triebwagen vielen dabei durch ihre Teils bunten Vollwerbungen für die Attraktionen im Djurgården auf. Mit der Zeit kamen weitere historische Fahrzeuge, sowie ein aus einem Göteborger Mustang-Beiwagen umgebauter Caféwagen hinzu.
Der Fahrgastandrang war so groß, das bereits zur Jahrtausendwende Überlegungen zu einem ganzjährigen, regulären Einsatz von modernen Fahrzeugen aufkamen. Die Entscheidung fiel schließlich auf den Typ Flexity Classic von Bombardier. Noch bevor die eigenen Fahrzeuge im Laufe des Jahres 2011 in Betrieb gingen, wurde bereits ein provisorischer Betrieb mit baugleichen Fahrzeugen aus Frankfurt am Main und Norrköping aufgenommen. Seit 2013 werden die Flexity zudem von einem weiteren Fahrzeug der Bauart Urbos AXL aus dem Hause CAF unterstützt.

Seit 2011 verkehren die Wagen 1-6 täglich auf der Strecke vom neu errichteten provisorischen Stumpfendpunkt Kungsträdgården in der Innenstadt in den Djurgården. Dort wenden die Bahnen durch eine große eingleisige Endschleife um das auf einem kleinen Hügel gelegene, imposante Gebäude der italienischen Botschaft. Die historischen Bahnen wenden in der Innenstadt nach wie vor durch die Schleife am Normalmstorg.
Der innenstadtseitige Weiterbau der Strecke über den Sergels Torg bis zum Anschluss an die Centralstation ist derweil in vollem Gange.

Die Niederflurbahnen verkehren in dichtem Takt zwischen zehn und fünf Minuten als Linie 7. Aufgrund des touristischen Nutzen der Linie mit den zahleichen Ausflugszielen im Djurgården, verkehren die Bahnen am Wochenende sogar häufiger als von Montag bis Freitag. Zwischen den Niederflurwagen tummeln sich noch bis zu drei historische Fahrzeuge als Linie 7N. Diese verkehren in der Nebensaison an Wochenenden und Feiertagen und in der Hauptsaison täglich. Der Fahrplan der historischen Bahnen kann auf der Website der Djurgårdslinjen heruntergeladen werden. Die Fahrten finden etwa im 20 Minutentakt statt. Der Cafewagen ist dabei gesondert gekennzeichnet. In den Bahnen ist der normale SL-Tarif gültig.

Nun aber genug des Vorworts, begeben wir uns an die Strecke zwischen Kungsträdgården und Djurgården. Ich besuchte die Djurgardslinjen am letzten Aprilwochenende, dabei entstanden zahlreiche Bilder des gemischten Betriebs bei, für Schweden typisch, unterschiedlichstem Wetter.

Beginnen wir unseren Spaziergang entlang der nur etwa 3 Kilometer langen Djurgardslinjen an der Endstation der Niederflurbahnen an der Haltestelle Kungsträdgården. Schon bald wird es von hier aus bis zur Centralstation weitergehen. Vor dem weißen Haus im Hintergrnd endet die historische Linie 7N.


Die Haltestelle Kungsträdgården ist momentan noch die Endstation der Linie 7. Flexity 5 hat soeben das Ende der Linie erreicht. Nicht täuschen lassen sollte man sich von der gleichnamigen Endstation der blauen Tunnelbanan 10 und 11, denn es besteht keine wirkliche Umsteigebeziehung. Zudem fährt die Tunnelbanan hier extrem tief, sodass vom Aussteigen in der Station bis zum Erblicken des Tageslichts gut 5 Minuten vergehen können.

Bereits nach wenigen Metern Fahrt passieren die Bahnen die Endstation der Linie 7N am Normalmstorg. Da viele der historischen Bahnen Einrichtungsfahrzeuge sind, ist die Endstation als eingleisige Blockumfahrung ausgeführt.


Tw 76 wartet an der Endsation Normalsmstorget der Linie 7N auf die Abfahrt. Der Wagen ist ein echter Stockholmer. Soweit ich seine Geschichte auf schwedisch nachvollziehen konnte, wurde der Wagen im Jahr 1903 von ASEA, Kalmar und MAN gebaut. Er wird als Typ A1 bezeichnet und gehört damit zu den ersten elektrischen Bahnen der Stockholmer Straßenbahn. In den zwanziger Jahren wurden die Fahrzeuge dieser Serie grundlegend umgebaut und kamen so zum jetzigen Aussehen von Tw 76.

Kurz vor der ersten Haltestelle auf der Fahrt, zweigt die Linie 7N, von ihrer Blockumfahrung kommend, in die Strecke ein. Nicht selten spielen sich dabei recht amüsante Szenen ab, wenn sich ein Museumswagen noch soeben vor einen Planzug schwingt und nun vor dem Niederflurwagen an der Haltestelle Nybronplan hält. Ganz gemächlich steigen dann die Massen über die hintere Schaffnertür in den Museumswagen, während der Planzug minutenlang dahinter wartet und anschließend kaum noch Fahrgäste zum Mitnehmen vorfindet. Wirklich effizient ist das nicht, aber da ohnehin fast ausschließlich Touristen die Linie nutzen, stört sich auch niemand ernsthaft an dem Zeitverlust…


Der Cafezug biegt kurz vor der ersten Haltestelle Nybroplan, von der Blockumfahrung kommend, in die Trasse der Linie 7 ein. Triebwagen 210 stammt ursprünglich aus Oslo. Die Baureihe SM83 wurde in Oslo ab 1985 eingesetzt. Triebwagen 210 kam bereits im Jahr 2000 zur Djurgardslinjen und wird in der Regel vor dem Caféwagen eingesetzt. Beim Caféwagen handelt es sich um einen Beiwagen der Göteborger Mustangtriebwagen aus dem Hause Hägglund. 1947 gebaut, kam er im Jahr 1988 nach Stockholm und wurde im Jahr 1997 zum Caféwagen umgebaut. Dabei verlor er unter anderem die mittlere Tür.

Hinter der Haltestelle Nybroplan bietet sich das schönste städtische Ensemble der Strecke, unter anderem mit dem Königlichen Dramatischen Theater. Die Strecke verläuft ab hier in der Mitte der vierspurigen „Strandvägen“. Der Verkehr hält sich in den Morgen- und Abendstunden allerdings angenehm in Grenzen, sodass bei dem dichten Takt nicht viel Zeit vergeht, bis ein Bild ohne störenden „Beifang“ gelingt.


Seit wenigen Jahren werden die Flexitys vom CAF Urbos AXL 461 unterstützt. Hier zeigt sich das Fahrzeug neben dem Königlich Dramatischen Theater.


Wenige Meter weiter ist der Mustang-Tw 333 zu sehen. Der 1947 bei Hägglung gebaute Triebwagen gehört zu den bereits erwähnten sechs Zügen, welche zur Wiedereröffnung der Strecke im Jahr 1988 aus Göteborg übernommen wurden.


Am Abend lässt sich die Promenade in entgegengesetzter Richtung umsetzten. Die Sonne kämpft noch mit den Resten eines Schauers, als Urbos 461 Richtung Kungsträdgården durchs Bild fährt.

Nach wenigen Metern macht die Strandvägen einen leichten Knick. Ab hier verläuft die Strecke rechts und links entlang einer Allee ca. 700m geradeaus. An der Geraden liegt die Haltestelle Styrmansgatan. Besonderheit dieser Haltestelle sind die getrennten Bahnsteige der Linie 7 und 7N. Während die Niederflurbahnen einen Bahnsteig auf der linken Seite zur Allee hin haben, halten die historischen Bahen mangels Türen auf der linken Seite, am direkt dahinter liegenden Bahnsteig auf der rechten Seite zur Straße hin, der auch von den Buslinien genutzt wird. Warum hier ein eigener Bahnsteig für die Niederflurbahnen errichtet wurde blieb mir allerdings schleierhaft.


Wagen 2 erreicht gleich die zweite Haltestelle „Styrmansgatan“.

Hinter der nächsten Haltestelle „Djurgårdsbron“, biegt die Strecke im 90-Grad Winkel von der Strandvägen, über die für die Haltestelle namensgebende Djurgårdsbron, auf die Insel Djurgården ab. Hier bieten sich zu den verschiedenen Tageszeiten zahlreiche Motive. Verweilen wir kurz und schauen uns die Brücke aus den verschiedenen Blickwinkeln an:


Der Urbos AXL überquert am Morgen die Djurgårdsbron.


Am Vormittag lässt sich die Brücke aus der klassischen Perspektive mit der städtischen Kulisse im Hintergrund von der Inselseite aus ablichten. Hier überquert Flexity 2 die Brücke.


Am Abend bietet sich dann die Perspektive von der Stadtseite. Erneut ist Flexity 2 im Bild zu sehen. Auch noch um 19:00 Uhr wird die Linie am Wochenende im 5-Minutentakt bedient.


Urbos 461 passiert die Djurgårdsbron in Richtung Innenstadt. Auffällig ist die größere Breite des Wagens gegenüber den Flexitys. Die von der „Stange“ gekauften Bombardiers weisen bei den Türen ca.15cm breite Trittbretter auf, um an den Haltestellen einen lückenlosen Ein- und Ausstieg zu ermöglichen. Die genau nach den Anforderungen von Stockholm gebauten Urbos AXL, welche auch auf der Tvärbanan zum Einsatz kommen, haben die exakt für die Bahnsteige passende Breite, was dem Innenraum ein merkliches Plus an Geräumigkeit spendiert.


Am Abend ist Tw 335 auf seiner letzten Runde zum Normalmstorg zu sehen. Der Wagen vom Typ A12 ist ein weiteres Urgestein der Stockholmer Straßenbahn und wurde im Jahr 1924 von ASEA, Kalmar und MAN gebaut. Die schweren Vierachser kamen vermehrt auf den Vorortlinien des Stockholmer Straßenbahnnetzes zum Einsatz. Im Hintergrund ist Urbos 461 an der Haltestelle Nordiska Museet/Vasamuseet zu sehen.

Weiter geht die Fahrt durch den Djurgården. Das kurze Stück vorbei am Nordischen Museum und der gleichnamigen Haltestelle ist eher unspektakulär. Kurz darauf wird das Naturkundemuseum und der ehemalige Haupteingang des „lebendigen“ Freilichtmuseums Skansen passiert. Skansen ist eine der Hauptattraktionen im Djurgården und wurde bereits im Jahr 1891 als erstes Museum seiner Art eröffnet. Es zeigt die ursprüngliche Lebensweise der verschiedenen Regionen Schwedens vor der Industrialisierung mit über 100 historischen und dort wiederaufgebauten Gebäuden, sowie zahreichen landestypischen Tier- und Pflanzenarten.

Kurz darauf wird die Haltestelle Gröna Lund erreicht. Gröna Lund ist die zweite Hauptattraktion im Djurgården. Der 1883 eröffnete Vergnügungspark ist der älteste seiner Art in Schweden und neben dem Liseberg in Göteborg der Bekannteste. Er beherbergt zahlreiche Fahrgeschäfte und andere vergnügungsparktypische Belustigungen für Jung und Alt. Auch das erst vor kurzem eröffnete ABBA-Museum befindet sich unweit der Haltestelle.
Hier befindet sich auch das Depot der Linie, welches über eine Blockumfahrung entlang des Eingangs zu Gröna Lund erreicht wird. Das Depot beherbergt zur Zeit sowohl die ursprünglich dort untergebrachten historischen Wagen, als auch die neuen Niederflurwagen. Zwischenzeitliche Pläne zur Errichtunge eines neuen Depots an einem neu zu bauenden Streckenteil scheinen sich wohl zerschlagen zu haben oder auf Umsetzung zu warten…


Flexity 2 fährt in die Haltestelle Gröna Lund ein. Links ist die Einfahrt in die Blockumfahrung mit Depot.

Kaum hundert Meter weiter wird die Haltestelle Skansen erreicht. Sie befindet sich vor dem heutigen Haupeingang in das Erlebnismuseum. Vor dem Eingang befindet sich auch eine Zwischenschleife. Hier enden insbesondere nachmittags zahlreiche der historischen Fahrten, um die aus dem Museum strömenden Menschenmassen stilecht in die Stadt zum Abendessen zu befördern.


Flexity 5 verlässt die Haltestelle Skansen in Richtung Gröna Lund.


Aus der entgegengesetzten Blickrichtung ist Tw 335 am Abend auf Einrückfahrt an gleicher Stelle zu sehen.


Mustang 333 wartet während eines nachmittäglichen Schauers in der Zwischenschleife Skansen auf Fahrgäste.


Die ehemaligen Göteborger sind noch immer die „Arbeitspferde“ auf der Linie 7N


Ein Blick in den Innenraum des Mustang.


Der nächste Abend zeigte sich deutlich freundlicher, als Tw 335 in der Schleife Skansen nach seiner letzten Fahrt des Tages wendet.

Erneut kaum 200 Meter weiter befindet sich die Haltestelle Djurgårdsskolan. Prächtige Villen stehen entlang der Straße und teils etwas tiefer im Wald versteckt. Sicherlich nicht die günstigste Wohngegend von Stockholm…


Flexity 4 hat soeben im letzten Abendlicht die Haltestelle Djurgårdsskolan in Richtung Skansen verlassen.


Flexity 1 trägt als einziger Wagen eine Werbung und wirbt für das noch recht neue ABBA-Museum. Damit setzt er die Tradition der Werbungen für die Attraktionen entlang der Strecke fort.

Kurz hinter der Haltestelle Djurgårdsskolan beginnt die große Schleife um die italienische Botschaft mit der Endstation Waldemarsudde. Die engen Kurven und die teils starke Steigung ist für die Niederflurwagen schon eine gewisse Herausforderung.


Flexity 3 fährt in die großzügige Endschleife ein. Hinten links ist das stolze Gebäude der italienischen Botschaft zu erahnen.


Unterhalb der Botschaft erreicht Flexity 5 durch eine letzte scharfe S-Kurve gleich die Endhaltestelle Waldemarsudde.


Von unterhalb der Botschaft ist am Vormittag der Cafézug auf seiner ersten Runde zu sehen.

Die Endstation Waldemarsudde liegt direkt am Wasser an der Waldemarsviken und Ryssviken. Von hier ist der großzügige königliche Nationalstadtpark zur Naherholung für gestresste Stadtbewohner zu erreichen.


Urbos 461 verlässt die Endstation Waldemarsudde.

Auf der anderen Seite der Botschaft befindet sich die erste Haltestelle der Rückfahrt „Bellmansro“, bevor die Schleife wieder zusammenführt.


Der ABBA-Wagen hat die Endstation verlassen und umkurvt die Botschaft um die Haltestelle Bellmansro zu erreichen.

Damit endet mein Linienportrait der Djurgardslinjen. Kaum zu glauben, das die Strecke kaum mehr als drei Kilometer lang ist bei der Vielzahl an Motiven. An den zahlreichen Betriebstagen der Linie 7N wird zudem ein abwechslungsreicher Wagenpark geboten.

Bis zum nächsten Mal,
Tobias.

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