Die letzte Tatra-Hochburg: Zu Besuch in Leipzig

Deutschlandweit die letzte Hochburg für Tatrafahrzeuge aus der tschechischen Fahrzeugschmiede CKD ist die Stadt Leipzig. In den vergangenen Jahren besuchte ich die zweitgrößten Stadt Sachsens mehrmals, um die blau-gelben Tatrazüge nochmals intensiv zu fotografieren.

Einst prägten die tschechischen Fahrzeuge von CKD fast alle Betriebe der ehemaligen DDR. Heute kommen vor allem die KT4D, teils mit Niederflurmittelteil, noch bei einigen Betrieben wie Gera, Görlitz oder Frankfurt Oder zahlreicher zum Einsatz. Die einst hunderte Fahrzeuge umfassenden Tatra-Flotten beispielsweise in Berlin, Halle und Magdeburg sind mittlerweile allerdings weitestgehend auf wenige Restfahrzeuge zusammengeschmolzen.

Die letzte wirkliche Hochburg der Tatras ist Leipzig, allerdings werden die Fahrzeuge auch hier in den kommenden zwei Jahren größtenteils verschwinden. Grund genug einen Blick in die westsächsische Stadt zu werfen:

Mit der Ausmusterung der letzten unmodernisierten T4D-Züge und der T6-Züge nach der Weltmeisterschaft 2006, verblieben in Leipzig noch immer eine Vielzahl der modernisierten T4D-M1 und T4D-M2. Mit der Auslieferung der 59 Leoliner bis 2011 und der zweiten Serie NGT12 „Flexity Classic XXL“ bis 2012, wurde die Tatraflotte weiter dezimiert und die ersten modernisierten T4D-M2, sowie alle verbliebenen Beiwagen B4D-M verschrottet oder nach Sofia abgegeben. Die letzten der einst acht mit Niederflureinstieg umgebauten B4D-NF wurden 2016 abgestellt.

Die Tatrazüge machen jedoch nach wie vor einen beträchtlichen Anteil des Fahrzeugauslaufes aus. Mit der Auslieferung der Solaris NGT10 ab 2016 und der Bestellung von insgesamt 61 Fahrzeugen bis 2020, dürften die Bestände in den kommenden zwei Jahren allerdings beträchtlich schrumpfen. Ob die Tatras jedoch vollständig abgelöst werden können, bleibt auch in Hinblick stetig steigender Fahrgastzahlen fraglich. Zwischenzeitlich wurden seit 2012 entgegen ursprünglicher Pläne auch wieder Hauptuntersuchungen an den T4D vorgenommen, zu erkennen vor allem an den neuen Scheinwerfern. Aber selbst für den Fall, dass in Leipzig auch über 2020 hinaus Tatras im Einsatz stehen werden, wird die Vielfalt der Einsätze wohl deutlich geringer.

Aktuell sind noch rund 90 Fahrzeuge betriebsfähig für den Liniendienst vorhanden, sodass die T4D-Züge noch einen entscheidenden Teil des Leipziger Wagenpark von rund 250 Triebwagen ausmachen. Die Tatras werden in vielfältigen Kombinationen eingesetzt: Mehrheitlich verkehren die T4D auf verscheidenen Linien als Großzüge, bestehend aus zwei Triebwagen und einem NB4 Niederflurbeiwagen. Darüber hinaus werden insbesondere auf der Linie 8 fast vollständig Kompositionen aus einem Triebwagen mit einem NB4 eingesetzt.
Da die 43 NB4 allerdings nicht ganz ausreichen, um jedem Tatrazug einen Niederflurbeiwagen anzuhängen, kommen vereinzelt auch noch vollständige Hochflurzüge in Form von Doppel- und Dreifachtraktionen zum Einsatz. Gerade unter diesem Aspekt wirkt auch die Abstellung der letzten B4D-NF etwas fragwürdig. Diese Hochflurzüge werden allerdings mit der fortschreitenden Auslieferung der NGT10 wohl schon sehr bald aus dem Verkehr gezogen werden, sodass mein Augenmerk bei den vergangenen Besuchen besonders auf diesen reinen Hochflurkursen lag.

Im Folgenden ein kleiner Tatra-Bilderbogen aus den Besuchen der vergangenen Jahre, der letzte liegt mit dem 15. Februar erst wenige Wochen zurück:

Freitag, 1. Juli 2016

Am 1. Juli 2016 verbrachte ich einen schönen Sommertag spontan in Leipzig. Zufällig fand auch noch eine Messe statt, sodass die Linie 16E vom Hauptbahnhof zum Messegelände unterwegs war. Das zusätzliche Angebot war angesichts der fast leeren Züge allerdings etwas übertrieben. Ansonsten war vor allem die Linie 11E nach Wahren noch fest in Händen von Tatrazügen, welche heute fast ausschließlich von Niederflurwagen bedient wird.


2016 war die Linie 11E nach Wahren noch fest in der Hand der Tatra-Züge. An der Haltestelle „Möckern historischer Straßenbahnhof“, heute „Möckernscher Markt“, treffen sich am 1. Juli 2016 eine Dreifachtraktion und eine Doppeltraktion mit Niederflurbeiwagen. Heute verkehren auf der 11E in der Regel nur noch Niederflurbahnen.


Auch die Leipziger NB4 waren noch nicht vollständig in silber lackiert, sodass der Großzug mit den T4D-M1 2165 und 2175 am klassischen Vormittagsmotiv vor dem Hauptbahnhof noch eine einheitliches Erscheinungsbild abgibt.


Mit den Eingängen zum neuen City-Tunnel ergibt sich auf dem Willy-Brandt-Platz heute ein noch größeres Durcheinander der Architekturstile. Eine Tatra spiegelt sich im Fahrstuhlhäuschen der neuen S-Bahn Station.


Auch der Fahrschulwagen 5001 lief mir im Jahr 2016 über den Weg und kam zufällig genau im passenden Moment in die Haltestelle „Goerdelerring“ gefahren.


Die Linie 1 wird noch heute von Tatra-Zügen dominiert. Am 1. Juli 2016 stand hier auch noch eine Dreifachtraktion mit T4D-M1 2122 an der Spitze im Einsatz, welche unweit der Haltestelle „Löbauer Straße“ abgewartet wurde.


Durch den Einsatz der Linie 16E vom Hauptbahnhof zur Messe, waren noch einmal ein paar zusätzliche Züge im Einsatz. Vor dem Messegelände wendet am Nachmittag der Großzug aus T4D-M1 2115, 2184 und NB4 928.


Für Aufnahmen der verschiedenen Tatrakompositionen eignet sich am Abend besonders gut die große Brücke am Sportforum. Hier können die Tatrazüge auf den Linien 3, 7 und 8, sowie diverse Einrücker in perfektem Abendlicht von der Türseite aufgenommen werden. 2016 standen sogar noch die letzten der umgebauten B4D-NF im Einsatz. Der Großzug aus 2194, 2185 und 795 konnte beim verlassen der Haltestelle „Sportforum“ festgehalten werden. Mittlerweile sind der führende Triebwagen und der Beiwagen abgestellt.


Auf der Linie 7 stand auch eine hochflurige Doppeltraktion mit T4D-M1 2166 an der Spitze im Einsatz.

Sonntag, 2. September 2018

Bei miserablem Wetter wurde am 2. September letzten Jahres auf der Durchreise eine kleine Pause in Leipzig eingelegt und der dortige Rasenball-Stadionverkehr angesehen. Zahlreiche Großzüge rückten rund zwei Stunden vor Spielbeginn auf verschiedene Linien in alle Stadtteile aus, die Dreifachtraktionen wurden allerdings nicht benötigt, sodass alle Züge einen Niederflurbeiwagen mitführten.


Der Großzug mit T4D-M1 2175 an der Spitze ist soeben aus dem Straßenbahnhof Angerbrücke auf die Linie 3 ausgerückt und hält an der gleichnamigen Haltestelle.


An der Haltestelle „Sportforum“ hält ein Großzug der Linie 15 mit 2171 an der Spitze.


Im Hintergrund strömen noch einige „Rote Bullen“ ins Stadion, während der Großzug mit 2178 als Linie 3 die Haltestelle „Sportforum“ erreicht.

Freitag, 15. Februar 2018

Mein aktuellster Besuch in Leipzig war im vergangenen Februar. Deutschlandweites Kaiserwetter lud an diesem Freitag geradezu dazu ein, einen spontanen Ausflug zu unternehmen und da sich kurzfristig eine Mitfahrgelegentheit nach Leipzig ergab, stand das Ziel schnell fest.


Die Linie 7 Sommerfeld-Bölitz ist noch immer fest in der Hand der Großzüge. Mittlerweile muss man allerdings schon einen Zug mit ehemaligem Rostocker NB4 erwischen, um eine farblich einheitliche Garnitur abzulichten, denn alle anderen Niederflurbeiwagen sind mittlerweile silber. Eine solche Garnitur konnte am Morgen mit 2141 an der Spitze auf dem Augustplatz festgehalten werden.


Wie der Zufall es wollte, lief mir auch wieder der Fahrschulwagen 5001 über den Weg. Zwischenzeitlich hat der Wagen eine neue Hauptuntersuchung erhalten, äußerlich zu erkennen an den neuen Scheinwerfer, einem zusätzlichen Schriftzug an der Wagenseite, sowie dem neuen Logo des Betriebes an der Front, anstelle des alten IFTEC Logos. Soeben hat der T4D-M2 mit dem ehemaligen Rostocker NB4 940 den Augustplatz überquert.


Ein weiterer Zug der Linie 7 mit T4D-M1 2101 und 2107 konnte am Goerdelerring aufgenommen werden.


Jeder zweite Kurs der Linie 1 endet an der Zwischenschleife Volbedingstraße in Schönefeld. Das prächtige Eckhaus Richtung Mockau wird daher nur alle 20 Minuten von einem Tatrazug passiert.


Auf der Strecke nach Taucha sind die Tatras voll in ihrem Element: Auf schnurgerader Strecke mit eigenem Bahnkörper zwischen Plattenbauten von Station zu Station rasen… Der Zug mit T4D-M1 2118 an der Spitze hält an der Station Heiterblick/Teslastraße.


Ein Großzug der Linie 7 mit Rostocker NB4 hat überraschend in der Schleife Paunsdorf-Nord gewendet – wohl um nach einer Betriebsstörung die Kurse wieder zu entzerren – und wartet jetzt auf weitere Anweisungen des Fahrdienstleiters.


Wenig später startet der Zug mit 2141 an der Spitze die Fahrt nach Böhlitz-Ehrenberg und legt sich vor der Haltestelle „Paunsdorf Straßenbahnhof“ elegant in die Kurve.


Auch 2019 sind noch vereinzelte hochflurige Kurse anzutreffen. Auf der Linie 8 waren sogar deren zwei im Einsatz. Unmittelbar neben dem Paunsdorfer Wasserturm konnte eine Doppeltraktion mit 2123 an der Spitze aufgenommen werden.


Der Großteil der Kurse auf der Linie 8 wird hingegen mit Zügen aus einem T4D und einem NB4 gebildet. In der Riesaer Straße begegnet uns ein Gespann mit 2122 an der Spitze.


Einige Meter weiter konnte kurz vor der Eisenbahnbrücke der Großzug mit T4D-M1 2101 an der Spitze auf der Linie 7 aufgenommen werden.


Drei Kurse der Linie 8 musste ich unweit der Haltestelle „Sellerhausen“ abwarten, bis das Bild endlich ohne Auto oder Menschen vor der Bahn gelang. Umso erfreuter war ich, dass es ausgerechnet mit dem zweiten Hochflurkurs der Linie aus 2172 und 2158 klappte.


Zwischen Augustplatz und Wilhelm-Leuschner-Platz wird der NGT12 1217 von einem Großzug der Linie 7 mit 2183 an der Spitze verfolgt. Das Verwaltungsgebäude der Leipziger Stadtwerke überragt die Szenerie.


Arg grenzwertig ist der Versuch von der Haltestelle „Neues Rathaus“ aus eben jenes mit ins Bild zu bekommen, zumal auch noch die Schatten im Winter recht früh in den Vordergrund rücken. Als am späten Nachmittag allerdings unvermittelt eine T4D Dreifachtraktion als Dienstfahrt vom Wilhelm-Leuschner-Platz heruntergerollt kam, musste der Weitwinkel spontan strapaziert werden. 50mm-Puristen werden sich wohl die Haare raufen… Soll sich jeder seine eigene Meinung bilden, aber sowohl das prächtige Rathaus, als auch die Dreifachtraktion hatten es in diesem warmen Abendlicht einfach nicht verdient, unfotografiert zu bleiben.


Gegen 18:00 Uhr waren am Sportforum wiederum die langen Brennweiten gefragt, um bei der gerade noch über die Baumwipfel auf der anderen Brückenseite lukenden Sonne, nicht selbst einen Schatten auf die Bahnen zu werfen. Im letzten Licht des Tages kommt noch einmal der Hochflurkurs der Linie 8 mit 2172 und 2158 durchs Bild gerollt.

Soviel zu den Tatra-Zügen in Leipzig. Wer die aus dem ansonsten eher unfotogenen grau herausstechenden blau-gelben Züge noch einmal in diesem Umfang in Leipzig erleben möchte, sollte nicht mehr zuviel Zeit verstreichen lassen, ist doch die Auslieferung der Solaris-Bahnen in vollem Gange.

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