Historischer Linienverkehr in der Hansestadt

Ein fester Termin im Kalender norddeutscher Straßenbahnfotografen ist seit vielen Jahren der einmal im Jahr von den „Freunden der Bremer Straßenbahn e.V.“ durchgeführte historische Linienverkehr. Ende Juni 2019 und Anfang Mai 2018 konnte auch ich nach langer Pause wiedermal in den Genuss der vorbildlichen historischen Straßenbahnflotte in Bremen kommen.

Bei dem alljährlichen historischen Linienverkehr kommen in der Regel alle betriebsfähigen historischen Fahrzeuge, auf einer eigens eingerichteten Linie, zum Einsatz. Die Fahrzeuge können dabei zum Normaltarif des VBN genutzt werden und werden sogar auf den digitalen Haltestellenanzeigen ausgewiesen. Zusätzlich weist auch eine Laufschrift an den Anzeigen auf den besonderen Verkehr mit historischen Fahrzeugen, auf einer zusätzlichen Linie hin. Eine in dieser Form seltene und hervorragende Integration des Museumsverkehrs in den Planverkehr, welche insbesondere die vielen unwissenden Besucher der Hansestadt auf die Fahrten aufmerksam macht und so ein breites Publikum für die Arbeit des Vereins schafft. Auf diese Weise steigen auch viele Fahrgäste zu, welche ursprünglich nur mit einem Planzug von A nach B wollten, nun jedoch den zusätzlich fahrenden historischen Kurs nehmen und so erst in Kontakt mit den alten Bahnen kommen.

Am 6. Mai 2018 fand der historische Linienverkehr auf der 10E von der Georg-Bitter-Straße zum Waller Freidhof – der Wiege der Bremer Straßenbahn – statt. In diesem Jahr wurde die Linie 4 von der Horner Mühle zur Domsheide eingerichtet. Beide Routen wussten durch diverse tolle Motive zu gefallen. Bot die Linie 10E besonders im Osten rund um Steintor, in den belebten Häuserschluchten viele Motive, verlief die diesjährige Route einmal mitten durch Bremens historische Innenstadt rund um Dom, Rathaus und Roland.
So fand ich mich auch aufgrund des in beiden Jahren hervorragenden Wetters, gleich zwei Jahre in Folge zum historischen Linienverkehr in Bremen ein. Im Folgenden nun ein kleiner Einblick in den historischen Linienverkehr dieser beiden Tage:


Die diesjährige Route vom 1. Juni, bot im Gegensatz zum vergangenen Jahr, auch die Möglichkeit von Aufnahmen der historischen Zügen rund um die klassischen Motive an der Domsheide. Der 1904 gebaute Zweiachser 134, präsentiert sich heute unter anderem mit geschlossenen Plattformen im Zustand von 1939 und ist der älteste Museumswagen für den Personenverkehr. Der vier Jahre ältere Wagen 49, verfügt mangels Magnetschienenbremse über keine Berechtigung zum Fahrgasttransport.


Die Ausrückfahrten aus Sebaldsbrück Richtung Innenstadt sind am Morgen stets im Gegenlicht. Mit 134 bot sich am 30. Juni 2019 allerdings gleich der erste Kurs für einen Nachschuss kurz vor Domsheide an.


Am Nachmittag des 30. Juni 2019 ist 134 auf dem Weg nach Domsheide vor dem Hauptbahnhof zu sehen.


Vergangenes Jahr boten die westlich an die Innenstadt angrenzenden Stadviertel zahlreiche Motive für Aufnahmen der historischen Wagen. 134 konnte unweit der Haltestelle Am Hulsberg aufgenommen werden.


Rund um Steintor und Weserstadion braucht man nicht weit zu gehen, um ansprechende Motive der stets im Straßenraum verlaufenden Strecke umzusetzen.


Wagen 134 verlässt am 6. Mai 2018 die Haltestelle Rembertistraße.


Der 1947 von BDM gebaute Zweiachser 701 erreicht am 30. Juni 2019 die Haltestelle Rembertistraße kurz hinter dem Hauptbahnhof.


Der Zweirichtungswagen eigneten sich an der Domsheide perfekt für den Nachschuss in Richtung Rathaus, da die historischen Wagen die Innenstadt als Schleife nutzten und hier nur in eine Richtung verkehrten.


Als letztes Fahrzeug rückt 701 am 6. Mai 2018 in das Museumsdepot Sebaldbrück ein.


Durch die jahrzehntelange Belieferung der Bremer Straßenbahn von der Waggonfabrik Hansa, verfügt Bremen seit langem über diverse einzigartige Fahrzeugtypen, von denen durch den unermüdlichen Einsatz der Straßenbahnfreunde und der guten Kooperation mit der BSAG eine Vielzahl erhalten und/oder wiederaufgearbeitet werden konnten. Ein besonders interessantes Fahrzeug ist der Wagen 917. Im Jahr 1955 hatte die Bremer Straßenbahn in der Werkstatt eine Serie von Zweiachsern im Bau. Testweise wurde eines der Fahrzeuge ohne Heck mit offener Rückwand erstellt und ein einachsiger Nachläufer der Waggonfabrik Hansa auf den Zweiachser aufgesattelt. Nach einjährigem Probebetrieb wurde bis 1958 eine Serie von weiteren 27 Fahrzeugen gebaut. Der Prototyp 901 wurde an die Serie angepasst und erhielt ebenfalls die markante, schräg gestellte Frontscheibe. Aufgrund ihrer ruppigen Fahrweise im Vergleich zu den vierachsigen Großraumzügen, erhielten die insgesamt 28 Fahrzeuge schnell den Spitznamen „Ackerwagen“.
In diesem Jahr konnte der „Ackerwagen“ 917 aufgrund einer anstehenden Hauptuntersuchung nicht eingesetzt werden. Am 6. Mai 2018 sehen wir ihn jedoch vor der Haltestelle St.-Jürgen-Straße abbiegen.


Bis Mitte der 70er Jahre verschwanden die „Ackerwagen“ aus dem Linienverkehr. 817 blieb zunächst als Partywagen erhalten und konnte nach rund 20 Jahren Abstellung bis 2002 restauriert und wieder in Betrieb genommen werden. 817 erreicht die Haltestelle Georg-Bitter-Straße und wird eine kurze Pause einlegen, bevor er zur nächsten Runde aufbricht.


Am Morgen des 6. Mai 2019 rückt der Großraumzug aus 811 und 1806 aus dem Museumsdepot in Sebaldsbrück aus. Der von Hansa gebaute Großraumtriebwagen 811, stammt ebenso wie der Beiwagen 1806, aus dem Jahr 1954. Die letzten Fahrzeuge standen bis Ende der 80er Jahre im Linieneinsatz. Neben 811 ist auch der Wagen 827 erhalten geblieben, allerdings derzeit nicht betriebsfähig.


Am späteren Vormittag ist der Großraumzug unmittelbar vor der Haltestelle Doventorsteinweg auf dem Weg über den Hauptbahnhof zur Georg-Bitter-Straße zu sehen.


Nicht wirklich der typische Flair vergangener Tage, kommt am Nachmittag des 6. Mai 2018 unweit der Haltestelle Falkenstraße auf modernem Rasengleis auf.


Auch am 30. Juni 2019 war der elegante Großraumzug wieder im Einsatz und hat soeben den Hauptbahnhof Richtung Horn passiert.


In diesem Jahr konnte auch wieder der Hansa-Zug aus 446 und 1458 aufgenommen werden, nachdem dieser 2018 wegen einer anstehenden Hauptuntersuchung nicht im Einsatz war. Neben 446 ist auch noch 445 museal erhalten. Von den einst 79 Bremer und Bremerhavener Hansawagen sind auch noch der Fahrschulwagen 3402, sowie die Partybahn 3442 abgestellt vorhanden. Der ehemalige 3460 wurde zudem zum Schleifwagen umgebaut. Hier erreicht das Gespann am Nachmittag des 30. Juni 2019 Domsheide.


Wenig später konnte der Hansa-Zug vor dem Bremer Dom abgelichtet werden. Seine Brüder drehen teilweise noch heute im rumänischen Timisoara ihre Runden im Plandienst. Den Werdegang der Bremer Kurzgelenkwagen habe ich in der Serie Straßenbahnen im Exil im Artikel Hansa, Wegmann und Rathgeber – Kurzgelenkwagen in Timișoara ausführlich beschrieben.


Um von der Domsheide zurück Richtung Horn zu fahren, drehten die historischen Züge eine Schleife durch die Bremer Innenstadt. Dabei überquert der Hansa-Zug hinter der Haltestelle Am Brill die Weserbrücke.


Jüngster Zugang in der betriebsfähigen Flotte ist der Wegmann-Triebwagen 557, der bis Ende 2017 restauriert und nahezu in den Auslieferungszustand zurückversetzt werden konnte. Erstmals erwischte ich diesen Wagen beim historischen Linienverkehr 2018. Vom Waller Friedhof kommend, konnte 557 kurz vor der Haltestelle Hansestraße abgelichtet werden.


Auch in diesem Jahr stand der Wegmann wieder im Einsatz und konnte vor Erreichen der Haltestelle Am Dobben aufgenommen werden.


Als kleiner Zusatz konnte am 6. Mai 2018 der Arbeitswagen AT6 aufgenommen werden, welcher unter anderem zum Einsatz kam, um Wagen 49 zur Schleife Waller Friedhof zu schleppen, wo er den Tag über interessiertem Publikum präsentert wurde. Am Nachmittag begegnete mir der 1981 aus dem Ackerwagen 850 entstandene Zweiachser an der Haltestelle Bennigsenstraße.

Soweit der kleine Bilderbogen zum historischen Linienverkehr in Bremen. Vor der Arbeit des Vereins und der Zusammenarbeit mit dem Verkehrsbetrieb kann man nur den Hut ziehen!

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