Straßenbahnen im Exil: Hansa, Wegmann und Rathgeber – Kurzgelenkwagen in Timișoara

Neben den klassischen Düwag Gelenkwagen mit Jakobsdrehgestellen und deren zahlreichen Ablegern, prägte in den 60er und 70er Jahren eine weitere Bauart den deutschen Straßenbahnmarkt: Der Kurzgelenkwagen. Eine ganze Reihe der Kurzgelenkwagen aus Bremen und München fand nach ihrer Ausmusterung den Weg ins rumänische Timișoara.

Der ursprünglich für Stuttgart, Freiburg, Nenkirchen und Reutlingen gebaute GT4 Kurzgelenkwagen der MF Esslingen, verbreitete sich von dort aus über die Jahre auch nach Augsburg, Halle, Ulm, Halberstadt und Nordhausen und war damit in weiten Teilen Deutschlands anzutreffen.
Zeitgleich zu den GT4 der MF Esslingen entwickelte die Firma Hansa in Bremen für den örtlichen Straßenbahnbetrieb ebenfalls einen Kurzgelenkwagen, welcher grundlegend von der Konstruktion des Esslinger GT4 abwich, und in Folge dessen auch optisch völlig anders daherkam. Der Prototyp wurde, genau wie der Stuttgarter GT4, im Jahr 1959 in Dienst gestellt und bewährte sich gut, sodass bis 1968 insgesamt 74 Triebwagen und 43 Beiwagen für die Bremer Straßenbahn gebaut wurden. Für den Betrieb in Bremerhaven wurden 1968 fünf baugleiche Triebwagen gefertigt, welche nach der Einstellung von der Bremer Straßenbahn übernommen wurden.

Ab 1973 wurde von der Firma Wegmann in Kassel ein stark an die Hansazüge angelehntes Nachfolgemodell gebaut. Von den Wegmann-Zügen wurden bis zum Jahr 1977 61 Triebwagen und 58 Beiwagen geliefert.

Die Firma Rathgeber ließ sich beim Auftrag zum Bau zweier vierachsiger, zweiteiliger Gelenkwagen für die Straßenbahn München im Jahr 1965, maßgebend von den Bremer Hansazügen inspirieren und fertigte nach den beiden Prototypen in den Jahren 1967 und 1968 eine Serie von 42 Triebwagen und 38 Beiwagen, welche in München als P-/p-Züge bezeichnet werden.
Als letzte Vertreter dieser Straßenbahnbauart, sind heute bekanntlich noch immer die letzten P-/p-Züge in München im Einsatz.


Während die rumänsichen Straßenbahnbetriebe Arad und Iasi zu Großabnehmern der, abgesehen von den Neunkirchener Wagen, ausschließlich meterspurigen GT4 der MF Esslingen wurden, wurde der regelspurige Betrieb in Timișoara zum Sammelbecken der regelspurigen Kurzgelenkwagen aus Bremen und München:

Mit der Lieferung der GT8N von AEG und Adtranz ab 1993, wurden die Hansazüge in Bremen allmählich abgelöst. Ab 1995 gelangten 42 der ausgemusterten Triebwagen und 39 Beiwagen nach Timișoara. Dort kamen und kommen sie nach wie vor, sowohl im Solo-, als auch im Beiwagenbetrieb zum Einsatz und werden nach dem Umbau der Wegmannzüge als letzte fassungsstarke Gespanne auch nach teils über 55 Dienstjahren noch dringend benötigt.

Ab 2005 wurden dann die Wegmann-Züge großflächig durch die in Bremen als GT8N-1 bezeichneten Flexity Classic von Bombardier ersetzt. Von 2002 bis 2010 gelangten insgesamt 38 Wegmann Triebwagen und 39 Beiwagen nach Timișoara.
Ab 2014 wurden 25 Wegmann-Triebwagen umfangreich modernisiert und erhielten einen vollständigen Neuaufbau. Alle verbliebenen Triebwagen wurden entweder abgestellt oder verschrottet, sodass mittlerweile kein Wegmann-Triebwagen mehr im ursprünglichen Zustand in Timisoara im Einsatz steht. Da die neuaufgebauten Triebwagen nicht für den Beiwagenbetrieb geeignet sind, wurden auch sämtliche Beiwagen abgestellt oder verschrottet.

Von den Münchner P-Wagen befinden sich heute noch sieben Triebwagen und fünf Beiwagen in der Landeshauptstadt. Bereits 1998 erreichten zwei P-/p-Züge die rumänische Hauptstadt Bukarest. Im Gegensatz zu den M-/m-Zügen, welche in Bukarest auf neuen Drehgestellen zahlreich zum Einsatz kamen, setzten sich die P-/p-Züge in der Hauptstadt nicht durch. Lediglich der Triebwagen 2008 ist heute als Weihnachtsbahn noch vorhanden. Stattdessen gelangten von den übrigen Fahrzeugen ab dem Jahr 2000 insgesamt 21 Triebwagen und 22 Beiwagen nach Timișoara.

Nachdem mittlerweile alle Düwag und DWM Sechs- und Achtachser in Timișoara ausgemustert wurden, prägen die Kurzgelenkzüge heute das Stadtbild von Timișoara, wie sie es einst in Bremen taten und sind aufgrund knapper Kassen nach wie vor unverzichtbar.


Hansa-Züge


Gleich zwei Hansa-Triebwagen sind in Bremen museal erhalten. Am 26. März 2006 kam Tw 445 mit Bw 1458 anlässlich eines umfangreichen Sonderfahrtenprogrammes an diesem Sonntag zum Einsatz. Mittlerweile ist 445 abgestellt und an seiner Stelle 446 in den betriebsfähigen Bestand zurückgekehrt.


Im Jahr 1998 waren die Hansazüge noch recht frisch in Timișoara und die ersten deutschen Gebrauchtwagen in der rumänischen Großstadt. Der für Bremerhaven gebaute Triebwagen 83 wurde in Bremen zum 3478 und gelangte erst im Jahr der Aufnahme nach Timișoara. Hier ist der Kurzgelenkzug am 7. August 1998 am Abzweig westlich der Haltestelle „Piata Timisoara 700“ auf Linie 4 zu sehen. Der Triebwagen trägt den letzten, zu dieser Zeit aktuellen Bremer Anstrich, während der Beiwagen noch im traditionellen creme-rot unterwegs ist.


Im Gegensatz dazu zeigt sich der gebürtige Bremer Hansawagen 3447 noch im creme-roten Lack der ersten Stunde. Am 7. August 1998 ist er auf Linie 9 unterwegs und passiert einen der typischen Melonenhändler, welcher den Fußweg kurzerhand zum Feilbieten der erfrischenden Kürbisgewächse umfunktioniert hat.


Bei einem Besuch im Jahr 2007 trug der Großteil der Hansawagen das gelb-weiße Lackschema von Timișoara. Lediglich ein Wagen war bereits im neuen weiß-lilanen Lack unterwegs. Unweit der Haltestelle „Catedrala Metropolitana“ sind gleich zwei Hansawagen hintereinander unterwegs. Der Bremer 3474 führt am 21. August 2007 den Korso an.


Im Jahr 2014 waren dagegen nur noch wenige Wagen in gelb-weiß unterwegs. Der Großteil der Flotte trug bereits die ungewöhnliche weiß-lilane Wellenlackierung. Auch der ehemalige Bremerhavener 3477 ist zwischenzeitlich in den Farbtopf gefallen, als er am 10. Juni 2014 als Linie 1 zwischen den Haltestellen „Statia Meteo“ und „UMT“ unterwegs ist.


Am selben Tag verlässt 3477 die Haltestelle „Catedrala Metropolitana“ unweit der Fußgängerzone.


Wegmann-Züge


Der Wegmannzug bestehend aus 3530 und 3734, war im Jahr 2012 einer der letzten Wegmann-Vertreter in Bremen. Während einige seiner Brüder schon seit zehn Jahren in Rumänien weilten, wurde das Gespann in Bremen noch für Verstärkerfahrten, beispielsweise zu Fußballspielen eingesetzt. Von solch einem Einsatz kommend, wendet der Zug am 1. September 2012 in der Schleife Weserwehr. Die letzten Wegmänner in Bremen fanden nicht mehr den Weg nach Timișoara. So wurde auch dieser Zug im Jahr 2014 in Bremen verschrottet.


Auch die Wegmann-Züge kamen eine zeitlang noch in den verschiedenen Bremer Lackierungen in Timișoara zum Einsatz. Im Jahr 2014 waren die meisten Züge allerdings schon umlackiert. 3523 war einer der letzten Bremer im alten Lackschema, während sein Beiwagen bereits Neulack trägt. Am 10. Juni 2014 hat der Zug auf der Linie 4 die Haltestelle „Catedrala Metropolitana“ verlassen und überquert gleich die Bega-Brücke.


Die Wegmänner erhielten nicht mehr das gelb-weiße Lackschema, sondern wurden gleich in den lila-Wellenlack getaucht. (Update: Einige Wegmänner erhielten in Timisoara sehrwohl noch das gelb-weiße Lackschema, während die meisten zunächst in den Bremer Lackierungen im Einsatz standen – siehe Kommentare!) Am 10. Juni 2014 erreicht 3505 den Gara de Est (Ostbahnhof).


Der bereits bekannte Wegmann-Zug wendet am selben Tag als Linie 4 in der Schleife „3027 Ciarda Rosie“. Mittlerweile sind in Timișoara nur noch die zwischen 2014 und 2017 neuaufgebauten Wegmänner unterwegs und damit auch die Hängerzüge Geschichte.


P/p-Züge von Rathgeber


Eine „never ending story“ ist der Einsatz der P-Züge in München. Am 27. Juli 2012 stand das Gespann aus 2028 und 3005 auf dem 17er im Einsatz und hat soeben die Haltestelle „Fraunhoferstraße“ verlassen. Der Besuch im Jahr 2012 stellte bereits meinen zweiten Abschiedsbesuch bei den P-Wagen dar, doch auch im Jahr 2018 sollte ich bei meinem dann schon vierten Abschied erneut auf die Klassiker treffen. Auch wenn dieser Triebwagen mittlerweile abgestellt ist, sind an seiner Stelle wieder andere Fahrzeuge in den Einsatzbestand gerückt.


Nach ihrer Ankunft in Timisoara erhielten die P-Züge recht schnell den damals aktuellen gelb-weißen Lack. Im Jahr 2007 waren bereits alle eingesetzten Züge umlackiert, als Tw 2013 am 21. August den Piața Libertății erreicht.


Auch die P-Züge blieben nicht von der neuen Lackierung verschont. Am 10. Juni 2014 sind 2041 und 3027 an der Endschleife „Ciarda Rosie“ zu sehen.


Am selben Tag passiert der P-Zug mit Tw 2042 an der Spitze eines der Wahrzeichen von Timișoara, die „Catedrala Mitropolitană Ortodoxă“

Soweit der aktuelle Teil von „Straßenbahnen im Exil“ zu den Kurzgelenkzügen in Timisoara. Der nächste Teil beschäftigt sich dann mit dem Werdegang des Konkurrenzproduktes der MF-Esslingen.

4 thoughts on “Straßenbahnen im Exil: Hansa, Wegmann und Rathgeber – Kurzgelenkwagen in Timișoara”

  1. Herrliche Bilder, ganz besonders die historischen Aufnahmen!

    Ende Mai 2018 ist mir in Timisoara doch noch exakt ein altes Wegmann-Gespann begegnet, der Zug aus den Wagen 3523 und 3738.
    Zudem gibt es nun die tramTMtur, der zum Partywagen umgebaute 3546, der weiterhin den klassischen Wegmann-Aufbau besitzt.

    Grüße
    Frederik

    1. Danke Dir! Einige weitere historische Aufnahmen von 1998 gibt es hier auf flickr
      Beim letzten Besuch 2014, sind wir noch dem letzten Karlsruher GT8 und Düsseldorfer GT6 hinterhergelaufen. Das nahzu alle Wegmann-Züge in dieser Form noch vor den deutlich älteren Hansa-Zügen verschwinden würden, hatten wir nicht erwartet…
      Gruß
      Tobias

  2. Hallo,

    vielen Dank für den schönen Bericht. In einem Punkt möchte ich allerdings korrigieren:
    „… Die Wegmänner erhielten nicht mehr das gelb-weiße Lackschema …“. Das stimmt so nicht. Die GT4d-Triebwagen 3502, 3503, 3506, 3507 und 3511 sowie einige Beiwagen hatten sehr wohl ein gelb-weisses Lackschema. 3506 und 3507 habe ich nur auf dem Betriebshof fotografiert, während ich die anderen drei im Jahr 2006 im Einsatz fotografieren konnte. Der 3502 war 2008 auch noch – im Gegensatz zu 3503 und 3511 – in gelb-weiss unterwegs, und in den Folgejahren war 3502 stets abgestellt und hat nie das lila-weisse Lackschema erhalten. 3506 und 3507 waren 2008 bereits verschrottet und dürften gelb-weiss ebenfalls nicht mehr erhalten haben.

    Und noch etwas Kurioses zu den Lackvarianten: Tw 3432 fuhr im Jahr 2010 in lila-weiss durch die Gegend, während er 2012 wieder in gelb-weiss lackiert war. Den genauen Grund kenne ich nicht, aber 3432 und 3443 (der zweite gelb-weisse Hansa) sind häufig im Fahrschuleinsatz, d.h. es könnte sich um eine „Arbeitswagen“-Lackierung handeln, auch wenn beide Tw häufig im Linieneinsatz anzutreffen sind/waren. Meine letzte Beobachtung dazu stammt aus dem Jahr 2015.

    Gruss
    Ingo Teschke

    1. Hallo,
      vielen Dank für die Korrektur. Ich war nur aufgrund meiner eigenen Beobachtungen davon ausgegangen, da 2007 ausschließlich Wegmänner in den zwei jüngsten Bremer Lackierungen oder schon in lila-weiß unterwegs waren. Bei google finden sich jedoch schon auf der ersten Seite der Bildersuche diverse Aufnahmen in gelb-weiß.
      Gruß,
      Tobias

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