Straßenbahnen im Exil: Der Werdegang der Esslinger GT4 von Stuttgart bis Iași

Der letzte Teil dieser Reihe hat sich mit den deutschen Kurzgelenkwagen aus Bremen und München beschäftigt, welche sich heute weitgehend im rumänischen Timisoara wiederfinden. Heute soll es um die parallel gebauten Kurzgelenkwagen der MF Esslingen für Stuttgart gehen, welche später in zwei verschiedenen Varianten auch an Freiburg, Reutlingen und Neunkirchen geliefert wurden, und im Laufe der Jahre über Augsburg, Halle, Nordhausen, Brandenburg und Halberstadt, bis nach Rumänien gelangten.


Die Entstehung

In Zusammenarbeit mit der Maschinenfabrik Esslingen (MF Esslingen), wurde im Jahr 1959 ein neuer Straßenbahngelenkwagen entwickelt, welcher den speziellen Wünschen der Stuttgarter Straßenbahn Sorge tragen sollte. Konstruktiv wurde dabei anders vorgegangen als bei den Kurzgelenkwagen in Bremen: Innen auf den Drehgestellen stützte sich ein gelenkig lagernder Balken aus zwei parallel verlegten Trägern ab. Das auf dem Mittelteil des Balkens abgestützte Gelenk wurde beim Befahren von Kurven dabei zwangsläufig durch den sich verändernden Abstand der sich drehenden Fahrgestelle entsprechend des Radius ausgelenkt. Die Fahrzeuge können im Gelenkpunkt nur horizontale, jedoch keine Nickbewegungen ausführen und es ist konstruktionsbedingt nicht ohne Weiteres möglich, für Wartung und Reparatur die Wagenteile zu trennen. Nicht nur darin, sondern auch in der konstruktiv bedingten Hüllkurve unterschied sich der Esslinger GT4 maßgebend vom parallel entwickelten Hansawagen, wodurch sich beide Fahrzeuge auch deutlich im Wagenkastendesign unterscheiden. Während der Hansawagen und seine kontruktiven Nachfolger von Rathgeber in München und Wegmann in Bremen, durch ihr bulliges Design mit lediglich leicht abgerundeten Frontpartien auffielen, kam der GT4 der MF Esslingen mit den stark verjüngten Wagenenden, zwar deutlich eleganter daher, barg aber die Nachteile der beengten Platzverhältnisse im Bereich der Fahrerkabine und der nicht in der Geraden liegenden ersten und letzten Türe.


Erstabnehmer der GT4

Stuttgart

Der neue Fahrzeugtyp bewährte sich in Stuttgart so gut, dass von 1959 bis 1964 insgesamt 350 Einheiten für Stuttgart gebaut wurden. Von den zahlreichen, durch Stadtbahnfahrzeuge ersetzten GT4, wurden von 1985 an, ganze 219 Fahrzeuge an andere Betriebe abgegeben.


Im Herbst 2006 stand das Ende der meterspurigen Straßenbahn in Stuttgart unmittelbar bevor. Nur auf der Linie 15 nach Stammheim fuhren noch die letzten GT4. Insgesamt 219, der einst 350 Stuttgarter GT4, fanden nach der Abstellung eine zweite und dritte Heimat bei anderen Betrieben.


Freiburg

Der Straßenbahnbetrieb in Freiburg bestellte ebenfalls die neue Kurzgelenkkonstruktion der MF Esslingen, allerdings in der Ausführung als Zweirichtungswagen (GT4-ZR). Von 1962 bis 1968 erhielt die Stadt an der Dreisam insgesamt 19 Triebwagen in vier Lieferungen. Die beiden letzten Lieferungen von acht Fahrzeugen in den Jahren 1967 und 1968, wurden dabei von der Waggonfabrik Rastatt gefertigt, da die MF Esslingen mittlerweile die Produktion von Straßenbahnen eingestellt hatte. Die Freiburger GT4-ZR gelangten später nach Brandenburg, Halberstadt und Nordhausen.


Am 8. Oktober 1987 war GT4-ZR 113 noch weitgehend im Auslieferungszustand in Freiburg im Einsatz. Der Wagen gehört zu den acht von Rastatt gebauten Fahrzeugen.


GT4-ZR 109 am 4. August 1994 im langjährigen rot-weißen Farbschema in der Kompturstraße als Linie 4.


Neunkirchen und Reutlingen

Weiterhin erhielten die beiden Kleinstbetriebe in Neunkirchen und Reutlingen insgesamt elf GT4-ZR der MF Esslingen. Die acht Triebwagen für Neunkirchen waren dabei die einzigen in regelspuriger Ausführung. Nach der Einstellung der Reutlinger Straßenbahn im Jahr 1973, gelangten die drei Fahrzeuge nach Stuttgart und sollten als Ersatzteilspender dienen. Die Wagen 59 und 60 wurden 1981/82 nach Ulm abgegeben. Die Neunkirchener GT4-ZR konnten nach der Einstellung des Betriebes 1978, trotz ihres geringen Alters, nicht weitervermittelt werden und wurden teils zweckentfremdet, teils verschrottet. Zwei Fahrzeuge gelangten jedoch ins HSM nach Wehmingen, wo der Triebwagen 2 noch heute im Museumseinsatz steht.


Der Reutlinger GT4-ZR 60 am 30. September 1967


Noch heute steht der Neunkirchener GT4-ZR 2 im HSM Wehmingen im Einsatz. Der letzte der einst acht regelspurigen GT4-ZR, trifft hier auf den Gegenentwurf eines Kurzgelenkwagens aus Bremen, den Wegmann Triebwagen 3533.


Weiterverbreitung in Deutschland

Mit 350 Fahrzeugen stellte der GT4 die größte Gelenkwagenlieferung eines Fahrzeugtyps an einen westdeutschen Straßenbahnbetrieb dar. Mit der Umstellung auf Stadtbahnbetrieb von 1985 bis 2007, wurden in Stuttgart nach und nach unzählige Fahrzeuge überflüssig. Da die ersten abgelösten GT4 Ende der 80er Jahre noch vergleichsweise modern waren, fanden sie mit Ulm, Freiburg, Augsburg, Halle und Nordhausen zunächst dankbare Abnehmer. Für die ab Mitte der 90er ausgemusterten Fahrzeuge waren dagegen in Deutschland kaum mehr Interessenten zu finden, stattdessen fanden die Fahrzeuge als Entwicklungshilfe den Weg zu den rumänsichen Betrieben Arad und Iasi. Hier trafen die Fahrzeuge teilweise auch wieder auf ihre Brüder aus Ulm, Halle und Nordhausen.
Im Folgenden soll die Exilgeschichte der Esslinger GT4 in Deutschland und Rumänien für jeden Betrieb etwas genauer betrachtet werden:


Ulm

Ab 1981 erhielt Ulm aus Stuttgart die drei aus Reutlingen übernommenen GT4-ZR. Die Fahrzeuge waren in Stuttgart nie zum Einsatz gekommen und wurden in Ulm zu Einrichtungswagen umgebaut. Bereits 1988 wurden alle drei umgebauten Fahrzeuge ausgemustert und von neuen gebrauchten GT4 aus Stuttgart ersetzt.
Von 1985 bis 1988 erhielt Ulm dann insgesamt 14 weitere GT4 aus Stuttgart.
Auffälligstes Merkmal der Ulmer GT4 waren die umgestalteten Frontlampen. Die typsiche Stuttgarter Doppellampe entfiel und zwei kleine rote Leuchten wurden rechts und links der einzelnen Frontleuchte angeordnet.
Im Jahr 2003 wurden alle GT4 in Ulm durch neue Combinos von Siemens ersetzt, zwölf Fahrzeuge wurden daraufhin ins rumänische Arad abgegeben. Wagen zehn ist noch heute museal in Ulm erhalten.


Eines meiner ersten Straßenbahnbilder entstand im Jahr 2003 in Ulm. Die aus Stuttgart übernommenen GT4 standen zu diesem Zeitpunkt noch im Einsatz, ihre Ablösung stand jedoch unmittlerbar bevor. GT4 5 ist am 11. Juli 2003 auf dem Weg zur damaligen Endstation Donauhalle.


Der aus Stuttgart übernommene und zum Einrichtungswagen umgebaute ehemalige Reutlinger GT4-ZR 59, in Ulm als Wagen 12 bezeichnet, am 27. April 1984 am Westplatz.


Freiburg

Freiburg setzte nicht nur die 19 GT4-ZR aus den Jahren 1962 bis 1968 ein, sondern erhielt im Jahr 1987 zusätzlich zehn gebrauchte Einrichtungswagen aus Stuttgart. Die Wagen kamen in der Regel als Doppeltraktion auf der stark nachgefragten Linie 1 zum Einsatz und hielfen kurzfristig den Kapazitätsengpass der Freiburger Straßenbahn zu beheben. Bereits nach drei Jahren konnten die Fahrzeuge im Jahr 1990 wieder ersetzt werden. Neun der zehn Wagen wurden nach Halle abgegeben, der zehnte war bereits 1988 verschrottet worden. Von Halle gelangten einige dieser Wagen später wiederum weiter ins rumänische Iasi.


Wegen Wagenmangels hielfen die fassungsstarken GT4-Traktionen einige Jahre auf der Freiburger Linie 1 aus. GT4 154 und 155 sind am 8. Oktober 1987 in der Innenstadt auf dem Weg nach Littenweiler. Während der kurzen Einsatzzeit, wurden die Fahrzeuge fast unverändert in Freiburg eingesetzt.


Augsburg

Im Jahr 1991 übernahm Augsburg 22 GT4 aus Stuttgart. Die Fahrzeuge kamen in der Regel in Doppeltraktion zum Einsatz, sodass 10 der Triebwagen zu geführten Fahrzeugen degradiert wurden. Zwei GT4 und ein weiteres im Jahr 1999 übernommenes Fahrzeug blieben in Augsburg stets Ersatzteilspender. Diese erste Gebrauchtserie wurde bis 2003 ausgemustert. Eine zweite Serie wurde zwischen 1995 und 1996 übernommen. Die 18 Fahrzeuge wurden bei MGB einer kleinen Frischekur unterzogen und kamen ebenfalls zur Hälfte als geführte Triebwagen zum Einsatz. Bis 2009 standen die letzten GT4-Züge in Augsburg im Einsatz, bevor sie von neuen Bombardier-Multigelenkern ersetzt wurden. Insgesamt 23 GT4 wurden nach der Abstellung in Augsburg nach Iasi abgegeben. Zwei GT4 gingen in Augsburg in den Museumsbestand über.

Am 24. September 2007 konnte die GT4-Traktion aus 416 und 466 am Hauptbahnhof auf der Linie 3 angetroffen werden.


Halle

Die Straßenbahn in Halle an der Saale erhielt, neben den neun 1990 aus Freiburg übernommenen Stuttgarter GT4, ab 1990 auch 32 GT4 direkt aus Stuttgart. Die Esslinger GT4 waren zwar bemerkenswerterweise deutlich älter als die unzähligen Tatra T4-Züge und teilweise sogar älter als die noch immer eingesetzten Gothawagen, allerdings waren sie technisch moderner und vor Allem in einem unvergleichbar besseren Zustand als der arg heruntergekommene Wagenpark aus DDR-Zeiten. Während viele der Tatra-Züge in den folgenden Jahren aufwändig modernisiert wurden und ihre letzten Vertreter noch immer im Einsatz stehen, schieden die GT4 bis 2003 aus dem Liniendienst aus. 27 der insgesamt 41 GT4 wurden nach Iași in Rumänien abgegeben, der Rest verschrottet. Damit blieb in Halle kein GT4 erhalten.

Bereits kurze Zeit nach der Wende gelangten Stuttgarter GT4 nach Halle und wurden zunächst weitgehend unverändert eingesetzt. Am 27. Februar 1991 treffen sich der aus Stuttgart übernommene GT4 890 und der über Freiburg nach Halle gekommene 854 auf der Linie 6 im grau in grau von Häuserfassaden und trübem Februarmorgen.


Der aus Freiburg übernommene Stuttgarter GT4 859, fährt später am Tag, ebenfalls auf der Linie 6, am Hauptbahnhof bereits durch Sonnenschein. Der Wagen trägt noch seine letzte Freiburger Werbung für die Schauinslandbahn, die längste nach dem Umlaufprinzip konzipierte Seilbahn Deutschlands.


Später wurden die GT4 auch in das damals aktuelle silber-rote Lackschema versetzt. GT4 881 ist am 5. Juli 1995 im Betriebshof Freiimfelder Straße zu sehen.


Am 2. Mai 1997 wurde die Traktion aus GT4 878 und 877 auf Linie 5 im frühlingshaften Umfeld der Haltestelle Bootshaus abgelichtet.


Nordhausen

Die Straßenbahn in Nordhausen erhielt im Jahr 1991 insgesamt 12 GT4 direkt aus Stuttgart. Zehn der Triebwagen wurden bereits zwischen 1998 und 2006 durch die Combinos von Siemens ersetzt. Die vier Triebwagen 78-81 wurden hingegen zwischen 1995 und 1998 noch einmal leicht aufgefrischt. Die Triebwagen 79 und 81 wurden erst im Jahr 2012 durch die jüngste Lieferung von zwei weiteren Combinos ersetzt, Wagen 78 wurde bereits 2009 ausgemustert. Die drei bis 2012 vorhandenen GT4 wurden anschließend noch nach Iași weitergegeben.
Zusätzlich zu den Stuttgarter GT4, übernahm Nordhausen im Jahr 1994 sieben GT4-ZR aus Freiburg. In den Jahren 1998 und 2003 wurden drei der Fahrzeuge weiter nach Halberstadt gegeben. Die übrigen Wagen wurden bis 2013 vollständig verschrottet und schon einige Jahre zuvor abgestellt.


Im Januar 2010 standen die drei letzten Stuttgarter GT4 in Nordhausen unmittelbar vor der Ablösung durch die Combinos 108 und 109. Beide neuen Fahrzeuge standen bereits im Einsatz und GT4 80 hatte nicht mehr viele Einsatztage auf der Linie 2 vor sich. Am 2. Januar 2010 erreicht der GT4 die Haltestelle „Am Förstemannpark“.


Die Freiburger GT4-ZR waren hingegen schon vollständig ausgemustert. Auf dem Schrottgleis unweit des Depots wartete Triebwagen 94 auf sein baldiges Ende.


1997 wickelten die GT4 in Nordhausen noch den Gesamtverkehr ab. GT4-ZR 93 konnte am 2. Mai auf der Linie 2 angetroffen werden.


Halberstadt

Zwischen 1991 und 1994 erhielt der kleine Straßenbahnbetrieb in Halberstadt insgesamt 13 GT4 aus Stuttgart. Zusätzlich zu den Stuttgarter Fahrzeugen übernahm Halberstadt im Jahr 1994 fünf GT4-ZR aus Freiburg. Ihnen folgte im Jahr 1997 ein weiteres Fahrzeug. Zusätzlich wurden in den Jahren 1998 und 2003 noch einmal drei Freiburger GT4-ZR aus Nordhausen übernommen. Da sowohl Halberstadt, als auch Nordhausen zu DDR-Zeiten nie Tatra-Fahrzeuge aus Tschechien erhielten, lösten die GT4 in beiden Städten die Lowa-, Gotha- und Reko-Zweiachszüge ab, welche fast allesamt jünger waren als die GT4.
Halberstadt ist heute der letzte deutsche Straßenbahnbetrieb, welcher noch Esslinger GT4 im Linienbetrieb einsetzt. Als Betriebsreserve stehen hier noch drei Freiburger GT4-ZR und ein Stuttgarter GT4 zur Verfügung. Betriebsbereit sind derzeit jedoch nur noch zwei Freiburger Fahrzeuge, welche zum Einsatz kommen, sobald einer der fünf Leoliner aus den Jahren 2006-2007 nicht einsatzbereit ist. Einen kleinen Artikel über diese letzten GT4 Deutschlands habe ich im Jahr 2017 geschrieben.
Der GT4-ZR 161 wurde im Jahr 2010 zum Gleispflegewagen umgebaut.


Beim zweiten Betrieb am Rande des Harzes hingegen, gibt es noch sowohl drei Freiburger GT4-ZR, als auch einen letzten Stuttgarter GT4. Am 27. Dezember 2006 stand allerdings die Ablösung des Großteils der GT4-Flotte unmittelbar bevor. Der erste Leoliner drehte an diesem Wintertag bereits eine Proberunde, als der GT4 156 an der Haltestelle „H.-Julius-Straße“ wartete.


Damals noch einer unter vielen, ist GT4 156 heute der letzte Stuttgarter GT4 in Halberstadt und seit einiger Zeit schadhaft abgestellt. Am 8. Juni 2013 konnte der zwischenzeitlich noch einmal aufgefrischte Triebwagen, während einer Jubiläumsveranstaltung, noch im kleinen Netz der Domstadt angetroffen werden.


Auch am 10. März 2007 konnten noch mehrere GT4 im Plandienst in Halberstadt angetroffen werden. GT4 162 fuhr bis zu seinem Ende in den Freiburger Farben durch Halberstadt.


Heute werden die beiden noch betriebsfähigen Freiburger GT4-ZR nur noch beim Ausfall eines Leoliners benötigt. Von 2016 bis 2017 wurde jedoch durch einen zusätzlichen werktäglichen Kurs zum Flüchtlingsheim an der Klus, täglich ein GT4 benötigt. Am 31. März 2017 hatte GT4 167 Dienst und konnte an der Voigtei aufgenommen werden.


Brandenburg

Brandenburg setzte zwischen 1997 und 2004 die kleinste GT4-Flotte in Deutschland ein. Lediglich die drei Freiburger GT4-ZR 116-118 wurden an der Havel übernommen und behielten ihre alten Freiburger Nummern. Alle drei Fahrzeuge wurden nach der Abstellung verschrottet.


Am 15. Mai 1991 ist der GT4-ZR 116 aus Freiburg im Betriebshof vom Gotha-Arbeitswagen 306 und dem KTNF6 177 eingerahmt.


Weiter ins rumänische Exil

Nachdem die Esslinger GT4 nach der Jahrtausendwende bereits rund 40 Betriebsjahre auf dem Buckel hatten und spätestens mit der Einführung der Niederflurtechnik in den 90er Jahren auch technisch deutlich veraltet waren, bestand auch bei ehemaligen ostdeutschen Betrieben kein Bedarf mehr nach weiteren Gebrauchtfahrzeugen aus Esslinger Produktion. Was Timisoara für die regelspurigen Kurzgelenkwagen aus Bremen und München ist, wurden die rumänsichen Betriebe in Arad und Iași ab Mitte der 90er Jahre für die meterspurigen GT4 der MF Esslingen aus Stuttgart. Insgesamt 152 GT4 wurden ab 1995 nach Rumänien abgegenen, womit insbesondere Iasi mit 108 Fahrzeugen zum Eldorado für GT4-Fans wurde. Allerdings muss dabei beachtet werden, dass der tatsächliche Auslauf der meisten rumänischen Betriebe nur etwa halb so groß ist wie die Anzahl vorhandener Fahrzeuge. Aufgrund des Alters der Fahrzeuge sind oftmals viele schadhaft abgestellt, dienen als Betriebsreserve oder als Ersatzteilspender.


Arad

Bereits ab 1995 übernahm der Straßenbahnbetrieb in Arad, welcher sich ansonsten durch die Übernahme zahlreicher Düwag-Gelenkwagen und deren Lizensbauten aus Deutschland und Österreich einen Namen bei Straßenbahnfreunden machte, die ersten GT4 aus Stuttgart. Bis zum Jahr 2000 wurden insgesamt 32 Fahrzeuge übernommen.
Im Jahr 2003 gelangten noch einmal Esslinger GT4 nach Arad. Es handelte sich dabei um 12 Stuttgarter GT4 aus Ulm. Die Fahrzeuge sind durch ihr in Ulm leicht verändertes Äußeres größtenteils noch gut von den direkt aus Stuttgart übernommenen GT4 zu unterscheiden. Durch die gemeinsame Ersatzteilhaltung für die baugleichen Fahrzeuge, kommt es allerdings bei Instandhaltungen auch mal zu Veränderungen, welche die Herkunft der Wagen verschwimmen lassen.


Im Jahr 2007 war die Ulmer Herkunft des GT4 01 in Arad noch unverkennbar, als er am 22. August an der Haltestelle „Piata Romana“ hielt.


Inzwischen ist die GT4-Flotte in Arad schon arg heruntergekommen und viele Wagen werden scheinbar nur noch von Folien zusammengehalten. Den Fahrer stört dies nicht – Daumen hoch für die Fotografen – die ausgesprochene Freundlichkeit der Trambahnfahrer in Arad und Rumänien generell, ist unter Straßenbahnfreunden inzwischen sehr bekannt. Die Ulm-typischen roten Leuchten neben dem Scheinwerfer sind inzwischen verschwunden, als GT4 02 am 10. Juni 2014 den Bulevardul Revolutiei entlang fährt.


Langsam wird dem Verfall jedoch nicht nur bei der Infrastruktur, sondern auch bei den Fahrzeugen entgegengewirkt. Bestes Beispiel ist der frisch überholte Ulmer GT4 014, welcher am 9. Juni 2014 den ebenfalls generalsanierten und umgestalteten Platz „Podgoria“ überquert.


Auch der Ulmer GT4 03 erstrahlt am 10. Juni 2014 frisch überholt an der Haltestelle „Piata UTA“, neben dem ehemaligen Würzburger GT6 276.


Ein Zwitter ist mittlerweile der ex. Ulmer GT4 08. Wohl nach einem Unfall, wurde bei der Instandsetzung offenbar die Front eines direkt aus Stuttgart übernommenen Fahrzeugs verwendet, sodass der Wagen am Piata UTA schon recht gewöhnungsbedürftig aussieht.


In Arad werden die Stuttgarter GT4 auch in Doppeltraktion eingesetzt. Am 22. August 2008 ist eine Traktion GT4 mit 493 an der Spitze auf dem „Piata Romana“ unterwegs.


Die Folie einer weiteren Stuttgarter Doppeltraktion ist zwischen „Piata UTA“ und der Zwischenschleife „Fat Frumos“ schon arg rissig.


Iași

Das größte Sammelbecken für gebrauchte GT4 aus Stuttgart ist der rumänsiche Betrieb in Iași.
55 GT4 wurden zwischen 1997 und 2008 direkt aus Stuttgart übernommen. Wagen 302, in Stuttgart 469, erhielt im Jahr 2012 einen modernen Neuaufbau, konnte sich im Betrieb allerdings nicht bewähren, sodass von weiteren Umbauten bislang abgesehen wurde.
Aus Halle wurden im Jahr 2003 27 der 41 ehemaligen Stuttgarter GT4 übernommen, von denen einige über Freiburg den Weg nach Halle gefunden hatten.
Die ersten zehn GT4 aus Augsburg erreichten Iași im Jahr 2004. Nach der entgültigen Abstellung der GT4 in Augsburg folgten im Jahr 2009 noch einmal 13 Fahrzeuge. Die 12 in Augsburg nur als geführte Triebwagen eingesetzten GT4, werden in Iași wieder als vollwertige Fahrzeuge eingesetzt, denn anders als in Arad, kommen die GT4 in Iași nur im Solobetrieb zum Einsatz.
Aus Nordhausen erhielt Iași 2012 drei der vier modernisierten Stuttgarter GT4. Äußerlich nicht von den anderen Stuttgarter Wagen zu unterscheiden, lassen sie sich nur durch die Nummern 379-381 erkennen.
Noch heute tragen die GT4 in Iasi die Hauptlast des Verkehrs und werden oftmals auch deutlich moderneren Gebrauchtfahrzeugen aus Darmstadt, Augsburg, Mülheim und Essen vorgezogen.


Der 2008 aus Stuttgart übernommene GT4 423 am 4. Mai 2015 in der Endschleife „Rond Canta“. Der VanHool rechts scheint hingegen eine Brüsseler Vergangenheit zu haben.


Mit Lackierungsvarianten sind die Werkstattmitarbeiter in Iasi äußerst kreativ. Der im Jahr 2000 aus Stuttgart übernommene GT4 325 ist ein besonders schönes Exemplar, hier am 3. Mai 2015 an der Haltestelle „Filarmonica (Teatrul National)“


Der neuaufgebaute Stuttgarter GT4 302 konnte am 4. Mai 2015 im Depot angetroffen werden. Das Fahrzeug bewährte sich in Iasi nicht und war im Jahr 2015 abgestellt.


Unverkennbar aus Halle wurde der GT4 133 im Jahr 2003 übernommen. Am 3. Mai 2015 ist der Wagen auf Linie 1 zwischen „Moldova Mall“ und dem Kulturpalast unterwegs.


Ebenso unübersehbar ist die Augsburger Vergangenheit von GT4 112, welcher sich am 4. Mai 2015 der Haltestelle „Unirii“ nähert. Das Fahrzeug gelangte im Jahr 2009 nach Rumänien.


Die drei aus Nordhausen übernommenen GT4 standen beim Besuch im Jahr 2015 abgestellt im gut gefüllten Depot unweit des Hauptbahnhofes. Hier GT4 381 am 4. Mai 2015.


Großes Wiedersehen in Rumänien: Der Augsburger 110 trifft an der Endschleife „Dacia“ auf die Stuttgarter 426 und 432. Einst fuhren die drei Wagen bereits gemeinsam in Stuttgart.


Großes Wiedersehen die Zweite: Die aus Augsburg übernommenen GT4 110 und 106 nehmen an der Haltestelle „Târgu Cucu“ den Haller 141 in ihre Mitte.


Zwei halbe für Japan: GT4-ZR 735 in Kōchi und Fukui

Bereits im Jahr 1989 gelangten die beiden A-Teile der Stuttgarter GT4 714 und 735 ins japanische Kōchi. Aus den beiden A-Teilen entstand ein neuer Zweirichtungswagen, welcher dementsprechend nur zwei Doppelschwenktüren pro Wagenseite aufweist und die Nummer 735 übernahm. Im Jahr 2014 gelangte dieses Unikat weiter zur Straßenbahn im japanischen Fukui, wo der Einzelgänger für Sonderfahrten eingesetzt wird. Abgesehen vom Umbau zum Zweirichtungswagen blieb der GT4 weitgehend im Stuttgarter Zustand und stellt damit einen krassen Kontrast zu den im Regelbetrieb eingesetzten Fahrzeugen japanischer Bauart dar, welche gerade bei den älteren Hochflurbahnen nur wenig mit den bei uns bekannten Straßenbahnen gemein haben. Der GT4 735 in Fukui stellt die einzige fotografische Lücke in diesem Bilderbogen dar. Ein Foto findet sich aber unter anderem im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel über die Straßenbahn Fukui.


Am 28. Mai 1991 kam der GT4 735 als „Sonderwagen“ in der japanischen Kōchi zum Einsatz. Der Linksverkehr verrät, dass sich das Fahrzeug weit entfernt der schwäbischen Heimat befindet. Die Straßenbahn im Hintergrund lässt erahnen, welch exotisches Fahrzeug der Kurzgelenkwagen in Japan darstellte, welches in Sachen Fahrzeugbau lange Zeit große Unterschiede zu Europa aufwies.


Diese Aufnahme im Betriebshof von Kōchi wirkt zunächst nicht ungewöhnlich. Bei genauerem hinsehen fällt allerdings auf, dass der Stromabnehmer auf dem hinteren Wagenteil montiert ist und verrät damit, dass es sich beim GT4 735 um zwei zusammengesetzte A-Teile handelt.


Soweit der etwas umfangreichere Blick auf den Werdegang der Kurzgelenkwagen der MF Esslingen. Außer in Halberstadt, sind in Deutschland heute nur noch museal erhaltene GT4 in Stuttgart, Freiburg, Augsburg, Ulm und Wehmingen anzutreffen. Im täglichen Planeinsatz können die inzwischen fast 60 Jahre alten Fahrzeuge heute nur noch in Rumänien erlebt werden.

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