Straßenbahn Gotha: Entlang der Stadtlinien 1 und 2

Nach dem Besuch in Erfurt folgte am Mittwoch den 18. September 2019 der Straßenbahnbetrieb in Gotha. Mein Hauptaugenmerk lag dabei auf den beiden Stadtlinien 1 und 2.


Letztmals besuchte ich Gotha im März 2013: Bei herrlichem Sonnenschein und Schnee gab es ein Sonderfahrtenprogramm, bei dem auch der letzte betriebsfähige Düwag GT6 442 noch einmal zum Einsatz kam. Da diese Sonderfahrten allerdings hauptsächlich auf der Thüringerwaldbahn stattfanden, konzentrierte ich mich eher auf diese und die Stichstrecke in Waltershausen.
Damit liegt der letzte ernsthafte Besuch der Stadtlinien in Gotha mit dem Jahr 2008 nun schon über zehn Jahre zurück. Damals prägten noch die Mannheimer Düwag GT6 das Stadtnetz, die Linie 2 wurde mit den GT6 324 und 318 gleich vollständig mit den Sechsachsern bedient. Da das Wetter damals eher bescheiden war, war ein erneuter Besuch Gothas schon lange überfällig und am Mittwoch den 18. Septembet 2019, widmete ich mich schließlich ausgiebig den beiden Stadtlinien 1 und 2 vom Hauptbahnhof zum Kreiskrankenhaus bzw. Ostbahnhof.

In Kombination mit der Thüringerwaldbahn nach Bad Tabarz, verkehrt die Hauptlinie 1 vom Hauptbahnhof zum Kreiskrankenhaus werktags alle zehn Minuten. Für einen Kleinbetrieb wie Gotha ein durchaus respektables Angebot. Die Linie 2, welche vom Hauptbahnhof bis zur Haltestelle Huttenstraße parallel verläuft und dann zum Ostbahnhof abzweigt, verkehrt lediglich im 20-Minuten-Takt.
Am Morgen stellte ich das Auto an der Wagenhalle ab und lößte beim Fahrer der nächsten 1 gleich mal eine Tageskarte für günstige 3,40€ – gut, so groß ist das Angebot ja auch nicht…
Anschließend ging es den ganzen Tag entlang der beiden Linien hin und her. Machen wir uns also auf die Fahrt durch Gotha:


Gleich am Morgen gab es an der Wagenhalle eine freudige Überraschung: Der 1955 gebaute Lowa-Wagen (ET55) 39 rückte mit Arbeitsgeraffel in Richtung Krankenhaus aus. Das Fahrzeug wurde zwischen 1997 und 2002 restauriert und gehört seither zum umfangreichen historischen Fuhrpark der Straßenbahn Gotha.


Ebenfalls an der Wagenhalle begegnete mir auf der Linie 1 der KT4D 303. Links befindet sich die Wendeschleife für Ein- und Ausrückerfahrten.
In den Jahren 1981 und 1982 erhielt Gotha insgesamt sechs KT4D mit den Nummer 301-306. Ursprünglich war eine Beschaffung von 20 Fahrzeugen zur Ablösung der Zweiachserzüge vorgesehen, allerdings blieb es bei diesen sechs fabrikneuen Fahrzeugen, sodass die Zweiachser nach wie vor die Hauptlast des Verkehrs zu tragen hatten. Von diesen sechs KT4D für Gotha, sind heute lediglich noch die Fahrzeuge 303 und 304 vorhanden, welche 1997 mit neuer elektrischer Ausrüstung von Kiepe versehen wurden. Da der Wagen 304 gerade zur Hauptuntersuchung abgestellt war, handelte es sich an diesem Tag mit dem Wagen 303 um den einzigen original Gothaer KT4D.


An der Orangerie konnte GT8N 521 aufgenommen werden. Nachdem bereits viele Jahre ehemalige Düwag GT6 aus Mannheim zum Einsatz kamen, übernahm Gotha im Jahr 2011 vier der in Mannheim abgestellten GT8N. Die ehemaligen GT6 wurden in Mannheim in den Jahren 1991 und 1992 um ein Niederfmittelteilen auf klassischen Jakobsdrehgestellen erweitert. Die vier Fahrzeuge 505, 508, 521 und 522 behielten ihre letzten RNV-Betriebsnummern. GT8N 522 wurde 2018 nach einem Unfall verschrottet, sodass noch drei Wagen im täglichen Einsatz stehen und zumindest ein wenig Niederflur im derzeit ansonsten noch vollständig hochflurigen Wagenpark anbieten können. Zur Ersatzteilgewinnung wurde in diesem Jahr noch der Wagen 518 aus Mannheim beschafft.


Neben der Haltestelle befindet sich die namensgebende Orangerie, welche Teil des daneben auf einem kleinen Hügel thronenden Schloss Friedenstein ist.


KT4D 312 verlässt die Haltestelle Orangerie. Insgesamt 15 KT4D übernahm Gotha zwischen 2001 und 2016 aus Erfurt. Die beiden jüngsten Neuzugänge aus dem Jahr 2016 befinden sich derzeit in Aufarbeitung, um zwei der schon länger in Gotha laufenden KT4D abzulösen. Nachdem die Erfurter KT4D zunächst in rot und weiß durch Gotha fuhren, wurden inzwischen auch viele dieser Fahrzeuge in das blau-gelbe Farbschema versetzt oder erhielten gar gänzlich neue Farbkreationen.


Zwei der ehemaligen Erfurter KT4D wurden 2010 und 2012 mit einem zweiten Fahrerstand versehen, um die Stichstrecke in Waltershausen, nach dem Ausscheiden der ehemaligen BOGESTRA Düwag GT6 Zweirichter, wieder ohne das umständliche Wenden durch das Gleisdreieck bedienen zu können. Als Linie 2 konnte der KT4D-Z 316 kurz vor der Haltestelle Bahnhofstraße, neben der imponsanten Eckvilla als Linie 2 zum Ostbahnhof aufgenommen werden.


Eine der neuen Farbkreationen trägt KT4D 310, wohl als Grundlage für eine künftige Werbung. Das Fahrzeug wurde 2008 aus Erfurt übernommen und ist bereits der zweite ex Erfurter, der in Gotha diese Nummer trägt, nachdem sein Vorgänger nach einem Unfall 2006 abgestellt und als Ersatzteilspender verwendet wurde.


GT8N 505 wartet an der Endhaltestelle der Thüringerwaldbahn etwas abseits der neuen Haltestellenanlage am Hauptbahnhof. Grund für den abgelegenen Haltepunkt ist die am Vormittag lediglich im Stundentakt verkehrende Linie 4, welche an der neuen Haltestellenanlage während ihrer Pause ansonsten die Bahnen der Linie 1 blockieren würde.


KT4D 310 und 316 stehen als Linie 1 und 2 abfahrbereit an der modernen Haltestellenanlage vor dem Bahnhof.


Trotz des Niederflurmittelteils muten die GT8N schon ein wenig aus der Zeit gefallen an mit ihren zahlreichen Holzimmitaten und den alten Klappfenstern. Auch der Fahrkomfort ist in diesen nun schon über 55 Jahre alten Fahrzeugen nicht mehr ganz zeitgemäß, zumal die Steuerung, im Gegensatz zu den durchweg elektrisch modernisierten KT4D, noch aus einem anderen Zeitalter stammt. Auch wenn die die Fahrzeuge in Gotha hervoragend gepflegt sind, merkt man ihnen die vergangenen fünf Jahrzehnt schon irgendwie an. Fast nostalgisch ist eine Fahrt in den Düwags vom Hauptbahnhof zum Kreiskrankenhaus, oder gleich weiter nach Bad Tabarz.


Die 60er Jahre haben in den GT8N trotz Niederflur bis heute überlebt. Nur die Sitze und Fahrkartenentwerter sind etwas jünger. Auffällig auch die zusätzlichen Sitzplätze links, wo sich an den Fenstern noch die Haltestange des ehemaligen Stehbereiches befindet.


Nach der Fahrt im Düwag vom Hauptbahnhof, ging es ab der Haltestelle Huttenstraße aber erstmal kurz zur Linie 2 hinüber. Der zweite Kurs der Linie war mit dem 2006 aus Erfurt übernommenen KT4D 315 besetzt, welcher noch immer sein altes Lackschema der Landeshauptstadt trägt. Der Hersdorfplatz gibt derweil mit den Hausbesetzern und den kartbahnähnlichen Kreisverkehrapplikationen ein recht seltsames Bild ab.


Am Nachmittag konnte auf der Linie 2 erneut KT4D 316, in der markante eingleisigen Streckenführung durch die Straße Nelkenberg zwischen dem Hersdorfplatz und der Reuterstraße aufgenommen werden.


Zurück an der langen Geraden vom Hauptbahnhof bis zur Huttenstraße erfolgte der Angriff, der jedem Fotografen bestens bekannten White-Vans. Kurz zuvor noch völlig frei, schossen sie mit Erscheinen des KT4D 313 plötzlich aus allen Ecken, der Wagen selbst blieb neben der Hauptpost allerdings unverdeckt. Der KT4D 313 wurde 2006 aus Erfurt übernommen und erhielt vor kurzem eine neue farbliche Gestaltung im Design der Stadtwerke Gotha.


Nun bot sich zwischen als Zeitvertreib zwischen den Bahnen auch der nachmittägliche Blick über die Orangerie an.


Auch an der Haltestelle Orangerie war die Sonne nun herum und erlaubte Aufnahmen von der Türseite, hier erneut der Erfurter KT4D 315 auf der Linie 2. Dahinter wartet schon ein Kurs der Linie 4 aus Tabarz.


In Richtung Kreiskrankenhaus bieten sich am Nachmittag in der Waltershäuser Straße zahlreiche Motive. KT4D 312 kurz vor der Haltestelle 18.-März-Straße.


Die Inselbergstraße wurde rund um die gleichnamige Haltestelle für den Durchgangsverkehr gesperrt, welcher nun über die Krusewitz- und Leinastraße geführt wird. Daher können die Bahnen der Linien 1 und 4 an dieser Stelle nun ungestört fotografiert werden. Als Linie 1 ist KT4D 313 im Stadtwerke Design in Richtung Kreiskrankenhaus unterwegs.


Am Morgen und am Nachmittag dreht in der Regel eine KT4D-Doppeltraktion eine Runde als Schülerverstärker auf der Thüringerwaldbahn. Am Nachmittag wechselt die Doppeltraktion anschließend auf die Linie 1 und dreht dort bis zur Taktausdünnung noch ein bis zwei Runden. Auf Einrückfahrt konnte ich die Doppeltraktion ehemaliger Erfurter KT4D mit den Nummern 308 und 311 in der Waltershäuser Straße kurz vor der Haltestelle Wagenhalle aufnehmen. In selbige rückte der Zug nach einer Fahrt durch die Wendeschleife anschließend ein.


Wie zum Tagesbeginn, gab es auch zum Abschluss unweit der Wagenhalle bei der Haltestelle Schöne Aussicht eine kleine Überraschung: Auf einem Tieflader rollte der Nordhäuser Tw 23 an mir vorbei, welcher 1934 von der Waggonfabrik Wismar gebaut wurde. Der Zweiachser war anlässlich des am folgenden Wochenende stattfindenden Jubiläums „125 Jahre Strassenbahn Gotha und 90 Jahre Thüringerwaldbahn“ in Gotha zu Gast.


Jüngster Neuzugang im Wagenpark von Gotha sind sechs im Jahr 2018 aus Basel übernommene Be 4/8 von Schindler. Ursprünglich wurden die Fahrzeuge in den späten 70er und frühen 80er Jahren als Be 4/6 gebaut. Mitte der 90er wurden sie um ein Niederflurmittelteil erweitert. Anders als die Wagen des städtischen Basler Straßenbahnbetiebes BVB, erhielten die Fahrzeuge kein Einzelrad Mittelteil, auf das sich die beiden alten Wagenteile aufstützen, sondern wurden wie die Mannheimer GT8N um ein Jakobsdrehgestell für das zusätzliche Niederflurmittelteil erweitert. Damit waren sie für den Vorortverkehr des Baselland Transporte (BLT) wesentlich besser geeignet, als Fahrzeuge mit Einzelradfahrwerken, auch wenn der Niederfluranteil etwas geringer ausfiel als bei den Verwandten der BVB.
Die Be 4/8 erfüllen damit sehr gut das Anforderungsprofil der Thüringerwaldbahn nach Bad Tabarz, sind deutlich moderner als die Düwag GT8N und zudem in einem schweiztypisch hervorragenden Zustand. Beim BLT wurden sie hauptsächlich abgelöst, um mit den neuen Tango-Fahrzeugen von Stadler ein zeitgemäßes Niederflurangebot bieten zu können, ein Luxus, den man sich in Gotha nicht leisten kann. Derzeit läuft die Adaptierung der Fahrzeuge an die deutschen Regularien, sodass die Fahrzeuge wohl im Laufe des nächsten Jahres in Betrieb gehen können. Ersetzen werden die Be 4/8 in Gotha wohl hauptsächlich die KT4D-Doppeltraktion auf der Thüringerwaldbahn, ansonsten wird vor allem der angebotene Niederfluranteil deutlich erhöht werden können und der Betrieb durch die Schweizer Fahrzeuge noch abwechslungsreicher. Der nächste Besuch in Gotha wird also nicht lang auf sich warten lassen…


Am 7. April 2014 konnte der mit den nach Gotha abgegebene, baugleiche Be 4/8 248, auf der BLT Linie 11 nach Aesch in Basel am St. Johannstor aufgenommen werden. Zum Einsatz kamen die Be 4/8 meist im Verband mit einem nicht umgebauten Be 4/6 von Schindler, oder mit den Be 4/6 von Düwag und SWP aus den frühen 70er Jahren. Noch heute kommen die letzten Be 4/8 auf den Linien der BLT in Basel zum Einsatz. Die älteren Sechachser von Düwag und SWP sind allerdings ausgemustert und verkehren heute im serbischen Belgrad: Mit dem Baselland Transport durch Belgrad.

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