Alltag und Historisches im herbstlichen Frankfurt Oder

Am 14. Oktober stattete ich bei schönstem Herbstwetter der Straßenbahn von Frankfurt Oder einen Besuch ab. Unverhofft war auch der historische Wismaer Triebwagen 41 den Tag über kreuz und quer im ganzen Netz unterwegs.


Viele der kleinen Betriebe im äußersten Osten Deutschlands wurden von mir in den vergangenen Jahren etwas vernachlässigt. Neben Cottbus, Görlitz und Zwickau ist auch Frankfurt Oder einer dieser Kandidaten. So entstanden dort in der Vergangenheit meist nur auf der Durchreise Richtung Polen einige Aufnahmen. Höchste Zeit also, sich auch einmal einen ganzen Tag ausgiebig dem kleinen ca. 20 Kilometer langen Straßenbahnnetz zu widmen. Da die Strecke zum Messegelände im Zeitraum der brandenburger Herbstferien gesperrt war, fiel mit diesem Streckenast gleich ein wesentlicher Teil des Netzes aus und die Linien 2 und 5 wurden im SEV bedient. So reichte dann allerdings der kurze Oktobertag gerade eben aus, um das übrige Netz ausgiebig zu bereisen.
Begeben wir uns auf einen Spaziergang durch’s herbstliche Frankfurt Oder:


Am Morgen ging es zunächst mit KT4D 221 die Linie 4 in die Lebuser Vorstadt hinaus. Dort wartete 221 anschließend rund zehn Minuten in der etwas unaufgeräumten Endschleife abseits der Endhaltestelle.


KT4D 221 fährt nach seiner Pause zurück Richtung Innenstadt. Eine Aufnahme, sinnbildlich für die Gesamtsituation entlang der Linie 4 in die Lebuser Vorstadt: Marode Bauten und Gehwege wechseln sich mit wunderbar sanierten Fassaden ab. Dazwischen immer wieder Absperrungen, die scheinbar keiner Baustelle dienen, sondern vielmehr die entgültig nicht mehr zumutbaren Bereiche absperren. Der hoffnungsvolle Name „Neue Welt“ der nahe gelegenen Haltestelle, bleibt für so manches Gebäude wohl eine leere Verheißung…


Selbst zu Fuß ist man nach zwei Kursen schon am innenstadtnahen Topfmarkt angelangt. Eine Mitfahrt macht aufgrund des 20-Minuten-Taktes der hier einzig verkehrenden Linie 4 recht wenig Sinn. KT4D 208 hat die Haltestelle Topfmarkt/Konzerthalle passiert und fährt auf der Karl-Marx-Straße weiter in Richtung Zentrum.
Insgesamt 34 KT4D erhielt Frankfurt Oder in den Jahren 1987 und 1990 von CKD. Bereits von 1992 bis 1995 wurden 29 KT4D beim Mittenwalder Gerätebau einer moderaten Modernisierung unterzogen. Nach der Modernisierung fielen insbesondere die neuen gepolsterten Sitzschalen und der neue Fußboden auf. Weiterhin wurde ein IBIS installiert, welches sich für den Fahrgast durch neue Haltestelleninformation im Innenraum und neuen Matrix-Zielanzeigen außen bemerkbar machte. Ansonsten präsentieren sich die nun als KT4DM bezeichneten Fahrzeuge insbesondere optisch aber noch recht original. Anders als beispielsweise in Zwickau, wurden nicht einmal die markanten Falttüren mit dem unverkennbaren Abfahrtsklingeln ersetzt. Durch den nahzu vollständig eingestellten Einsatz von Doppeltraktionen, konnte der Fahrzeugbedarf deutlich reduziert werden und fünf der KT4D wurden nicht mehr modernisiert sondern bereits 1997 nach gerade einmal sieben Einsatzjahren ausgemustert. Heute befinden sich noch 17 KT4D im Bestand.


Kurz darauf fuhr unverhofft der Museumswagen 41 in die Lebuser Vorstadt hinaus. Ich erwartete die Rückfahrt des 1936 bei Wismar gebauten Zweiachsers an der Haltestelle Topfmarkt/Konzerthalle am Karl-Marx-Denkmal. An diesem Montagvormittag schien der Triebwagen mit einer Seniorengruppe unterwegs zu sein.


Aufgrund des reduzierten Fahrzeugauslaufes wegen der Baustelle, konnte auf der Linie 4 die Niederflurwagen im Wechsel mit den KT4D eingesetzt werden. 1993 und 1994 erhielt Frankfurt Oder mit den von MAN und AEG gebauten GT6M 301-308, seine ersten und bis heute einzigen Niederflurwagen. An normalen Betriebstagen reichen die Fahrzeuge daher bis heute nicht einmal für die Hälfte der planmäßigen Kurse aus. Eine Situation, die den Betrieb aufgrund der geforderten Behindertengleichstellung in den kommenden Jahren vor enorme finanzielle Herausforderungen stellen dürfte.


Von zweifelhafter Schönheit ist das nach der Wende entstandene Zentrum rund um die Haltestelle Brunnenplatz. GT6M 308 hat die Haltestelle in Fahrtrichtung Markendorf verlassen.


Anschließend sollte es zur Linie 1 nach Neuberesinchen gehen. Am Dresdener Platz verkehren allerdings auch die Linien 3 und 4 noch parallel und so konnte wiedermal KT4D 221 aufgenommen werden. Nach der Modernisierung trugen die KT4D zunächst noch eine Farbvariante in rot/elfenbein mit dem Grundton elfenbein und rot abgesetzten Dachkanten und Schürzen. Ab 2003 fielen dann einige Fahrzeuge beider Fahrzeugtypen in einen mintgrünen Farbtopf, durchgesetzt hat sich diese etwas einfallslose Lackierung allerdings bis heute nicht. So sind 15 Jahre später noch immer rund die Hälfte der Fahrzeuge in Frankfurt Oder in rot/elfenbein unterwegs. Von den KT4D liefen an diesem Tag leider nur mintgrüne Vertreter.


Auf der Brücke hinter dem Dresdener Platz zum großen Gleisdreieck, an dem sich die Linienäste der 1 und 5 nach Neuberesinchen, sowie der 3 und 4 Richtung Markendorf teilen, konnte KT4D 210 als Linie 3 aufgenommen werden. Am Vormittag verkehrt diese lediglich bis zur Zwischenschleife Kopernikusstraße. Erst am Nachmittag wird die 3 dann weiter bis Markendorf geführt.


Da die Linie 5 baustellenbedingt kurzerhand vollständig eingestellt wurde, verkehrte auf dem Ast nach Neuberesinchen wiederum nur eine Linie im 20-Minuten-Takt. So machten wir mit KT4D 319 einen Sprung zur Endstation und liefen anschließend zurück bis zu Haltestelle Birkenallee. An der Endhaltestelle Neuberesinchen steht GT6M 303 abfahrbereit zum Stadion. Ausgesprochen freundlich war das Fahrpersonal in Frankfurt Oder. So fuhr der Fahrer des GT6M 303 immer extra langsam an uns vorrüber und grüßte freundlich, sobald er uns an der Strecke entdeckte, was bei nur drei Kursen auf der Linie 1 des Öfteren vorkam. Auch fast ausnahmslos alle anderen Fahrerinnen und Fahrer schenkten uns ein Lächeln oder grüßten freundlich. In solch auffälliger Häufigkeit ist mir das bei einem deutschen Betrieb lange nicht untergekommen. Da muss die Personalabteilung in Frankfurt wirklich ein glückliches Händchen haben – Daumen hoch!


Als drittes Fahrzeug wurde GT6M 305 auf der Linie 1 eingesetzt. Diesen konnte ich an der Haltestelle Wintergarten aufnehmen.


Hinter der Haltestelle Birkenallee kam dann schon wieder GT6M 303 mit dem ausgesprochen freundlichen Fahrer daher.


Zurück an der Haltestelle Zentrum konnte GT6M 306 mit dem fast 89 Meter hohen, zwischen 1968 und 1976 gebauten und nach der Wende aufwendig modernisierten Oderturm aufgenommen werden.


Hinter dem Abzweig der Linie 1 am Oderturm Richtung Stadion, konnte anschließend auch KT4D 319 mit dem modernen Wahrzeichen der Stadt aufgenommen werden.


Anschließend ging es zum ehemaligen Depot an der Bachgasse in der großen Universitätsschleife. Am Vormittag war uns durch Zufall ein Mitlgied des Vereins „Historische Straßenbahnen Frankfurt (Oder) e.V.“ am Dresdener Platz über den Weg gelaufen. Er hatte uns aus dem Wismaer Tw 41 gesehen, als wir selbigen auf der Sonderfahrt fotografiert hatten. Am Nachmittag solle der Wagen noch einmal ausrücken und er lud uns ein, zuvor einen Blick in die Wagenhalle an der Bachgasse zu werfen. Dieses Angebot nahmen wir gern an und und warfen einen Blick auf die restaurierten Gotha- und Lowa-Wagen, die derzeit in der Bachgasse wohnen. Anschließend rückte der Wismaer Tw 41 zu einer weiteren Fahrt aus: Ein Filmteam hatte den Wagen gemietet und machte nun seine Aufnahmen. Das Angebot, noch eine Runde mitzufahren lehnten wir dann allerdings dankend ab, lieber wollten wir die verbliebenen Sonnenstunden noch zum Fotografieren an der Linie 4 nach Markendorf verbringen und der historische Wagen würde uns sicher auch so noch einmal über den Weg laufen.
Hier steht der Museumswagen vor dem Depot an der Bachgasse.


An der Haltestelle Brunnenplatz konnte erneut GT6M 308 aufgenommen werden, diesmal von der anderen Seite gesehen.


Für einen ersten Fotohalt an der Linie 4 nach Markendorf stiegen wir an der Gartenstraße aus. Da kam uns auch schon wieder der Tw 41 durch’s Bild gefahren. Die Vereinsmitglieder hatten es sich nach den Filmarbeiten offensichtlich nicht nehmen lassen, noch eine Runde nach Markendorf zu drehen.


KT4D 221 als Linie 4 an der Haltestelle Markendorf Siedlung. Der Fahrer der Tatra greift derweil zum Zug des Rollos, aber nicht etwa, wie man es häufiger erlebt, um selbiges als Fotoschutz zu verwenden, sondern um das gegen die Blendung heruntergelassene Rollo für unsere Aufnahmen hoch zu ziehen und seinen Wagen in voller Schönheit zu präsentieren.


Dank der nachmittags verlängerten Linie 3, kamen wir nun auch einmal in den Genuss eines angenehmen 10-Minuten-Taktes. GT6M hat als Linie 3 die Endhaltestelle Markendorf Ort erreicht.


Zum Tagesabschluss ging es dann auch noch zur Endstation der Linie 1 am Stadion. So hatten wir die Netzbereisung abgesehen von der baustellenbedingten Streckensperrung vervollständigt. KT4D 219 wartet an der Haltestelle Stadion in den letzten Sonnenstrahlen auf die Abfahrtzeit.

Trotz der unerwarteten Streckensperrung war es ein sehr schöner Tag in Frankfurt Oder, nicht zuletzt dank des ausgesprochen freundlichen Personal und der Abwechlsung durch den historischen Wagen, verbunden mit der unverhofften Vorführung des Depots an der Bachgasse.

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