Lindgrün durch Linden – Hannovers schönster Straßenbahnabschnitt

Der größte verbliebene, klassisch urbane „Straßenbahnabschnitt“ der Stadtbahn Hannover befindet sich heute im Stadtteil Linden. Neben den Tw 2000 auf der Linie 10, verkehren hier auf den Linien 9 und 17 fast ausschließlich die verbliebenen lindgrünen Tw 6000 aus den 80er und 90er Jahren. Schauen wir uns in dem ehemaligen Arbeiterviertel etwas genauer um.


Der Stadtbezirk Linden, westlich der Innenstadt von Hannover, zählt rund 45.000 Einwohner und besteht aus den Stadteilen Linden-Nord, Linden-Mitte, Linden-Süd und Linden-Limmer. Dominiert wird dieses Viertel heute durch die hauptsächlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebauten Arbeitersiedlungen, die den Arbeitern der florierenden Industrie des damals noch unabhängigen Linden Unterkunft boten. Vereinzelt finden sich aber auch noch Villen aus älteren Tagen oder Vertreter des Backstein-Expressionismus wie das Capitol.

Aus Sicht der Stadtbahn ist Linden besonders interessant, sind doch hier bis heute die größten verbliebenen klassischen „Straßenbahnabschnitte“ in urbaner Umgebung zu finden. Die Linie 10 erschließt Linden-Nord und durchfährt dabei die gesamte Limmertstraße im Straßenraum, welche etwa zur Hälfte sogar Fußgängerzone ist. Als einzige auf besonderem Bahnkörper erschließen die Linie 3 und 7 den Stadtteil Linden Süd entlang der Ritter-Brüning-Straße, sodass dank durchgängiger Hochbahnsteige auch die neueste Stadtbahngeneration TW 3000 eingesetzt werden kann.

Von besonderem Interesse ist jedoch die Linie 9, welche den Stadtteil Linden Mitte erschließt und dabei von der Haltestelle Schwarzer Bär, über Lindener Marktplatz und Nieschlagstraße bis zur Haltestelle Bernhard-Caspar-Straße im Straßenraum und Teilen der Fußgängerzone verläuft. Aufgrund der Gleismittenabstände kann diese Linie nach wie vor ausschließlich mit den verbliebenen lindgrünen LHB Tw 6000 aus den 80er und 90er-Jahren bedient werden. Vom Goetheplatz kommend, bedient zudem die Linie 17 in längerem Intervall die Querverbindung vom Schwarzen Bär zu den Linien 3 und 7 an der Haltestelle Allerweg. Auch auf der 17 kamen bis Mitte Mai hauptsächlich Tw 6000 zum Einsatz, gelegentlich verkehrten auch die silbernen Tw 2000. Seit Mitte Mai wird nun der letzte nicht barrierefreie Haltepunkt in der Humboldtstraße mit neuem Hochbahnsteig umgebaut. Seit Mitte Mai kommen daher auf der Linie 17 vermehrt Tw 3000 zum Einsatz. Allerdings bietet dies auch die seltenen Möglichkeit, die Tw 3000 im Soloeinsatz aufzunehmen, kamen die Fahrzeuge doch bisher fast ausschließlich in Zwei- bis Dreifachtraktion zum Einsatz.

So bieten sich gerade zwischen den Haltestellen Schwarzer Bär und Bernhard-Caspar-Straße, sowie Schwarzer Bär und Allerstraße zahlreiche Motive, die noch den klassischen Charme einer Straßenbahn ausstrahlen und fast ausschließlich mit den Stadtbahnwagen der ersten Generation bedient werden. Grund genug, den Stadtteil Linden in den vergangenen Jahren immer mal wieder für einige Aufnahmen der Straßenbahn aufzusuchen. Schauen wir uns entlang der Linie 9 vom Schwarzen Bär durch Linden Mitte bis zu Haltestelle Bernhard-Caspar-Straße etwas genauer um.


Bis 2014 wurde die Ihme-Brücke am Schwarzen Bär mitsamt neuem Mittel-Hochbahnsteig aufwendig neugebaut. Zuvor befand sich die nicht barrierefreie Haltestelle hinter der Brücke. Am 2. Juli 2018 konnte die Situation rund um die neue Ihme-Brücke mit Tw 6206 aufgenommen werden. Auf der rechten Seite ist das im „Backstein-Expressionismus“ entstandenen Capitol zu sehen, welches als Veranstaltungsort als Diskothek und Live-Bühne dient und mit bis zu 1.800 Gästen eine beliebte Location der Landeshauptstadt ist.


Während auf der Linie 9 ausschließlich Doppeltraktion Tw 6000 eingesetzt werden, kamen auf der 17 bis Mitte Mai solofahrende Tw 6000 oder Tw 2000 zum Einsatz. Seither wird die letzte nicht barrierefreie Haltestelle in der Humboldtstraße umgebaut und es werden auch solofahrende Tw 3000 eingesetzt. Am 2. Juli 2018 erreicht Tw 6209 die Haltestelle Schwarzer Bär.


Unmittelbar nördlich an das Capitol schließt sich das Anfang der 70er-Jahre entstandene Ihme-Zentrum an. Ein monumentaler Wohn-, Arbeits- und Einkaufskomplex, welcher an seinen eigenen Ansprüchen als „Stadt in der Stadt“ scheiterte und heute in weiten Teilen marode und sanierungsbedürftig ist. Die einst 60.000 m² großen Verkaufsebenen stehen heute vollständig leer und verfallen immer weiter. Ebenso ist die zweistöckige Garage fast unter dem gesamten Komplex unter anderem aus Brandschutzgründen geschlossen worden. Große Teile der Hochhäuser sind heute von der Stadtverwaltung und den ehemaligen Stadtwerken gemietet. Auf den ehemals über 60.000 m² Wohnfläche leben heute nur noch rund 400 Bewohner und in den vergangenen, mittlerweile Jahrzehnten, sind bereits vier Sanierungsversuche gescheitert. Dennoch laufen auch aktuell wieder Arbeiten, um dem Komplex endlich wieder etwas Aufwind zu verschaffen. Am 2. Januar 2019 überquert eine Tw 6000-Traktion mit 6256 die Ihme-Brücke.


Am Nachmittag des 17. Januar 2020 verlässt ein Zug der Linie 9 mit Tw 6228 den Stadtteil Linden über die Ihme-Brücke in Richtung Innenstadttunnel.


Auch hinter der Brücke ragt an der Ecke in die Deisterstraße das Ihme-Zentrum über die älteren Gebäude von Linden Mitte. Tw 6224 ist am 2. Juli 2018 als Line 17 zur Wallensteinstraße unterwegs.


Ein Blick auf den monumentalen Koloss, der seit den 70er-Jahren das Ihme-Ufer im nördlichen Teil von Linden Mitte dominiert, darf noch sein. Mit der heutigen Vorstellung von Wohnen hat das Ganze nicht mehr viel zu tun und schon in den 70er Jahren hatte der Komplex enorme Akzeptanzprobleme. Schon wenige Jahre nach dem Bau begann mit dem Abzug der ersten Ankermieter der Einkaufsflächen der lange Niedergang des Ihme-Zentrums.


Aber zurück in die Straßen von Linden Mitte: Während die Linie 9 im Hintergrund praktisch direkt nach der 90 Grad Kurve hinter der Ihme-Brücke erneut um 90 Grad wieder Richtung Westen in die Falkenstraße abbiegt, folgt die Linie 17 einige Meter der Deisterstraße und anschließend der Ricklinger Straße und Auestraße zu den Linien 3 und 7 an der Haltestelle Allerweg. An der spitzwinkligen Verzweigung der Deister- und Ricklinger Straße ist am 17. Januar 2020 Tw 6226 zu sehen. Selbst an den kürzesten Tagen im Jahr scheint die Sonne hier für wenige Stunden fotogen in die Straßenachse.


Wenig später passiert die Strecke in der Auestraße fotogen einen großen Backsteinbau, welcher die besten Tage auch schon hinter sich hat.


Wir kehren zurück zur Linie 9 und biegen in die Falkenstraße zur Haltestelle Lindener Marktplatz ab. Von dort sehen wir am 5. Mai 2020 die Tw 6000 Traktion aus 6206 und 6243. Die beiden Fahrzeuge sind zu einem passenden Werbezug für die Stadtwerkeauskopplung enercity gekuppelt. 1906 wurde in dem weißen Eckhaus die bekannte jüdische, deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt geboren.


Das imposante Backsteingebäude des ehemaligen Lindner Ratskeller liegt direkt gegenüber der Haltestelle Lindener Marktplatz und wurde 1898 errichtet. Heute ist hier eine beliebte Szenekneipe mit alternativem Touch beheimatet, dessen Betreiber auch in Braunschweig, Bremen und Hamburg in den letzten Jahren in Mode gekommene Craft Beer Bars betreibt. Schon daran lässt sich erkennen, dass hier in Linden Mitte ein leicht alternativer Wind weht. Überhaupt ist Linden seit der Entstehung seines heutigen Stadtbildes während der Industrialisierung die linke Keimzelle Hannovers. Hier regte sich der entschiedenste Widerstand in Hannover gegen die erstarkende NSDAP. Aber auch Schattenseiten, wie eine in den 1978 im Ihme-Zentrum hochgenommene, aber bereits verlassene Wohnung der RAF gehören zur Linken Geschichte von Linden. Heute zeigt sich die links-alternative Einstellung nach Außen hauptsächlich in Scharen Longboard oder Lastenrad fahrender und seltsam gekleideter Hipster. Am 2. Juli 2018 fährt eine TW 6000 Traktion mit 6225 an der Haltestelle Lindener Marktplatz Richtung Schwarzer Bär ab.


Einige Schritte weiter um die Ecke des Ratskellers ist wenig später eine Tw 6000 Traktion mit 6219 zur nächsten Haltestelle Nieschlagstraße unterwegs. Nicht so einfach ist es hier im nicht verkehrsberuhigten Bereich die langen Züge ohne Autos aufzunehmen. So hat sich auch neben den führenden Triebwagen ein Auto geschummelt. Auf Höhe des Hybrid-Busses der Linie 100 im Hintergrund, beginnt der verkehrsberuhigte Bereich rund um die Haltestelle Nieschlagstraße.


Durch die nur gut 100 m lange Egestorffstraße erreichen die Bahnen um einen kurzen Knick die Davenstedter Straße mit der Haltestelle Nieschlagstraße. Hinter dem kleinen Knick konnten am 5. Mai 2020 Tw 6241 und 6251 aufgenommen werden.


Auch die Haltestelle Nieschlagstraße ist nicht barrierefrei und Anzeichen für eine baldige Veränderung dieser Situation sind wie an den übrigen Haltestellen dieser Serie bislang nicht zu erkennen. Eine Tw 6000 Traktion mit 6216 erreicht am frühen Abend des 5. Mai die Haltestelle Nieschlagstraße.


In anderen Städten haben sich die ehemaligen linken Arbeiterviertel und später bei Künstlern und anderen Alternativen unter anderem wegen niedriger Mieten beliebte Stadtviertel längst zu hochpreisigen Wohnvierteln entwickelt. In Linden sucht man schwarze Limousinen und große SUVs hingegen meist noch vergebens. Plakate an der Haltestelle Nieschlagstraße, die zu Hausbesetzungen unbewohnter Häuser aufrufen, lassen allerdings erahnen, dass auch hier die Gentrifizierung Fahrt aufnimmt und die verschiedenen Leben-, Gesellschafts- und Wirtschaftsauffassungen zunehmend in Konflikt geraten. Die Ausfahrt aus der typischen Arbeiterbebauung an der Kreuzung Davenstedter Straße/Billungstraße kommt hingegen noch recht verwahrlost daher und wirkt nicht so, als würden junge Familien der Oberschicht und Manager hier demnächst einziehen wollen… Tw 6250 und 6220 passieren am Nachmittag des 5. Mai 2020 die Kreuzung und erreichen nach dem Unterqueren der B6 die Haltestelle Bernhard-Caspar-Straße.


An der Haltestelle Bernhard-Caspar-Straße endet diese Bilderstrecke. Zwar liegen auch die nächsten zwei Stationen noch im Bezirk Linden und auch die klassische Straßenbahntrassierung dominiert weite Teile des restlichen Linienverlaufes, aber das typische Stadtbild wandelt sich ab hier zu einem wenig fotogenen Industrie- und Gewerbegebiet, bis der Bezirk Badenstedt erreicht wird. Auch die Haltestelle Bernhard-Caspar-Straße ist nicht barrierefrei und befindet sich ohne Ampelsicherung mitten auf der Straße. Am Abend des 5. Mai ist die Traktion mit Tw 6233 entsprechend lange mit dem Fahrgastwechsel beschäftigt.

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