Bremen: Nordlichter entlang der Linie 6

Einige Monate später als ursprünglich geplant, stehen seit Herbst 2020 die ersten „Nordlichter“ genannten, vierteiligen Avenios in Bremen im Liniendienst. Bisher kommen die Fahrzeuge im Fahrgastverkehr ausschließlich auf der Linie 6 zum Einsatz. Entsprechend widmete ich mich bei einem Besuch im Februar eben dieser Linie zwischen der Universität und dem Flughafen.


Nach einigen Monaten Verzögerung erreichte das erste Fahrzeug des neuen Siemens Avenio, von den Bremern in einer Abstimmung auf die Bezeichnung „Nordlicht“ getauft, im April 2020 die Hansestadt. Obwohl die BSAG im Rahmen der neuen Fahrzeuge auf eine breite und durchaus gelungene Marketing-Kampagne setzt, wurde das Fahrzeug aufgrund der im April 2020 strengen Corona-Maßnahmen ohne öffentliche Ankündigung und entsprechend ohne Publikum in Empfang genommen.
Es dauerte schließlich noch bis in den Herbst, ehe die ersten öffentlichen Fahrten mit den Nordlichtern stattfanden. Ab dem 30. September 2020 wurde täglich eines der bereits verfügbaren Nordlichter im Testbetrieb als Zusatzkurs auf der Linie 6 eingesetzt. Mit der fortschreitenden Anlieferung weiterer Fahrzeuge, gingen die ersten Nordlichter im weiteren Verlauf des Jahres in den regulären Linienbetrieb über. Dabei blieb bis Stand Frühjahr 2021 weiterhin ausschließlich die Linie 6 das Einsatzgebiet im Fahrgastbetrieb. Nachdem zunächst nur Fahrzeuge der 42 bestellten Avenios der 32er Serie in Betrieb gingen, erhielt Anfang 2021 auch das erste Nordlicht der 35 bestellten Fahrzeuge der 34er Serie die Zulassung für den Fahrgasteinsatz und kommt seither ebenso auf der Linie 6 zum Einsatz. Die 34er Serie unterscheidet sich durch die Ausrüstung mit einer punktförmigen Zugbeeinflussung und wurde nach EBO zugelassen, wodurch sich die Zulassung umfangreicher gestaltete, als bei der nur nach BOStrab zugelassenen 32er Serie. Durch die Zulassung nach EBO und Ausrüstung mit einer Zugbeeinflussung, sollen die Fahrzeuge später auf der geplanten Netzerweiterung auf der Trasse der Bremen-Thedinghauser-Eisenbahn eingesetzt werden können. Während mit Stand Ende Februar bereits zwölf Fahrzeuge der 32er Serie in Bremen eingetroffen sind und acht bereits im Fahrgasteinsatz standen, ist von der 34er Serie bislang nur der bereits eingesetzte 3401 in Bremen.


Nachdem ich im vergangenen Jahr im Grunde alle Straßenbahnbetriebe in Tagesauflugentfernung abgeklappert hatte, fehlte einzig Bremen in dieser Aufstellung. So richtig etwas Neues gab es dort eben nicht und in den vergangenen Jahren hatte ich die Stadt recht häufig besucht, letztmals sogar noch im Februar 2020, wenn auch nicht in fotografischer Mission, als Corona noch wie eine Randerscheinung im weit entfernten China schien…
Im weiteren Verlauf des Jahres rieten dann die zeitweise recht hohen Zahlen in Bremen immer wieder von einem Besuch ab, aber auch der Einsatz der Nordlichter schien noch nicht wirklich stabil. Im Februar 2021 schien der Einsatz mehrerer Nordlichter auf der Linie 6 dann aber doch recht sicher und nach dem Wintereinbruch mit einer Woche strengem Dauerfrost, zeigte sich der Februar weniger als einer Woche später ab Samstag den 20. Februar plötzlich von der frühlingshaften Seite mit viel Sonnenschein und Temperaturen von über 15 Grad.

Bereits während der Anfahrt erblickte ich auf der A27 bei Achim erstmals eines der Nordlichter. Auf einem nicht öffentlichen Rastplatz für Schwertransporter wartete eines der Fahrzeuge neben Bauteilen für Windräder auf die nächtliche Weiterfahrt Richtung Bremen.
Ich bleib gleich auf der A27 und steuerte das nördliche Ende der Linie 6 rund um die Universität an. Dort parkierte ich den Wagen unweit der Haltestelle Berufsbildungswerk und startete meine am Ende fast 20 Kilometer lange Wanderung entlang der Linie 6 zum Flughafen und zurück.
Am Morgen war es noch recht bedeckt, Wetterbericht und der helle Schein beim Blick Richtung Norden versprachen aber noch viele Sonnenstunden für den Tag, sodass ich zunächst nördlich der Schleife Riensberg einiges an Zeit vertrödelte und mich anschließend Schritt für Schritt Richtung Süden arbeitete.


Hinter der Eisenbahnunterführung zwischen den Haltestellen Berufsbildungswerk und Riensberg fuhr mir mit Avenio 3208 mein erstes Nordlicht vor die Linse. 3208 rückte nach dieser Runde bereits ein, dennoch wurden die Hälfte der acht Kurse über den Tag mit Nordlichtern bedient.


Die übrigen vier Kurse wurden mit Flexity’s bedient. In Gegenrichtung lud eine temporäre Seenlandschaft zu Spielereien mit Flexity 3109 Richtung Universität ein.

Beim noch trüben Wetter war noch kein großer Aktionismus gefragt. Am kleinen Unterzentrum rund um die Haltestelle Emmastraße gab’s daher nach dem zeitigen Aufstehen und der Anfahrt erstmal ein Koffeinsüppchen und eine kleine Stärkung, wobei wunderbar das morgendliche Treiben rund um den Bäcker und die Haltestelle beobachtet werden konnte. So auch der Versuch des Fahrers eines fetten Vierrades mit ebenso vielen Ringen, am Zebrastreifen der Haltestelle eine Frau mit Kleinkind an der Hand erst durch Hupen und dann durch aggressiv dichtes Vorbeirasen von der Straße zu befördern. Und nachdem der Fahrer einen U-Turn um die Haltestelle hingelegt hatte, nahm er den Passanten auf der anderen Straßenseite gleich nochmal den Vorrang am Fußgängerüberweg. Vielleicht nicht die beste Idee, denn das Wendemanöver gab den Passanten genügend Zeit, das Kennzeichen zu notieren und Augenzeugen waren mehr als genug zugegen, die sich zunächst einmal erkundigten, ob mit dem nun weinenden Kleinkind alles in Ordnung sei. Mal wieder ein Nachweis aus der Praxis, dass bei einigen Wagenlenkern die Anzahl programmierter Gehirnzellen leider gegenläufig zur Zahl der Pferdestärken verläuft…
Dann war auch schon wieder ein Nordlicht an der Reihe und es wurde Zeit zu arbeiten 😉


Nordlicht 3202 erreicht die Haltestelle Emmastraße Richtung Flughafen.


Die abrupte Wetterkante rückt über den Hausdächern vor der Haltestelle H.-H.-Meier-Allee immer näher. Das Nordlicht 3202 bekommt auf der Rückfahrt von der Uni schon fast direktes Sonnenlicht ab.


Sehr lauschig ist der Abschnitt der Strecke ab der Haltestellen H.-H.-Meier-Allee auf dem östlichen Teil der Wachmannstraße. Zwischen kleinen Villen und dichtem Baumwerk verläuft die Strecke in Seitenlage der Fahrradstraße auf Rasengleis. Ein perfektes Beispiel von Integration der Straßenbahn und Verkehrsberuhigung. Hier ist erstmals das EBO-Nordlicht 3401 auf dem Weg zum Flughafen zu sehen.


In Gegenrichtung wenig später Nordlicht 3205 an der Haltestelle Joseph-Haydn-Straße.


Im weiteren Verlauf der Wachmannstraße trifft die Linie 8 von der Kulenkampffallee kommend auf die Linie 6. Die an Samstagen nur im 20-Minutentakt verkehrende Linie 8 verläuft anschließend bis über die Wilhelm-Kaisen-Brücke parallel zur doppelt so häufig fahrenden Linie 6. Mit GT8N 3043 lief hier ein schönes werbefreies Exemplar der derzeit ältesten Fahrzeuggeneration von 1993-1996, welche mindestens zum Großteil von den Nordlichtern ersetzt werden sollen.

Bis zum Hauptbahnhof lagen dann zum Großteil noch Hausschatten auf der Strecke, ansonsten bietet aber insbesondere der weitere Verlauf der Strecke im Straßenplenum der Wachmannstraße noch viele tolle Motive dieses quirligen Quartiers. Besonders die vielen kleinen Läden, Werkstätten und Studios in den Kellergeschossen lohnen immer einen Blick durch die Schaufenster, auch wenn aufgrund der aktuellen Corona-Maßnahmen ein guter Teil geschlossen war. Insgesamt strahlt das Viertel eine wunderbare Harmonie aus Wohnen, Verkehr und Handel aus, ohne dabei zu sehr auf Hippster zu machen, wie dies in der großen Nachbar-Hansestadt gern mal der Fall ist.

Für mich ging es weiter zum Hauptbahnhof und von dort entlang der von vielen Linien genutzten Innenstadtachse über Schlüsselkorb und Domsheide zur Wilhelm-Kaisen-Brücke.


Ohne weitere Aufnahmen ging es weiter bis zum Hauptbahnhof. Dort passte ich Avenio 3205 hinter der Bahnunterführung ab.


Zwischen Schlüsselkorb und Domsheide wurde das Nordlicht 3202 erwartet.


Seit 2020 prägt das neue August-Kühne-Haus, Hauptsitz von Kühne + Nagel die Wilhelm-Kaisen-Brücke. Der Bau sorgte für einigen Ärger. Zunächst, da das chronisch klamme Bremen den zusätzlich zum bereits von der alten Firmenzentrale vorhandenen Baugrund benötigten Platz für nur rund ein Drittel des Marktpreises verkaufte. Als Begründung nannten die Verantwortlichen den Druck, die Firmenzentrale in der Stadt zu halten. Später lösten Kontroversen um ein Mahnmal zur Vergangenheit des Konzerns während des Nationalsozialismus den Unmut der hanseatischen Öffentlichkeit aus. Zuletzt sorgte das unverkleidete Technikgeschoss auf dem Dach des Gebäudes für Ärger, das zuvor nicht auf den Design-Entwürfen aufgetaucht war und für das seither nach einer ansehnlichen Verkleidungsmöglichkeit gesucht wird. Davon unbeeindruckt überquert GT8N 3059 die Wilhelm-Kaisen-Brücke auf dem Weg nach Arsten.


Am Leibnizplatz trennt sich nach der Linie 8, auch die Linie 4 von der 6, die fortan allein über die Friedrich-Ebert-Straße weiter zum Flughafen verläuft. Nordlicht 3205 hält am frühen Nachmittag an der Haltestelle Theater am Leipnizplatz.


Die Linie 4 wurde weitgehend von den noch immer dominierenden GT8N bedient. Hier biegt GT8N 3072 am Leipnizplatz Richtung Arsten ab. Bis die neuen Nordlichter gemeinsam mit den Flexity’s die Oberhand gewinnen, werden noch einige Monate vergehen. Ganz verschwinden dürften die GT8N in naher Zukunft wohl noch nicht.


Ich folgte weiter dem Verlauf der Nordlicht-Linie 6 durch die Friedrich-Ebert-Straße. Unweit der Haltestelle Gastfeldstraße passte 3207 gut zwischen die im Februar doch teils noch recht langen Hausschatten.

Der weitere Verlauf auf der Friedrich-Ebert-Straße bis zum Betriebshof und der Autobahnbrücke ist dann nicht wirklich fotogen. Das Problem mit der Linie 6 ist allerdings, dass die Linie aus dem Nordosten in den Südwesten verläuft und die Einrichter dadurch im Winter nur an wenigen Stellen auch von der Türseite ins Licht drehen. Große Chancen malte ich mir diesbezüglich allerdings hinter dem großen Bogen zum Flughafen aus, sodass ich auch diese bis dorthin weitgehend unfotogene Strecke noch in Angriff nahm. An der Endstation Flughafen-Süd sollte ich dafür mit einem astreinen Türseitenbild, samt anschließender Fahrzeugaufnahme belohnt werden. Danach wurde am menschenleeren Flughafen erstmal eine kleine Rast eingelegt. Irgendwie schon ein wenig gespenstisch die Stimmung hier draußen, wo sonst der Lärm, der Geruch nach Kerosin und das Treiben der Menschen das Gefühl vom Aufbruch in die weite Welt aufkommen lässt. Gut, der Flughafen Bremen ist jetzt auch in normalen Zeiten nicht eben ein europäisches Drehkreuz und wohl ähnlich wie Hannover nur zur Ferienzeit wirklich ausgelastet. Mit dem Area Control Center für den unteren Luftraum der Deutschen Flugsicherung und dem Ausbildungszentrum Lufthansa Aviation Training, kommt dem Standort aber durchaus eine überregionale Bedeutung zu. Den Flugschülern in Bremen wurde derweil von der Lufthansa im vergangenen Jahr nahegelegt, sich nach beruflichen Alternativen umzusehen. Auch unter den Fluglotsen dürfte durch den deutlich gesunkenen Flugverkehr und der dortigen Möglichkeit, kleinteilige Bereiche des Luftraumes kurzerhand zusammenzulegen und so Lotsen zu sparen, keine Vollbeschäftigung herrschen…


Minutenlang auf der Zufahrt zum Terminal stehend auf den nächsten Kurs der Linie 6 warten? In diesen Zeiten gar kein Problem und auch der 10-Minuten-Takt ist derzeit zum Flughafen recht großzügig bemessen. Flexity 3117 erreicht am Nachmittag den Haupteingang des Flughafens.


An der Endstation Flughafen Süd dann das erhoffte Türseiten-Bild im schönsten Februarlicht mit Nordlicht 3202.

Anschließend ging es auf gleichem Wege mit der Sonne im Rücken zurück. Gegen 16 Uhr begann die Sonne dann zunehmend in einer Mischung aus Wolkensiff und Saharastaub abzuschmieren. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber auch bereits wieder weit in den Norden der Stadt vorgedrungen und war mit der Ausbeute für einen spontanen Februarausflug schon sehr zufrieden. An der Domsheide gab es zuvor mit dem Schleifwagen 3903 im besten Sonnenlicht noch ein besonderes Schmankerl.


Auch wenn ich sie eben noch als weitgehend unfotogen bezeichnet hatte, animierte mich die tiefstehende Februarsonne an der Haltestelle Schleiermacherstraße doch noch zu einem schnellen Sprung auf die Mittelinsel und einer Aufnahme von Nordlicht 3207 auf der Friedrich-Ebert-Straße.


An der Domsheide stand dann der erst 2019 beschaffte Windhoff-Schleifwagen 3903 einige Minuten im schönsten Nachmittagslicht herum. So richtig ansehen tut man dem Wagen ja nicht, das er praktisch noch ganz neu ist, treten die Windhoff-Einheitsschleifwagen doch schon seit vielen Jahren bei diversen deutschen Betrieben äußerlich recht unverändert in Erscheinung.


Ebenfalls an der Domsheide passte ich noch einmal das EBO-Nordlicht 3401 ab. Neben der Nummer ist der Wagen durch die gelbe Antenne am ersten Drehgestell für die punktförmige Beeinflussung gut zu erkennen. Eine zweite Antenne befindet sich entsprechend auf der Türseite am letzten Fahrgestell.


Eine letzte Aufnahme mit annähernd Volllicht gab’s dann abermals in der Wachmannstraße an der Haltestelle Joseph-Haydn-Straße mit Flexity 3117. Beim nachfolgenden Nordlicht war die Sonne dann leider schon merklich in einer Siffschicht abgeschmiert.


Nordlicht 3401 hat die Haltestelle Emmastraße Richtung Flughafen verlassen. Hier wäre auch mit Sonne gegen halb fünf schon Schatten gewesen…

Zum Abschluss des Tages hatte ich mir dann nochmal die Spiegelung hinter der Schleife Riensberg vorgemerkt. Von der anderen Seite hätte das Licht zwar sogar besser gestanden, aber zum einen standen dort bereits zwei Fotografen, zu denen man sich Corona-konform kaum noch mit einem vernünftigen Blickwinkel hätte stellen können, zum anderen funktioniert dieses Motiv später im Jahr ohnehin noch besser, während diese riesige Pfütze wohl weit weniger alltäglich sein dürfte.
Jetzt waren auch gleich zwei Avenios dran. Dummerweise hatte ich beim ersten noch nicht die perfekte Position und Bildausschnitt für die Spiegelung gefunden und beim zweiten versemmelte ich dann durch den Live-View irgendwie die Aufnahme. Wird wohl doch irgendwann Zeit für was Spiegelloses – die Nikon Z-Reihe lässt grüßen…
So musste dann eben der nachfolgende Flexity zum Tagesabschluss herhalten. Ohnehin Fahrzeuge, die mir hier in Bremen seit jeher sehr gut gefallen, sowohl das schlichte aber irgendwie zeitlos elegante Design, als auch die eleganten Fahreigenschaften dieser klassischen Drehgestell-Konstruktion.


Nach zwei gescheiterten Versuchen mit Nordlicht, gibt’s zum Tagesabschluss an der großen Pfütze unweit der Schleife Riensberg eben den Flexity 3118. Nachdem ich den ganzen Tag über von der Fahrerin dieses Kurses mit einem fröhlichen Winken bedacht wurde, war die Schicht inzwischen wohl zu Ende und der Wagen passiert die Stelle ohne groß Notiz von mir zu nehmen.

Knapp 20 Kilometer Fußmarsch dürften es dann wohl gewesen sein als ich eine Viertelstunde später das Auto erreichte. Noch den Durst des Wagens gestillt und nach drei Folgen Servus, Grüezi, Hallo auf den selten so unglaublich entspannten Autobahnen A27, A7 und A2 war ich schon zurück in der Löwenstadt.

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