Sonne, Schnee und Berge II: Die oberalpsche Zehnminutenverspätung

Für heute ist noch einmal Kaiserwetter angesagt, sodass der Tag mit einer kleinen Schneewanderung zwischen Andermatt und Oberalppass verbracht werden soll. Das vorletzte Jahr ist dabei in diesem Winter 2022 auch der Autotransport der MGB zwischen Andermatt und Sedrun im Einsatz.


Sonntag, 13. Februar 2022

Der Schlaf hatte jetzt aber wirklich mal gutgetan und war wohl gut und gern zehn, elf Stunden lang. Frühstück gibt’s hier im Winter eh erst um acht, sodass ich mir diese Erholung gönnen konnte. An sich allerdings schon etwas ärgerlich für den frühen Fotografen, wenn der Tagesbeginn bedingt durch das späte Frühstück immer so weit nach hinten rutscht. Da ist man fast schon wieder versucht, das Frühstück auszulassen – wenn es bloß nicht im Zimmerpreis inkludiert wäre…
Grund für die zwiespältige Lage: Der erste Autozug aus Andermatt startet am Morgen um 09:50 Uhr. Mit dem Frühstück um acht wäre es allerdings nur noch möglich, in Andermatt auf den 0928 Zug zu kommen. Mit nur gut 20 Minuten Vorsprung sind dann am Pass natürlich keine weiten Sprünge zu einem Motiv mehr drin. Da bleibt einem fast nur etwas kurz hinter Nätschen oder hinter dem Tunnel kurz hinter der Passhöhe. Ersteres wollte ich dann heute mal versuchen.

Vorher ging es aber noch runter zum Frühstück. Die Gaststube des Gasthofes war dann um Punkt 8 Uhr auch schon ein wenig gefüllt. Ein Tisch war für mich aber freigehalten und so gab es das Standard-Gasthof Frühstück wie immer mit einem Stahlkännchen frischem Kaffee und aufgeschäumter Milch. Zeit zum Bummeln war allerdings nicht. Ich hatte mich schon vorher soweit startklar gemacht und sprang nach dem Frühstück nur noch schnell in die Winterklamotten, sodass es direkt hinauf nach Andermatt gehen konnte. Schon die Fahrt auf der teils schmalen und kurvigen Gotthardstraße, während sich langsam die Sonne einen Weg zu den Bergspitzen bahnt, war wiedermal ein Genuss. Laut durften dabei die Elektro-Klänge durch das Auto schallen und die Vorfreude auf den weiteren Tag war riesig. Noch die Serpentinen nach Andermatt hinauf – wie immer mit einem Schleicher vorweg – den richtigen Großparkplatz am Bahnhof gefunden und schon konnte es losgehen. Von hinten gelangt man durch den “neuen” Bahnhof mit angeschlossenem Avec-Supermarkt und SkiPass-Verkauf direkt in die Unterführung und zu den Gleisen. Der ganze Komplex nennt sich jetzt “Andermatt Central” und der gemeine Skitourist bekommt so den alten Bahnhof am Hausbahnsteig 1 im Grunde gar nicht mehr zu sehen. So kaufe auch ich mir direkt in der Unterführung am Automaten der MGB ein Billet hinauf nach Nätschen. In die langen Schlangen der Schalter für die Ski-Pässe muss ich mich glücklicherweise nicht einreihen. Ein durchaus wildes Treiben herrscht hier in der Unterführung. Die meisten Wintersportler triebt es allerdings gleich hinüber zum Gütsch-Express anstatt in die Züge der MGB. Der an Gleis 2 bereitgestellte Zug hatte aber immerhin noch einen fünften Wagen als Verstärker beigestellt bekommen – gut zu erkennen an der dicken Schneehaube, die dieser noch auf dem Dach trägt. Diesen hintersten Wagen hatte ich dann aber doch fast für mich allein. Pünktlich um 08:28 Uhr begann die Fahrt hinauf nach Nätschen. Immer wieder eine tolle Strecke, die Schleifen oberhalb von Andermatt mit dem weiten Blick Richtung Hospental und Realp und das Ganze noch in der schönsten Morgensonne.


Die großen Menschenmassen finden sich von “Andermatt Central” ausgehend dann eher direkt am Gütsch-Express ein, anstatt mit der MGB nur bis Nätschen zu fahren. Die Mehrheit der Wintersportler in der MGB hat wiederum die Lifte am Bahnhof Oberalppass als Ziel. Die Ausfahrt aus Andermatt führt direkt an der Talstation des Gütsch-Express vorbei.


Langsam schraubt sich die MGB in den wohlbekannten Schleifen von Andermatt zum Oberalppass hinauf, während Hospental und Realp noch im Bergschatten liegen. Aus dem Zug hatte ich dieses Vergnügen auch schon viele Jahre nicht mehr, ging es doch in den letzten Jahren in dieser Region meist mit dem Rad voran.


Der Blick fällt auch direkt auf den Bahnhof von Andermatt mit den neuen Anbauten von “Andermatt Central”.

In Nätschen war mein Billet dann schon wieder aufgebraucht. Also nichts wie raus und das erste Motiv für den in rund 20 Minuten folgenden Autozug suchen. Viele Optionen bleiben dabei nicht. Dem Zug entgegen zu laufen wäre nicht die schlauste Idee, zumal für Bergfahrer das erste Motiv unterhalb Nätschen am Morgen denkbar ungünstig in der Sonne liegt. Also Richtung Oberalppass. Erstmal muss dabei vom Bahnsteig 1 aber die Bahn unterquert werden, wozu nur eine als Piste präparierte Unterführung zur Verfügung steht – nicht unbedingt sehr freundlich für Fußläufige… Hinter der Ausfahrt durften dann gleich die Schneeschuhe ein erstes Mal ran und ich stieg in den Hang zur Strecke ein. Das Motiv war jetzt nicht DER Knaller, vor allem weil die Gebäude von Nätschen ungünstig genau hinter dem Zug stehen, aber ich war mir nicht sicher, wie viel Zeit noch bleiben würde auf den Autozug. Schlussendlich waren es dann doch noch rund zehn Minuten – ob es bis zu einem nächsten Motiv gereicht hätte?


Deh 4/4 22 verlässt mit dem morgendlichen Autozug von Andermatt nach Sedrun den Bahnhof Nätschen.

Immerhin ein Auto hatte den morgendlichen Zug genutzt. In den nächsten Tagen sollte auch noch die ein oder andere komplett leere Leistung beobachtet werden. Ausgebucht war eigentlich immer nur eine der drei Fahrten pro Tag und Richtung. So richtig nutzerfreundlich ist das Ganze aber auch nicht: Spätestens bis 17 Uhr am Vortag muss der Verlad bereits verbindlich gebucht werden für satte CHF 60 pro Fahrzeug. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war das immerhin noch deutlich mehr als eine halbe Tankfüllung… Dann muss man auch noch 30 Minuten vor Abfahrt an der Rampe erscheinen plus eine Stunde Fahrzeit weil der Zug an den Kreuzungen meist lang herumsteht. Das bietet sich dann wirklich nicht unbedingt als günstige und schnelle Alternative an, auch wenn der Fahrtweg über Straßen aufgrund der gesperrten Pässe natürlich auch eine Katstrophe ist. Schnellster Weg wäre wohl durch den Gotthard und dann über den Lukmania wieder “zurück”. Auch 2 Stunden Fahrt und 130 Kilometer Strecke, aber die vielen leeren Autozüge sprechen für sich.
Den nun fast auf dem Fuße folgenden Planzug passte ich einfach im Bahnhof von Nätschen ab und genehmigte mir beim kurzen Warten einen kleinen Vormittagsimbiss.


HGe 4/4 II 5 verlässt Nätschen auf dem Weg nach Disentis. Dank der vergleichsweise langen Züge zur Wintersaison, ist der Oberalp im Winter fest in den Händen der HGe 4/4 II. Fünf bis sechs Wagen waren bei diesem Besuch die Regel, während im Sommer auch die Deh 4/4 I mit dreiteiligen Pendelzügen zum Einsatz kommen. Mehr als drei Wagen sind im Schubbetrieb am Oberalp allerdings nicht erlaubt und ob die Deh 4/4 I sechs Klassen über die Rampen des Oberalp geschleppt bekommen, ist zumindest fraglich.

Nun sollte es aber für eines der Vormittagsmotive ein Stück hinab in die erste Kehre hinunter nach Andermatt gehen. Da die stündlichen Planzüge aus beiden Richtungen in Nätschen mit einer Pause von etwa einer halben Stunde kommen, lässt sich die Position zwischen den Leistungen jeweils ganz gut wechseln. Zwischen Spaziergängern, Rodlern und die Straße als “Idiotenhügel” nutzenden Skiern, ging es hinab zur Kehre. Beim Verlassen der präparierten Piste wurden gleich mal wieder die Schneeschuhe montiert um ins Motiv zu gelangen. Eines jener Motive, welches sich im Sommer durch die ausladenden Wiesen praktisch nicht umsetzten lässt. Nach kurzer Zeit traf auch ein italienischer Hobbykollege am Motiv ein, der die nächste Viertelstunde pausenlos damit verbrachte, immer wieder die Perspektive zu wechseln und sich scheinbar nicht entscheiden konnte. Aufgrund der Länge der heutigen Züge – mit sechs Wagen war jetzt wohl zu rechen – war es zugegeben auch nicht ganz einfach an dieser Stelle den besten Kompromiss zwischen optimalem Motiv und gerade noch allen Wagen im Bild zu finden. Ich hatte mich aber recht schnell noch vor dem Eintreffen des Kollegen festgelegt und blieb nun einfach mal hier stehen, damit er wenigstens wusste, wie wir uns nicht gegenseitig im Bild stehen würden – sonst wäre er wohl vollends verzweifelt 😀

Am Zug hing dann auch eine der beiden gerade frisch generalüberholten HGe 4/4 II. Derzeit wird ein Teil der Loks für weitere Einsatzjahre fit gemacht und erstrahlt hinterher in frischem und etwas abgewandelten Design – fast wie neu wirkten die beiden Maschinen 105 und 106, die während meiner insgesamt drei Tage an der MGB durchgängig am Oberalp eingesetzt wurden.


HGe 4/4 II 105 mit einem beachtlichen Sechswagenzug hinab nach Andermatt. Für diesen langen Zug ist das Motiv unterhalb der ersten Kehre ab Nätschen dann doch schon fast zu kurz. HGe 4/4 II 105 strahlt derweil bei schönster Wintersonne nach ihrer Generalsanierung in frischem Design, mit bis über die Drehgestelle hinunter gezogenem rot, schwarzem Fensterband und neuen LED-Spitzenlichtern.

Zum Abschied gab’s noch einen Gruß zum italienischen Kollegen, der nun mit dem Ergebnis doch ganz zufrieden schien und sich noch für sein brüchiges Englisch entschuldigte. Irgendwie hatte ich aber das Gefühl, dass wir uns heute nicht zum letzten Mal treffen sollten. Ich startete nun meine Schneewanderung hinüber zum Oberalpsee, wobei es schon kurz hinter Nätschen wieder in den Hang ging – der nächste Zug aus Andermatt drückte schon wieder. Wenig später traf auch der Kollege ein und da es diesmal nicht viel Bewegungsspielraum für den Fotostandpunkt gab, blieb dann auch etwas Zeit für einen kleinen Schnack, für den ein wilder Mix aus bruchstückhaftem Englisch und anderen Ausdrucksweisen dann doch irgendwie genügte 😀 Anders als erwartet, war das Licht hier bei Durchfahrt des Zuges doch schon fast rum, allerdings wäre es überall sonst Richtung Oberalpsee noch schlechter gestanden…


HGe 4/4 II kurz hinter Nätschen Richtung Disentis, ein Stück weiter als vorhin der Autozug. Das Licht ist jetzt am späten Vormittag doch schon unerwartet weit herum. Seltsamerweise wird oberalp des neuen Bahnhof Nätschen ein kaum lohnendes kurzes Stück ohne Zahnstange gefahren, nur um wenig später wieder in den Zahnstangenabschnitt hinauf zum Oberalpsee zu rumpeln.

Die nächsten rund zwei Stunden ging es dann bis zur Galerie am Oberalpsee, wobei immer wieder Aufnahmen der entgegenkommenden Züge entstanden. Dank des mittäglichen Glacier Express und des Autozuges war jetzt sozusagen Rush-Hour am Oberalp, sodass zwischen den Zügen kaum Zeit blieb, die Motive zu wechseln. So kam ich auch nicht wirklich schnell voran und erreichte erst gegen 14:30 die Galerie am See. Bis hierher ist der Weg ganz gut präpariert und lässt sich auch ohne Schneeschuhe begehen. Zum Fotografieren sind diese allerdings auch hier unerlässlich, denn um auf die Sonnenseite zu kommen, muss stets die Streckenseite gewechselt werden und im Tiefschnee eine Standfläche auf der Talseite der Strecke gefunden werden. Im Folgenden gibt’s einfach hintereinander weg die Ergebnisse der Rush-Hour am Oberalp:


HGe 4/4 II 101 am Zwischenwehr der Oberalpreuss, noch weit unterhalb des Oberalpsees.


Dann folgt gegen halb eins schon der ausgebuchte Autozug mit Abfahrt 1145 ab Sedrun Richtung Andermatt mit Deh 4/4 22. Ein letztes Mal traf ich hier auf den italienischen Hobbykollegen, bevor dieser Kehrt machte Richtung Nätschen und mich noch warnte, dass ab der Galerie gestern kein Durchkommen mehr gewesen sei – na, das wollen wir erstmal sehen…


Der reflektierende Schnee erlaubt zu den Mittagsstunden im Winter sogar immer mal wieder auch krasse Gegenlichaufnahmen, wie hier der Blick zurück zum Wehr mit HGe 4/4 II 105 Richtung Disentis.


Während ich den Glacier aus Zermatt eben gerade etwas verdaddelt hatte und unfotografiert durchrauschen ließ – egal, kam eh aus dem Gegenlicht – würde der Glacier aus St. Moritz nun auch gleich über den Oberalp kommen. Erstes Anzeichen des Glaciers war dabei in den Tagen meines Besuches stets der mittags mit einem Deh 4/4 II geführte Planzug, welcher so eine HGe 4/4 II in Disentis für den Glacier freimachte. Ein paar S-Kurven hat der Zug dabei noch zu durchfahren, bis er mich auf meiner Schneeplattform passiert.


Wenig später wird die abweichende Zugmaschine besser erkennbar: Der während meines Besuches in Disentis stationierte Deh 4/4 II 94 hat in Disentis eine HGe 4/4 II vom Planzug abgelöst und dreht nun mit einer auf vier Wagen verkürzten Garnitur eine Runde nach Andermatt und Retour.


Wenige Meter weiter Richtung Oberalpsee folgt nur eine Viertelstunde später gegen halb zwei der Glacier Express nach Zermatt mit HGe 4/4 II 5, welcher passend eine der “Glacier-Express”-Tafeln an der Front verpasst wurde.


Unter den Lawinenbremsen wartete ich auf den nächsten Planzug mit HGe 4/4 II 4 und fünf Klassen am Haken. Auffällig bei dieser Garnitur ist der farblich leicht abweichende mittlere Wagen, bei dem es sich um den ehemaligen RhB B 2273 handelt. Die sogenannten “HVZ-Wagen” wurden bei der RhB in den 80er Jahren kostengünstig aufgebaut, um den Wagenpark kurzfristig für Spitzenverkehre aufzustocken. Ursprünglich nur für rund 10 bis 20 Einsatzjahre konzipiert, überlebten die Wagen schon bei der RhB noch bis zum Einsatz der Alvra-Gleiderzüge und konnten bis 2018 noch im Planverkehr angetroffen werden. Die Wagen B 2272 und 2273 gelangten anschließend sogar noch zur MGB, wo sie den Wagenpark bis zum Einsatz der Orion-Triebzüge verstärken. Das RhB-Rot blieb dabei als Grundfarbe erhalten, sodass die zwei Wagen mit den neuen Nummern B 4261 und 4262 in den Zügen der MGB immer ins Auge stechen. Während schon die typischen Einheitswagen heute kaum mehr dem “Standard” entsprechen, sind diese für nur wenige Einsatzjahre im Spitzenverkehr aufgebauten “Billigwagen” auf längeren Destinationen kaum mehr zumutbar. 

Die Rush-Hour war nun vorerst durch. Erst um kurz nach drei würde noch einmal der Autozug aus Andermatt am Oberalp durchkommen. Somit konnte ich jetzt erstmal Strecke machen zum Bahnhof Oberalppass. Bis zum Galerieportal ist der Schneeweg auf der Straße ganz gut hergerichtet. Einen Durchgang durch die Galerie gibt es allerdings nicht, sodass ich mich hier mit den Schneeschuhen am Hang neben der Galerie entlang kämpfen musste. Das war dann schon einigermaßen anstrengen so dauerhaft quer am Hang durch den Tiefschnee zu stapfen. Das Vorankommen war dementsprechend kaum halb so schnell wie zuvor, aber bis zur nächsten, wie immer rund zehn Minuten verspäteten Zugkreuzung im Bahnhof Oberalppass, war ich dann doch am Ziel. Erstaunt musste ich feststellen, dass die Strecke hier schon gegen 15 Uhr in den Schatten zu versinken droht. Wäre der Zug aus Disentis pünktlich gewesen, hätte das Foto von oberhalb des Tunnelportales südlich der Passhöhe mit dem Zug auf dem kurzen Abschnitt zwischen den zwei Tunnels noch geklappt. Wäre er pünktlich gewesen… So aber passte es knapp nicht mehr, womit sich auch der seltsame Titel dieses Berichtes erklären sollte. Denn die Zehnminutenverspätung zog sich hier am Oberalp irgendwie durch während meines diesjährigen Besuches und auch heute sollte es nicht zum letzten Mal knapp werden mit Schatten versus Verspätung. Zunächst blieb mir da jetzt nur noch der Nachschuss auf der anderen Seite des Tunnels über den zugeschneiten Oberalpsee.


Wie immer wartete der Zug aus Andermatt im Bahnhof Oberalppass einige Minuten auf den verspäteten Gegenzug, sodass es für mich noch reichte, an der Passhöhe vorbeizulaufen und die Einfahrt auf der anderen Seite des kurzen Tunnels aufzunehmen – wenn der Zug nicht so sehr verspätet gewesen wäre, dass er knapp in den Schatten versank…


So bleibt nur der Nachschuss von der Passhöhe über den Oberalpsee auf HGe 4/4 II 105 mit ihrem klassischen Sechs-EW-Zug.

Der eigentliche Plan, auch den Autozug hier noch abzulichten, geriet mit den unerwartet langen Schatten damit auch unter Druck. Im Grunde ließ sich der Zug jetzt nur noch aus der selben Perspektive von der Passhöhe aus verarzten, in der Hoffnung, die Schatten würden in zwanzig Minuten noch nicht zu dominant werden. Der große Wurf sollte es am Ende nicht werden, aber zumindest waren die Schatten noch nicht bis zum Gleis vorgedrungen. Im hinteren Bereich bei der Galerie hatten sich die Schatten sogar wieder ein Stück zurückgezogen. Der Bahnhofsbereich, wo der Zug besser ins Licht gedreht hätte, war allerdings schon längst verschattet.


Der Autozug mit Abfahrt 1450 Andermatt erreicht gegen halb vier den Bahnhof Oberalppass, gezogen weiterhin von Deh 4/4 22.

Jetzt aber Nichts wie weg hier aus den allgegenwärtigen Schatten. Auch die Hütten an der Passhöhe hatten sich schlagartig geleert, nur der nächste Zug ließ jetzt natürlich inklusive der obligatorischen Verspätung noch etwas auf sich warten.


Der Gegenzug nach Disentis mit HGe 4/4 II 4 ist schon wieder da und darf anschließend wiedermal zehn Minuten am Oberalppass warten, bis die verspätete Leistung nach Andermatt die Passhöhe erreicht.

Beendet war der Fototag aber noch lange nicht, denn die Sonne geht schließlich nicht überall so früh unter wie hier an der ungünstig zur Sonne stehenden Passhöhe und dem Oberalpsee. An den Schleifen hinab nach Andermatt rechnete ich mir durchaus noch etwas aus, sodass die Fahrt im gut gefüllten und nach durchgeschwitzten Wintersportlern müffelnden Zug – ich nehme mich da nicht aus 😀 – in Nätschen schon wieder vorüber war. Zunächst ging es ab Nätschen wieder an die Stelle unterhalb der ersten Kehre, wo ich heute Morgen auf den Italiener gestoßen war. Nun lag das Motiv anders herum im Licht und die Nachmittagsperspektive ist hier ohnehin die weitaus schönere. Noch gut 20 Minuten blieben mir für einen kleinen Imbiss, während der grandiose glänzende Gegenlichtblick hinab nach Andermatt bei etwas beißendem Wind genossen werden konnte. Nach kurzer Zeit erreichte dann samt Schlitten auch ein Schweizer Hobbykollege die Fotostelle und es entstand noch ein kleiner Schwatz über diese und jene Unwichtigkeiten des Hobbys…


Szenenwechsel an die Rampe hinab nach Andermatt. Der wärmende Sonnenschein und grandiose Blick entschädigen für den eisigen Wind, der an meinem Motiv den Hang hinauf weht.


Um 90 Grad gedreht eröffnet sich dann dieses Kalendermotiv auf HGe 4/4 II 105 knapp unterhalb Nätschen auf dem Weg nach Disentis. Die gleiche Lok gab es an dieser Stelle heute Vormittag bereits anders herum, noch mit sechs Wagen am Haken.

Während der Schweizer Hobbykollege anschließend gemütlich auf der Straße gen Tal schlittelte, beschloss ich: Einer geht noch. Zumindest wollte ich es nicht unversucht lassen und den Gegenzug auf der Gegengerade eine Kehre weiter unten abwarten. Das ist der ungemeine Vorteil von Kehren: Wenn genug Zeit zwischen den Zügen bleibt, gehen immer beide Richtungen…
…außer es bleibt zu viel Zeit. Denn die Kreuzung ist ja erst am Oberalppass und somit hätte die Sonne bis zur Abfahrt um 1704 in Nätschen noch eine gute halbe Stunde Zeit, hinter dem Furkapass zu verschwinden.
Mit den Schneeschuhen am Motiv angekommen, wäre es sich zur Planzeit doch noch recht entspannt ausgegangen, aber man darf ja die oberalpsche Zehnminutenverspätung nicht vergessen. Das würde knapp werden: Die Bahnhofansage von Nätschen ist gut zu vernehmen und verkündet +8 für den Zug nach Andermatt – das würde sehr knapp werden. Endlich ist der Zug in Nätschen zu hören, die Sonne berührt bereits die Bergkuppen über dem Furkapass – Sehr, sehr knapp. Der Zug rollt oberhalb in den Tunnel der Kehre vor mir – die Sonne ist schon gut ein Drittel hinter dem Grat – die Lok sticht aus dem Tunnel, rollt über die Brücke – die Sonne noch da – der Auslöser rattert – der Zug rauscht an mir vorbei – pünktlich mit dem Passieren des letzten Wagens geht das Licht aus. Das war ja mal Drama pur gewesen, aber der grandiose Tagesabschluss zum letzten Büchsenlicht war geglückt.


Die letzte Klappe hält heute um Sekunden noch eben lang genug für die acht Minuten verspätet 1704 Abfahrt ab Nätschen. Die modernisierte HGe 4/4 II 106 bringt im letzten Büchsenlicht ihren Zug unterhalb Nätschen hinab nach Andermatt. Mit dem letzten Wagen fällt die Klappe und es wird schlagartig dunkel.

Was für eine Punktlandung. Auf der inzwischen fast leeren Piste lief ich anschließend hinab nach Andermatt, das langsam im Dunkeln der Nacht versank. Das war zum Tagesabschluss noch mal ein schöner Spaziergang jetzt, wo nicht mehr sekündlich Schlitten und Skier vorbeijagten und ich die Straße fast für mich hatte.


Blick von der Mettlenkehr hinab ins Tal. Die letzten Sonnenstrahlen streifen noch die Bergkuppen.

Nach einer Dreiviertelstunde, die wie im Flug verging, erreichte ich durch den Ort schließlich den Bahnhof. Ich holte mir noch einen Kaffee und eine Toblerone aus dem Avec und beobachtete einfach noch eine Weile das Treiben auf dem Bahnhof. Besonders interessant war dabei ein als R43 auf Gleis 4 bereitgestellter, abendlicher Langläufer nach Zermatt. Eine Verbindung, die es ohne Umsteigen tagsüber nicht gibt.


In Andermatt angekommen, wird gerade die 1828 Abfahrt nach Disentis an Gleis 2 bereitgestellt.


Bemerkenswerter ist aber der für Abfahrt 1837 an Gleis 4 bereitgestellte Cometen-Langläufer nach Zermatt. Für den Sommer ist das sicher eine tolle durchgehende Fahrt im Abendlicht, die so tagsüber nicht möglich ist, da die Verbindung nach Zermatt stets in Visp gebrochen ist.

Das war’s dann aber wirklich gewesen. Durch die Unterführung lief ich zum nun fast leergefegten Großparkplatz hinüber, löste das Auto aus und rollte die Serpentinen zur Gotthardstrasse hinab. Mit einem woligen Gefühl der Zufriedenheit angesichts der grandiosen Eindrücke der letzten zwei Tage, gab es auf dem Zimmer noch ein ausgedehntes Abendessen bei etwas Belustigung durch das iPad.

Für morgen sieht nun zumindest noch die erste Tageshälfte alles andere als hoffnungslos aus. Daher werde ich wohl das Zimmer hier einfach noch um eine Nacht verlängern und mein Glück morgens noch mal mit dem Autozug an der Passhöhe versuchen und mich den weiteren Tag etwas treiben lassen.

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