Im Hägglund Kreuz und Quer durch Göteborg I

Die Stena Line hat über Nacht gut Strecke gemacht und soll um 09:00 in Göteborg einlaufen. Heute und Morgen soll dann das ausgeprägte Straßenbahnnetz von Göteborg mit seinen einzigartigen Fahrzeugen ausgiebig kennengelernt werden.

Der Wecker klingelt um halb acht. Ein Blick aus dem kleinen Fenster der Kabine verrät: Land in Sicht. Allerdings nur die ewigen Ausläufer der „Skärgård“, der unzähligen der Bucht von Göteborg vorgelagerten Inseln. Das Wetter lässt vor dem Bullauge allerdings nach dem herrlichen Lichtspiel gestern Abend zu wünschen übrig. Himmel und Wasser sind kaum zu unterscheiden und so können noch ein paar Seiten im Buch gelesen werden, bis das Schiff dann wirklich Göteborg erreicht.
Um viertel vor Acht dann der last call für die „AlkoholfüreinJahrEinkäufer“ mit den Sackkarren. Man dürfe jetzt noch 15 min Alkohol an Bord verkaufen, dann würde der Shop schließen. Der Hintergrund ist natürlich, das um Acht die virtuelle schwedische Außengrenze passiert wird und damit der zollfreie Verkauf an Bord nicht mehr erlaubt ist… Mir ist’s wurscht, das beste Bier gibt’s eh zuhause. Also noch ein paar Seiten gelesen und dann geht’s eine halbe Stunde vor Anlegen auf’s Oberdeck, bei mäßig starkem Regen die Einfahrt in Göteborg „genießen“. Man gönnt sich ja sonst nichts vorm Frühstücken…
Die Fähre passiert die Hochseeterminals und wenig später die erste Brücke über die Bucht, die Älvsborgsbron. Den Weg weißt stets die vorweg fahrende „Stena Danica“ aus Frederikshavn.


Die Hochseeterminals liegen bereits hinter der Stena Scandinavica.


Wenig später wird mit der Älvsborgsbron die erste Brücke über die Bucht passiert. Vorweg fährt die Stena Danica.

Pünktlich um neun wird am „Stena Line Germany Terminal“ angelegt. Das Terminal befindet sich unweit der Straßenbahnhaltestelle „Jaegerdorffsplatsen“ mit den Linien 3 und 9. Gut, eine direkte Umsteigebeziehung ist das mit Koffer im Schlepptau nicht gerade, aber auch kein Weltuntergang. Zudem liegt eine Tankstelle mit einem 7-eleven auf dem Weg, wo direkt mal die 72h-Stunden-Karte gekauft wird, welche es nur an besetzten Verkaufsstellen gibt. Die Regelung mit den Zeitkarten ist hier in Schweden ohnehin sehr angenehm. Die Tageskarten, bzw. Mehrtageskarten gelten bei allen drei Straßenbahnbetrieben grundsätzlich 24h bzw. 72h und nicht etwa, wie oft in Deutschland bis Betriebsschluss. Das empfinde ich immer als großes Ärgerniss, da man ja meist in der Stadt übernachtet und dann am nächsten Morgen direkt die nächste Tageskarte lösen „darf“. So kommt man hier in Göteborg mit 190 Kr für 72h deutlich günstiger Weg als in mancher deutschen Kleinstadt und das bei einem wirklich hervorragenden Nahverkehrsangebot. Die Karte gilt im Übrigen neben Straßenbahn und Bus auch noch für die von den städtischen Verkehrsbetrieben betriebenen Fähren.

Nächster Punkt auf der Liste: Koffer wegbringen. Also mit der Linie 3 in die Innenstadt bis Brunnsparken, dann mit der Linie 5 zum St. Sigfrids Plan. Trotz der frühen Stunde war das Abgeben des Koffers beim freundlichen Inhaber der kleinen Pension kein Problem und nach einem kurzen Schnack ging’s wieder zurück in die Innenstadt.


Endlich: Das erste Bild eines Hägglund Vierachser. M29 811 und M27 717 verlassen als Linie 2 die Vasagatan in Richtung Brunnsparken.

Der anhaltende Dauerregen, der vom Wind noch schön aufgepeitscht wurde, forderte aber schnell seinen nervlichen Tribut. Irgendwas fehlte ja auch heute? Achja, das Frühstück, und mittlerweile war elf durch… Ein großer Cappuccino und ein sündhaft teueres Sandwichbrötchen später – egal, ich saß im Warmen und Trockenen in einem bequemen Ledersessel, das muss bei dem Wetter einfach mal sein – ging’s wieder in den Regen raus.
Was also anstellen bei diesem Wetter, wenn später durchaus noch Hoffnung auf Besserung besteht? Richtig: Einfach treiben lassen, Motive suchen und den Betrieb kennenlernen.

Die Straßenbahn in Göteborg hat zurzeit drei Wagentypen, vier wenn man zwischen den M28 und M29 noch unterscheidet.

Die ältesten sind die 70 PCC ähnlichen Triebwagen des Typs M28 von ASJL. Mit Baujahr 1965-1967 haben diese Fahrzeuge schon ein sehr stattliches Dienstalter erreicht. In der Regel werden die M28 allerdings nur noch als geführte Fahrzeuge hinter den M29 eingesetzt.
Von den M29 gibt es 60 Triebwagen. Gebaut von 1969-1972 sind auch diese Wagen schon echte Veteranen. Unterscheiden lassen sich die vom traditionsreichen Hersteller Hägglund gebauten Fahrzeuge von den M28 besonders durch die nachgerüsteten Außenschwenktüren in der Mitte. Zudem können alle Türen vom Fahrer aus geöffnet werden.

Auch die 80 Fahrzeuge des Typs M31 sind echte Göteborger Unikate. 1984 bis 1991 von ASEA als M30 gebaut, erhielten die Fahrzeuge zwischen 1998 und 2002 Niederflurmittelteile von MGB. Seither werden die Wagen nicht mehr in Traktion eigesetzt, bieten aber dank des Einzelradmittelteils einen akzeptablen Niederfluranteil.

Die jüngsten Fahzeuge sind die zwischen 2004 und 2012 gelieferten 65 Sirio-Bahnen des italienischen Herstellers AnsaldoBreda. Die als M32 bezeichneten Fahrzeuge sind jedoch bei Betreiber und Fahrgästen gleichermaßen unbeliebt. Beim Betreiber västtrafik wegen diverser Qualitätsmängel und hohem Verschleiß, bei den Fahrgästen wegen der miserablen Fahreigenschaften. Nicht nur der Kurvenlauf lässt konstruktionsbedingt zu wünschen übrig, auch das Beschleunigungs- und Bremsverhalten kann bestenfalls als Katastrophe bezeichnet werden.

Darüber hinaus verfügt Göteborg auch noch über zahlreiche historische Wagen, welche in den Sommermonaten regelmäßig auf einer eigenen Linie zum Einsatz kommen. Während meines Besuchs im April fuhr diese Linie allerdings noch nicht, ich konnte allerdings einen historischen Zug durch Zufall erwischen.

Soviel zu den Fahrzeugen. Das Liniennetz umfasst eine ordentliche Länge von 117 km und wird von 12 Linien bedient. Die einzelnen Äste werden meist von mindestens zwei Linien gleichzeitig bedient und es bestehen diverse Querverbindungen zwischen den Ästen. Bedient werden Montag-Freitag alle Linien mindestens alle 10 Minuten, in den Morgen- und Nachmittagsstunden teilweise auch häufiger.

Jetzt aber weiter mit den Bildern. Bis zum späten Nachmittag hielt sich das miserable Wetter und so hielt sich die Ausbeute in Grenzen. Ich fuhr den Linienast in Richtung Länsmansgården mit den Linien 5, 6, 10 und 13 ab. Diese vier Linien überqueren die große Klappbrücke „Götaälvbron“ und verlaufen ab der Brücke parallel. Die Linien 10 und 13 enden noch vor der Endstation Länsmansgården in Zwischenschleifen.

Die Endschleife der Linie 13 befindet sich an der Haltestelle Wieselgrenplatsen. Von hier aus erreicht man in ca. 10 Min den Keillers Park, ein Hügel, von dem man einen schönen Blick über den Hafen und Göteborg hat. Am dritten Tag meines Aufenthalts nahm in den kleinen Anstieg in Angriff. Die Bilder zeige ich des Zusammenhang wegen bereits an dieser Stelle.


Die Linien 5, 6, 10 und 13 überqueren die große „Götaälvbron“ in Richtung „Länsmansgården“. Sirio 460 rollt die Brücke Richtung Innenstadt hinab.


Die Traktion aus 729 und 747 passiert soeben den klappbaren Teil der Brücke.


In der Zwischenschleife „Wieselgrenplatsen“ endet die Linie 13. Von hier aus erreicht man zu Fuß den „Keillers Park“


Der Keillers Park bietet einen schönen Ausblick über Göteborg. Ein Besuch am Abend, wenn die Stadt im schönen Abendlicht liegt, ergab sich leider nicht.


Der Blick schweift von hier bis zurück zu den Hochseeterminals.

Motivlich gibt diese Linienbündel im weitern Verlauf nicht wirklich viel her. Sicher, bei Sonne kämen die felsigen Endstationen Biskopsgården und Länsmansgården nicht schlecht. Werfen wir lieber einen Blick in den Innenraum der urigen PCC’s. Gewöhnungsbedürftig ist schon der Einstieg in die alten M28er. Nur die vordere Doppeltür öffnet automatisch, zentral vom Fahrer gesteuert. Die hinteren Türen müssen mit Muskelkraft aufgedrückt werden. Die Türen verharren dann aber nicht etwa im geöffneten Zustand, bis der Fahrer sie, wie etwa bei älteren U-Bahn-Fahrzeugen üblich, zentral schließt. Vielmehr übt eine Feder permanent Druck auf die Türen auf, sodass sie direkt hinter einem wieder zuknallen. Mit Rucksack oder anderem Gepäck beladen durch die Tür zu hasten, ohne das die Hälfte von der schon wieder schließenden Tür eingeklemmt wird, gestaltet sich dabei alles andere als einfach…
Das einzig Moderne am Innenraum sind dann auch die kontaktlosen Validierungsgeräte für die Fahrkarten und eine digitale Zielanzeige, welche aber nur die Liniennummer anzeigt und weder Aufschluss über Ziel, noch über die nächste Haltestelle gibt. In den M28 glimmen zum Teil sogar noch Glühbirnen an der Decke. Ein weiteres Rätsel dieser eigentümlichen Fahrzeuge ist die versetzte Sitzanordnung. Der Fensterplatz ist dabei immer gut 15 cm weiter Vorn angeordnet als der Gangplatz. Der Sinn dahinter, außer das man sich permanetn die Knie stößt, beim Versuch auf den Fensterplatz durchzurücken, bleibt wohl das Geheimnis der Erfinders…


Blick in das Innere eines M28. Zu Erkennen ist neben den „Guten“ alten Glühbirnen an der Decke, auch die seltsame Anordnung der Sitze.

Nach ein paar weiteren Stunden Netzbereisung, einer Pizza und einem weiteren Capuccino – irgendwie muss man sich ja was gönnen wenn das Wetter schon so miserabel ist – wurde es am späten Nachmittag langsam trocken. Das Wetter kam von der See und dort war sogar schon ein Anflug von Helligkeit und Blau zu erkennen. Da die Strecke der Linie 11 nach Saltholmen ohnehin auf dem Plan stand, ruckelte ich in einer Ansaldo Kiste dem Meer und der Sonne entgegen.
In Saltholmen verläuft die Strecke als richtige Straßenbahn auf der Fahrbahn, entlang an wohl situierten Einfamilienhäusern und Villen mit mindestens einem XC70 oder größer vor der Haustür. Die Endschleife liegt direkt am Meer auf einer kleinen Halbinsel. Die Sonne ließ zwar noch etwas auf sich warten, aber die Kontraste waren schon wieder da und bei dem bis 19:00 dichten Takt gelang im weiteren Verlauf auch das ein oder andere Sonnenbild.


Ein M29+M28 Doppel erreicht in Kürze die Endstation der Linie 11 „Saltholmen“


Nicht gerade die ärmsten Göteborger wohnen hier in den schönen freistehenden Schwedenhäusern.


847 und 827 fahren in die Endschleife Saltholmen ein.

Die Sonne stand jetzt langsam arg tief und so verschob ich mich zwei Haltestellen stadteinwärts, wo über eine große Wiese noh Licht auf die Strecke fiel.


M31 304 fährt unweit der Haltestelle Långedrag Richtung Saltholmen.

Sonnenbilder wurden zunehmend zum Lottospiel, also trat ich den Rückweg in die Stadt an. Inzwischen rückten auch zahlreiche Kurse in das große Depot „Vagnhallen Majorna“ an der Linie 3 ein. Da auch mein Kurs einrückte, fuhr ich anschließend mit der 9 weiter bis Stenpiren. Stenpiren ist der Anleger für zahlreiche Nahverkehrsfären und liegt daher direkt an der Bucht. Im Hafen und am Kanal nach Brunnsparken hinunter ergab sich eine wunderbare Lichtstimmung mit den von der Sonne von unten angestrahlten Wolken.


Sonnenuntergang im Hafen


Wenn auch deutlich seltener, sind auch in den späten Abendstunden noch M28+M29 Doppel auf Linie. Hier zwischen Stenpiren und Brunnsparken.


Ein M28+M29 Doppel auf dem Weg zum Hafen.


Eine gefühlte Ewigkeit dauert der Sonnenuntergang an und bietet großartige Fotomöglichkeiten.


Sirio 418 am breiten Kanal bei Brunnsparken


M31 259 bei Brunnsparken


828 und 742 kurz vor Brunnsparken


M31 371 bei Brunnsparken

Eine gefühlte Ewigkeit dauert hier im Norden die Abenddämmerung an und so war es nach der blauen Stunde, oder besser den blauen 2 Stunden :D, bereits halb zehn, als der Fototag für beendet erklärt wurde. Mit der inzwischen deutlich seltener fahrenden 5 ging es zurück zum St. Sigfrids Plan.
Morgen geht’s dann nochmal kreuz und quer durch Göteborg, allerdings mit deutlich mehr Sonne und dann auch endlich mehr Bildern als Text.

Bis dann,
Tobias

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