Auf steilen Pfaden I: Über Bremgarten in die Zentralschweiz

Heute geht es vom kurzen Zwischenstopp am Bodensee endlich weiter in die Schweiz. Grobes Ziel ist die Zentralschweiz am Vierwaldstättersee, vorher wird sich aber noch etwas Warmgefahren an der Bremgarten-Dietikon Bahn westlich von Zürich.


Prolog

Nach den ersten zwei Etappen des kurzfristig zusammengeklöppelten Corona-Sommerurlaubes, beginnt für mich als Höhepunkt nun der dritte Teil:

Nach der knappen Woche im Rhein-Neckar-Raum ging es zum Wochenende vom 26.-28. Juni weiter zum Bodensee, wo ein privates Treffen abseits der Bahnfotografie auf der Agenda stand. Waren in den vergangenen Jahren die Schmalspurtouren in Deutschland und dem Alpenraum mit dem dortigen Hobbykollegen zum festen Bestandteil des Urlaubskalenders geworden, ließ sich in diesem Jahr aufgrund der unabsehbaren und kurzfristig wechselnden Umstände leider keine gemeinsame Tour planen. Wenigstens ein Wochenende abseits der Schmalspurbahnen ließ sich aber realisieren.
Am Montag soll es nun weiter in die Schweiz gehen. Ungefähr eine Woche hatte ich als Dauer mal eingeplant für diese letzte Etappe des Sommerurlaubes. Je nach Wetter würde sich das Ganze aber auch flexibel gestalten lassen. Ziel war in erster Linie die Zentralschweiz, genauer gesagt die beiden Zahnradbahnen am Vierwaldstättersee, die Pilatusbahn und die Rigibahnen. Bei beiden stehen im Laufe der nächsten Jahre tiefgreifende Veränderungen insbesondere am Fahrzeugpark an. Nachdem ich die Rigi nur einmal bei mäßigem Wetter im Jahr 2009 besuchte und die Pilatusbahn gar nur von der Talstation in Alpnachstad kannte, drängten sich beide Bahnen in den vergangenen zwei Jahren immer mehr in den Vordergrund der potenziellen Ziele.
Da ich für beide Bahnen einigermaßen Bergwetter brauchen würde, war ein genauer Besuch natürlich nicht datierbar. Vielmehr wollte ich versuchen, beide Ziele in der kommenden Woche irgendwie unterzubringen, sobald das Wetter stimmen sollte. Die übrige Zeit würde mir hier aber nicht langweilig werden: Besonders an der MGB gab es immer noch zahlreiche offene Motive und der momentan noch sehr abwechslungsreiche Wagenpark wird sich in absehbarer Zeit auch deutlich verändern. Weiterer Fixpunkt war für das nächste Wochenende die Furka Dampfbahn, welche am Freitag nach Corona-bedingter Verspätung die Saison eröffnen würde und an einem der drei Tage zwischen Freitag und Sonntag besucht werden sollte. Dort hatte ich mich abgesehen von einem Dieselzug im Jahr 2016 auch noch nie intensiver herumgetrieben.
Ein Rahmenplan stand für die nächste Woche also, wenn auch recht schwammig datiert. Der Rest würde sich nach Wetter und Motivation ergeben.


Montag, 29. Juni 2020: Warmfahren zwischen Dietikon und Bremgarten.

Zunächst galt es heute vom Bodensee in die Zentralschweiz zu gelangen. Das Wetter am Bodensee war heute Morgen mehr als bescheiden: Aus einer dicken Wolkensuppe regnete es Bindfäden. Über Stockach und Singen ging es nördlich um den See Richtung Schweiz. Vor der Grenze wurde noch ein letztes Mal der tägliche Bedarf in Euronen gekauft. Hinter Singen galt es dann eine Entscheidung zu fällen: Wo würde ich heute nächtigen? Da das mobile Internet in der Schweiz für deutsche D2-Mobilfunkkunden nach wie vor eine Unverschämtheit darstellt, würde ich die kommenden Tage in der Schweiz wie gewohnt im Flugmodus verbringen und die Unterkünfte morgens oder abends über’s WLan buchen. Ist auf seine Weise auch unglaublich entspannt, einfach mal eine Woche unterzutauchen und nur mal abends über WLan zu schauen, was in der Welt so passiert… Schnell stellte sich die Gotthardstraße zwischen Silenen und Göschenen als idealer Ausgangspunkt heraus: Abseits der Touristenströme des Vierwaldstättersees, gibt es hier einige Pensionen und Hotels, die gerade für Alleinreisende mit Preisen um die CHF 50 inklusive Frühstück sehr attraktive Preise bieten. Die halben Preise für Einzelzimmer gegenüber Doppelzimmern sind da ein echter Segen für allein reisende Biker, Mountainbiker, Wanderer oder eben Fuzzi’s 😀 So sind die Übernachtungen samt Frühstück für mich hier in der Schweiz oftmals sogar günstiger als in Deutschland oder Österreich. Lediglich der Preis für abendliche Gastronomie würde leider oftmals den Geldbeutel sprengen, aber gerade im Sommer kehre ich ohnehin meist so spät ein, dass ich mich bereits vorher im örtlichen Coop mit allerlei stärkender Nahrung eindecke.
Ich buchte also eine erste Unterkunft in Gurtnellen, einige Serpentinen oberhalb der Gotthardstraße südlich von Wassen.

Das abendliche Ziel stand also fest und es ging weiter Richtung Grenze. Für Deutsche war die Grenze bereits seit Mitte Juni wieder uneingeschränkt geöffnet worden und seit Kurzem sollte auch Schengen wieder vollständig hergestellt sein. So erwartete mich beim Grenzübertritt genau Garnichts: Wie aus einer vergangenen Normalität gewohnt, reiste ich vollkommen unbehelligt in die Eidgenossenschaft ein. Noch schnell an der Shell die obligatorische Jahresvignette gekauft und weiter ging’s.
Was ich mit dem Tag anstellen wollte war derweil weiterhin unklar. Das Wetter sollte sich gegen Nachmittag aus Richtung Süden bessern. Ursprünglich hatte ich mal die Idee gehabt, in Zürich auf Mirage-Jagd zu gehen. Beim aktuellen Wetter und nur einem einzigen Mirage-Umlauf standen die Chancen dieser Unternehmung aber denkbar schlecht. Ich schlug also einen großen Bogen um Zürich und fuhr mal in Dietikon von der Autobahn ab. Wie so viele der meterspurigen, S-Bahn-artigen, schweizer Vorortbahnen, hatte ich auch an der S17 von Dietikon über Bremgarten nach Wohlen, heute von der AVA betrieben, noch nie so wirklich intensiv fotografiert. Was lag also näher, als hier bei langsam auflockernder Bewölkung ein wenig Zeit zu vertrödeln. Durch den dichten 15-min-Takt bestanden durchaus realistische Chancen auf einige Sonnentreffer.
Unmittelbar südlich von Dietikon stellte ich das Auto an der Station Reppischhof an einer 6h-Parkscheibe ab – das sollte sich zeitlich mehr als augehen. Der interessanteste und einzig wirklich fotogene Abschnitt der Strecke befindet sich hier zwischen Dietikon und Bremgarten, wo die Strecke unter anderem durch einige Serpentinen einen Hügelkamm zwischen Dietikon und Bremgarten überwindet. Per Rad erkundete ich in den kommenden Stunden die wenigen Kilometer Strecke. Auch wenn ich zwischendurch noch zwei heftige Schauer unter Vordächern ausharren musste, entstanden auch überraschend viele Sonnenaufnahmen bei diesem Aprilwetter.


Be 4/8 5011 kurz vor Reppischhof in Richtung Dietikon. Einige „Diamanten“ wurden bereits in das neue Farbschema der AVA versetzt.

Zum Einsatz kommen heute zwischen Wohlen und Dietikon ausschließlich die ab 2010 in Betrieb genommenen Be 4/8 5001-5014 von Stadler. Unter anderem lösten die Fahrzeuge die fünf erst 1993 in Betrieb genommenen Be 4/8 21-25 von SWA, SIG und BBC ab. Diese fünf Niederflurfahrzeuge wurden daraufhin an die Wynental- und Suhrentalbahn (WSB) abgegeben. Hauptsächlich konnten durch die 14 Diamanten genannten Fahrzeuge von Stadler jedoch die BDe 8/8 1-9 aus den 60er Jahren abgelöst werden.


Be 4/8 5005 erreicht die Station Reppischhof, noch in der ursprünglichen Lackierung der Diamanten.


Be 4/8 5011 kreuzt auf der anderen Seite der Station Reppischhof die Straße. Der Streckenabschnitt von Reppischhof bis Dietikon verläuft anschließend unfotogen zwischen Straßen und Baumwerk, im Stadtbereich von Dietikon später teilweise im Straßenbereich.


Stattdessen radelte ich in Richtung Bremgarten. Nach einem heftigen Schauer entstand die nächste Aufnahme von Be 4/8 5005 kurz vor der Station Rudolfstetten Hofacker schon fast bei Sonne.


Hinter der Station Rudolfstetten Hofacker erklimmt ein Diamant die Steigung hinauf zur ersten Serpentine. Die seitlichen Ansichten über die Äcker kaschieren hier schön den Streckenverlauf unmittelbar neben der Straße.


Überraschenderweise im Rechtsverkehr durchfährt Be 4/8 5011 die Serpentine hinab in Richtung Dietikon.


Hinter der ersten Serpentine erreicht die Strecke den Ort Berikon auf dem Hügelkamm. Anschließend geht es durch drei weitere Serpentinen wieder hinab nach Bremgarten. Be 4/8 5005 hat soeben die erste der drei Serpentine durchfahren und befindet sich nun zwischen den Stationen Zufikon Belvédère und Widen Heinrüti.


Be 4/8 durchfährt die mittlere Serpentine bergwärts und erreicht anschließend die Station Widen Heinrüti.

Nun ging es erstmal hinab nach Bremgarten, bevor das bekannte Brückenmotiv über die Reuss aus dem Licht rücken würde. Beim Coop am neuen Depot wurde noch eine Stärkung eingekauft, welche anschließend im Motiv wartend gemütlich verdrückt wurde, bis nach einer Dreiviertelstunde alle gewünschten Ansichten der Reussbrücke im Kasten waren.


Trotz der interessanten Serpentinen bleibt die Reussbrücke von Bremgarten DAS Motiv der Strecke. Die Sonne meinte es gut und beleuchtete die Szenerie als ein Be 4/8 die Brücke über die reichlich gefüllte Reuss überquerte.


Auch mit dem umlackierten Be 4/8 5011 gelang vom Ufer aus eine Aufnahme vor der Stadtkulisse von Bremgarten.


Zum Abschluss noch eine spitze Perspektive mit Be 4/8 5005.


Anders als die zubetonierten teuren Wohnsiedlungen im Speckgürtel von Zürich, sind die alten Ortskerne immer einen Besuch wert. So weiß auch Bremgarten mit der alten Holzbrücke über die Reus und dem historischen Stadtkern mit engen Gassen und interessanten Ateliers und zahlreichen Restaurants und Kneipen zu gefallen.


Nach dem kurzen Stadtbummel ging es zurück Richtung Auto. Aus den inzwischen fast vollständig bebauten Hängen östlich von Bremgarten sind kaum mehr freie Blicke in den Talkessel möglich. Ein letztes Weingut schlägt sich oberhalb der untersten Serpentine aber wacker und hält den Blick auf Bremgarten zumindest hier frei. Am Nachmittag werden die Züge meist in Doppeltraktion geführt, was die hohe Anzahl von 15 Triebwagen erklärt.


Zwischen Rudolfstetten und Berikon erklimmt ein Be 4/8 die letzten Höhenmeter hinter der Serpentine auf den Hügelkamm.

Mit der Ausbeute war ich dann für das Wetter doch sehr zufrieden, zumal an diesem Reisetag ohnehin nicht viel geplant war. Gegen 16 Uhr ließ ich daher den Speckgürtel von Zürich hinter mir und fuhr weiter in Richtung Zentralschweiz. Gegen 17 Uhr kam langsam der Vierwaldstättersee in Sicht und auch die Wolken öffneten sich über dem See und den anliegenden Tälern immer weiter. Jetzt also schon bis zur Unterkunft durchzufahren, wäre eindeutig verschwendete Sonnenzeit. Bei Stans ging es also von der Autobahn. Ziel war der Motivklassiker an der Engelberger Linie der Zentralbahn südlich von Stans mit der kleinen Kapelle. Eine Großbaustelle, die Stans kurzerhand in ein Einbahnstraßensystem verwandelte, erleichterte die schwierige Parkplatzsuche hier im Einzugsgebiet des Sees aber nicht gerade. Nach einigem Gekurve war schließlich eine halb-legale Abstellmöglichkeit vor einem Schützenheim gefunden und nach zehn Minuten Fußweg stand ich im Motiv. Die nächste halbe Stunde ließ ich einfach an mir vorbeiziehen, was so kam: Zunächst ein Regio aus zwei Finken nach Luzern und anschließend in beide Richtungen der Luzern-Stans-Engelberg-Express, welcher schon seit einigen Jahren aus Kompositionen mit HGe 4/4 und ABt 8 gefahren wird.


Eine Traktion aus den zwei ABe 4/8 130 004 und 130 002 von 2004, genannt „Spatzen“, passiert die Fotowiese mit der kleinen Kapelle südlich von Stans. In Doppeltraktion fehlten mir diese Triebwagen auch noch, bislang hatte ich die „Spatzen“ nur mit den alten oder den Niederflur-Steuerwagen aufgenommen.


Anschließend folgte in kurzem Abstand der Luzern-Stans-Engelberg-Express in beide Richtungen. Als erstes kam HGe 4/4 101 962 mit dem Express nach Engelberg durch. Die Loks stehen hier leider immer Richtung Engelberg. Dennoch sind diese Züge so ziemlich die letzte Möglichkeit, an der Zentralbahn noch lokbespannte Züge mit zumindest einigen Einheitswagen abzulichten, seitdem die Brüniglinie bis Interlaken nahezu vollständig von „Aldern“ und „Finken“ übernommen wurde.

Inzwischen war 18:30 durch. Große Sprünge wären also nicht mehr zu machen und ich beschloss mit diesen schönen Abendaufnahmen den Fototag zu beenden. In knapp 40 Minuten war meine Pension oberhalb der Gotthardstrasse erreicht. Die Pension lag im oberen Ortsteil von Gurtnellen, einige Serpentinen über dem Talgrund in wirklich lauschiger Lage. Während des Abendessens schaute sogar ein Reh interessiert zum Fenster des mit Gästezimmern ausgestatteten Nebengebäudes der Pension hinein. Auch von der Straße war wiedererwartend nichts zu hören. Die Autobahn verläuft hier größtenteils in Tunnels und auf der Gotthardstrasse war um diese Zeit einfach nichts mehr los.
Ein letzter Blick ins Wetter ließ den Plan, morgen direkt den Pilatus hinauf zu klettern, Gestalt annehmen. Die weitere Planung würde dann morgen beim Frühstück stattfinden – gute Nacht.

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