Auf steilen Pfaden III: Wetterchaos und Irrwege zwischen Oberalp und Disentis

Das Wetter ist für heute eher mittelprächtig angesagt. Genau das Richtige, um sich etwas an der MGB im Tavetsch östlich des Oberalp umzusehen, wo es noch das ein oder andere Motiv zu entdecken und umzusetzen gilt. Was allerdings am Ende des Tages auf dem Chip landete und wie ich auf dem Weg zurück zum Oberalpsee kläglich scheiterte, das war so nicht planbar…


Mittwoch, 1. Juli 2020: Wetterchaos und Irrwege zwischen Oberalp und Disentis

Meine zweite Übernachtung befand sich direkt an der Gotthardstraße im Ortskern von Wassen. Mit um die CHF 50 mit Bad auf dem Gang inklusive Frühstück erneut gut bezahlbar. Das Hotel Gerig hat sich dabei auch durchaus die Bestwertung verdient. Das mächtige Holzhaus war trotz seines Alters Innen gut ausgebaut, der große Frühstücksraum wirkte für das Gemäuer schon fast zu modern. Das dort Kredenzte wurde in diesem Urlaub nicht mehr übertrumpft: Es gab Alles was man sich so wünscht, von frischem Brot und Brötchen, über hausgemachte Marmeladen, Bergkäse, Schinken bis hin zu Cerealien, Joghurt und Obst. So startet man gut gestärkt in den Tag. Der Kaffee wurde Schweiz typisch frisch aus der Siebträgermaschine in einer großen Edelstahlkanne mit separat aufgeschäumter Milch serviert – so liebe ich das einfach zum Frühstück. Der Start in den Tag war also schonmal gelungen und wiedererwartend war auch fast ausschließlich blauer Himmel vor den Fenstern zu sehen. Überhaupt war ich nach dem kräftezehrenden Marsch auf den Pilatus am gestrigen Tag, überraschend gut aus den Federn gekommen und auch Muskeln und Gelenke taten auf Anhieb anstandslos ihren Job.


Blick aus meinem kleinen aber feinen Zimmer im Hotel Gerig im Ortskern von Wassen Richtung Göschenen und Andermatt hinauf. Überraschend viel blauer Himmel ließ auf mehr Sonnenbilder hoffen als gedacht.

Da das Hotel auch von vielen Arbeitern genutzt wurde, konnte ich auf Wunsch auch schon um halb sieben Frühstücken, sodass ich am Morgen noch den vollen Sonnenschein würde mitnehmen können. So konnte ich auch einfach auf dem gelben Parkplatz unmittelbar neben dem Haus stehen bleiben, das sei kein Problem, wenn ich morgen eh so früh starten würde, wurde mir am Abend zuvor bescheinigt.

Also noch schnell am Ortsbrunnen gegenüber die Wasserflaschen gefüllt, beim daneben liegenden Volg alles nötige für den Tag eingekauft und ab ging’s Richtung Oberalp. Was für eine herrliche Fahrt über die noch im Schatten liegende Gotthardstraße: Bei geöffnetem Fenster die kühle morgendliche Bergluft um die Ohren wehen lassen und den Bergmassiven entgegenstrebend.


Ein erster Fotohalt an einer Parkbucht oberhalb von Andermatt mit Blick Richtung Hospental und Furka. Da ich für den Ernstfall noch neue Speicherkarten nachlegen musste, konnte ich auch gleich noch diesen Ausblick genießen.

Im Kreuzungsbahnhof Nätschen stand dann eine HGe 4/4 II mit irgendeinem Hobel hintendran im Gleis 2. Die würde wohl auf Kreuzung warten und ein kurzer Blick in den Fahrplan bestätigte dies. Also kurz das Auto auf dem Schotterplatz unterhalb der Bahnhofszufahrt geparkt und sich das ganze mal näher angeschaut. Nach wenigen Sekunden rollte schon Deh 4/4 23 aus Disentis kommend in den Bahnhof.


HGe 4/4 II 102 hat in Nätschen auf die Ankunft des Planzuges mit Deh 4/4 23 gewartet und wird anschließend die Fahrt Richtung Oberalpsee fortsetzen.


Durch einen kurzen Sprint hinab zur Straße konnte die Pendelgarnitur mit Deh 4/4 23 noch beim Eintauchen in den Tunnel unterhalb der großen Kehre von Nätschen aufgenommen werden.

Am Schotterparkplatz vor Beginn der großen Galerie am Oberalpsee stellte ich das Auto ab und sattelte um. HGe 4/4 II 102 mit ihrem Hobel hatte ich inzwischen wieder überholt, sodass vor der Weiterfahrt auf zwei Rädern noch eine Aufnahme des Bauzuges gelang. Während der Bauhobel im Bahnhof Oberalppass geparkt wurde, ging es für die 102 anschließend wieder hinab nach Andermatt, wo sie sich eine Vierwagengarnitur schnappte und den Tag über am Oberalp unterwegs war. Für mich ging es mit dem Rad hinab ins Tavetsch, hinter der Passhöhe wurde aber noch der Wendezug mit Deh 4/4 23 abgewartet, bevor die Bahn in Tunnel und Galerie verschwindet.


HGe 4/4 II 102 mit der Stopfmaschine auf dem Weg zum Bahnhof Oberalppass kurz vor der Galerie.


Deh 4/4 23 mit seiner dreiteiligen Wendezuggarnitur unmittelbar vor dem langen Tunnel nach Tschamut-Selva hinab.

Nachdem ich die Schotterpiste bis Tschamut herunter war, ohne dass mir eine Menschenseele auf dem für Rad und Wanderer gemeinsam teils etwas engen Weg begegnet wäre, wollte ich mal eine Perspektive vom Gegenhang auf die Strecke versuchen. So richtig kam ich aber nicht dorthin, wo ich es mir vorgestellt hatte und hinter dem Golfplatz von Tschamut-Selva war an der Schlucht des Vorderrhein Schluss. Galerie und Zug waren von hier doch etwas arg weit entfernt, aber für einen Ortswechsel reichte es ohnehin nicht mehr, sodass ich einfach gemütlich an der Schlucht wartete. Eigentlich hätte nun zuerst der Zug aus Disentis kommen sollen, denn die Kreuzung ist planmäßig auf Passhöhe. 20 Minuten nach Planzeit kam dann aber erstmal eine HGe 4/4 II vom Pass herunter – die Kreuzung schien also verlegt worden zu sein. Rund eine halbe Stunde nach Planzeit kam dann schließlich ein Komet mit zweiteiligem Steuerwagen aus Disentis Richtung Andermatt – da musste aber ordentlich was durcheinander gekommen sein… Die Verspätung schleppte die Niederflurgarnitur jedenfalls noch bis in den Nachmittag mit sich herum.


Es gibt weniger schöne Orte, um auf einen verspäteten Zug zu warten: Die Schlucht des Vorderrhein unterhalb von Tschamut.


Die verlängerte Wartezeit vertrieb ich mir mit dem Studium der alpinen Pflanzenwelt.


Soll ja durchaus Leute geben, deren hauptsächlicher Zeitvertreib sich diesem Thema widmet, während ich es nur als Lückenfüller nutze…


Dann kam irgendwann die HGe 4/4 II 102 von heute Morgen durch die Galerie oberhalb von Tschamut gekrochen, bevor aus der Gegenrichtung nach nochmals 10 Minuten ein Komet nach Andermatt durchkam.

Für mich ging es anschließend weiter hinab ins Tavetsch. Bis zur großen Aufweitung des Tals bei Dieni bleibt die Strecke dabei weitgehend unfotogen. Auf den wenigen Kilometern
von Dieni über Rueras und Sedrun nach Bugnei, bieten sich dafür den ganzen Tag über zahlreiche Motive. Hier wollte ich dann auch den übrigen Tag hauptsächlich verbringen. Blöd nur, dass es sich gerade jetzt in Windeseile zuzog. Der Deh 4/4 23 auf der Betonbrücke zwischen Rueras und Dieni und dem Val Giuv-Viadukt vor Dieni war dann auch eine Vollkatastrophe, mit dunkler Wiese und blauem Himmel darüber. Bei der folgenden HGe 4/4 102 hatte es sich dann wenigstens schön gleichmäßig zugezogen.


HGe 4/4 II 102 kommt pünktlich zum ersten Schauer des Tages über die Betonbrücke zwischen Rueras und Dieni. Es sollte nicht der letzte bleiben…

Den gröbsten Regen wartete ich unter einem Vordach in Sedrun ab. Dann ging es für den Triebwagenpendel weiter hinab nach zum Viadukt bei Bugnei.


Für den ersten Versuch am Viadukt bei Bugnei erbarmte sich die Sonne nicht. Deh 23 auf dem Weg nach Disentis


Auch der in Mumpé Tujetsch gekreuzte Komet ging im Dunkeln durch. Weit hinten am Hang bei Dieni sah ich allerdings einen Glacier herankriechen. Diesen setzte ich nochmal aus leicht anderer Perspektive um – wieder ohne dass sich die Sonne genötigt gefühlt hätte, die Szenerie in ordentliches Licht zu tauchen.

Die Fahrzeiten des Glacier Express waren mir nicht so richtig klar gewesen, ich hatte mich aber auch nicht näher damit beschäftigt, da es mir bei der MGB mehr um die alten lok- und triebwagenbespannten EW-Garnituren ging. Der Rest würde eher als Beifang mitgenommen werden. Die drei im Fahrplan vermerkten Garnituren liefen jedenfalls nicht, damit hatte ich aber auch nicht gerechnet, war ich mir doch nicht mal sicher, ob der Glacier nach der Corona-Pause überhaupt schon wieder lief. Meine Frage wurde dann schließlich durch Beobachtung beantwortet: Der Glacier aus Zermatt kam gegen 13:40 durch’s Tavetsch und am Folgetag entsprechend ca. 13:15 Uhr am Oberalp. In Gegenrichtung aus St. Moritz kam der Glacier etwas später durch’s Tavetsch und am Folgetag ca. 13:30 am Oberalp. Pro Richtung lief also täglich nur eine Garnitur und auch diese waren bestenfalls mäßig gefüllt. In der neuen Oberklasse konnte ich teilweise keinen einzigen Fahrgast erkennen.


Für den folgenden Lokbespannten ging es zum Bahnhof von Sedrun, dieser lag gerade noch einigermaßen im Licht, als HGe 4/4 102 mit drei EW und einem ex.RhB HVZ-Wagen durchkam.

Bis Segnas wollte ich nun noch weiter hinab fahren, bevor ich am Nachmittag langsam wieder an Höhe gewinnen müsste. Unterwegs wurde dann noch eine weitere Perspektive auf das Bugnei-Viadukt von Straßenhöhe umgesetzt.


Deh 4/4 23 überquert das Bugnei-Viadukt Richtung Oberalp. Ein Schimmer von Sonne lässt sich wenigstens schonmal ausmachen.

Auf der weiteren Fahrt bergab kam es dann beinahe zu einem folgenschweren Zwischenfall: Vor dem kurzen Autotunnel nach Segnas hinab, wollte ich auf eine Schotterpiste hinauf zur Bahn wechseln. Beim schwungvollen Abbiegen auf eben diese Piste übersah ich nur dummerweise eine quer über den Weg hängende Eisenkette. Das Ding war aber auch verdammt gut getarnt vor dem ebenso grauen Schotter. Aus rund 40 km/h kommend, erkannte ich den Stolperstrick gerade noch rechtzeitig und konnte kaum 10 Meter vor der Kette eben noch eine Vollbremsung einleiten. Der vordere Conti-Pneu biss sich im Schotter fest, Steinchen flogen umher, der Hinterreifen blockierte und drohte zu steigen, die Kette war nur noch wenige Meter entfernt. Die ganze Last auf’s Hinterrad bringend, kam ich schließlich, mit der Eisenkette vom Vorderreifen bereits gespannt, zum Stehen. Puuh, das hätte schiefgehen können. Fahrer, Rad und die garstige Eisenkette blieben unbeschadet und der sündhaft teure Conti auf der sicherheitskritischeren Vorderachse hatte sich endlich mal so richtig bezahlt gemacht.

Nach diesem kleinen Adrenalinstoß ging es über Mumpé Tujetsch weiter hinab bis zum Panoramablick auf den Bahnhof von Segnas. Bis zum nächsten Zug blieb noch ein wenig Zeit. Praktisch, dass genau am perfekten Ausblick auf den Bahnhof auch eine Bank für einen verspäteten Mittagsimbiss und ein Nickerchen stand.
So richtig hell war es schließlich bei Durchfahrt der HGe 4/4 II 102 nicht, der Komet Richtung Disentis war da schon etwas besser.


Der Kometenumlauf erreicht den Bahnhof von Segnas hinab nach Disentis.

Wieder zurück in Bugnei versuchte ich zum nun schon fünften Mal am heutigen Tag das Viadukt irgendwie bei Sonne aufzunehmen. Mit dem von hinten kommenden Deh 4/4 23 klappte es noch nicht, der aus Disentis kommende Komet mit Steuerwagen voraus kam dann aber endlich mal bei Sonne durch und setzte der Pechsträhne ein Ende.


Der heute sechste Versuch am Bugnei-Viadukt brachte dann endlich die erhofften Sonnenstrahlen bei Durchfahrt des Kometen ABDeh 4/8 mit Abt.

Nach diesem Wolkenloch zog es sich aus Richtung Oberalp aber schonwieder zu. Was also anstellen mit dem restlichen Nachmittag? Große Sprünge machen, um dann doch überall immer von Wolken eingeholt zu werden – irgendwie nicht so toll. Dann lieber beim Coop in Sedrun was zum Kaffee einkaufen und hier gemütlich am Viadukt sitzenbleiben. Vielleicht würde ja doch noch mal der Deh 4/4 bei Sonne durchgehen in einer Stunde und wenn das absehbar nicht klappen sollte, könnte ich ihm immer noch vorauseilen zu einem anderen Motiv weiter oben in diesem Talabschnitt.
Nachdem der Programmpunkt mit dem Kaffee und dem Herumsitzen abgehakt war, kam nach 45 min natürlich erstmal der Lokbespannte vom Oberhalb herunter, den ich aufgrund des nicht vorhandenen Lichtes ohnehin aus beliebiger Perspektive umsetzten konnte.


Der Lokbespannte mit HGe 4/4 II 102 zwischen Sedrun und Burgnei auf dem Weg nach Disentis.

Es kam dann natürlich nicht mehr zur erhofften Sonne, also fuhr ich dem Deh 4/4 23 eilig Richtung Dieni voraus, um ihn nochmal an der Betonbrücke zu schießen. Vor den schwarzen Wolken machte sich der knallrote Triebwagen schlussendlich richtig gut – das wäre bei Sonne kaum schöner gewesen, zumal diese inzwischen in der Außenkurve stehen dürfte.


Deh 4/4 23 überquert die Betonbrücke zwischen Rueras und Dieni.


Und wenige Meter weiter auf der Wiese zwischen der Betonbrücke und dem Val Giuv-Viadukt.

Was sich da nun über den Oberalp wälzte, war alles andere als lustig. Genau genommen war vom Oberalp Garnichts mehr zu sehen. Um heute Abend nicht ohne Essen dazustehen, musste ich aber ohnehin noch einmal den örtlichen Coop aufsuchen und das Proviant dann wohl oder übel auf den Oberalp hinauf fahren, denn ab 18:30 hat ja bekanntlich Alles zu…
Aus dem kurzen Einkauf wurde schließlich ein 30 minütiges Ausharren unter dem Vordach des kleinen örtlichen Supermarktes. Ein heftiger Gewitterschauer tobte sich über dem Tavetsch aus und ich beschäftigte mich derweil mit dem Sichern der herumfliegenden Auslagen. Für Unterhaltung sorgte auch das schwarze Brett an der Hauswand mit diversen Immobilienaushängen. Die abgerufenen Preise für Häuser oder Wohnungen irgendwo in der Pampa waren der absolute Wahnsinn 😀


Da muss irgendwo der Oberalp sein. Diesen Gewitterschauer wartete ich lieber unter dem Vordach des Coop in Sedrun ab.

So schnell wie das Gewitter aufgezogen war, zeigte sich über dem Oberalp auch schon wieder das nächste Feld blauen Himmels. Schnell schaltete ich aus dem Warte- wieder in den Fotomodus. Mit der Sonne über dem Oberalp und den schwarzen Wolken Richtung Disentis müsste sich doch etwas machen lassen. Da der nächste Zug aus Disentis schon von hinten drückte, ging es trotz des noch leichten Nieselregens wieder los. Auf dem kurzen Weg von Sedrun nach Dieni kam dann auch schon die Sonne heraus. Aber Moment mal, es regnete doch noch. Bei einem Blick über die Schulter zeichnete sich eine wunderschöner, doppelter Regenbogen vor den pechschwarzen Gewitterwolken ab.
Erstmal gab’s also ein Bild ohne Zug, bevor ich einem Treckerweg unter der Betonbrücke hindurch folgte und auf einer steinernen Begrenzungsmauer auf den Lokbespannten aus Disentis wartete. Mit jeder Minute tauchten aus den schwarzen Wolken wieder deutlichere Konturen der Umgebung auf, dafür verblich der Regenbogen allerdings zunehmend.
Ein wenig des wunderbaren Naturschauspiels war dann aber doch noch zu erahnen, als die HGe 4/4 II nach einer gefühlten Ewigkeit über die Brücke gerollt kam.


Ein Regenbogen wie aus dem Bilderbuch spannte sich nach dem Gewitter quer über das Tal, hier mit der Dorfkirche von Rueras.


Bei Durchfahrt der HGe 4/4 102 auf der Betonbrücke bei Rueras, war der Regenbogen schon zu einem guten Teil verblichen, dennoch ein seltener Glückstreffer, für den sich die Dusche auf jeden Fall gelohnt hatte. Die zwei Glacier-Wagen hinter der Lok hätten jetzt nicht sein müssen, aber ich will mich nicht beschweren…

Zwischen Rueras und Dieni zweigt die kleine einspurige Via Vitg von der Hauptstraße ab, welche ins kleine Wintersportdorf Milez auf rund 1,876 m hinaufführt. Aus einer der Windungen der Straße müsste sich eigentlich ein schöner Blick auf die Strecke und das gesamte Tal ergeben. Für den nicht mehr allzu weit entfernten Deh 4/4 vom Oberalp strampelte ich mal in die erste Serpentine hinauf. Passend am Panoramablick über’s Tal stand auch eine Bank, das kurze Sonnenfeld war aber leider schon wieder Geschichte und vom Oberalp drohte neues Ungemach.


Der Sonnenspot war inzwischen weit das Tal hinab gewandert und mit dem Deh 4/4 23 kam auch schon der nächste Regenschauer über den Oberalp gezogen. Bei blauem Himmel hätte die Stelle allerdings um kurz nach sechs noch im schönsten Abendlicht gelegen – kann man sich merken…


Blick von der Via Vitg ins Tavetsch.

Sechs Uhr war nun knapp durch und nach Sonnenbildern sah es nicht mehr aus. Ich sah mich also nach einem Rückweg auf den Oberalp um. Naheliegend wäre natürtlich die Route auf und entlang der Straße gewesen, aber so richtig konnte mich das nicht überzeugen zwischen den Autos herumzufahren, wo man bergauf doch ein stetes Hindernis darstellt. Auf der Karte hatte mich allerdings schon den ganzen Tag eine Alternativroute angelacht, welche diesem kleinen Sträßchen bis nach Milez folgte, von dort noch einige Meter höher über die Passhöhe führen würde und schließlich von Nordosten zum Oberalp hinunter gehen sollte, anstatt wie die Straße von Südosten.
Das kühne Vorhaben nahm also seinen Lauf. Bei erneut leichtem Regen ging es an kleinen Höfen und Scheunen vorüber Richtung Milez. Plötzlich tat sich aber schon wieder ein blaues Loch auf, während es im Tal noch kräftig regnete, was nur eines bedeuten konnte: Regenbogen, die Zweite!
Gerade als ich meinen Blick gen Tal auf das Schauspiel richtete, konnte ich bei Rueras eine kleine kriechende Schlange ausmachen. Kaum zu glauben, da kam wirklich gerade die Komenten-Garnitur durch und die Sonne kroch langsam auf die Wiese zwischen Rueras und Dieni zu. Es blieben nur wenige Sekunden: Schnell das Rad an die Seite geschmissen, die Kamera hektisch aus dem Rucksack gerissen, ein kurzer Blick ob die Einstellung wenigstens halbwegs passen und schon war der Komet unter dem Regenbogen auf der sonnenbeschienenen Wiese. Wahnsinn! Das wäre ja schon ohne Zug eine großartige Aufnahme geworden. Aber so – die absolute Krönung, die das über den Tag mitgeschleppte Wolkenpech mehr als vergessen machte…


Genau im richtigen Moment schiebt sich der Komet mit Steuerwagen über die Wiese zwischen Rueras und Dieni. Geichermaßen unplanbar wie unbeschreiblich…


Das Sträßchen nach Milez befindet sich inzwischen schon einige hundert Meter über dem Talgrund.

Was sollte mir jetzt noch die Laune verderben? Vielleicht die folgenden Kapriolen des Rückweges?! Obwohl – nein, auch davon ließ ich mir das Glück über diese Aufnahmen nicht nehmen. Wenn überhaupt, nur sehr kurzzeitig 😉
Bis zur Passhöhe ging mein Plan auch noch gut auf. Hinter Milez wechselte der Asphalt zwar zu grobschlächtigem Schotter, alles in allem aber von Untergrund und Steigung her gerade noch fahrbar. Dummerweise endete die Befahrbarkeit jedoch einige hundert Meter hinter der Passhöhe schlagartig und über einen wahlweise steinigen, oder sumpfig matschigen Pfad, ging es durch die Bergwiesen wieder hinab ins Val Val, ein kleines Tal zwischen dem Oberalppass und dem Tavetsch.


Ein letzter Blick ins nun schon weit unter mir liegende Tavetsch.


Die Passhöhe hinter Milez ist fast erreicht.

Es wurde nun doch ungemütlich nasskalt und zunehmend dunkel. Der „Zustand“ der Pfade war deutlich schlechter als angenommen und das Vorankommen, aus einer Mischung aus Fahren, Bremsen und Schieben, kaum über Schritttempo – so macht der Abbau der eben erkämpften Höhenmeter nicht wirklich Spaß… Am Talgrund des Val Val traf ich schließlich wieder auf ein kleines Schottersträßchen, welches die hiesigen Almen und Lifte aus Richtung Tschamut anschließt. Dorthin wollte ich aber eigentlich gar nicht, liegt es doch nur wenige Meter über meinem Ausgangspunkt in Dieni. Luftlinie trennten mich vom Oberalpsee inzwischen weniger als zwei Kilometer, allerdings ging es nun doch rapide Richtung Abenddämmerung und der Regen wurde immer stärker. Von dem in den Karten sogar als Biketrail markierten Pfad, welcher die letzte Kuppe hinüber zum Osthang des Oberalpsees überwinden sollte, war auch an der exakten GPS-Position kaum eine Spur zu sehen. Bevor ich jetzt hier irgendwo in anbrechender Dunkelheit anfangen würde im Nichts einen Pfad zu suchen, zog ich die Notbremse. Plan B: Die Schotterstraße hinab nach Tschamut und dann mit der Bahn hinauf zum Oberalpsee. Um kurz vor neun, also in weniger als einer Stunde, würde es noch eine Verbindung auf den Oberalp geben.

An der nächsten Alm blockierte dann erstmal eine Kuhherde die Straße. Ich hielt mal lieber an und wartete bis sich eine Gasse bilden würde. Als ich gerade weiterfahren wollte, tauchte aus der Hütte noch ein freundlicher Mann auf, welcher die Nacht wohl hier auf der Hütte verbringen würde, die Hütte wurde jedenfalls ordentlich eingeheizt. Keine falsche Scheu, ich solle einfach mitten durch die Kühe hindurch fahren, die stören sich nicht an Mountainbikern. Inzwischen hatten die Vierbeiner auch eine kleine Gasse freigegeben und ich rollte die letzten drei Serpentinen zum Bahnhof hinunter. Die dortige Anzeigetafel offenbarte mir sogleich, dass die letzte Verbindung über den Oberalp nur noch per Bus operiert würde, eine Fahrradmitnahme wäre demensprechend nicht möglich. Beides war im Grunde kein Problem: Mit was ich da nun hochfahren würde, war mir inzwischen herzlich egal und das Rad könnte ich mit dem Auto einsammeln, war doch für heute Abend sowieso ein Hotel in Sedrun gebucht. Das wäre dann auch Plan C gewesen, hätte es keine Verbindung mehr auf den Oberalp gegeben: Ich wäre einfach mit dem Rad zum Hotel in Sedrun hinuntergerollt und hätte das Auto morgen mit Bahn oder Rad abgeholt. Geld und Essen hatte ich dabei, das hätte sich notfalls also ausgegangen.
So aber rollte ich noch einmal zwei Serpentinen vom Bahnhof zur Straße hinunter, parkte das Rad an der Haltestelle, die lediglich aus einem einfachen Schild der MGB bestand und stellte mich auf der anderen Straßenseite unter das Dach einer Hütte. Bei unter 15 Grad und komplett nassgeregnet wurden die noch gut 20 Minuten Wartezeit nicht zum Vergnügen. Die Erlösung kam schließlich in Form eines Sprinters um die Ecke von Tschamut gefahren. Ich lief schnell zur Haltestelle und erklärte angesichts des fragenden Blickes der Fahrerin Richtung Velo, dass ich selbiges nicht mitzunehmen gedachte, sondern gleich mit dem Auto abholen würde, weil ich hier eh wieder durchkäme. Weder Fahrkarte, noch General- oder Halbtaxabo hatte ich auf Nachfrage vorzuweisen, sondern gedachte den vollen Fahrpreis von CHF 6,80 an Bord zu begleichen. Per Hand wurde dem einzigen Fahrgast des Abends ein Fahrschein ausgefüllt, ob die Frau auf dem Beifahrersitz auch als Fahrgast zählte, oder zur Unterhaltung der Fahrerin mitfuhr, erschloss sich mir nicht so ganz. Einige Franken wechselten den Besitzer und ich ließ mich erschöpft auf einen Platz fallen und den Oberhalb hinaufschaukeln.

Meiner Bitte, mich hinter der Galerie am Parkplatz abzuladen, wurde gern nachgekommen und so kam ich schließlich um kurz nach neun im Zwielicht und bei Regen doch noch am Auto an. Ich glaube, noch nie war ich glücklicher über die Sitzheizung und durch die Wolken hinab nach Tschamut wurde mir langsam wieder warm. Schnell noch das Fahrrad eingesammelt und nichts wie ins Hotel und unter die warme Dusche, Schlamm und Kälte abwaschen. Als ich mich schließlich wieder wie ein Mensch fühlte und ins WLan einloggte, ratterten die Nachrichten nur so aus den Messangern. Was war denn nun los? NIE MEHR 3.LIGA war los! Von mir völlig unbemerkt hatte die Eintracht einen Spieltag vor Schluss den Aufstieg in die zweite Spielklasse geschafft. Das hatte ich an diesem Tag voller Auf und Ab’s ganz verdrängt. Der krönende Abschluss eines erlebnisreichen Tages. Noch ganz gemütlich ein arg verspätetes Abendessen zusammengestellt und dann gab’s nur noch Schlafen.
Morgen darf es dann vielleicht doch mal etwas entspannter zugehen, nach dem gekraxel am Pilatus und dem heutigen wilden Tagesabschluss…

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