Auf steilen Pfaden IV: Entlang der MGB von Disentis bis ins Goms

Nach den Strapazen des gestrigen Abends soll es heute ganz gemütlich und ohne große Vorhaben entlang der MGB Richtung Goms gehen, denn wenn das Wetter überall zumacht, scheint im Wallis bekanntlich weiterhin unbeeindruckt die Sonne.


Donnerstag, 2. Juli 2020: Entlang der Matterhorn Gotthard Bahn von Disentis bis ins Goms

Heute dürfte es dann aber doch mal einen kleinen Tag Pause von sportlichen Strapazen geben. Jedenfalls hatte ich dies schon gestern Abend beschlossen, als ich gegen Mitternacht endlich erschöpft ins Bett fiel. Frühstück war hier im Hotel in Sedrun ohnehin nicht inbegriffen und die 14 Franken auch nicht gerade ein Schnapper. Ich hatte mir daher die Option offengelassen und hätte es nun, beim morgendlichen Blick aus dem Fenster, die erwarteten Bindfäden geregnet, hätte ich mir bestimmt ein ausgedehntes Frühstück gegönnt.
So aber zuckte der Auslösefinger schonwieder nervös und an ein stationäres Frühstück war angesichts der fortgeschrittenen Zeit nicht zu denken. Der restliche Körper war derweil noch nicht so ganz hochgefahren, alles irgendwie etwas verspannt und der Kopf dröhnte ein wenig vor sich hin. Das Rad würde also vorerst mal auf dem Dach verbleiben, ich räumte meine Sachen zusammen und startete mit dem Auto Richtung Val Giuv-Viadukt bei Dieni. Ein kurzer Stopp beim Coop von Sedrun und schon war auch das Frühstück mit von der Partie. Die für 12 Franken gekauften Leckereien samt Caffé Latte würden auch bis in den Abend hinein ausreichen. So gesehen allemal günstiger als das Hotelfrühstück, welches mich auch noch die zwei Aufnahmen des Viaduktes in der nächsten Stunde gekostet hätte.
Das Auto fand an der leeren Talstation der Seilbahn von Dieni seinen Platz und ich lief wie schon gestern im Ort zu einem kleinen Hof, von dessen Garageneinfahrt am Rande der Wiese sich ein schöner Blick auf das Viadukt mit dem dahinterliegenden Val Giuv eröffnet. Gestern war hier noch ordentlich Heu gemacht worden und einer der Fahrer dachte schon, ich wollte etwas von ihm, wie ich da so am Rande der Wiese neben seiner Einfahrt stand. Ich konnte ihn allerdings beruhigen, bin nur zum Fuzzen hier 😀


Der altbekannte Pendel mit Deh 4/4 23 dreht auch heute Morgen wieder seine Runden am Oberalp und konnte um kurz nach neun auf dem Val Giuv-Viadukt aufgenommen werden. Dort hinauf führte mich meine gestrige Tortour mit den grandiosen Ausblicken ins Tavetsch. Das 1926 in Betrieb genommene Viadukt wurde von 2008 bis 2009 aufwendig saniert, wobei der Trog nach neuesten Standards baulich verändert, das Mauerwerk saniert und die Fundamente verstärkt wurden. So soll das Bauwerk für weitere 70 Jahre fit sein.


Den Kometen Richtung Andermatt gab es wenig später aus der seitlichen Perspektive von der Straße aus.

In der großen Kurve von Segnas müsste eigentlich auch vormittags was gehen, vor allem sollten hier Züge in beide Richtungen klappen, was angesichts des Lokbespannten aus Andermatt und des aus Disentis zurückkommenden Deh 4/4 nun genau das Richtige wäre. Trotz des Bahnhofes ist das Parken hier jedoch unmöglich. Ich stellte mich mit dem Wagen also auf die Schotterfläche am Rand eines Hofes wo schon einige andere Fahrzeuge der Bewohner standen. Vorerst blieb ich ohnehin beim Auto um das verpasste Frühstück nachzuholen und sah den Hofbesitzern beim Abtrennen einer neuen Weidefläche zu. Für den Triebwagen Richtung Andermatt lief ich dann einige Meter in die Kurve hinein, während der Gegenzug direkt vom Bahnübergang vor dem Bahnhof ging.


Mit einem EW Verstärkung kehrt Deh 4/4 23 aus Disentis zurück und konnte in der Kurve hinter dem Bahnhof Segnas aufgenommen werden – einfach immer wieder schöne Garnituren…


Der Lokbespannte wurde heute von HGe 4/4 II 108 gezogen. Der Steuerwagen dient dabei nur als Fahrradwagen, da mit den normalen Plattenpuffern nur 50t in Steigungen ab 10 Promille geschoben werden dürfen. Zudem sind die HGe 4/4 II 101-108 der ehemaligen FO nicht vom Steuerwagen aus fernsteuerbar. Um die Frontscheibe des Steuerwagens nicht mit Kohleabrieb zu verschmutzen, hat die Lok allerdings den vorderen Panto angelegt.

Nun ging es noch fast bis nach Disentis hinunter. Der beste Blick auf den Endpunkt der MGB ergibt sich allerdings bereits vom Haltepunkt Acla da Fontauna aus, sodass ich hier auf die Rückfahrt der HGe 4/4 II wartete.


Unweit des Haltepunktes Acla da Fontauna ergibt sich der bekannte Blick auf das Kloster Disentis im ersten Zahnstangenabschnitt der Strecke. HGe 4/4 II kehrt mit ihrem falschen Pendelzug aus Disentis zurück Richtung Andermatt.

Wo sollte es heute eigentlich hingehen? Tja, das war heute Morgen schon die große Frage gewesen, nachdem ich gestern Abend nicht mehr motiviert war, irgendwas zu buchen und auch das Wetter nicht so eindeutig aussah. Die wechselnd bewölkte Vorhersage veranlasste mich dann heute Morgen zu dem Entschluss, ins Goms hinüber zu fahren und ein Hotel in Gluringen zu buchen, denn auch wenn überall Wolken sind, scheint im Wallis bekanntlich immer die Sonne 😉 Perspektivisch wollte ich auch noch den Güterzug nach Zermatt aufnehmen, sodass ich mit der heutigen Etappe schonmal einen großen Sprung in die richtige Richtung machen konnte. Einzig der unerwartet hartnäckige Sonnenschein hatte mich nun den Vormittag noch an der östlichen Rampe des Oberalppasses vertrödeln lassen, denn wenn die Sonne mal schien, wollte ich jetzt auch nicht direkt vor ihr weg fahren, zumal gestern hier nun wirklich nicht alles geklappt hatte wie gewünscht…
Langsam wurde es aber Zeit die Richtung zu ändern. Ich machte also mal einen großen räumlichen Sprung auf den Oberalp. Am Tunnelportal positionierte ich mich für den nach meiner gestrigen Erkenntnis nun nahenden Glacier Richtung St. Moritz. Die Wolken ließen mich das Motiv allerdings nicht wie geplant umsetzen, sodass ich auch noch die folgende Kreuzung der Planzüge hier abwartete.
Oberalp geht ja irgendwie immer und ich werde nie müde, die unzähligen Kalendermotive, die einem hier förmlich auf jedem Meter vor die Kamera springen, umzusetzen. So parkte ich anschließend hinter der Galerie am Oberalpsee und wartete auch den Glacier in Gegenrichtung und die folgende Planzugkreuzung noch in dieser grandiosen Landschaft ab.


Nur der Teleblick Richtung Passhöhe mit der Felskette im Hintergrund gelang mit dem von HGe 4/4 II 3 gezogenen Glacier bei Sonne. Um 12:15 Uhr überwindet der einzige Glacier Richtung St.Moritz die Passhöhe. Mit 2033 m.ü.M. nach dem Bernina die höchste Alpenquerung ohne Scheiteltunnel


Der Komet Richtung Andermatt ging dann als Nachschuss bei Sonne durch, während es den kreuzenden Lokbespannten wieder verhagelte – aber lieber ein Triebwagennachschuss bei Sonne, als eine Lok im Dunkeln…


Anschließend lief ich hinter dem Oberalpsee ein wenig den Wanderweg am Gegenhang entlang.


Um halb zwei folgt der Glacier in Gegenrichtung, gezogen von HGe 4/4 II 101.


Bei solchen Panoramen darf es auch mal eine Seitenansicht sein.


In Nätschen hat der Glacier den Kometen-Umlauf gekreuzt, welcher wenig später den Zahnstangenabschnitt Richtung Seehöhe hinaufgekrochen kommt. Im Tal ist deutlich die lange Gerade von Hospental nach Realp zu erkennen.


Durch die langsame Fahrt und das weite Sichtfeld konnte ich trotz immer mehr aufziehender Bewölkung immer einen Sonnenspot abwarten.


Auch der auf Passhöhe kreuzende Deh 4/4 23 ging noch bei Sonne durch, nun wieder nur mit drei Wagen im Schlepptau.

Das waren doch schon wieder tolle Ansichten hier am Oberalp gewesen und mit einer Sonnenausbeute von fast 100%, hatte dieser Tag schon jetzt um 14 Uhr deutlich mehr eingebracht, als ich mir angesichts der Wetterprognose erhofft hatte. Den restlichen Tag ergab sich dafür nicht mehr übermäßig viel: Zunächst lichtete ich noch einen auf Passhöhe aufgetauchten Dieselhobel der neuesten Generation ab, bevor es hinab nach Andermatt ging. Ein kurzer Blick auf den Bahnhof und einen Besuch im Coop später, fuhr ich weiter Richtung Furka. Unterwegs wartete ich noch den nächsten Zug aus Brig Richtung Andermatt am Aussichtsparkplatz am Viadukt von Hospental ab. Überraschend kam ein Zermatt-Shuttle mit Kometen-Steuerwagen durch. Das hatte ich so auch noch nicht gesehen, weder einen Zermatt-Shuttle abseits der Shuttle-Linie nach Zermatt hinauf, noch in Kombination mit einem Kometen-Steuerwagen. Mehr als ein Beweisbild war aufgrund der Wolken aber leider nicht drin.


Eines der vier neuesten Triebfahrzeuge der MGB: HGm 2/2 702 von Stadler aus einer Serie von vier Fahrzeugen aus den Jahren 2018 und 2019. Was die Schweizer irgendwie nur sehr selten hinbekommen: Dieselfahrzeuge, die nicht aussehen wie von einem Dreijährigen aus LEGO gebaut. Zum Glück sind die Schweizer Bahnen nahezu vollständig elektrifiziert…

Nach einem kleinen Nickerchen auf meiner Aussichtsplattform ging es gemütlich über den Furkapass. Der Verkehr hielt sich zum Glück auf dieser recht ursprünglichen Passstraße noch in Grenzen – das sollte bei der Rückfahrt am Samstag ganz anders aussehen…
In Oberwald angekommen, waren die beiden Planzüge dummerweise gerade durch. Also fuhr ich gleich weiter zum Geschinersee, an dem sich einer der größten kostenfreien Parkplätze befindet, den ich in der Schweiz jemals gesehen habe. Den Parkplatz kannte ich schon von früheren Besuchen und konnte ihn so zielsicher ansteuern.
Mit dem Rad ging es nun doch noch ein paar Kilometer bis nach Obergesteln, viel sprang an diesem Abend aber nicht mehr heraus, zumal Richtung Fiesch bedrohlich schwarze Wolken herumwaberten. Vorsichtshalber kehrte ich also schon nach dem nächsten Zug wieder zum Auto zurück, besuchte noch den Volg von Ulrichen für ein Abendessen und versuchte anschließend am Ortsausgang von Obergesteln noch den nächsten Planzug, was so semi gelang.


Der nächste Planzug Richtung Brig gelang zwischen Obergesteln und Ulrichen noch wunderbar im Abendlicht. Ein leidiges Thema sind auf der Linie Brig-Fiesch-Andermatt allerdings die Zugkompositionen. Gerade die moderneren Deh 4/4 91-96 hängen besonders gern in Zugmitte mit Steuerwagen voraus und Zusatzwagen am Zugschluss. Das freut keinen Fotografen…


Eine ebenso schaurige Garnitur, diesmal allerdings mit einem der älteren Deh 4/4 in der Mitte, bekam eine Stunde später nicht mehr übermäßig viel Sonne zwischen Oberwald und Obergesteln ab. Der Zug in Gegenrichtung war wenige Minuten vorher noch bei Sonne durchgekommen, dies war dann allerdings ein Lokbespannter mit HGe 4/4 II 4, was für einen Nachschuss natürlich denkbar ungünstig war.

Durch die engen Holzdörfer fuhr ich anschließend bis nach Gluringen weiter, wo das Hotel Walliser Sonne meine nächste Unterkunft sein sollte. Das Hotel ist wirklich ein riesen Schuppen und  war besonders von Bikern und Radfahrern frequentiert. Leider hatte man sich die Mühe gespart, das W-Lan auch in die oberen Etagen zu legen, was ich dann doch nicht so ganz zeitgemäß finde für ein Hotel. So verbrachte ich noch ein Stündchen vor der Tür an der frischen Luft mit Blick über das Tal, lud über’s W-Lan der Lobby das Unterhaltungsprogramm für den Abend herunter und bearbeitete über den Tag liegengebliebene Kommunikationen.
Der Blick aus meinem Zimmer während des Abendessens wäre derweil auch bahntechisch hochinteressant gewesen, leider kam der nächste Zug aber erst, als sich der Bergschatten schon bis zur Kurve vor dem Haltepunkt Gluringen vorgearbeitet hatte.


Das wäre es natürlich gewesen als Tagesabschluss: Blick aus meinem Hotelfenster über das für die Gegend typische Dorf Gluringen, mit seinen vielen kleinen Obergommerhäusern, hinab zur Kurve vor dem Haltepunkt des Dorfes. Die Obergommerhäuser gehen bis in das 15. Jahrhundert zurück und sind die Urväter des später in weiten Teilen der Schweiz verbreiteten Walserhauses. Der nächste Zug in dieser Kulisse kam leider nach dem Bergschatten…

So ging dann auch dieser vierte Tag bei frischen Brötchen, Salat und einem Calanda-Radler ganz entspannt zu Ende. Was morgen auf dem Plan steht? So ganz sicher bin ich mir da noch nicht, aber der Güterzug Visp-Zermatt wartet nun schon sehr lange auf eine fotografische Umsetzung…

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