Circum Carpati I: Prolog und 100% Niederflur in Cluj

Im Mai 2022 stand nach sieben Jahren Pause mal wieder eine Reise nach Rumänien an. Abgesehen von Bukarest gab es überall Neuigkeiten und die Straßenbahnen von Ploieşti und Craiova fehlten noch immer gänzlich in der Sammlung. In zehn Tagen ging es im Uhrzeigersinn einmal rund um und zweimal über den Karpatenbogen zu den neun, neben der Hauptstadt verbliebenen Straßenbahnbetrieben des Landes.


Prolog

Nach der Schweiz-Reise im Februar stellte sich schnell die Frage, was denn vor dem Sommer noch so gerissen werden könnte. Eine Woche Urlaub dürfte da gut und gern noch eingelegt werden, bevor die Sommerhitze und betriebsarme Ferienzeit die potenziellen Ziele wieder einschränken würde. Wie ich mir so Gedanken machte, kam mir die Idee, doch mal wieder eine Reise in der alten Familienkonstellation machen zu können, wie wir es bis Corona fast jedes Jahr gepflegt hatten. Also mal eine telefonische Anfrage gestartet, mit dem schnellen Ergebnis, dass meine Motivation dazu auch von der Gegenseite geteilt wurde. Fehlte nur noch ein Ziel, welches fast genauso schnell gefunden war. Irgendwie war bei uns beiden direkt Rumänien auf der Karte aufgeploppt. Nachdem zuletzt 2014 der Westen und 2015 der Osten beackert wurde, gab es inzwischen überall Neues oder auch bislang verpasstes Altes, was noch vor der vielleicht nahenden, großen Niederflurschwemme erlebt werden wollte. Kaum zehn Minuten waren vergangen vom Wählen der Nummer bis zur Einigkeit über das Ziel. Zeitlich sollte es wieder Anfang Mai werden, da ist es schön lang hell, sodass man ordentlich was abreißen kann, aber noch nicht so abartig warm wie in den Sommermonaten. In den folgenden Wochen wurde dann immer wieder etwas herumgeplant, wie viel Zeit es eigentlich bräuchte, welche Route am besten zu welchen Flügen passte und wie das denn so mit Mietwagen aussehe. Bei der Planung kam mal kurz der Gedanke auf, wie wir denn eigentlich 2015 nach Rumänien geflogen waren. Die Antwort wirkt aus heutiger Sicht doch schon recht historisch: Mit Air-Berlin von Berlin Tegel nach Bukarest 😀 Beides seit einiger Zeit Geschichte und um Bukarest wollten wir eigentlich auch einen großen Bogen machen, nachdem wir dort 2015 ausgiebig Zeit hatten. Zu unserer Überraschung flog aber zumindest die Lufthansa auch Cluj-Napoca aus Deutschland direkt an, wenn auch nicht täglich, so fanden wir doch für Samstagmorgen einen günstig früh gelegenen Hinflug ab München, für Montagabend einen späten Rückflug nach Frankfurt. Einzig nervig war dann, dass wir jeweils Anschlussflüge ab Hannover brauchten, denn München ist dann mit dem Auto doch etwas weit, zumal wir ja über Frankfurt zurückkommen würden und mit der Bahn nach München ist von Braunschweig ebenfalls ein ziemlicher Krampf und um diese Uhrzeit auch schlicht nicht realisierbar. Zurück hätte es ab Frankfurt natürlich auch der ICE als Rail&Fly getan und wäre wohl sogar schneller gewesen. Der Gedanke kam mir aber irgendwie erst, als wir am Ende der Reise am Fraport ewig auf den Anschlussflug nach Hannover warteten…
Schließlich stand Anfang März der Plan, der Urlaub konnte eingereicht, die Flüge gebucht und ein Mietwagen reserviert werden. Damit wäre dann im Grunde alles erledigt, sodass es ohne viel weiteren Aufwand Anfang Mai losgehen könnte.
Der Plan war eine große Rundfahrt einmal rund um und zeimal über den großen Karpatenbogen mit dem Ausgangspunkt in Cluj-Napoca. Gute 1700 Kilometer ohne Umwege würde die Fahrt von Cluj über Iași, Galați, Brăila, Ploiești, Craiova, Timișoara, Arad, Oradea und zurück nach Cluj lang werden. Verteilt auf zehn Tage vom 7. bis 16. Mai sollte das aber ohne Stress zu schaffen sein, kannten wir die meisten Betriebe doch schon von einem oder mehreren vorherigen Besuchen. Neu wäre für uns beide lediglich Craiova, für mich zusätzlich noch Ploiești – beide während der Tour 2015 wegen Sanierungsarbeiten eingestellt. Ausgiebig Zeit hatten wir zudem für Iași eingeplant, nachdem dort 2015 außer einer GT4-Bonanza fast nichts los gewesen war. Ansonsten wäre der Mai natürlich praktisch, immer über die hochlichtige Mittagszeit einige Kilometer zum jeweils nächsten Betrieb unter die Räder zu nehmen und die schönen Morgen und Abendstunden zum Fotografieren zu nutzen. Der Plan stand also, der erste Reisetag konnte kommen…


Samstag, 7. Mai 2022: Über München zu Rumäniens erstem 100% Niederflurbetrieb in Cluj

05:45 Uhr Boarding in Hannover war natürlich eine Ansage. Eine Stunde vorher am Flughafen, bedeutete für mich Abfahrt in Braunschweig um 03:45. Viel Schlaf blieb also nicht, zumindest aber wieder etwas mehr als vor den letzten Urlaubsfahrten… 😀 Mit dem Wagen die zehn Kilometer “auf’s Land” gefahren und dort ins Familientaxi nach Hannover umgestiegen und noch schnell den ersten Kaffee des Tages für die Fahrt gezogen. Während das Taxi wieder zurückfuhr, betraten wir pünktlich das Terminal in Hannover, das zu dieser frühen Stunde immer gut mit Urlaubsfliegern besetzt ist, die die günstigen Nachtslots ausnutzen. Beim Lufthansa-Checkin war aber nichts los und wir mussten auch nur unsere Koffer abgeben. Lustigerweise wussten die beiden Damen aber mit dem Flughafenkürzel CLJ mal so garnichts anzufangen und wollten die Koffer erst irgendwo nach Amerika schicken. Wir konnten ihnen unser Ziel, dass von Hannover wohl noch nie planmäßig direkt angeflogen wurde, aber näherbringen. Ist jetzt auch nicht die klassische Umsteigerdestination aus Hannover und erst recht nicht für Urlauber mit Gepäck, wird Cluj doch aus Deutschland wohl eher von Geschäftsreisenden frequentiert, da dort gewissermaßen das “Silicon-Valley” Rumäniens beheimatet ist. Guter Hoffnung, die beiden Gepäckstücke später am Tag wiederzusehen, gingen wir anschließend durch die Sicherheitskontrolle. Ein kleiner A320 voller Umsteiger brachte uns pünktlich und unspektakulär nach München.


Am Flughafen Hannover warten schon die morgendlichen Anschlussflüge zu den Drehkreuzen in Frankfurt und München. So auch unser Airbus A320 mit Abflug 06:16 nach München.

In München hätten wir nun fast drei Stunden Zeit bis zum Weiterflug. Der spätere Anschluss ab Hannover mit weniger als einer Stunde Umsteigezeit, war uns aber einfach zu unsicher gewesen, könnten doch nach Cluj bei verpasstem Anschluss weder wir, noch unsere Koffer einfach so den nächsten Flug eine Stunde später nehmen… Wir machten schon Witze, dass uns der einen Tag später ankommende Koffer dann die ganze Rundfahrt lang hinterher gejagt wäre 😀


Unser Lufthansa-Airbus hat in München angedockt und wir warten auf den Anschluss nach Cluj.

Also erstmal ein flughafentypisch unverschämt überteuertes Frühstück eingelegt – München setzt hier aber gefühlt auch deutschlandweit Maßstäbe – und dann noch irgendwie die Zeit im nicht sehr unterhaltsamen Airport von München totgeschlagen. Im Terminal 2 hat man einfach nirgends eine interessante Aussicht auf Vorfeld oder Startbahn. Zumindest ging es aber pünktlich weiter, nachdem gefühlt noch zehnmal das Gate getauscht wurde und dementsprechend mindestens doppelt so viele Info-Mails der Lufthansa eintrafen. Operated wurde der Flug von einer Embraer 190 der 100% Lufthansa-Tochter AirDolomiti inklusive Gartenstuhlkomfort. Zumindest konnte ich uns am Vortag aber die Plätze am Notausgang der 2+2 bestuhlten Sardinenbüchse sichern. Trotzdem war es ein wirklich grässlicher Flug. Praktisch die ganzen knapp zwei Stunden rüttelte der Pilot auf einer unfassbar turbulenten Flughöhe herum. Gepaart mit den unfassbar unkomfortablen Sitzmöbeln wäre danach erstmal ein Besuch bei Orthopäden angesagt gewesen. Unterhaltsam war zumindest aber das Bordpersonal. Der Hüne von Stuard hätte gut und gern auch als Türsteher arbeiten können mit seinem grimmig gelangweilten Blick, dem glatt rasierten Kopf und dem zwei Meter breiten Kreuz. Als er dann in Flugzeugmitte direkt neben uns mit derart lässig/gelangweilter Mimik und Gestik die Sicherheitsinstruktionen “vorspielte”, mussten wir uns schon arg zusammenreißen, den Ernst zu bewahren und nicht laut los zu prusten. Einfach nur Comedy pur, wie der Stuart den Sicherheitsgut nur wenige Zentimeter öffnete, weil seine Schultern dann bereits zwischen den Gepäckablagen klemmten. Gleiches Spiel beim Ausbreiten der Arme zum gestikulieren der Notausgänge. Fast hätten seine Oberarme die Fahrgaströhre der kleinen Embraer auseinandergesprengt.

Wie um den ruppigen Flug zu unterstreichen, knallte der Pilot der AirDolomiti die Kiste dann in Cluj auch ohne jegliche Skrupel auf die Betonpiste – das Abfangen verdiente eigentlich den Namen nicht… Ein kleines Kabinettstückchen war dann auch die Bus-Choreografie in Cluj. Der Provinzflughafen scheint ausschließlich Vorfeldpositionen zu haben. Diese liegen aber kaum 50 Meter vom Terminal entfernt. Trotzdem warteten 30 Meter neben dem Flieger zwei Busse, alle wurden dort hinein verfrachtet, die Busse fuhren 50 Meter weiter, hielten 20 Meter neben dem Eingang und ließen die Fahrgäste wieder frei. Hätte man vielleicht auch ganz ohne Busse geschafft…
Die Einreise war problemlos und auch die Koffer waren nicht nach Amerika geflogen. Schon standen wir also vor dem Sixt-Schalter der kleinen Ankunftshalle des Provinzflughafen. Über Check24 hatten wir bei einem Subunternehmer von Sixt einen Kompaktwagen reserviert. Wie gewohnt war der Schalter erstmal verlassen und verschlossen, wie auch alle anderen Schalter. Wahrscheinlich gerade alle gleichzeitig draußen eine Raucherpause einlegen, war ja schließlich beste Mittagszeit. Ein weiterer Ankömmling blieb aber gelassen als wir meinten, erst fünf Minuten zu warten und schon trudelten nach und nach an allen Schaltern wieder die Bediensteten ein. Auch unser Sixt-Dealer tauchte alsbald auf – da hatte man schon deutlich länger vor Mietwagenschaltern vervracht… Er habe einen nagelneuen Wagen für uns, der sei aber Automatik statt Handschalter, ob das ein Problem sei. Bei den Handschalter-Liebenden Deutschen war diese Frage ja durchaus verständlich, obwohl eine Automatik in der Regel ja eher mehr kostet bei den Vermietern. Uns egal, wir hätten nur Angst gehabt, einen Dacia zu bekommen, war unsere Antwort, woraufhin der junge Vermieter verständnisvoll lachte. Er habe aber gehört, viele Deutsche führen immerhin den Dacia Duster. Das konnte ich bestätigen, zulassungstechnisch ist das sicher das erfolgreichste Modell in Deutschland. Ob es an Mehment Scholl, oder einfach am grusligen Trend zum SUV liegt, sei mal dahin gestellt…

Jedenfalls bekamen wir vor dem Flughafen einen nagelneuen Skoda Scala mit gerade einmal 4000 Kilometern auf dem Tacho und noch ordentlich Neuwagengeruch im Innern übergeben. Ich übernahm für heute erstmal die Rolle des Navigators auf der rechten Fahrzeugseite und lotste uns mit der noch ungewohnten DSG in die Innenstadt. Immer ein schöner Moment, wenn man die Kupplung durchtreten will und wahlweise in Leere tritt, oder aber stattdessen voll in die Bremse latscht 😀
Fast schneller als mit der Automatik, aklimatisiert man sich im auf den ersten Blick etwas wilden rumänischen Verkehrsgeschehen. Wie der Sprache, so ist auch dem Fahren eine gewisse Nähe zum italienischen nicht abzusprechen. Nur, dass “offizielle” Verkehrsregeln und Schilder hier praktisch keinerlei Bedeutung haben. Vielmehr wird gefahren, wie es die Situation zulässt, aber stets mit einem erstaunlichen Maß an Umsicht und immer der rechtzeitigen Rücksichtnahme und Kommunikation, bevor irgendwas passieren kann. Während etwa in Polen ja auch recht gesetzlos gefahren wird, kommt es mir dort im Verkehr immer unfassbar aggressiv und darvinistisch vor. Hier in Rumänien dagegen läuft das Ganze irgendwie mit einer gewissen Lockerheit und Rücksicht ab. Aber dazu kommt sicher noch mehr die Tage, ein/zwei Kilometer haben wie schließlich zu fahren auf dieser Tour…

Der Straße vom Flughafen Richtung Innenstadt gefolgt, kommt man praktisch direkt an der einzigen Straßenbahnstrecke von Cluj raus. Jedenfalls wenn man einmal in der Innenstadt passend rechts abbiegt. Wir folgten der Linie erstmal ein kleines Stück stadtauswärts und parkten den Wagen in der Nähe des Bahnhofs an der Strecke der Linie 102 Richtung Industriegebiet.

Die eine, rund 12 Kilometer lange Durchmesserstrecke, wird nach wie vor von drei Linien bedient. Die Strecke führt aus dem Osten vom Bulevardul Muncii über den Bahnhof (Piata Garii) zur Strada Bucium. Die Linie 102 bedient dabei die Gesamtstrecke, die Linie 100 fährt vom Bulevardul Muncii zum Bahnhof und die Linie 101 vom Bahnhof zur Strada Bucium. Der große Betriebshof befindet sich am Rande des östlichen Industriegebietes einige Meter weit hinter der Endschleife Muncii. Aber auch am westlichen Ende gibt es an der Schleife im Trolleybusdepot Bucium einige Abstellmöglichkeiten.

Seit 2021 ist Cluj-Napoca der erste rumänische Betrieb, welcher zu 100% Niederflurfahrzeuge einsetzt. Bei unserem Besuch 2015 waren gerade die vier PESA Swing 81-84 aus dem Jahr 2012 noch recht neu, diesmal sind es die 24 von 2020 bis 2021 gelieferten, dreiteiligen Imperio von Astra mit den Nummern 55-69 und 85-93. Einen der vier Swing auf Linie zu erwischen, ist damit schon gar nicht mehr selbstverständlich, denn zumindest heute am Samstag dürfte es einen deutlichen Fahrzeugüberhang geben.

Wir liefen erstmal Richtung Bahnhof, um erste Aufnahmen der neuen GTx-Imperios nach Avenio-Vorbild abzulichten.


24 dreiteilige Astra-Imperio, von der Avenio-Plattform von Siemens abgeleitet, stehen heute in Cluj-Napoca im Einsatz und bewältigen damit den Löwenanteil des Verkehrs auf der von drei Linien bedienten Durchmesserstrecke. Imperio 60 ist auf der Linie 101 zur westlichen Endschleife Strada Bucium im Einsatz und wendet hier in der Blockumfahrung am Bahnhofsplatz (Piata Garii).


Von der östlichen Endschleife Bulevardul Muncii erreicht Wagen 85 als Linie 100 seine Endstation an der Blockumfahrung am Bahnhof. Typisch für Rumänien, werden in der Zielanzeige immer beide Endstationen gleichzeitig angezeigt, unabhängig davon, in welche Richtung der Wagen unterwegs ist. Irgendwie bekommt man es hier auch hin, die LED-Anzeigen deutlich hochfrequenter auszuführen, sodass sie für den Fotografen selbst bei 1/640 noch problemlos ablesbar sind.

Hatten wir eigentlich irgendetwas gegessen seit dem spärlichen und überteuerten Frühstück in München? Irgendwie nicht. Zum Glück kann man in Rumänien bei allem, was größenmäßig knapp über Verkaufsbude mit Fenster liegt, heute mit Karte bezahlen. Also in ein recht “hippes” Café/Bistro unweit des Bahnhofes gesetzt und erstmal ein frisch gebackenes Sandwich und ein Cappuccino genehmigt. Gleichzeitig vermeldete mein Smartphone den Start des Spiels der Eintracht gegen Meppen. Heute ein Sieg und der Aufstieg (in die 2. Liga) wäre sicher. Also mal die ARD-Mediathek konsultiert und tatsächlich funktionierte der Stream – dummerweise lag die Eintracht nach Elfmeter in der 2. Minute schon 1:0 hinten… Nach kurzer Pause brachen wir aber wieder auf – die Arbeit ruft. So verpasste ich knapp das 0:2 in der 16. Minute – das lief ja mal richtig toll…


Auf der Strada Horea liefen wir weiter Richtung Innenstadt. Imperio 87 verlässt die Haltestelle Horea Richtung Innenstadt. Die neuen Imperios tragen in allen vier Betrieben (Arad, Galați, Oradea und Cluj) dieselbe, recht schlichte und pragmatische, aber nicht unbedingt ungefällige Fahrzeugfront. Die mit den Pesa Swing eingeführte Lackierung ist dann aber doch von eher zweifelhafter Schönheit und macht das Fotografieren dieser Kisten nicht eben zur Freude. Schwarz/Grau/Pink – wer kommt den auf solche Ideen? Richtiggehend schick wirkt die dynamische, schwarz/weiß/rote Lackierungsvariante in Arad und auch das etwas kitschig knallige blau/rot in Oradea kann durchaus gefallen. Gut, das Subaru-Vista/Silber in Galați ist dann fast genauso schrecklich wie das Pink in Cluj. Hatte Frankfurt sich diese schreckliche Farbe nicht mal patentieren lassen, damit niemand anders seine Fahrzeuge damit verhunzen kann?

Nicht wenige Sakralbauten wurden in Rumänien während der sozialistischen “Ära” zwischen Plattenbauten “versteckt”. Auch die Biserica Sfântul Nicolae an der Strada Horea fällt im Straßenverlauf zunächst kaum ins Auge. Erst wenn man frontal vor dem Gebäude steht, fällt der Blick in den schmalen Spalt zwischen zwei Plattenbauten, hinter denen leicht versetzt die Biserca steht.


Auf der direkt auf die Innenstadt zulaufenden Strada Horea ist das Fotografieren wegen des Autoverkehrs nicht so richtig einfach. Auch am Samstagnachmittag tost hier der Verkehr – gut, waren wir letzte Mal auf einen Sonntag hier. Mit etwas Glück klappte dann von Imperio 60 auf dem Weg zum Bahnhof aber doch mal wieder eine Aufnahme. Im Hintergrund biegt die Strecke nach dem kurzen Verlauf zwischen Bahnhof und Innenstadt in Nord/Süd-Richtung, wieder in Ost/West-Richtung ab.


Hinter dem Knick werden mehrere repräsentative Bauten der Universität passiert. Die schwarzen Gewitterwolken sorgten derweil für ein Déjà-vu, waren wir doch vor acht Jahren genau an dieser Stelle ebenfalls von einem Platzregen heimgesucht worden. Heute blieb es trotz der bedrohlichen Kulisse erstaunlicherweise trocken.


In Gegenrichtung kommt der einzige heute eingesetzte Pesa Swing durch. 120Na 83 bedient die Linie 102 vom Bahnhof zur Strada Bucium. Zum Glück hatten wir beim letzten Besuch am Sonntag-Vormittag ewig an der dortigen Endschleife ausgeharrt, bis 120Na 81 endlich gegen Mittag ausgerückt war, denn auch heute machten sich die polnischen Fahrzeuge äußerst rar, nur das eben statt KT4D aus Berlin und Potsdam, heute die Imperios die Hauptlast des Verkehrs stemmen.


Hinter der nächsten Ecke erreicht Imperio 61 die Haltestelle Opera Maghiara.


Wenige Meter weiter ist die namensgebende Oper zu sehen, als Imperio 68 an das Ufer des Canalul Somesul Mic einschwenkt.

Vorerst waren wir mal genug gelaufen und zogen uns an einem Automaten vor der Oper jeweils zwei Fahrscheine. Ja, Automaten gibt es inzwischen praktisch bei allen rumänischen Betrieben, wenn auch teils spärlich verteilt. Nur das Kartenangebot ist nicht immer das Sinnvollste: Hier in Cluj gab es beispielsweise keine Einzelfahrscheine an den Automaten, sondern immer nur Tickets für gleich zwei Fahrten. Ein Rätsel blieb dabei allerdings, wie man die Tickets denn entwerten sollte, sodass praktisch unklar blieb, wann denn die zweite Fahrt gültig wäre. Die einfachste und modernste Methode bei inzwischen allen Betrieben gibt es allerdings direkt in den Fahrzeugen, wie wir bei der Mitfahrt bemerkten: Dort kann man vor ein kleines Gerät einfach per NFC die Kreditkarte halten und bekommt in Form eines Kassenbon direkt und unkompliziert einen Einzelfahrschein ausgestellt. Mehr können diese Geräte dann aber auch nicht, die Beschaffung von Tageskarten bleibt damit bei vielen Betrieben weiterhin eine Herausforderung, denn auch bei den stationären Automaten sind längst nicht immer Tageskarten in der Auswahl.

Das gesamte Streckennetz saniert und den kompletten Wagenpark ausgetauscht – da könnte man doch jetzt von einer angenehmen Mitfahrt ausgehen. Nur hatte man in Cluj anscheinend nicht an einen Schleifwagen gedacht und so rumpelte unser Imperio mit einem Höllenlärm und übelsten Vibrationen zur Endschleife Strada Bucium. Ich nutzte die Zeit um noch mal bei der Eintracht rein zu zappen. Noch vor der Halbzeit war der Anschlusstreffer gefallen und während der Bahnfahrt fiel dann in der 2. Halbzeit gar der Ausgleich. Wir machten ein Bild an der Endstation, sonst war hier an der Wendeschleife am Trolleybusdepot aber in Sachen Straßenbahn so Garnichts mehr los, während 2014 noch einige Wagen in der Abstellung gestanden hatten.


Imperio 68 wendet durch die Endschleife an der Strada Bucium durch’s Trolleybusdepot.


Der nächste Kurs nimmt an der Abfahrtshaltestelle die ersten Fahrgäste auf. Ein wenig unklar sind hier die Haltepositionen, befinden sich doch drei separate Haltestellen für Trolleybus, Bus und Straßenbahn an der Straße. Imperio 61 hat beschlossen, einfach mal an der ersten zu halten.

Hätten wir mal den letzten Imperio noch schnell genommen, denn irgendwie war jetzt große Flaute. In der Schleife war nichts mehr und der nächste Wagen aus der Stadt ließ dann bestimmt zwanzig Minuten auf sich warten. Naja, es war eh kein Wetter und ich konnte in Ruhe meine Flat leersaugen und das Eintrachtspiel zu Ende schauen. In einer spannenden Schlussphase war das bessere Ende auf Seiten von Meppen, die die Braunschweiger mit leeren Händen nach Hause schickten. Der erste Matchball zum direkten Aufstieg war damit vergeben. Mal schauen was Lautern morgen macht. Bei einer Niederlage der Lauterer würde die Eintracht schon morgen auf dem Sofa aufsteigen…

Die Motivation war jetzt irgendwie nicht mehr so gegeben bei dem abgeschmierten Wetter. Wir hatten paar schöne Bilder der Neuen und mehr war hier beim diesjährigen Besuch auch nicht geplant gewesen. Nachdem dann doch endlich wieder ein Wagen kam, rumpelten wir zurück in die Stadt. Dort wollten wir noch das österreichische Café aufsuchen, bei dem wir schon 2014 eine Kalorienbombe von Sachertorte samt Kaffee genossen hatten. Wir fanden das Viena Bistro auch auf Anhieb wieder in der Fußgängerzone, ließen uns nochmal für 20 Minuten nieder und schauten schonmal voraus, wie weit man es denn heute noch schaffen könnte Richtung Iași.
Vom Piata Unirii strömten derweil unzählige bunte Figuren herüber, die hier wohl das indische Farbfest “Holi” kulturentfremdet hatten. Da konnte man jetzt wunderbar allerhand lustige Gestalten beobachten – was Besseres gibt’s doch beim gemütlichen Kaffee nicht.


Beim Weg durch die Fußgängerzone fielen mir gleich die noch immer fehlenden Zeiger am Kirchturm auf.

Nach unserer eigenen Ehrlichkeit bemessen, waren unsere nicht entwertbaren zwei Fahrten jetzt abgelaufen. Den Rückweg zum Auto nahmen wir daher wieder zu Fuß in Angriff. Bei der Gelegenheit warf ich auch noch einen Blick auf die andere Seite des Bahnhofsgebäudes. In diesem Land steht ja doch immer mal was Bekanntes herum. Neben der obligatorischen 150er als Denkmal, kurvten auf den Gleisen zahlreiche 628er für die CFR und IRC herum.


Auf dem Weg zurück zum Bahnhof gab es auf der Strada Horea noch mal einen Imperio mit bisschen Tele Richtung Innenstadt gesehen.


Am Bahnhof tummeln sich diverse 628er. Nicht die letzten, die uns auf dieser Reise begegnen sollten. Gefühlt haben sich die Karren in den letzten Jahren gut verbreitet im Land. Bei unseren zahlreichen Mitfahrten auf der 2015er Reise waren uns die ehemaligen Deutschen noch gar nicht begegnet.


Der rumänische Bahnverkehr ist halt doch gut abgerockt. Irgendwie sollten wir in den folgenden Tagen das ewige Gejüppel mit der Bahn aus 2015 nicht so richtig vermissen. Da können Ortswechsel doch mal fast einen Tag dauern die man mit dem Auto über Mittag mal eben in drei, vier Stunden abreißt…


Eine Denkmallok darf an einem richtigen Rumänischen Bahnhof natürlich nicht fehlen. In Cluj wurde mit der 150 139 eher der Standard aufgefahren und gibt sich ein Stelldichein mit der Mobilität der 2020er Jahre…


Bemerkenswert ist auch die Architektur des eben schon im Hintergrund erkennbaren Carrefour market am Bahnhof. Ich finde es ja immer schön, wenn sich Supermärkte in die vorhandene Architektur integrieren und nicht die immer gleichen Standard-Filialen aus dem Boden stampfen. Da schauten wir im nur äußerlich etwas blätternden Supermarkt doch gleich mal vorbei für eine erste Ladung Wasser und Überlebenssnacks für’s Auto.

Damit stand jetzt auch gleich die größte Etappe auf dieser Rundfahrt an: Der Ortswechsel von Cluj nach Iași im Nordosten des Landes einmal quer über die Karpaten. Knapp 400 Kilometer Landstraße. Fahrzeit dürfte so etwa 6 1/2 Stunden sein. Den Großteil davon würden wir natürlich morgen Vormittag abreißen, zumal man die landschaftlich durchaus reizvolle Strecke dann auch nicht gewaltsam hinter sich bringen muss. Ein bis zwei Stunden könnten wir heute Abend aber noch abspulen bevor es dunkel werden würde. Die ersten Minuten Richtung Osten folgten wir dabei noch der Strecke zum Bulevardul Muncii, der praktisch auf der anderen Seite des Flughafens verläuft als die Straße, die wir parallel zum Trolleybus hineingefahren waren. An der grünen Endschleife in Seitenlage kam schon fast wieder die Sonne raus. Das reichte uns für ein Bild an dieser vielleicht letzten rustikalen Stelle des Betriebes. Ein Blick über den Depotzaun offenbarte noch zahlreiche abgestellte Potsdamer KT4D. Von den Berlinern waren hingegen hauptsächlich noch einige Leichen zu erkennen.


Imperio 93 wendet in der Endschleife am Bulevardul Muncii.

Hinter dem Flughafen wechselten wir auf die 16, deren Verlauf uns Iași schon mal ein Fünftel näherbringen sollte. Ich schaute mal, wo man denn unterwegs nächtigen könnte und der nächste ernsthafte Ort wäre Reghin, wo die 16 dann in die 15 übergehen würde, welcher dann wiederum rund die Hälfte der Strecke bis Iași zu folgen wäre. Bis dorthin war es inzwischen noch eine gute Stunde und bei booking taten sich dort diverse Nächtigungsmöglichkeiten auf. Problem war hier – und es war das einzige Mal auf der ganzen Reise – dass die Mobildaten immer mal wieder unter 4G rutschten und das Buchen etwas zäh gestalteten – im Entwicklungsland Deutschland freilich ein Luxusproblem 😀 In dieser Provinzstadt sollten wir für knapp 30 Euronen auch gleich zu Beginn unsere günstigste Nächtigung der Reise bekommen.

Bis dorthin waren es aber noch einige Kilometer und die Landschaft wurde auch sogleich interessanter, leicht hügelig und sogar Serpentinen hatte es unterwegs. Mit der ungewohnten DSG gestalteten sich diese aber noch etwas mühsam. Als heutiger Navigator beobachtete ich die Akklimatisierung des Wagenlenkers mit dem rumänischen Überlandverkehr gleich mal interessiert. Klassische “Straßenorte” werden hier im Osten des Landes gern mal mit 70 bis 90 durchfahren. In offener Landschaft erhöht sich das Tempo dann auf 90 bis 110, wenn man es eilig hat, ist allerdings auch alles darüber möglich. Nur in größerer Wohnbebauung wird dann das Tempo auf klassische 50 gedrosselt. Solche Orte waren aber vor Reghin nicht mehr auf der Landkarte. Unabhängig ist das Ganze selbstredend von den Schildern am Straßenrand. Die erwecken aber auch immer wieder den Anschein, als habe jemand auf einer Karte einfach eine Kiste mit Modellschildern ausgeschüttet und diese seien dann in der realen Welt einfach dorthin gepflanzt worden, wo sie auf der Karte nach Prinzip Zufall gefallen waren. Immer mal wieder passierte man an den unmöglichsten Stellen mit Tempo 100 ein “30 aufgehoben”-Schild und konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wo denn das Gegenstück gestanden haben könnte und erst recht nicht aus welchem Grund. Durch die späte Stunde und den Samstagabend fehlte heute allerdings noch der Schwerlastverkehr, den zu überholen dann ab Montag noch ein weiteres Kapitel des rumänischen Straßenverkehrs öffnen würde.


Klassische Straßendörfer auf dem Weg Richtung Iași. In diesem gibt es zumindest eine Straßenkreuzung, was gleichzeitig eine leichte Reduzierung des Überlandtempos bedeutet.


In den ländlichen Regionen sind auch heute Pferdefuhrwerke noch keine Seltenheiten, während sie in den größeren Städten inzwischen doch eher der Vergangenheit angehören.


Viehwirtschaft wird hier durchaus noch in klassischer Form betrieben, mit kleinen “Einheiten” und entsprechend hohem Personalschlüssel – so wie man es bei uns nur noch aus der Werbung kennt…

Knapp vor der Dämmerung erreichten wir schließlich Reghin und steuerten den Parkplatz der mitten im Ort gelegenen Pension an. Hier schien gerade eine Veranstaltung zu Ende zu gehen, jedenfalls tobten noch überall wild die Kinder umher. Nachdem man uns zunächst das Raucherzimmer aufdrücken wollte, bekamen wir dann doch eine rauchfreie Nächtigungsmöglichkeit angeboten. Auch dieses Zimmer mit Einzelbetten, weshalb die Frage aufkam, warum uns denn überhaupt erst bewusst das verrauchte Zimmer gezeigt wurde…

Nach der Veranstaltung schien das Restaurant im Erdgeschoss schon schließen zu wollen. Wir hatten aber keine Lust jetzt noch im Ort irgendwas zu suchen, zumal Reghin jetzt auch nicht riesig ist und man eine Fressmeile wohl vergebens suchen würde. So bekamen wir zumindest noch Schnitzel mit Pommes und Salat und Schnitzel mit Pommes und Salat zu Auswahl gestellt. Dazu zum standesgemäßen Rumänien-Einstieg ein großes Ursus. Gut erledigt vom wie gewohnt anstrengenden ersten Reisetag war dann auch schnell Schicht. Die Frage nach dem Frühstück am morgigen Sonntag wurde mit ab 10Uhr beantwortet. Könnte man da nicht gleich sagen, dass es kein Frühstück gibt? 😀 Würden wir uns eben im Ort etwas Gebäck holen und einen Kaffee gäbe es auf jeden Fall an der ÖMV am Ortseingang.

Morgen gibt es dann nochmal 300 Kilometer Landstraße einmal über die Kaparten, bevor am Nachmittag Iași erreicht wird, wo dieses Mal hoffentlich mehr auf uns wartet, als eine reine GT4-Bonanza.

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