Im Juni 2025 ging es an den längsten Tagen des Jahres für eine Radtour in die Schweiz. Im ersten Teil geht es entlang der Zentralbahn vom Engelbergertal hinauf bis Hasliberg am Brünig.
Die Reise zu Japans Straßenbahnen wird uns hier noch mehrere Monate begleiten. In der Zwischenzeit gab es im Juni schon wieder eine kleine Tour. Diese Reise zum Radfahren in die Schweiz werde ich hier in den nächsten Wochen als Auflockerung immermal zwischenschieben.
Prolog
Nachdem die jährliche Foto-/Radtour in die Schweiz vergangenes Jahr kurzfristig ausfallen musste, war in diesem Jahr ein erneuter Anlauf geplant. Bis in den September warten, in dem die Tour letztes Jahr angedacht war, wollte ich allerdings nicht mehr. Also noch vor der großen Sommerhitze mit täglichen Gewittern dachte ich mir, und plante die Tour um die längsten Tage des Jahres Ende Juni. Ein paar Wochen früher wäre mir noch lieber gewesen, das ging sich allerdings aus verschiedenen Gründen nicht aus.
Der Fokus sollte dabei in diesem Jahr noch einmal mehr in Richtung Radfahren schwenken, als ohnehin schon. Erstmals wollte ich das Auto einfach irgendwo paar Tage stehen lassen und sozusagen “unsupported” völlig ohne die “Last” des täglichen Autoverschiebens unterwegs sein. Am Setup musste dafür natürlich ordentlich gebastelt werden, um das MTB zum vollwertigen Reisemobil auszubauen, ohne dass dabei durch einen komplett schwer berödelten Bock der Fahrspaß abhanden geht. Die Schnittmenge der Leute mit diesen beiden von mir bei meinen Schweizreisen verbundenen Hobbys mag zwar gering sein, aber vielleicht interessieren die Gedanken zur Ausrüstung doch den ein oder anderen. Wenn nicht: Die folgenden Absätze einfach überspringen 😉
Es musste also vorrangig reduziert werden: Was braucht es wirklich unterwegs? Die große Vollformat? Sicher nicht! Das über den FTZ-Adapter an meiner Nikon Z50 montierte AF-S 18-35 3,5-4,5 war es auch schonmal nicht. Das bringt mit dem Adapter 500g auf die Waage und ist viel zu sperrig. Ich schoss also für paar Euronen gebraucht das APS-C Kit-Objektiv Z DX 16-50 3,5-6,3. Bei der vor zwei Jahren ebenfalls gebraucht gekauften Z50 hatte ich darauf extra noch verzichtet, da ich der Qualität nicht wirklich über den Weg traute. Aber paar Testrunden bestätigten dann, dass es für Landschaft im Hellen vollkommen ausreicht. Es fühlt sich zwar bisschen billig an, ist aber anständig verarbeitet und vor allem haben selbst diese, für die spiegellosen Mounts neu entwickelten “Billig-Objektive” einen enormen Qualitätssprung gemacht. Nicht zu vergleichen mit dem, was man vor zehn, zwanzig Jahren zum Kamera-Body “geschenkt” dazu bekam. Der Kompromiss ist hier vorrangig die Lichtstärke und weniger die Abbildungsleistung, erst recht nicht an einem “nur” 20MP-Sensor. Und was man bei diesem Kompromiss durch die pencakeartige Bauweise gewinnt: Das Teil wiegt keine 150 Gramm und baut gerade einmal 3,5 cm tief. Zusammen mit der Z50 bringt die Kombi gerade einmal knapp 580 Gramm auf die Waage. Für optimierte Abbildungsleistung und Lichtstärke holte ich mir vor der Reise noch spontan die Viltrox 25mm 1,7 Festbrennweite, von Maßen und Gewicht fast identisch zum Nikon Kit-Zoom. Gesamtgewicht der Fotoausrüstung somit nur 800 Gramm. Zum Vergleich: Meine Nikon Z6II mit dem 24-120 f4 bringt allein 1300 Gramm auf die Waage und hätte einen beträchtlichen Teil des Rucksacks in Anspruch genommen.
Womit wir beim Thema Rucksack wären. Normalerweise nutzte ich bislang beim Biken den Evoc Photop 22l. Ich glaube diese Version mit Rolltop wird aktuell gar nicht mehr produziert. Zumindest ist der super geräumig auch für eine Vollformatkamera mit Standard-Zoom und Verpflegung für einen ganzen Tag. Aber dann doch viel zu groß und schwer, um den tagelang durchgehend beim Fahren zu tragen. Als Alternative holte ich mir daher den Evoc Stage Capture 16. Perfekt, für eine kleine Kamera und ein kleines Wechselobjektiv. Ins Fotofach passt dann sogar noch ganz entspannt das kleine Medi-Kit und die Ladegeräte für Kamera und Smartphone. In die zwei Fächer über dem Kameraabteil passt bisschen Verpflegung und Krimskrams, den man schnell im Zugriff haben möchte. Optional ist noch Platz für eine Trinkblase, falls ich doch mal wieder Wandern gehen sollte. Das Rucksack-Setup war damit klein und kompakt und wusste zu überzeugen.

Der kleine Fotorucksack Evoc Stage Capture 16 trug sich auch tagelang auf der Tour super angenehm dank des Rückennetzes mit Luftzirkulation sowie Brust und Beckengurt. Das Fotofach mit externem Zugriff ist erstaunlich geräumig und bot mir Platz für die Nikon Z50 mit dem Z DX 16-50 3,5-6,3, dem Viltrox 25mm 1,7, einem Medi-Kit für den Notfall, sowie Ladegeräte für Kamera und Smartphone/Powerbank und zwei ND-Filter. Am Außennetz für eine Trinkflasche, die es dank Fahrrad nicht brauchte, konnte ich ein kleines Manfrotto-Ministativ unterbringen. Über dem Fotoabteil bietet ein kleines Fach Platz für den Ersatzakku, Portmonee, Sonnen- und Sitzcreme und ein größeres Fach für die nächste Essensration. In ein separates Rückenfach geht zudem noch ein Trinkblase, die aber eher auf Wanderungen interessant wird. Nachdem ich den Evoc Photop 22l schon seit vielen Jahren nutze, kann ich auch diesen kleinen Stage Capture 16 absolut empfehlen. Die Evoc-Produkte haben zwar ihren Preis, hin und wieder gibt es aber gute Rabatte und die Qualität konnte mich bislang absolut überzeugen. Zudem sind die Teile schön dezent und tragen weder auffällig als Fotorucksäcke, noch als Outdoorrucksäcke auf.
Galt es noch das Rad zu bepacken. Bei einem MTB-Fully ist das mit der komplexen Rahmengeometrie und den nötigen Freiheitsgraden für die Dämpfung ja etwas komplizierter. Es war im Vorhinein etwas trial&error und Bestellungen liefen hin und her. Um es kurz zu fassen: Es wurde am Ende die Restrap Top Tube 1,5l auf dem Oberrohr für die Powerbank, Radbrille und paar schnelle Energiesnacks, die Apidura Backcountry Downtube Pack 1.8L für Ersatzschläuche, Bremsbeläge und die nötigsten Wartungsutensilien und die Vaude Trailsaddle II “Arschrakete” mit bis zu 10l Volumen, für die wenigen Wechselklamotten, Regenjacke, paar Hygieneartikel und optionalen Stauraum für Verpflegung, die unterwegs zeitweise nicht in den kleinen Rucksack geht. Im Rahmendreieck die üblichen zwei Flaschenhalter für insgesamt 1,5l.
Es war schon ein ziemliches Gewurschtel, ausprobieren und Hin- und Herüberlegen, eine große Testrunde im Harz und nach Celle, aber am Ende stand ein gutes Setup, mit dem ich auch im Nachhinein weitgehend zufrieden war. Im Fahrstil fühlte ich mich zu keinem Punkt eingeschränkt, die gesamten Anbauten haben alle Schläge in Abfahrten, Stein- und Wurzelüberfahrten klaglos mitgemacht, ohne das sich einmal etwas gelöst oder zu klappern begonnen hätte. Einzig der nach oben und hinten wandernde Schwerpunkt durch die Arschrakete ist voll beladen zunächst etwas gewöhnungsbedürftig.

Nach dem Rucksack gilt es noch das Rad zu berödeln – hier das finale Setup: Auf dem Oberrohr die Restrap Top Tube 1,5l, am Unterrohr konfliktfrei zum Federweg des Vorderrades und der Umdrehung der Kurbel (beides wurde bei anderen Herstellern zum Problem) die Apidura Backcountry Downtube. Als großer Stauraum die “Offroad-Arschrakete” von Vaude, die Trailsaddle II. Der Packsack in der Halterung der Arschrakete ist mit einer Schnalle super schnell “befreit” und kann dann zusammen mit dem Rucksack mit auf’s Zimmer genommen werden. Alles weitere kann über Nacht am Rad bleiben. Es war gefühlt einfacher und schneller, als auf anderen Reisen jeweils am Abend aus dem Auto alles Nötige zusammen zu kramen: Rucksack und Packsack mitnehmen und fertig. Gewichtsmäßig bewegte sich das alles im Rahmen, sodass auch wie hier, die Überquerung der Grossen Scheidegg kaum merklich schwerer war, als ohne “Reisegepäck”. Ach und das Rad? Nach wie vor das 2021er XC-Fully Cube AMS 100 C:68 TM 29. Hat technisch deutlich mehr Reserven als sein Fahrer. Viele der zu fahrenden Strecken in den nächsten Tagen wären auch mit einem klassischen Hardtail-XC oder gar Gravel-Bike zu meistern gewesen. Aber will man sich das Gerüttel antun? Muss nicht sein. Und bei 10% bis 20% der Strecken war ich mehr als froh, an manchem verblockten oder verwurzelten engen Aufstieg oder Abfahrt mit meiner eingeschränkten Fahrtechnik so viel Reserve durch das Bike zu haben.
Nun aber genug des Nerd-Talks. Wo sollte es eigentlich hingehen? Berner Oberland wäre definitiv eine Option, bisschen die letzten Lokzüge auf der zB noch einmal würdigen, zum wiederholten Mal und kurz vor Ladenschluss einen weiteren Versuch starten, einen modernisierten ABeh 4/4 II auf der BOB zu erwischen und sonst mal zu den neuen Triebwagen nach Mürren hoch schauen und bisschen was an der Wengernalpbahn machen. Viele Ideen für bestimmt vier Tage am Stück auf dem Rad. Das Auto wollte ich erstmal an der zB in Dallenwil stehen lassen, eine erste Nacht hatte ich oben am Brünig in Hasliberg gebucht. Der Rest wie immer situativ. Das Wetter schien erstmal grob zu passen.
Samstag 21. Juni 2025:
Streng genommen war es noch Freitag der 20. Juni, als ich die Anreise startete, denn wie zur Gewohnheit geworden, sollte es in einer Nachtfahrt hinunter in die Schweiz gehen. Um 21 Uhr war das Auto beladen, und der Motor startete. Ziel war das Frühstück an einem Coop Pronto gegen 6 Uhr irgendwo zwischen Basel und Luzern. Bis Mitternacht wollte ich erstmal durchfahren, dann gab es eine fast einstündigen Schlafpause und im weiteren Verlauf nochmal zwei knapp halbstündige Powernaps. Ansonsten fuhr es sich wieder super entspannt durch die Nacht: ACC auf 120, Podcast an und bisschen lenken…
Es ging in den längsten Tag des Jahres und so dämmerte es schon zwischen drei und vier langsam wieder. Die Schweizer Grenze bei Basel war wie immer unkompliziert passiert, die Vignette schon im Vorhinein digital gekauft. Ab 6 Uhr öffnen die Coop Prontos an den Tankstellen und so hieß es ab Basel Ausschau halten und hinter dem Dreieck Härkingen fündig werden. Auto gefüttert, Mensch gefüttert und schon ging es weiter, sodass ich gegen halb acht den Bahnhofsparkplatz von Dallenwil erreichte. Via SBB-Parkapp löste ich schonmal für drei Tage vor, das lässt sich aber auch jederzeit bis zu sieben Tage verlängern. Kostete hier 6 CHF pro Tag, was vollkommen in Ordnung ist. Und irgendwie ist es maximal sorglos den Wagen an so einem Parkplatz abzustellen, anstatt mühsam einen der wenigen kostenfreien Stellplätze der Schweiz zu finden, wo man sich doch immer nicht ganz sicher ist, ob der Wagen nicht verräumt wird, wenn es offensichtlich eine Touristen-Karre ist, die dort ewig parkiert.
Gerade kreuzten zwei Lokzüge aus und nach Engelberg, sodass ich mich jetzt beim “Aufbau” des Rades nicht hetzen musste, sondern in Ruhe vorging, um nichts Wichtiges für die voraussichtlich mindestens nächsten vier Tage zu vergessen. Dann konnte es losgehen. Weit fuhr ich zunächst allerdings nicht, denn die Wiesen zwischen Dallenwil und Stans liegen am Morgen im schönsten Licht. So rollte ich nur wenige Meter wieder hinaus aus dem Tal und wartete dann mal auf die nächsten Züge. Aber diese ersten Meter sind auch gleich immer einer der schönsten Momente so einer Tour, wenn man richtig realisiert, dass es jetzt losgeht. Die nächsten Tage nurmehr das Rad, die Kamera und die Berge, auf der Jagd nach dem nächsten Zielfoto und der nächsten Passhöhe. Der Urlaub hatte begonnen!
Zunächst würden in Dallenwil jetzt die bei S4er kreuzen, bevor wieder die nicht ganz eine halbe Stunde dazu versetzten Lokzüge des IR von und nach Engelberg dran wären.

Aus Wolfenschiessen kommt ein Doppel aus Fink und Spatz zwischen Dallenwil und Stans als S4 Richtung Luzern durch. Hinten hängt der Spatz 130 002-9.

Dann folgt in Gegenrichtung der Luzern-Stans-Engelberg-Express, nach wie vor mit den HGe 4/4, einigen Einheitswagen und einem dreiteiligen Niederflursteuerwagen geführt. Acht Maschinen erhielt die SBB 1989 bis 1990 für die heutigen Strecken der Zentralbahn. Zwei werden täglich für die beiden stündlichen Expresszüge nach Engelberg benötigt, eine für Verstärkerleistungen auf dieser Linie, zwei weitere fahren aktuell vormittags zwei Verstärkerzüge über den Brünig nach Interlaken und abends wieder zurück nach Luzern. Ein Dispozug mit HGe 4/4 steht zudem normalerweise in Meiringen und springt von Zeit zu Zeit auf den Regios Meiringen-Interlaken ein. Mit der weiteren Bestellung neuer Stadler-Triebzüge dürfte die Zeit der HGe 4/4 vor regulären Personenzügen bald vorbei sein.

Nachschuss auf den von HGe 4/4 101 964-5 geführten Zug nach Engelberg.

Für den Gegenzug verschob ich mich nur wenige Meter, mehr ließ die nahe Kreuzung in Dallenwil auch nicht zu. Der Express wurde von HGe 4/4 101 961-1 Richtung Luzern geschoben.

Die kleine als Motiv beliebte Kapelle vor Stans lässt sich aus drei Blickwinkeln den ganzen Tag über ablichten. Die morgendliche Perspektive fehlte mir dabei noch und konnte mit HGe 4/4 101 965-2 festgehalten werden. Die Lok führte einen fahrplanmäßigen Verstärkerzug nach Engelberg, für den kein Niederflursteuerwagen mehr übrig ist. Entsprechend wirkt der Wagenzug für diese Linie ungewöhnlich harmonisch.

Ebenfalls sehr harmonisch sind die aus zwei Spatzen gebildeten S-Bahnen, hier mit 130 001-1 an der Spitze Richtung Luzern. Oft hat es auch gemischte Doppel aus Finken und Spatzen – die Zusammenstellung scheint eher zufällig.

Blick an derselben Stelle in die Gegenrichtung mit dem von HGe 4/4 101 961-1 Richtung Engelberg geführten Express in Stans.

HGe 4/4 101 964-5 am Ortsrand von Stans Richtung Luzern.
Den großen Vorteil des Rades konnte ich hier schon perfekt ausspielen: Das motivnahe Parken ist besonders in der Schweiz ja nicht immer ganz einfach. Mit dem Rad super entspannt. Einfach an den nächsten Zaun gelehnt und zwei Meter zum Motiv gestanden. So ging es hier in den ersten 1 1/2 Stunden eigentlich immer nur auf einer Strecke von vielleicht zwei Kilometern hin und her. Schließlich hatte ich, abgesehen von einem trüben Vormittag 2013, noch nie ernsthaft länger an dieser Strecke verbracht.
Jetzt sollte es aber einen kleinen Sprung bis hinter Wolfenschiessen geben. Bis dorthin verläuft die Strecke ab Dallenwil direkt neben der Straße und die Sonne scheint am Vormittag von der Straßenseite. Da war also nicht viel zu machen. Hinter Wolfenschiessen geht’s mal kurz weg von der Straße, bevor es bis fast zum Tunnelportal wieder genauso aussieht. An dieses kurze Stück wollte ich jetzt, denn dort könnte durchaus was gehen. Aufgrund beschriebenem Streckenverlaufes, konnte ich für die kurze Etappe dann auch gleich den schönen Radweg auf der anderen Seite des Tals abseits der Hauptstraße nehmen.

Die Sonne arbeitete noch fleißig daran, weit genug herumzuwandern für die Motive auf der Lokseite des Zuges. Bei Ankunft in Wolfenschiessen war eher noch Steuerwagenseite angesagt. Etwas überrascht wurde ich hier vom letzten morgendlichen Verstärkerzug, aber der Stundetakt mit HGe 4/4 101 961-1 kam dann auch zwanzig Minuten später in Gegenrichtung nach Luzern durch. In Wolfenschiessen enden die S-Bahn-Kurse, sodass ab hier dann die meiste Zeit des Tages ein Stundentakt herrscht.

Wenige hundert Meter weiter Richtung Engelberg der Gegenzug mit HGe 4/4 101 964-5.
Im weiteren Verlauf geht es dann wieder direkt neben der Straße her, dort sind frühestens am Nachmittag Aufnahmen möglich. Außer man gewinnt Höhe. Die seit kurzem in der Foto-Ausrüstung befindliche Drohne war jetzt am Rad allerdings nicht dabei, sondern wartete im Auto, ob sich irgendwann auf dieser Reise doch noch eine Gelegenheit ergibt. So war der Höhengewinn wiedermal mit Muskelantrieb zu machen. Die erfolgversprechende Straße, die ich hinter Wolfenschiessen hinaufkurbelte, war dann aber ein kompletter Reinfall. Dort war noch ein Hügelkamm in der Sichtlinie. Andere geeignete Wege in die Höhe an Osthang des Tals konnte ich nicht ausmachen. Also wieder auf die andere Seite des Tals und bis zum Tunneleingang vorgefahren. Fast direkt vor dem Portal geht da was um diese Zeit und der Stundentakt bot noch ausreichend Zeit, um etwas Kohlenhydrate nachzuschieben. Die Speicher für die weitere Fahrt Richtung Brünig mussten schließlich angefüttert werden.

HGe 4/4 101 961-1 erreicht hinter Grafenort das Tunnelportal hinauf nach Engelberg.
Seit Ende 2010 hier der neue Tunnel eröffnet wurde, der die alte Steilrampe mit Zahnstange überflüssig machte, braucht man ab hier quasi nicht weiterfahren. Auf dem kurzen Reststück oben hinter dem Tunnelportal nach Engelberg hinein bieten sich nicht wirklich Motive an. So ging es dann für mich zurück. Noch weiter in die falsche Richtung nach Engelberg zu fahren, hätte die noch bevorstehende Etappe nach Hasliberg auch ganz ordentlich gezogen. Auf die Nachmittagsmotive zu warten, schien mir irgendwie auch nicht so sinnvoll. Das hätte noch ewig gedauert und ich hatte noch ordentlich Strecke vor mir. Am Rückweg das Tal hinab nach Stans hatte ich aber noch zwei Motive offen. Das erste wieder an den Wiesen bei Wolfenschiessen, wo die Sonne nun weit genug rum war. Im Schatten des Dörfli-Turms wartete ich auf den nächsten Express nach Engelberg.

Kurz hinter Wolfenschiessen eilt HGe 4/4 101 964-5 über die Wiesen Richtung Engelberg. Rechts die Straße, die weite Teile dieser Strecke prägt.
Eine zweite Idee war mir vorhin an den vielen Stellen zwischen Stans und Dallenwil gekommen: Dort den einen Hang hoch könnte was gehen. Jetzt in der für Mitte Juni brütenden Mittagshitze war es aber erstmal an der Zeit den Volg in Dallenwil für einige kühle Getränke zu konsultieren. Mit denen ging es dann den Hang an der Talseite hoch und einen erfrischenden kalten Milchkaffee und eine halbe Rivella wurden beim kurzen Warten auf den Zug geleert. Die Stelle selbst stellte sich dann leider als für die Lokzüge um einen Wagen zu kurz heraus. Das Licht war aber eh gerade ordentlich am abschmieren, ein Top-Schuss wäre das so oder so nicht mehr geworden.

Ein Luzern-Stans-Engelberg-Express zwischen Stans und Dallenwil auf dem Weg nach Engelberg.
Hier hatte ich jetzt gerade keine Ideen mehr, bzw. die Ideen die da waren, wären alle erst am späteren Nachmittag und nicht im Sifflicht umsetzbar. Also entschied ich, die Fahrt Richtung Brünig etwas früher anzutreten als geplant. Den Bogen über Stansstad muss man mit dem Rad natürlich nicht nehmen, stattdessen bietet sich der Short Cut über Ennetmoos, St. Jakob und Kerns an. Der Anstieg sind eigentlich nur 130 Meter und es geht nur das kurze Stück bis Ennetmoos etwas steiler bergauf, danach rollt es sehr angenehm bis St. Jakob. Aber dieser kurze Anstieg ohne Fahrtwind in der Mittagshitze auf dem Asphalt jetzt, war kurz davor, den Stecker zu ziehen. Mit dieser Hitze komme ich einfach schlecht klar und war extrem froh, als es hinter Ennetmoos wieder mit höherer Geschwindigkeit lief. Schon war der Druck am Pedal wieder da und hinter St. Jakob wird es dann richtig schön, denn es geht offroad durch den kühlen Wald, mit abwechslungsreichen Kurven und dynamischen kurzen Zwischenanstiegen in der Abfahrt – herrlich! Doch aus dem Wald draußen, wurde dann klar, was den weiteren Tag bestimmen sollte: Richtung Brünig hing es aber mal komplett voll mit Wolken. Und zwar richtig schwere Gewitterwolken. Da fährt man ohne Not nicht rein. Am Ortsrand von Kerns suchte ich mir daher erstmal eine schöne Bank oberhalb des Fußballplatzes, schob die eben verbratenen Kohlenhydrate nach und studierte das Regenradar. Am Brünig sollte das erst am Abend langsam aufhören mit der hohen Gewittergefahr und dort hineingeraten wollte ich auf keinen Fall. Hätte ich vielleicht doch besser noch paar Stunden drüben bei Stans verbracht, denn Richtung Talausgang hielt sich hartnäckig der blaue Himmel. Jetzt in die falsche Richtung zu fahren, war aber keine Option, die Unterkunft in Hasliberg war schon bezahlt und über den Brünig ins Berner Oberland wollte ich so oder so. Ich war hier also gefangen und beschloss, einfach so weit wie möglich an die Grenze der Gewitter vorzufahren. In Sarnen noch ein wenig am Bahnhof herumgelungert, bis auch dort die Sonne ausging und dann beschlossen: Bis Giswil reicht’s noch.

Eine S5 nach Giswil mit 130 002-9 an der Spitze erreicht den Bahnhof von Sarnen.
Das Westufer des Sarnersees war ich noch nie gefahren. Etwas weiter und ein paar Höhenmeter sind es gegenüber dem Ostufer, aber die Strecke an sich, abseits des Brünigzulaufes, sah eigentlich schöner aus. Das stellte sich als Fehleinschätzung heraus, denn die Straße war größer als gedacht, aber nicht so groß, dass es einen Veloweg gegeben hätte und eine Offroad-Alternative fehlte auch, außer man wollte richtig unnötig Höhenmeter machen. Irgendwie knallten hier auch gerade paar geistesgestörte mit ihren Karren durch den Wald. Radfahrer? Können zur Seite springen! Westufer Sarnersee muss nicht sein – gut, wusste ich das jetzt auch 😀
Durch die Route hatte ich mich natürlich auch dem möglichen Zwischenrückzugspunkt Sachseln beraubt. Es gibt zwar zwei kleine Dörfer am Westufer, aber dort gibt es null Infrastruktur, um zwei Stunden ein Gewitter auszusitzen. Es begann mal kurz zu tröpfeln und ich überlegte kurz, ob weiterfahren oder Deckung suchen. Weiterfahren, hier wollte ich nicht hängen bleiben!

Die unerwartete Störung am Nachmittag: Schwere Gewitter aus dem Berner Oberland haben sich auch über den Brünig gewälzt. Mehrer Unwetterwarnungen waren rausgegangen, da macht man besser keine unüberlegten Dinge… Bis ans Ende des Sees nach Giswil wollte ich jetzt aber noch kommen.
Giswil wurde dann eine Punktlandung: Kaum im Bergab-Sprint unter dem Bahnhofsdach angekommen, begann es abartigst zu schütten. So, dass man in wenigen Sekunden komplett durch gewesen wäre. Getoppt wurde das Ganze wenig später von dicken Hagelkörnern und Gewitter. Aber hier in Giswil lässt es sich aushalten. Man steht trocken und geschützt und direkt im Bahnhof hat es einen avec, wo ich mir erstmal einen Kaffee zog. Eine kurze Regenpause nutzte ich, um über die Straße zum coop zu kommen und mir das Abendessen einzukaufen, denn Giswil wäre jetzt auch die letzte geöffnete Versorgungsstation auf meiner weiteren Fahrt, die Detailhändler schließen in der Schweiz bekanntlich größtenteils zwischen 18 und 19 Uhr.
Bisschen was mampfend studierte ich immer wieder das Regenradar. Ich müsste eigentlich gegen 20 Uhr am Hotel sein. Auf paar Minuten käme es sicher nicht an, denn dort ist auch ein Restaurant angeschlossen, sodass meist noch länger jemand da ist, aber überstrapazieren wollte ich es nicht. Der Zug um 18:37 Uhr Richtung Interlaken war meine Deadline. Wenn sich bis kurz nach 18 Uhr keine halbwegs trockene Passage auf den Brünig auftat, würde ich den Zug bis zur Passhöhe nehmen und dann nurmehr das Reststück nach Hasliberg hinüberradeln. Irgendwie aber auch ein Dämpfer: Gleich am ersten Tag aufgeben und mit dem Zug evakuieren? Das kratzte schon am Ego. Doch Meteo sollte recht behalten: Die schweren Gewitter waren um 18 Uhr abgeklungen und es nieselte nurmehr ein bisschen. Also los jetzt! Die Regenjacke wanderte auch direkt am Anstieg hinter Giswil wieder in die Arschrakete und es wurde wieder bergauf pedaliert.

In Giswil ging zwischenzeitlich etwas die Welt unter. Zwei Stunden musste ich hier ausharren, bis das Ärgste durch war.

Beim Verstauen der Regenjacke an der Rampe hinter Giswil traf ich auf diesen netten Kollegen.

Der hatte noch einige Bekannte mitgebracht die unbeeindruckt der Wetterkapriolen fröhlich Richtung Sarnersee grinsten.

Dort erhaschte ich sogar einen Blick auf einen der zwei abendlichen Verstärkerzüge mit HGe 4/4 von Interlaken nach Luzern, der hier am Ende der Zahnstangenrampe Giswil erreicht.
Der Weg auf den Brünig war wirklich richtig schön. Ich hatte vorher nicht genau recherchiert und ein wenig befürchtet, man müsste irgendwo Straße fahren. Aber es waren ausschließlich die schmalen, für den Normalverkehr gesperrten Asphaltpisten, die mich bis Lungern hinaufbrachten. Den Lungernsee konnte ich auf einer kleinen Offorad-Piste auf der Westseite umfahren und dann in den Ort hinaufstechen. Der Offroad-Piste hatte der Starkregen etwas zugesetzt, aber es war nirgends kritisch viel weggespült worden. Am Brunnen noch das Wasser nachgefüllt, dann stand die nächste Höhenstufe zur Passhöhe am Plan. Etwas überrumpelt war ich von den zahlreichen asiatischen Touristen im Ort. War mir bislang gar nicht so bewusst, dass Lungern scheinbar einer deren Hotspots als Zwischenstopp ins Berner Oberland ist. Vielleicht ein Grund dafür, warum der Brünigverkehr in den letzten Jahren verstärkt wurde.

Die Höhenstufe zum Lungernsee ist gemeistert. Aus den Wolken taucht langsam auch das Berner Oberland auf und spiegelt sich in den Hinterlassenschaften der schweren Gewitter.

Eine herrliche Gravel-Piste führt am Westufer des Lungernsees abseits der Straße um den See. Drüben ist schon die Ortslage des inzwischen vom Überseetourismus entdeckten Ortes zu sehen.

Die Aufnahmen querab über den See hätten jetzt im schönsten Abendlicht liegen sollen. Nun ja, ich war schon froh, dass es wenigstens aufgehört hatte zu schütten. Das Nass kam jetzt nurmehr zweitweise von unten von den Reifen.

Lungern liegt hinter mir und es geht wieder in die Rampe. Die Brünigstrecke ist hier allerdings recht unzugänglich, auch wenn die MTB-Route meist nur wenige Meter entfernt verläuft.
Im Weiteren war es dann im Grunde nur noch kurbeln und weiter kurbeln. Wirklich anspruchsvoll ist der Brünig zwar nicht, aber nach einer Nacht fast ohne Schlaf und bald 80 Kilometern in den Beinen, merkte ich es schon langsam. Der Druck am Pedal blieb aber irgendwie und an dem “Flachstück” von der Passhöhe hinüber nach Hasliberg zum Hotel Gletscherblick (160 Hm auf 6 km) wurde nochmal komplett geisteskrank attackiert, einfach nur um der Navigation Minuten abzunehmen. Dumm? Ja! Aber ich fühlte es gerade richtig 😀 Mal sehen, ob ich mich jetzt für morgen komplett zerschossen hatte…
Kurz nach 20 Uhr am Hotel angekommen, den Schlüssel an der Rezeption abgeholt, das Rad im Ski-Keller verstaut und dann ging es direkt rauf auf’s Zimmer. Noch ein Gang über den Flur zur Dusche, dann galt es nur noch Essen, alle Geräte und Powerbank an den Strom anschließen und alsbald Schlafen. Draußen zeigte sich derweil der Grund für den Namen des Hotels: Ein wunderbarer Blick auf den Rosenlauigletscher und selbst die Sonne gab sich nach den Gewittern noch einmal die Ehre und beleuchtete die felsigen Berggrate im schönsten Abendlicht. Ein Tag mit Höhen und Tiefen nahm ein wunderbares Ende. In solchen Momenten lebe ich solche Touren: Komplett leergefahren mit einem Haufen Essen am offenen Fenster sitzen und zufrieden diesen Ausblick genießen. Einfach nur sein im hier und jetzt.

Manchmal bekommt man in der günstigsten Einzelzimmerkategorie mit Dusche am Gang auch nur einen Fensterblick auf die Hangseite. Hier hatte ich Glück. Zur Seite aus dem Fenster geschaut, fällt der Blick hinüber zum Rosenlauigletscher.

Die Sonne hat es hinter den Gewitterwolken tatsächlich noch einmal geschafft, die Bergflanken mit letzten Stahlen zum Leuchten zu bringen.
Zum Abschluss noch die Bilanz dieser ersten Etappe: Knapp 88 km und 5:36h Fahrzeit stehen auf dem Sigma, die Navigation meint ca. 1000Hm. Alles ausbaufähig, aber für einen solchen Gewalttag ohne Schlaf nicht so schlecht.
Morgen geht es dann hinab nach Meiringen und dann mitten hinein ins Berner Oberland. Als abendliches Ziel habe ich gerade eine Unterkunft in Mürren reserviert. Was unterwegs gemacht wird, entscheide ich spontan.
