Im April 2026 reisten wir zu zwei schon lang auf der Schmalspurliste stehenden Bahnen, der Chemin de fer Corse und der Chemin de fer de Provence. Viele AMPs, dünne Fahrpläne, grandiose Landschaften und verschlafene Dörfer prägten diesen ersten Teils der Aprilreise, der von ungefähr so langem Straßenbahnprogramm in Mailand, Nizza, Montpellier, Marseille, Avignon, Grenoble, Saint Étienne, Besançon und Straßbourg eingerahmt wurde.
Prolog
Die beiden französischen Schmalspurbahnen auf Korsika und in der Provence standen bei mir schon seit vielen Jahren auf der Wunschliste. Fahrzeugseitig hatte das aber keine hohe Dringlichkeit, da sich dort schon seit vielen Jahren nichts tat, außer gefühlt immer dünnerer Fahrpläne. Beide Ziele zu verbinden, klang irgendwie sinnvoll und brachte auch die Schmalspurbahn Genua – Casella als Rahmenprogramm mit ins Spiel. Die liegt allerdings seit Jahren brach, sodass sie bei konkreter werdender Planung Anfang des Jahres schon mit dickem Fragezeichen vermerkt wurde. Mein Vater meldete ebenfalls Interesse an, brachte aber einige Straßenbahnziele in Frankreich mit ins Spiel, die die Planung auf zwei Wochen ausdehnten:
Sonntag den 12. April startend, in zwei Tagen hinunter nach Korsika, dort eine knappe Woche, dann zum Sonntag zur historischen Fahrt in die Provence. Dort war unklar, wie lang wir brauchen würden. Wir veranschlagten mal rund drei Tage, dann würden wir vom Hin- und Hergefahre entlang der Strecke wohl genug haben. Die voraussichtlich knappe zweite Woche würde dann den französischen Straßenbahnen in dieser Ecke gelten, bei denen ich mehrheitlich vor 15 Jahren zuletzt war. Es gäbe also viele Neuigkeiten,mit Avignon sogar einen gänzlich neuen Betrieb. Vermutlich alles nichts, was ich aus eigenem Antrieb ansteuern würde, umso besser, dass eine externe Motivation dabei war, denn im Nachhinein muss ich sagen, dass mir die Besuche dort doch sehr gefallen haben. Auf der sinnvoll erreichbaren Wunschliste meines Vater standen Nizza, Montpellier, Marseille, Avginon, Grenoble, (Lyon), Saint Étienne, Besançon und Straßbourg. Das würden mal knappe Tagesaufenthalte werden, mal auch nur wenige Stunden um eine Neuigkeit abzuhaken. Ich ging da völlig offen rein: Ob irgendwo ein neuer Typ Multigelenker rumgurkt, ist mir dann doch relativ egal. Ich hatte nach den vielen Jahren der Abwesenheit einfach Lust, mich etwas durch die Städte treiben zu lassen. Wirklich interessieren taten mich da nur die letzten TFS in Grenoble und St. Étienne. Da ich einen Geburtstag Anfang April nicht wegen Urlaub im vierten Jahr in Folge verpassen wollte und am Samstag den 11. April noch an einem Turnier spielte, ging es ungewohnt erst Mitte April und erst am Sonntag los. Mit Fahrplänen für die neue Saison gab sich die CFC auf Korsika lange bedeckt. Stattdessen galten noch lange Baufahrpläne, bei denen man den Besuch würde abblasen können. Ende März/Anfang April wurden dann aber die neuen Fahrpläne für die Saison 2026 veröffentlicht und es schien alles normal zu laufen. Das Go für die anstehende Reise.
Sonntag, 12. April 2026 Braunschweig – Schweiz (RhB) – Mailand – kurz vor Pisa
Früh ging es los heute, denn wir wollten Deutschland an diesem Sonntagmorgen hinter uns lassen, noch bevor die meisten aufstehen würden. Frühstück war irgendwo an der RhB hinter Landquart geplant, bevor wir bei Thusis den San Bernadino nehmen würden. So stand der Wecker auf 0.10 Uhr und ich eine Stunde später mit berödeltem Auto bei meinem Vater vor der Tür. Schon bald wurde neben mir die erste Mütze Schlaf nachgeholt und Musik und Podcast brachten mich bis zum ersten Fahrerwechsel bei Kassel. Das Wetter stimmte derweil bald ein auf die ersten Tage dieser Reise: Es schüttete wie aus Kübeln. Sehr cool dabei: Ich war erst gestern noch in der Waschanlage gewesen und von der frisch gewachsten Scheibe perlte der Starkregen ab, ohne dass ich den Scheibenwischer hätte anstellen müssen. In Richtung der Schweizer Grenze war dann aber doch bald alles von der Scheibe gewaschen und der Scheibenwischer musste fortan wieder Dienst tun. Dafür wurde es hinter der Grenze aber auch trocken. Die Schneefallgrenze war zum Glück nicht allzu tief gesunken, denn ich hatte vor der Reise bereits auf Sommerreifen gewechselt. Bei auf Korsika und in Frankreich durchaus möglichen, weit über 20 Grad, wären Winterreifen eher nicht so das Wahre und für den San Bernadino sollten die sommerlichen Pneus heute ausreichen.
Bei Landquart legten wir am erstbesten Coop Pronto neben der Autobahn an und besorgten uns Frühstück und Kaffee. In Reichenau-Tamins ging es dann für die Frühstückspause an den Bahnhof. Wirklich spannend: Ein Capricorn folgte auf den nächsten. Nur die Watson am Albula-Gliederzug brachte etwas Abwechslung. Um wenigstens ein “richtiges” RhB-Bild zu machen, steuerten wir anschließend für den nächsten Zug vom Albula den Bahnhof Rothenbrunnen an. Es gab die inzwischen recht weiße BÜGA Ge 4/4 III 646 und anschließend noch eine S-Bahn-Kreuzung.

Bei den RhB-Werbeloks bin ich inzwischen auf einem völlig veralteten Stand. So war auch die inzwischen recht weiße BÜGA-Werbung noch nicht in der Sammlung. Ge 4/4 III 646 durchfährt den Bahnhof Rothenbrunnen Richtung Chur.

Auch die folgende S-Bahn-Kreuzung brachte mit einem Stammnetz-Allegra etwas Abwechslung.
Der Großteil der ersten 950km-Etappe bis Mailand war nun bereits geschafft. Nur etwa 200km lagen noch vor uns. Einmal über den San Bernadino, dann bis zum südlichsten Zipfel der Schweiz bei Chiasso und noch paar Kilometer auf der italienischen Autobahn in die Metropolregion hinein. Die Straßen wurden voller, der Verkehr italienischer. Aber der Norden Italiens ist dahingehend ja noch recht zivilisiert. Nichts gegen Sizilien vor zwei Jahren.
Für den Zwischenstopp in Mailand standen zwei Dinge auf dem Programm: Ich wollte mir das San Siro ansehen, was ich 2023 irgendwie verplant hatte und ein paar Bilder der neuen Stadler-Wagen dürften es sein. Wir steuerten mal grob Richtung Westen in die Nähe des San Siro. Bald genervt von den ganzen Straßen mit irgendwelchen Einschränkungen und Verboten, deren Schilder so wortreich waren, dass man bei der Vorbeifahrt unmöglich verstehen konnte, was nun wann erlaubt war oder nicht, war ich froh, im Großstadtverkehr das Auto an Haltestelle Segesta M5 abstellen zu können. Auf dem breiten Mittelstreifen der Allee, die im weiteren Verlauf auch direkt am San Siro vorbeiführt, wurde hier italientypisch etwas wild geparkt. Da fielen wir nicht weiter auf. Die Zwischenschleife Segesta an der Station der Metrolinie 5 stellte sich als echtes Kleinod heraus mit ihren kleinen Buden, in denen sich Bars und ein geschlossener Zeitungskiosk befinden. Nicht ganz verständlich war, was hier die Linien 2 und 10 überhaupt taten und wann hier welche Linie wendet und nicht weiter zur Endschleife am San Siro fährt. Es schien schon wieder irgendein großflächiger Umleitungsverkehr zu bestehen, wie eigentlich gewohnt von Iitalienischen Straßenbahnbetrieben. Wir sahen sowohl Kurse der Linie 2, 10 und 16 hier wenden. Zum San Siro schienen nur einzelne Kurse der 16 weiterzufahren, allerdings verirrte sich zwischenzeitlich auch ein Ventotto in Richtung der Arena, die hier eigentlich nur auf der 10 laufen, während die 2 und 16 typenrein mit Jumbos bedient werden. Nach ein paar Aufnahmen an der Schleife lief ich die zwei Haltestellen zum San Siro rüber. Ein bisschen Bewegung tat gerade wirklich gut.

Der modernisierte Jumbo 4907 biegt als Linie 16 auf die Via Simone Stratico ein, der die Strecke bis zur Endschleife am San Siro schnurgeradaus folgt. Der Abzweig führt in die hiesige Zwischenschleife an der Metrostation Segesta.

Direkt dahinter folgt mit dem Jumbo 4970 ein weiterer Kurs der Linie 16, der allerdings in die Schleife einbiegt und zurück Richtung Innenstadt fährt. Die nicht modernisierten Jumbotrams könnten durch die bald folgende Lieferung der 35m-Stadler-Tramlinks bereits zur Ablösung anstehen.

Es folgt eine Schleifenfahrt der Linie 2 mit dem Jumbo 4984. Die Schleife Segesta scheint ein Einsatzpunkt des Fahr- oder Kontrollpersonals zu sein, jedenfalls lungerte immer eine ganze Horde an dem geschlossenen Kiosk herum und scherzte und palaverte lautstark.

Auf der Linie 10 verirren sich auch Ventottos nach hier weit in den Westen der Stadt abseits der Touristenströme. Noch sind die noch immer weit über 100 Veteranen auch auf “normalen” Linien außerhalb des Rings unverzichtbar. Ventotto 1990 wendet hier für die Rückfahrt in die Innenstadt.

Entlang der Linie 16 lief ich hinüber zum San Siro. Schon bald wird der gigantische Betonkolloss sichtbar.

Das Giuseppe-Meazza-Stadion, besser bekannt als San Siro, ist die Heimat der AC Milan und Inter Mailand.

Das knapp 76.000 Zuschauer fassende Stadion ist eines der bekanntesten Fußballstadien und Anziehungspunkt für Fans aus aller Welt. So haben auch Anhänger eines mittelmäßig erfolglosen Provinzclubs zwischen Harz- und Heideland hier ihre Erkennungszeichen zurückgelassen.

Mittlerweile seit 100 Jahren ist das San Siro der Fußballtempel Mailands. Letzte große sportliche Aufmerksamkeit dürfte es jedoch abseits des Fußballs bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele 2026 gehabt haben. Nach jahrelangem hin und her wurde das San Siro unlängst von der Stadt an die beiden Mailänder Clubs verkauft, die neben der alten Arena einen Neubau errichten und das alte San Siro zurückbauen werden. Zur Fußball-EM 2032 soll dann bereits das neue Stadion Spielstätte sein.

In seiner hundertjährigen Geschichte wurde das San Siro etliche Male renoviert, umgebaut und erweitert. Sein heutiges, ikonisches Aussehen in Betonoptik mit den markanten Helixtürmen als Träger für die roten Stahlträger des neuen Daches, erhielt das San Siro beim Umbau für die Fußball-WM 1990.

Verglichen mit dem einst mindestens halben Dutzend Wendegleisen vor dem San Siro, fällt die heutige Wendeschleife zugunsten des leistungsstarken Metroanschlusses eher übersichtlich aus. Nurmehr zwei Gleise hat die noch immer großzügige Schleife vor dem Fußballtempel. Jumbo 4901 bricht hier zu einer neuen Runde Richtung Innenstadt auf.
Nachdem ich genug von dem eindrucksvollen Stadion gesehen hatte, lief ich rüber zur Metrostation, besorgte uns zwei Tageskarten und sammelte meinem Vater an der Zwischenschleife Segesta ein. Wir wollten nun den zweiten Punkt von der Liste streichen, die neuen Stadler Tramlink, von denen nach Jahren der stockenden Inbetriebnahme seit kurzem die ersten Fahrzeuge auf der Linie 9 im Einsatz stehen sollten. Die Linie 9 ist im Grunde die halbe Ringlinie, die den östlichen Halbkreis des Rings von Milano Centrale bis Porta Genova bedient. Gegenpart auf der westlichen Seite ist normalerweise die mit Ventottos bediente Linie 10, die warum auch immer, heute bis zur Schleife Segesta hinausfuhr.
Mit einmal Umsteigen gelangten wir mit der Metro rasch zum Centrale und genehmigten uns halb im Untergrund erstmal eine Sandwich-Stärkung und einen großen Kaffee. Warum das in Summe am Ende die stattliche Summe von fast 30€ kostete, blieb ein Rätsel. Wo waren wir denn hier hingeraten? Auf die Preise hatten wir natürlich nicht geschaut, denn nach einer besonderen Adresse sah der Laden nun nicht aus. Höchst seltsam das Ganze, aber jetzt eh nicht mehr zu ändern.
Wir liefen dann zur Ostseite des Bahnhofs hinüber, wo in einer Schleifenanlage die Linie 9 endet. Abweichend vom normalen Liniennetz, schauten heute auch die Jumbos der Linie 2 hier vorbei, die wir schon aus der Schleife Segesta kannten. Ich startete in den wenigen Stunden des Aufenthaltes erst gar nicht den Versuch, zu verstehen, was hier aktuell abging hinsichtlich des Linienplans. Konnte uns auch einigermaßen egal sein, denn nach kurzer Zeit kam ein erster Tramlink auf der Linie 9 in die Schleife gefahren und mehr wollten wir hier ja gar nicht.

An der Schleife auf der Westseite des Bahnhofes Milano Centrale vorbei, fährt die Linie 5, ebenfalls fest in der Hand der Ventottos. Hier sind mit 1922 und 1895 gleich zwei Kurse hintereinander auf der Via Fabio Filzi zu sehen, ersterer kurz vor der Haltestelle Centrale, letzterer noch an der Haltestelle Centrale Via Tonale.

In die Schleifenanlage ist derweil mit 7703 ein erster Tramlink auf der hier endenden Linie 9 eingefahren. Aus- und Einstieg erfolgen an der Endhaltestelle direkt hintereinander.

Bei der Farbgebung ist man dem freundlichen gelb/creme mit Akzentstreifen treu geblieben, in das man zuletzt auch noch die Jumbos und die siebenteiligen Sirios versetzt hat. Einzig die Eurotrams tragen damit aktuell noch ein veraltetes grünes Farbschema.
Wir rumpelten anschließend mit dem nächsten Sirio die ersten Haltestellen der Linie 9 Richtung Porta Genova entlang. Die Wagen sind wirklich in jeglicher Hinsicht ein Graus. An der Porta Venezia sprangen wir wieder raus und warteten auf die nächsten Tramlinks. Insgesamt war das an diesem Nachmittag eine recht zähe Angelegenheit, denn so richtig viele Tramlinks waren noch nicht unterwegs und vor Motiven strotzt der östliche Ring nun auch nicht wirklich. Zusätzlich wurde italientypisch mal wieder nichts gefahren, was ansatzweise als “Takt” zu bezeichnen gewesen wäre. Mal kam zwanzig Minuten nichts, dann drei Kurse dicht hintereinander, dann schmiss ein Kurs mal unvermittelt seine Fahrgäste raus und bog vom Ring in die Innenstadt ab. Ein anderes Mal funktionierte an der Piazza 5 Giornate die Weiche nicht und der Fahrer brauchte in seiner Tiefenentspannung ganze drei Ampelphasen um auszusteigen, die Weiche per Hand zu stellen und wieder einzusteigen. Alles eben bisschen zäh, sicher noch verstärkt durch die zwischenzeitlich durchkommende Müdigkeit. Wir arbeiteten uns in rund zwei Stunden mühsam bis zur Porta Genova vor und zwei, drei brauchbare Aufnahmen der Neufahrzeuge entstanden dabei doch noch.

Tramlink 7706 erreicht die Haltestelle an der Porta Venezia in Richtung Milano Centrale.

Beim Blick in die Seitengasse fällt der neue Fiat Elektrostadtflitzer ins Auge. Ansonsten sieht man hier in Mailand am Ring und innerhalb viele fette Bonzenkarren herumcruisen oder vor teuren Restaurants und Läden stehen oder Parkplätze suchen.

An der nächsten Haltestelle Viale Piave stößt die Linie 19 auf den Ring, abermals Ventotto-Revier. 1874 ist einer der schlichteren Vertreter, selbst die monströsen Dachkantenwerbeträger sind leer.

Wir sind schon fast an der Porta Genova angekommen, nachdem uns der letzte Kurs an der Haltestelle Piazza 5 Giornate im Stich gelassen und einfach ins Innere des Rings abgebogen war. Rund um die Piazza Ventiquattro Maggio befindet sich ein letztes großes Unterzentrum vor der Porta Genova. Rund um die Kanäle herrscht hier reges italienisches Treiben aus Marktständen, Lokalen und einfach nur so auf der Straße herumhängenden Menschen. Tramlink 7703 kommt von der Porta Genova und erreicht gleich die Piazza Ventiquattro Maggio an der Porta Ticinese.

Blick auf den Naviglio Grande.

Der Vorplatz des seit Dezember 2025 aufgelassenen Bahnhofes Porta Genova ist straßenbahnseitig immer wieder faszinierend. Auch wenn einige Gleisverbindungen inzwischen nicht mehr angeschlossen sind, würde die Gleisgeometrie einem Modellbauer niemand abnehmen. Im inneren Bogen hält der letztgebaute Jumbo 4999 als Linie 9 Richtung Gratosoglio.

Geradeaus über den Vorplatz, parallel zum Bahnhofsgebäude, verkehrt die Linie 2. Die treffen wir heute auch überall. Hier zumindest war sie auch 2023 schon unterwegs gewesen in Richtung Piazzale Negrelli. Damals noch angestammtes Gebiet der 4600er- und 4700er-Sechsachser. Aus der Ferne konnte ich auch heute noch ein paar der 4700er erspähen, allerdings lief mir keiner vor die Linse.

Zum Abschluss nochmal der neue Tramlink 7704 vor dem Bahnhofsgebäude. Machen sich doch ganz gut in ihrer freundlichen Lackierung, auch wenn das Frontdesign vielleicht etwas grobschlächtig ist, aus meiner Sicht aber zumindest recht zeitlos. Die Fahrt in den Drehgestellwagen ist jedenfalls wieder eine Rückbesinnung auf vernünftigen Fahrzeugbau nach den gruseligen Fahreigenschaften der Eurotrams und Sirios. Klassisch ist dabei durchaus ernst gemeint, denn die Sitzgruppen über den Drehgestellen stehen auf beachtlich hohen Podesten, womit der Wagen hier, abgesehen vom Durchgang, quasi zum Hochflurer wird. Moderne Niederflurdrehgestelle, wie etwa bei den neuesten Skoda-Fahrzeugen oder den Stadler TINAs, kommen hier jedenfalls nicht zum Einsatz.
Wurden die Wolken dicker oder ist das schon die Dämmerung? Jedenfalls hatten wir das nötigste im Kasten und die Uhr zeigte schon kurz vor fünf. Angesichts der Reststrecke bis kurz vor Pisa beschlossen wir Richtung Auto aufzubrechen. Den halben Ring mit der Straßenbahn zurück zu schleichen, gaben wir uns natürlich nicht, sondern verschwanden an der Porta Genova direkt in der Metro. So ging es vergleichsweise schnell zurück zum Auto an der Station Segesta. Wir gaben erstmal einen groben Kurs ein und ließen uns aus dem Molloch hinausnavigieren.
Auf der Autobahn war es dann das übliche italienische, auf den ersten Blick etwas unkonventionelle, aber irgendwie immer funktionierende Herumgeschwimme. Man hält sich nicht direkt an die Verkehrsregeln, aber es funktioniert im Miteinander doch immer recht reibungslos, solang man selbst nicht zu deutsch fährt. Für einen späten Kaffee fuhren wir die nächste Raststätte an, machten da aber unsere zweite schlechte Kaffee-Erfahrug an diesem Tag. Sind wir nicht in Italien? Jedenfalls war es das erste Mal, dass ich in Italien beim Bestellen eines “Americano” keinen frischen, verlängerten Espresso bekam, wie man es von überall außerhalb der USA kennt, sondern tatsächlich einen Amerikanischen Kaffee. Bedeutet: Einen seit gefühlt Stunden in einer Kanne warmgehaltenen Filterkaffee, der so bitter war, wie die wiederholte Nicht-Teilnahme des Landes an großen Fußballturnieren. Zumindest seine Wirkung erzielte er, von Genuss war das aber sehr weit entfernt.
Als Navigator weitgehend arbeitslos, machte ich mich an die Buchung der Fähre für Morgen, nachdem die Chancen nun doch gut standen, dass wir unseren Plan hielten und morgen am frühen Nachmittag von Livorno nach Bastia übersetzen würden. Der Preis war inzwischen gut angestiegen, sodass wir mit Auto und zwei Passagieren bei stattlichen 189€ lagen. War aber eh alternativlos und durch zwei geteilt auch nur halb so wild. Am Vormittag wollten wir uns morgen noch Pisa ansehen, sodass wir heute noch bis in die Nähe der Stadt fahren wollten, was mich ein recht einfach wirkendes Zimmer an der SS1, 60km vor Pisa buchen ließ. Ich versicherte mich noch, dass es in der Nähe eine auch zu späterer Stunde noch geöffnete Pizzeria gäbe und lehnte mich dann zurück. Kurz vor Parma bogen wir von der A1 scharf nach Süden ab, um auf der bald zur Schnellstraße zurückgestuften E33 die Apenninen zu überqueren. War bei anbrechender Dunkelheit noch ein ziemliches Gekurve auf der teilweise vom Zustand her schon recht süditalienischen Straße. Aber es ging doch zügig voran, sodass wir gegen 21 Uhr unsere Unterkunft erreichten. Das Zimmer der etwas abgehalfterten Albergo, an deren Rezeption wir zunächst nur von einer auf dem Tresen sitzenden Katze begrüßt wurde, war in einem Nebengebäude die Straße runter. Einfach, aber reichte vollkommen für eine Nacht.
Die Pizzeria setzte das Level für die beste Pizza dieser Reise noch nicht arg weit nach oben. Dafür war das Beobachten der Personalsituation wiedermal unterhaltsam. Wer gehört hier eigentlich zum Personal und wer ist Gast? Die Grenzen schienen schwimmend. Insgesamt schien es sich etwa die Waage zu halten, obwohl die Pizzeria keinesfalls leer war. Mindestens acht Personen waren zwischenzeitlich als Bedienung, Küchenpersonal oder Pizzabäcker auszumachen. Die Hälfte davon war aber jeweils nicht mit arbeiten im engeren Sinne beschäftigt, sondern scherzte mit Gästen oder schaute sich ein im Fernsehen laufendes Fußballspiel an.
Nach dem langen Tag mit rund 1200km Autofahrt, war es dann auch genug und wir verschwanden alsbald wieder über die Straße in unserem Zimmer. Den Fauxpas, Trinkgeld gegeben zu haben, schieben wir mal auf die Müdigkeit, ist ja in Italien eigentlich symphatischerweise unüblich. Zumindest aber nicht unhöflich, wie in anderen Ländern. Es fühlte sich also niemand beleidigt und jagte uns mit einem Pizzawender nach.
Morgen “droht” dann ein komplett bahn- und tramfreier Tag. Erst Pisa und nach der Überfahrt dürfte es bereits dunkel sein.
Montag, 13. April 2025: Kurz vor Pisa – Pisa – Bastia
Schöner als mit einem fußballplatzwürdigen Deckenlicht im Gesicht, kann ein morgen doch nicht beginnen, oder? Schnell wieder aus das Teil! Frühstück sollte es hier zwar geben, aber nicht vergessen: Wir sind in Italien. Mehr als einen Kaffee und ein paar trockene Kekse oder Kuchenstücken erwartet man da nicht. So wurden wir nicht enttäuscht, als wir ebendies im Frühstücksraum vorfanden. Kleines Extra war Joghurt. Irgendwann kam auch jemand, der sich verantwortlich fühlte und brachte uns frischen Kaffee.
Bis Pisa waren es noch knapp 60km, die trotz des italienisch späten Berufsverkehrs zumindest bis zur Stadtgrenze noch ganz gut liefen. Die letzten drei Kilometer wurden dann zäh, bevor wir das Auto an einem bezahlten Parkplatz, nur wenige hundert Meter vom berühmten Turm- und Domensemble abstellten. Der Parkplatz war nicht mal wirklich teuer. Vermutlich ist der ein, zwei Stunden später einfach voll, denn wirklich groß war der nicht.
Wir schritten durch die Porta Nouva und man muss wirklich sagen: Das machte schon was her hier die Piazza del Duomo, mit dem Dom selbst, dem weltbekannten schiefen Turm und dem Battistero di San Giovanni. Alles schön eingefasst in helle Marmorwege und grünen Rasen. Noch war es erträglich leer und wir schlenderten eine halbe Stunde um das Ensemble herum. Um hineinzukommen wären jeweils Eintritte fällig, für den Turm selbst dürfte es vermutlich weit im Vorhinein schon ausgebuchte Kontingente geben. Für die knappe Zeit, die wir hier hatten, lohnte sich das alles nicht.

Am Battistero di San Giovanni vorbei, fällt der Blick auf den die Cattedrale di Pisa, dem Dom des Erzbistums Pisa, hinter der sich der Torre di Pisa versteckt. Aus dieser Sichtachse und mit dem Dom daneben, fallen die aktuell rund 4 Grad Schieflage besonders auf.

Anderswo wäre die Cattedrale di Pisa das Highlight, hier bietet sie für die Touristenmassen aus aller Welt nur das passende Beiwerk zum schiefen Turm, der sich auf diesem Bild komplett hinter dem Dom verbirgt. Mit dem Bau des Doms wurde bereits 1063 begonnen, bis zur Fertigstellung sollte es über 200 Jahre dauern. Der Dom gilt als Vorbild für spätere Bauten beispielsweise in Florenz und Siena und lange Zeit als monumentalster Bau des Christentums.

Auf der anderen Seite, östlich des Doms, genau in der Achse des Hauptschiffes, steht der Battistero di San Giovanni. Die kreisrunde Taufkirche des Doms stammt aus dem Jahr 1152 und ist mit 54m Höhe und einem Umfang von 107 Metern die größte christliche Taufkirche.

Zeit für einen ersten richtigen Blick auf den weltbekannten schiefen Turm. Der Turm ist der zum Dom gehörende Glockenturm und wurde ab 1173 gebaut. Ab 1185 begann der Turm sich mit Erreichen des Baus der dritten Etage zu neigen. Ursprünglich sollte der Turm 100 m hoch werden, aufgrund der zunehmenden Neigung wurde letztlich nur eine Höhe von knapp 56 m erreicht. Der Wikipedia-Artikel zum angepassten Weiterbau, den verschiedenen Stabilisierungsversuchen über die Jahrhunderte und die Ursachenforschung ist durchaus lesenswert.

Die letzte große Aufrichtung des Turms konnte im Jahr 2001 abgeschlossen und das Gebäude nach zwischenzeitlicher Sperrung wieder für Besucher geöffnet werden. Die Neigung wurde dabei von 5,5 Grad auf 3,97 Grad reduziert. Bei rund 56m Höhe beträgt die Auslenkung an der Spitze damit aktuell 3,9m. Nach der Planung sollen die zuletzt ergriffenen Maßnahmen den Turm für mindestens 300 Jahre sichern.

Auch beim Teleblick auf die untere Ebene ist die Schieflage aus dieser Sichtachse unverkennbar.

So wie man die Pyramiden von Gizeh beim Posieren an ihrer Spitze festhalten muss, wird der schiefe Turm von Pisa mit den Händen seitlich abgestützt, als hätte es die Sanierungsmaßnahmen nicht gegeben. Solche Szenen lassen sich dutzende Male gleichzeitig beobachten und tausendfach an einem Tag. Mir wäre das zu unangenehm. Bei dem mühsamen hin und her gestikulieren, bis die Perspektive genau passt, zuzuschauen und das bei gleich dutzenden solcher Szenen parallel, war aber durchaus amüsant.
Hier wurde es jetzt gegen zehn bereits ungemütlich voll. Gut, waren wir wiedermal recht früh unterwegs gewesen. Bis wir Richtung Fähre nach Livorno aufbrechen mussten, war aber noch etwas Zeit, sodass wir noch ein wenig durch die Gassen der Kleinstadt flanierten. Ein dringend nötiges Frühstück, wenn auch schon mehr ein vorgezogenes Mittagessen, gab es bei einem Pizzabäcker an der Piazza Cavalotti. Einer dieser typischen Bäcker, die an der Theke auf riesigen, rechteckigen Blechen immer frisch gebackene und unterschiedlich belegte Pizzastücken feilbieten. Es ist nicht die runde, dünn belegte, neapolitanische Pizza, sondern die reichlich belegte Pizza Romana mit dickerem, knusprigem Teig. Man sucht sich einfach die Sorten aus, die man haben möchte, bezahlt meist nach Gewicht und dann werden die Stücken nochmal kurz in den Steinofen geschoben. Immer wieder unfassbar lecker und abwechslungsreich und ein super Snack für zwischendurch, wenn es mal schneller gehen soll. Das Ganze war hier etwas abseits des Weltkulturerbes auch keine Abzocke mehr, sondern hatte ganz humane Preise – im Gegensatz zu manchem Restaurant direkt in den angrenzenden Straßen nahe des Turms.
Gestärkt drehten wir anschließend eine Runde über die Piazza dei Cavalieri zur Piazza Garibaldi und dann zurück zum Auto.

Auf der Piazza dei Cavalieri steht dieser Herr, der eher unsympathisch einem Delfin seinen Hacken in den Kopf rammt. Es handelt sich um die Statua Cosimo de’ Medici.

Die nächste Berühmtheit findet sich an der auf die Piazza Garibaldi zulaufenden Borgo Stretto: Der Erfinder des modernen Kegelsports, Galileo-Galilei.

An der Piazza Garibaldi findet sich dieser urige Zeitungsstand.

Italienische Städte sind einfach immer wieder toll mit der Kamera zu entdecken. An jeder Ecke finden sich Details.
Am Weg zum Auto liefen wir noch einmal am Welterbe-Ensemble vorüber und ich war wirklich schockiert von den Massen, die hier inzwischen um 11 Uhr aufgelaufen waren. Wirklich die ganze Wiese rund um die Gebäude war umringt von Menschen, die sich in eben schon beschriebener Pose aneinanderdrängten und ablichten ließen. Ich habe hier schon häufiger dazu geschrieben, wie mich diese Touristen-Hotspots inzwischen abschrecken, bzw. abschrecken, seit es an so vielen Orten diese Ausmaße angenommen hat. Man ist ja selber auch Teil des Problems, wenn man dort ist, aber dann bin ich lieber nicht dort. Oder nur, wenn man eh gerade durchkommt und dann zu Zeiten, wie heute Morgen, wenn es noch zu ertragen ist. Dann schaue ich mir lieber ein Doku an, denn mit echtem “Erleben” hat es vor Ort ja auch nichts mehr zu tun, wenn es zugeht wie in einem Vergnügungspark. Nichts wie weg hier!
Wir lösten das Auto aus und fuhren die kurze Strecke hinüber zur südöstlich gelegenen Hafenstadt Livorno. Sicher abseits des Fährhafens auch ein nettes Örtchen, das man sich anschauen könnte. Die Zeit hatten wir aber nicht mehr. Zumindest dachten wir das, denn am Ende standen wir nach Ticketkontrolle und Aufkleber auf dem Auto wohl noch über eine Stunde in den Wartereihen. Es war ja nicht mal eine Fähre da, der Checkin sollte aber schon eine Stunde vor der 13.45-Abfahrt schließen. Vermutlich ist das eher, damit die Leute früh da sind, so wie das Boarding an den Flughäfen inzwischen immer früher vor dem tatsächlichen Boarding angeschlagen wird. Gegen halb eins manövrierte dann ein großer RoPax-Pott rückwärts an die Rampe. Das Entladen der LKWs und Autos war gefühlt sehr zäh, irgendwie hatte man das alles schon schneller gesehen. Kurz vor halb zwei konnte wir dann endlich einfahren und fanden uns kurze Zeit später für das anstehende Ablegen auf dem Oberdeck wieder.

Warten am Porto di Livorno. Warum gibt es an solchen Orten eigentlich keine Bar, an der man während der Wartezeit gemütlich einen Kaffee trinken kann? Es gab wohl mal eine, dorthin wo das Schild an dem kleinen Häuschen deutet, war aber nichts mehr.

Vom Oberdeck ist die Aussicht schon etwas interessanter als vom Parkplatz. Auf dieser Seite die Innenstadt von Livorno. Auf der anderen war der Güterhafen zu sehen, in dem am Fließband LKW mit Schüttgut beladen und anschließend abgewogen wurden.

Leinen los und ab nach Korsika. Beim “gelebten” Arbeitsschutz gruselte es einen teilweise etwas, hier zumindest ist aber nichts Kritisches zu sehen.

Wir laufen aus Richtung Bastia. Beim Konkurrenten MOBY ist im April noch nicht so richtig Saison. Die MOBY Fantasy und Orli machten beide nicht den Eindruck, unmittelbar auslaufen zu wollen.

Der Leuchtturm von Livorno. Interessanterweise gab der auch etwas seltsame, akustische Signale von sich.
Auf den letzten Bildern war es schon gut zu sehen: Wir wurden geradewegs von der nächsten Regenfront eingeholt. So verschwanden wir alsbald unter Deck und machten uns mit der Versorgungslage auf dem Schiff bekannt. An der Cafeteria holte ich mir zunächst Kaffee und Muffin und gesellte mich dann zu meinem Vater, der an der kleinen Kantine zwei Salate besorgt hatte. Hätten wir gewusst, was hier gleich passiert, wir hätten uns noch einmal reichlicher eingedeckt. Innerhalb der nächsten Stunde schloss nach und nach alles auf dem Schiff. Selbst der Shop und die Cafeteria. Ich hatte es geradeso geschafft, mir noch einen weiteren Kaffee zu ziehen. Die letzten drei Stunde der fünfstündigen Überfahrt wurden damit zur Servicewüste. Wer soll denn das verstehen? Normalerweise ist doch der Bordverkauf eine der wichtigsten Einnahmequellen der Redereien und die machen hier alles dicht? Vor allem ist das ganze Personal ja eh an Bord. Was machen die jetzt die ganze Zeit? Wir verzogen uns auf die billigen Plätze im gläsernen Heckbereich des Schiffes. Auch der dortige Starbucks hatte geschlossen. Leider ließen die Dieselmotoren hier im Takt die ganzen Glas- und Kunststoffverkleidungen laut erzittern. Nicht so richtig gemütlich. Zu allem Überfluss begannen dann paar Tische weiter auch noch welche, auf dem Metalltisch ohne Unterlage ein Würfelspiel. Das war zu viel – ich verzog mich auf das Oberdeck. Unter dem Dach der – natürlich ebenfalls geschlossenen – Beachbar, ließ es sich dort schön an der frischen Luft sitzen und dem Wasser dabei zuschauen, wie es mit dem Seegang von rechts nach links über das Deck schwappte. Irgendwie habe ich bei Überfahrten meist so ein Wetter. Ich kann mich jedenfalls kaum an eine erinnern, bei der mal richtig gutes Wetter gewesen wäre. Aber ich finde es eigentlich ganz schön so durch die raue See zu fahren und ein wenig die Kraft von Wellen, Wind und Regen zu spüren – vor allem wenn man dabei selbst nicht nass wird… So schaukelten wir mit rund 35 km/h dahin, das seitliche Rollen war besonders auf den Treppen schon gewöhnungsbedürftig.

Während einer kurzen Trockenphase konnte ich eine Weile am menschenleeren, seitlichen Oberdeck den frischen Seewind genießen. Mit einsetzendem Regen verzog ich mich dann unter das Vordach der Beachbar hinter der Brücke.

Irgendeine kleine Insel zieht unterwegs vorbei.
Eigentlich hätten wir voraus längst Land sehen müssen, aber bei dem aktuellen Wetter war Korsika erst wenige Minuten bevor wir dann um kurz nach 18 Uhr schon in den Hafen manövrierten, zu erkennen. Erster Vorbote war dafür noch bevor Land in Sicht war eine Schwalbe, die sichtlich verwirrt kreuz und quer über das Oberdeck flog. Die Wellen krachten recht brachial gegen die Steinmauer von Bastia. Das Anlegen dauerte mal wieder eine Ewigkeit.

Im Hafen von Bastia liegt die Mega Andrea.

Wir sind die einzigen, die sich angesichts des stürmischen Regenwetters kurz auf das seitliche Oberdeck trauen. Die Wellen schlagen mächtig gegen die Küstenlinie von Bastia.
Das zähe Entladen durften wir jetzt von der anderen Seite der Hecklappen auf Autodeck 4 erleben. Bestimmt eine halbe Stunde dauerte es noch, nachdem das Schiff bereits angelegt hatte, bis sich die Fahrzeuge auf unserem Deck dann schlussendlich in Bewegung setzten. Und nach uns war das Schiff noch längst nicht leer. Aber bisschen hupen hilft ja bekanntlich, wenn eh nichts voran geht. In regelmäßigen Abständen entstanden während des Wartens regelrechte Hupkonzerte – wirklich amüsant 😀
Wir wollten in Bastia nochmal kurz auf den Bahnhof schauen und uns dann ein Abendessen suchen. Das Ganze verkam eher zu einer ungewollten Badesession, denn am Himmel brachen alle Dämme, sodass selbst die Regenschirme nurmehr bedingt halfen. Wir kamen gerade passend für die 19.47-Abfahrt, die letzte des Tages. Fotografisch war natürlich absolut nichts mehr zu holen, aber immerhin: Doch noch ein Bahnfoto an diesem Tag.

Drei AMPs stehen im Endbahnhof der Chemin de fer Corse in Bastia. Der Doppeltriebwagen aus 817 und 818 wird gleich als letzter Zug des Tages Richtung Casamozza starten.
Den Versuch der Essenssuche brachen wir anschließend schnell ab. Es war wegen Montag und/oder dem Wetter das meiste geschlossen und wir fanden bald keine Wege mehr durch die Straßen, auf denen man nicht zum Erreichen der anderen Straßenseite durch knöcheltiefe Wasserfluten waten musste. Irgendwo wird sich schon noch was finden unterwegs, im allerletzten Notfall eines der amerikanischen Schnellrestaurants oder einfach ein Abendessen aus dem Supermarkt. Hotel hatten wir wiedermal zum Schnäppchenpreis kurz vor Casamozza gebucht, sodass wir morgen früh gleich dort wären, wo die Strecke interessant wird. Hier im Vorortverkehr herrscht zwar ein vergleichsweise dichtes Zugangebot, aber wie auch in Aiacciu lässt sich das quasi nicht nutzen, da es einfach keinerlei Motive hat an diesem Abschnitt. Für die Fahrt wäre derweil ein Amphibienfahrzeug mit Schleuderscheibe nützlich gewesen. Die Scheibenwischer wurden den Wassermassen kaum mehr Herr und mehr als 50 kmh waren auf der Ausfallstraße nicht mehr drin, wollte man am Lenkrad nicht zum Passagier werden. So ist das also am Mittelmeer, wenn die Wintertiefs noch nicht durch sind. An einem bis 21 Uhr geöffneten Sparmarkt versorgten wir uns zunächst mit etwas Proviant für den morgigen Tag, dann fuhren wir zunächst noch an unserer Unterkunft vorbei und fanden bald einen Imbiss, an dem es noch Burger mit Pommes gab. Für die Suche nach kulinarischen Highlights schlug das Motivationsbarometer heute nicht mehr weit genug aus.
Das Hotel Castellu Rossu war wirklich eine schöne Adresse. Sogar mit Außenpool – wer hat Lust? Dass wir hier wieder für deutlich unter hundert Euro unterkamen, war wohl auch der krassen Nebensaison geschuldet. Es sollte sich immer wieder herausstellen auf dieser Reise: April ist auf Korsika optimal. Viele Hotels haben bereits geöffnet, sind aber noch bei weitem nicht ausgelastet und verschleudern so ihre Zimmer in der Vorsaison gerade für Last-Minute-Bucher zu Schnäppchenpreisen. Wohl denen, die keinen Badeurlaub machen und spontan reisen.
Ein lustiges Detail hatte das ansonsten schöne Zimmer zu bieten: Die Toilette befand sich in einem separaten kleinen Raum am Flur, getrennt vom Badezimmer. Das Bidet wiederum war im Badezimmer installiert. Da stellen sich logistisch doch einige Fragen: Soll man nach dem Geschäft also einmal über den Flur huschen, um dann im Badezimmer am Bidet die Reinigung durchzuführen? Und was bringt es, die Örtlichkeit vom Bad zu trennen, wenn man dann am Ende eh in beide Räume muss? Ich lasse das mal so stehen, ohne weiter ins Detail zu gehen, aber ganz durchdacht erschien mir das nicht.
Für morgen haben wir noch keinen komplett ausgearbeiteten Plan. Erstmal frühstücken – eine geöffnete Patisserie hatte ich zumindest schon ausgemacht im Ort – und dann den Zug 2, der um 08.39 von Ponte Leccia Richtung Bastia kommt, irgendwo abfangen.
