Wir machen uns heute mit der Chemin de fer Corse auf der Relation Bastia – Ponte Leccia – Ajaccio bekannt. Im Dauerregen bleibt dabei oft nicht viel mehr zu tun als aussitzen und ein wenig Motive zu kundschaften, die man dann später wohl wiederholen müsste.
Ab diesem Teil sind bei relevanten Bildern wieder die Positionsdaten bei OSM hinterlegt. Einfach auf das Bild klicken und unsere Fahrten so nachvollziehen oder Motive für einen eigenen Besuch vormerken.
Dienstag, 14. April 2026
Nicht weit nach sieben klingelten heute die Wecker. Der Blick nach draußen war nicht übermäßig erbaulich, zumindest aber schien es gerade trocken zu sein. Frühstück hatten wir hier wie immer nicht dazugebucht und so ging es fix rüber in den Ort zu einer Boulangerie/Patisserie. Das war einer dieser genialen Läden, wo man sich schon morgens im Grunde für den ganzen Tag, selbst das Abendessen eindecken könnte. Von süßem Frühstück über frische Salate, Quiche, reichlich belegte Baguettes bis zur Pizza gibt es hier alles. Erstmal gab es das, was sich im Laufe dieser Tour als unser standardfranzösisches Frühstück etablieren sollte: Zwei Croissant, zwei Pain au chocolat, einen Café allongé und einen Café au lait. Dieser mit aufgeschäumter Milch verunreinigte Kaffee sollte übrigens die Reisekasse schwer belasten, denn der schlägt aufgrund der zusätzlichen Arbeitsschritte und dem Materialeinsatz in Frankreich nicht selten mit dem doppelt bis dreifachen Preis zu Buche und erreicht damit fast deutsche Regionen, während Kaffee in Reinform eher zwischen einem und zwei Euronen rangiert und damit ähnlich zu Italien als günstiges Grundnahrungsmittel anzusehen ist. Wenn man das über 14 Tage und im Schnitt drei Kaffees aufrechnet, kommt da schon ein erhebliches Ungleichgewicht zusammen, das ich durch geschickte, teure Bestellung beim Abendessen irgendwie wieder rausholen musste. Denn mit den Reisekosten halten wir es bis auf Ausnahmen simpel: Einfach alles zusammenrechnen und durch zwei teilen.
Wir nahmen uns noch Proviant in Form der aufgezählten Leckereien mit und fuhren dann dem Zug 2 entgegen, der heute in aller Früh aus Ajaccio gestartet war und um 8.39 Uhr aus Ponte Leccia Richtung Bastia abfahren sollte.
Kurz zur Einordnung der Chemin de fer Corse für alle, die sich hier nicht auskennen: Das Streckennetz befindet sich ungefähr auf dem nördlichen Drittel der rund 180km langen und 80km breiten Mittelmeerinsel und erschließt mit drei Ästen die drei Küstenstädte, Calvi im Nordwesten, Bastia im Nordosten und Ajacciu im mittig unteren Westen, sowie mit Corte die einzig wichtigere Stadt im Inland der Insel. Alle drei Äste treffen sich im nördlich, mitten im Inland gelegenen Ponte Leccia. Der längste der drei Äste ist damit jener von Ponte Leccia über Corte nach Ajacciu mit rund 111km. Ponte Leccia nach Bastia misst rund 47km und der Zweig von Ponte Leccia nach Calvi rund 73km. Insgesamt besteht damit heute noch ein Netz von 231km. Bis 1953 gab es auch eine weitere lange Strecke, die von Bastia auf 130km fast die gesamte Ostküste bis Porto Vecchio erschloss. Von der Zerstörung von 18 Brücken beim Rückzug der Wehrmacht 1943, erholte sich diese Strecke nicht mehr, die Reste wurden 1953 stillgelegt.
Als Hauptrelation bedient wird heute die Linie Ajacciu – Ponte Leccia – Bastia. Im Saisonfahrplan 2026 mit werktags fünf durchgehenden Zugpaaren und einem nur von Bastia bis Corte geführten Zugpaar. Deutlich davon ab fällt die Zweigstrecke von Ponte Leccia nach Calvi mit nur zwei (!) täglichen Zugpaaren. An den drei Küstenstädten besteht jeweils ein dichterer Vorortverkehr, in Ajaccio mit etwa einem Zug je Stunde, in Bastia mit ein bis zwei Zügen je Stunde und an der Strandlinie von Calvi mit einem Zug alle zwei Stunden.
Die Strandlinie von Calvi ist heute auch die einzige Strecke, auf der im Normalfall noch ein Triebwagen der älteren Baureihe X 97051-97057 von 1989/90 und 1997 zum Einsatz kommt. Dies während unseres Besuches allerdings auch nur in der Zeit, in der gerade kein AMG von der Langstrecke in Calvi ist, sodass nur die Züge 300 bis 303 am Vormittag und 308 bis 311 am Nachmittag/Abend mit altem Material gefahren wurden. Wie viele von den einst sieben Trieb-/Steuerwagen-Einheiten überhaupt noch einsatzbereit sind, ist nicht ganz klar. Im Bahnhof Francardo standen jedenfalls 2 1/2 komplett abgewrackte Einheiten herum, in Ponte Leccia eine weitere Hälfte.
Alle anderen Leistungen werden heute von den zwölf AMG Doppeltriebwagen 801/802 bis 823/824 erbracht. Man kennt die Fahrzeuge auch von der Provence-Bahn. Hier auf Korsika sind sie in einem nur mäßig attraktiven weiß/anthrazit unterwegs. Teilweise wurden auf der Relation Bastia – Ajaccio auch Doppeltraktionen eingesetzt. Aber auch dann reichen die zwölf Triebwagen für den dünnen Fahrplan samt Vorortverkehr in der Regel aus.
Und eins noch vorweg: Mit dem Ortsnamen ist das hier so eine Sache. Korsika ist mit Korsisch und Französisch zweisprachig und die Ortsnamen sind in beiden Sprachen jeweils unterschiedlich. In den auf der Website veröffentlichten Fahrplänen stehen die Korsischen Ortsnamen, an den Bahnhöfen selbst sind wiederum die Französischen angeschlagen. Auch in den verschiedenen Kartendiensten wird mal das eine, mal das andere verwendet. Manchmal ändert es sich sogar beim Zoomen. Wenn es also auch hier in diesem Bericht hin und wieder kleines Durcheinander gibt, ist das natürlich so gewollt und absolut authentisch 😉
Auf dem Streckenabschnitt von Casamozza bis Ponte Leccia gibt es im Grunde drei Highlights und alle drei sind Brücken. Eine bei Fontanone, eine kurz hinter Barchetta und eine kurz hinter Ponte Nuvo. Vom Licht wäre jetzt theoretisch zumindest die mittlere interessant gewesen, praktisch erledigten sich die ersten beiden aber auch vollkommen ohne Licht von selbst. An beiden Brücken wurde gerade gebaut, ein anständiges Bild war nicht zu machen. Die dritte sparten wir uns für später auf, war es doch gerade ziemlich maximal dunkel für diese Tageszeit. Stattdessen arbeiteten wir einen der urigen, abgerockten Bahnhöfe ab, wobei auch Barchetta, wie so viele, streng genommen nur noch ein Haltepunkt ist. Auf dem Weg dorthin wurde auch schnell klar: Auf der Straße nimmt man den Zügen hier nicht sehr viel Zeit ab. Das wäre nur mit großem Aufwand, sprich mit weiten Distanzen zwischen zwei Aufnahmen realistisch.

Am Bahnhof Barchetta bekamen wie einen ersten Eindruck, in welchem Zustand des Verfalls sich die meisten zu Haltepunkten degradierten, ehemaligen Bahnhöfe entlang der CFC befinden. Wobei hier wenigstens das Gebäude selbst dank Privatbesitzes noch halbwegs in Schuss ist.

Bei den Bahnsteiganlagen sieht das schon etwas anders aus.

Mit lautem Getöse kam dann bald der AMG 810+809 angedröhnt. Die Soundkulisse dieser dieselhydraulischen Triebwagen ist für das Baujahr 2007 wirklich beachtlich. Das bescheidene Wetter nutzte ich für ein Versuch mit Spiegelung an der ehemaligen Einfahrtsweiche, in deren Grube sich eine große Pfütze gebildet hatte.

Wenige Meter weiter die Aufnahme mit dem ehemaligen Bahnhofsgebäude von Barchetta. Wie sich herausstellte, hatten die meisten kleinen Unterwegsbahnhöfe früher wohl eine Art Standardausstattung, die aus nahezu einheitlichem Empfangsgebäude und separatem Güterschuppen bestand.
Als nächstes stand Zug Nr 101/151 auf dem Plan, der am Vormittag von Bastia über Ponte Leccia nach Calvi fährt. 9.50 Uhr sollte der in Casamozza abfahren, sodass wir uns zuvor noch am dortigen Betriebszentrum der CFC umsahen. Das meiste verschwindet dort jedoch in einer großen Wellblechhalle, sodass abgesehen von drei Hobeln nicht viel zu sehen war. Am Bahnsteig stand ein AMG für den Vorortverkehr, die Wellblechhalle entstellt die Bahnhofsansicht allerdings ziemlich.

Am Bahnhof Casamozza befindet sich das Betriebszentrum der CFC. An den noch als solche fungierenden Bahnhöfen findet sich jeweils eine hübsche Illustration.

Direkt an der Wellblechwand wartet AMG 817+818 auf den nächsten Dienst im Vorortverkehr Richtung Bastia.

Wirklich fotogen macht die Halle den Bahnhof nicht. Das Bahnhofsgebäude entspricht sogar mal nicht dem üblichen Standard.

Im Gleisfeld standen drei Bauzughobel. Auf der Südseite 408 und eine Nummernlose, auf der Nordseite die 407. Bei der nummernlosen Lok dürfte es sich um die CFD-BB 400 Nr. 406 handeln, die 1995 von einer Schweizer Dienstleistungsfirma nach Korsika gelangte und zunächst auf Meterspur umgebaut werden musste. Die Loks 407 und 408 dürften baugleich sein. Erstere wurde bereits 2009 abgeliefert, blieb dann aber jahrelang wegen Mängeln abgestellt. Erst 2016 konnte die Maschine schließlich nach Anpassungen in Betrieb genommen werden, ebenso die 2015 gelieferte 408.
Wir fuhren anschließend dem Zug 101/151 aus Bastia voraus bis Ponte Novu. Da aus Ponte Leccia mit dessen Ankunft dann auch ein Gegenzug Richtung Bastia starten würde, konnten wir gleich zwei Stellen an diesem Ast abarbeiten. Zunächst steuerten wir den Bahnhof Ponte Novu an, anschließend für den Gegenzug die große talquerende Brücke kurz hinter dem Ort Richtung Ponte Leccia. Da gerade kein Nass von oben kam, konnte ich dort auch erstmals die Drohne in die Luft schicken.

Wir teilten uns am Bahnhof wieder auf. Ein echter Gewinn, bei diesem dünnen Fahrplan. AMG 819+820 erreicht die Einfahrtsweiche von Ponte Novu.

Ponte Novu ist sogar noch ein echter Bahnhof mit zwei Gleisen. Inzwischen der einzige zwischen Casamozza und Ponte Leccia.

Zwanzig Minuten später stand die Drohne in der Luft und AMG 803+804 kommt als Zug 4 aus Ponte Leccia entgegen und überquert den Viadukt über den Fluss Golu. Während unseres Besuches die einzige der drei großen Brücken an diesem Ast, an der keine bildverhindernden Arbeiten stattfanden.
Nach dieser kleinen Verkehrsspitze am Vormittag wurde es jetzt zäh. Da sich die Züge in alle drei Richtungen gerade in Ponte Leccia getroffen hatten, war nun erstmal überhaupt nichts mehr los. Der Ast nach Calvi wäre bis zum späten Nachmittag komplett tot, auf der Relation Bastia – Ajaccio würde zumindest um 12.50 der Zug 5 Richtung Ajaccio durchkommen. Das war ja “nur noch” gute zwei Stunden hin. Wir schauten uns mal im Bahnhof Ponte Leccia um, wo die erwähnte halbe X 97000-Einheit abgewrackt herumstand, ansonsten war es klinisch leer mit einem neuen, modernen Bahnsteig samt digitalem Zuganzeiger. Leider zeigte diese auch nichts Erbaulicheres an, als wir unserem mageren Fahrplan entnommen hatten. Ansonsten gab es noch ein wenig einladend wirkendes Bahnhofscafé. Kann auch am trüben Wetter gelegen haben. Der einzige Gast war jedenfalls der Fahrer des am Bahnhof parkenden Schulbusses, der jetzt wohl Pause hatte bis Schulschluss. Auch ein stressiger Arbeitstag. Wir schlenderten noch ein wenig durch Ponte Leccia, was angesichts der Größe des Ortes schnell erledigt war. Im Grunde gibt es hier nichts, außer dass sich die Straßen und Bahnstrecken aus Calvi, Bastia und Corte/Ajaccio zufällig hier treffen. So ging es bald weiter zur Streckenerkundung Richtung Corte. Das Hotel Las Vegas in Ponte Leccia konnten wir dann bei der Vorbeifahrt auch schonmal von der Liste potenzieller Übernachtungsmöglichkeiten streichen. Nicht das ich das nicht eh schon allein angesichts des Namens bei einem Blick in Booking.com getan hätte. Es sah auch in real maximal uneinladend aus, auch wenn es scheinbar nicht ganz tot war. Zum Glück ergab es sich strategisch auf der weiteren Tour nie, in Ponte Leccia übernachten zu wollen, so konnten wir gar nicht in Versuchung kommen.

Ponte Leccia ist ein typischer kleiner Ort an den Verkehrsachsen im Inland. Im Grunde gibt es nur zwei Arten von Dörfern im Inland Korsikas. Jene, die irgendwo an absurd hohen und unzugänglichen Orten auf den Bergspitzen errichtet wurden, weil die Korsen wiedermal vor irgendwelchen Besatzern und Belagerern fliehen mussten. Und jene, die strategisch an den Verkehrsachsen entstanden. Beide Arten sind meist eher klein, unbedeutend und von der Tendenz sterbend. Größenmäßig einzige Ausnahme im Inland in das mit knapp 8000 Einwohnern vergleichsweise große Corte.

Die namensgebende Brücke, die die Straße aus Bastia an die Achse von Calvi nach Ajaccio anschließt.

Rosmarin vor dem wolkenverhangenen Bergland in Ponte Leccia.
Wir fuhren zunächst nur bis zum nächsten Ort Francardo, wo die besagten 2 1/2 Leichen der ausrangierten X 97000 herumstehen und zu einem Lost Place erster Güte verkommen sind. Wir erkundeten das Ensemble samt des ebenfalls nicht mehr ganz taufrischen Bahnhofes und aßen unser heute Morgen erstandenes Mittagessen. Baguette mit Camembert und Walnüssen belegt – wirklich gut! Eigentlich schlugen wir nur Zeit tot, denn den nächsten Zug wollten wir auch gleich hier an zwei Stellen in und hinter Francardo verhaften. Den Gegenzug aus Ajaccio dann eine knappe Stunde später im Bahnhofsensemble selbst.

Lost Place in Francardo. 2 1/2 X 97000-Einheiten aus Trieb- und Steuerwagen rotten hier vor sich hin.

Die Schrottpreise scheinen gerade nicht attraktiv zu sein, sodass man die Leichen einfach hier an den Rand gestellt hat. Die Gleise sind gar nicht mehr angeschlossen.

Was nicht vorher schon ausgeschlachtet war, wurde inzwischen in Schutt und Asche gelegt.

Mit dem Losfahren könnte das schwierig werden.
Am Ortsrand von Francardo gibt es eine nette Stelle an einer wie ein Römerpfad anmutenden alten Steinbrücke über die Bahn. Ob Privatgrund oder nicht, ist hier auf Korsika immer so eine Sache. Aber es gibt hier so viele Zäune in der Landschaft – wenn irgendwo keiner steht, geht man halt mal durch. Zugegeben, ein wenig halb über die Terrasse des angrenzenden Hauses, aber der Weg ging da einfach quer durch und es störte sich mehrmals niemand an uns. Meinen Vater setzte ich vorher noch an den Ruinen einer verfallenen Verladestation am ehemaligen Haltepunkt Omessa ab. Wir erkundeten auch noch kurz die weite Schleife, die die Strecke direkt hinter Francardo Richtung Westen in ein Seitental macht, die Brücke an der Talquerung war aber völlig zugewachsen für normale Perspektiven. Mit der Drohne geht sicher was ganz Nettes, aber der Nieselregen nahm mir die Entscheidung ab, was ich umsetzen wollte.

Bei mir am Ortsrand von Francardo kommt der Zug Nr. 5 Richtung Ajaccio zuerst durch. Unter Volllast dröhnt der hier aus Kurve und Ort hinaus in die Steigung hinein. Die Deutz-Motoren haben echt einen super Sound. Sehen die Bewohner der direkt angrenzenden Häuser vielleicht anders, aber viel fährt ja eh nicht.

Wenig später erreicht AMG 801+802 die verfallene Verladestation am ehemaligen Haltepunkt Omessa.

Nur eine knappe Stunde war es anschließend bis zum Gegenzug Richtung Bastia, den wir in Francardo erwarteten. Als Zug 6 hält AMG 815+816 kurz an und es steigt tatsächlich jemand aus.

Schon nach wenigen Sekunden startet der AMG 815+816 laut brüllend aus dem Bahnhof Richtung Bastia.
Wie man es dreht und wendet, die Vierstundenlücke in Ponte Leccia im nachmittäglichen Fahrplan bleibt eigentlich immer ein Problem. Und genau in der waren wir jetzt gelandet. Einzige Lösung ist im Grunde der Vorortverkehr einer der drei Endpunkte, aber aufgrund der maximal unattraktiven Strecken fällt der in Bastia und Ajaccio auch raus. Einzig Calvi würde da in den nächsten Tagen Auswege bieten, aber das stand heute nicht auf unserem Plan. So bleibt eigentlich nichts außer Kaffee trinken, Streckenkunde, dem nächsten Zug wenigstens ein Stück entgegenfahren und ansonsten lange einfach Abhängen. Genau das taten wir in dieser Reihenfolge in den nächsten vier Stunden.
Für einen Kaffee fuhren wir das kurze Stück zurück nach Ponte Leccia. Außer ein paar wenig einladenden Straßenrestaurants, gibt es dort noch einen kleinen Bäcker, zwei Supermärkte und ein Brasserie. Im Grunde schon erstaunlich viel für die Größe des Ortes und wahrscheinlich seiner verkehrlich bedeutsamen Rolle geschuldet. Für einen kleinen Kaffee-Stop blieb da im Grunde nur die Brasserie. Zu dieser Institution jedes noch so kleinen französischen Dorfes, schrieb ich später eine kurzen, nicht ganz ernst gemeinte Text:
Eine leicht verruchte Brasserie, irgendwo zwischen Bar, Café und Spelunke, gehört noch zu jedem französischen Dorf. Ein dunkler Innenraum mit hölzerner Theke, darauf eine schwere Siebträgermaschine, dahinter Spirituosen. An den Wänden irgendwelche Fotos und Auszeichnungen lokaler Berühmtheiten, die es entweder in die weite Welt geschafft haben, oder im Duell mit dem verfeindeten Nachbarn als Sieger hervorgegangen waren und die Ehre des Dorfes erfolgreich verteidigt hatten.
Die besten Zeiten hat das alle schon hinter sich. Irgendwie sitzen da den ganzen Tag die gleichen, leicht abgehalfterten Leute herum. Immer etwas zu wenige, als dass man sich erklären könnte, wie der Laden überleben kann. Die wenigen Gäste, zumeist Verwandte und Bekannte, sitzen rauchend an der Straße oder drinnen an der Theke und trinken wahlweise, aber ohne Zusammenhang zur Tageszeit, Espresso, Wein und Bier. Dabei wird sich gestenreich und lautstark unterhalten, beschwert über “Die da oben” und Politik für’s Dorf gemacht.
Bei einem Café allongé und einem abermals kostentreibenden Café au Lait, legten wir uns kurz die Karten und brachen dann auf zu einigen Erkundungen Richtung Corte. Eine mögliche Stelle mit großem Fragezeichen hatte ich mir zwischen Soveria und Corte notiert. Eventuell eine “Drone only” Stelle, aber vom Höhenprofil der Umgebung und dem Luftbild könnte vielleicht etwas gehen. Definitiv aber nichts, was man in Zeitnot erkundet. Also genau das Richtige für jetzt. Wir parkten am Ende der Befahrbarkeit einer kleinen Piste einen Hügel vom Motiv entfernt und liefen dann bei immer wieder einsetzendem Nieselregen einen Pfad durch einen Olivenhain auf den Hügel hinauf. Wiedermal nicht ganz klar, wie erlaubt oder verboten das hier war, aber wir mussten weder einen Zaun überqueren, noch standen die nicht zögerlich über die Insel verteilten “Privé”-Schilder irgendwo herum. Vermutlich erwartet hier in der Pampa aber auch niemand, dass zwei Fremde einen Pfad hinüber zur Bahnstrecke suchen. Da kann man es nur drauf ankommen lassen und wenn sich jemand beschwert, dann geht man eben wieder. Jedenfalls waren wir hier tief im Oliven- und Ziegenrevier und wurden aus dem Gestrüpp bisweilen argwöhnisch von Paarhuferherden beäugt. Nützen tat uns das alles nichts, denn die Brücke, die hinter dem Hügel mein Ziel gewesen war, stellte sich als nicht darstellbar heraus. Gleichzeitig war das aber auch von einer Position an der Straße so weit verschattet, dass es auch mit der Drohne schwierig werden würde. Man müsste also mit Drohne ans Motiv laufen, um dann ein Bild aus der Luft zu machen. Dafür war das Motiv zwischen den vielen noch offenen Top-Motiven bei wenigen Zugbewegungen eindeutig nicht gut genug. Wussten wir das jetzt auch und hatten einen netten Spaziergang durch verregnete Olivenhaine gemacht. Was man eben so tut, wenn vier Stunden nichts fährt.
Eine Brücke, die durchaus ein Highlight gewesen wäre, befindet sich kurz vor Corte und bietet ein Motiv mit dem Ort und den Bergen im Hintergrund. Hier war die Frage, ob man dort legal hinkäme, allerdings sehr eindeutig durch eben erwähnte Schilder beantwortet. Fraglich, wie die vielen anderen Hobbykollegen dorthin gekommen waren. Beim inzwischen einsetzenden Starkregen wollten wir es aber nicht auf einen Versuch ankommen lassen, entweder den verbotenen Weg zu gehen, oder einen anderen zaunfreien durchs Gestrüpp zu finden, um dann doch kein Bild zu machen.
Stattdessen blieben wir an der Schotterfläche an der Privatzuwegung einfach eine halbe Stunde an einer riesigen Pfütze im Auto sitzen und taten gar nichts. Wenn auch die Laune angesichts der vielen Sonnen im Wetterbericht der nächsten Tage gut blieb, brach die unmittelbare Motivation gerade doch ein wenig ein.
Irgendwann war es Zeit, sich doch etwas für den nächsten Zug aus Ajaccio zu überlegen. Wir entschieden uns für eine erste Erkundung der “Pont Eiffel”, das große “Viaduc ferroviaire du Vecchio” zwischen Venaco und Vivario, das 1888 konstruiert und zwischen 1891 und 1894 errichtet wurde und fälschlicherweise oft Gustave Eiffel zugeordnet wird. Tatsächlich entstand es erst nach dem Ausscheiden Eiffel’s aus der beauftragten Gesellschaft. Eines der weniger bekannten Bauwerke dieses Architekten findet sich im Übrigen mitten in Paris.

Fast schon monochrom tristes Regenwetter an der Pont Eiffel.

Diese seltsamen Blumen fanden sich überall auf der Insel. Laut Bilderkennung ein Sommer-Affodil.

Um 17.08 Uhr dröhnt AMG 824+823 als Zug 8 Richtung Bastia über den “Viaduc ferroviaire du Vecchio”. Die Brücke ist 84m hoch und 170m lang und der Metallträger misst 140m, womit sie die längste Brücke der CFC ist.
Jetzt blieb uns nur noch der in Corte kreuzende Gegenzug Nr. 7 Richtung Ajaccio. Potenziell hätte der jetzt im April wohl noch an vielen Stellen Sonne mit Abfahrt 16.52 ab Ponte Leccia. Das Thema war für heute aber erledigt und mit lichtstarkem Equipment kann man sich dann inzwischen einfach irgendwie stellen an der Strecke, unter Ignoranz möglichen Schattenwurfes und Sonnenstandes. Dank der weiten Distanz, die wir den Zug nun begleiten konnten und den vielen engen Kurven und Schleifen, die die Strecke zum Höhengewinn bis zum Tunneleingang in Vizzavone macht, gelang hier sogar mal eine kleine Begleitung mit drei Aufnahmen in Venaco, Tattone und Vizzavone. Was man eben so macht bei solchem Wetter: Bahnhofsaufnahmen. Landschaftsmotive gaben gerade einfach überhaupt nichts mehr her.

AMG 809+810 als Zug 7 nach Ajaccio im Bahnhof von Venaco. Hier liegt zwar noch ein zweites Gleis, das ist allerdings nicht mehr angeschlossen.

Die Ausfahrt mit dem Tunnelportal unter dem Ort ist auch durchaus sehenswert. Eine Fußgängerbrücke am Bahnhofskopf erlaubt diese beiden Perspektiven.

Der Bahnhof oder besser gesagt Haltepunkt Tattone, ist auch wiedermal mehr Lost Place als alles andere. AMG 809+810 schaltet bei der Durchfahrt nicht mal das grelle Streckenlicht aus. Man hängt hier an der von Seehöhe bis auf rund 900 Höhenmeter ansteigenden Strecke doch teils schon gut in den Wolken. Das macht es fast schon wieder stimmungsvoll.

Ein letztes Mal erwischten wir den Zug 7 im Bahnhof Vizzavone, der direkt am Portal des 3.916m langen Scheiteltunnels liegt. Hier musste auf den Gegenzug Nr 10 mit AMG 801+802 gewartet werden, weshalb wir unseren Zug auf der kurzen Strecke zwischen Tattone und Vizzavone überhaupt nur wieder einholten. Die Mannschaft war dann auch sogleich im Bahnhof verschwunden und hielt einen kurzen Plausch. Natürlich dann auch mit dem Personal des Gegenzuges, nachdem dieser eingetroffen war. Pünktlichkeit spielt dann eher eine untergeordnete Rolle. Durch den Tunnel hatte der Zug anschließend aber einen uneinholbaren Vorsprung vor uns.

Nach gut 5km kommt die Strecke hinter dem Tunnelportal von der Straße aus wieder in Sicht. Spektakuläre Landschaftsblicke mit Zug-Suchbild wären hier prinzipiell möglich, wäre nur dieser Fahrplan nicht…

Die Berge hängen noch voller dicker Wolken, wenngleich Richtung Küste bereits erste Streifen blau erkennbar waren. Morgen soll sich das alles auflösen.
Auf der weiteren Fahrt Richtung Ajaccio sorgten mit Lichthupe entgegenkommende Fahrzeuge zwischenzeitlich für erhöhte Aufmerksamkeit. Nur eine Verkehrskontrolle? Einer hatte auch Warnblinker an, das wäre vielleicht etwas zu viel für eine Verkehrskontrolle. Tempo gedrosselt und vosichtig weitergefahren und in der nächsten Kurve lag dann in Gegenrichtung humorlos ein kleiner, alter Peugeot auf seiner Spur auf dem Dach. Einsatzkräfte waren schon vor Ort und niemand mehr im Auto. Schien fast, als wären alle recht glimpflich davongekommen, soweit man es im Vorbeifahren einschätzen konnte. Trotzdem musste der mit ziemlich Dampf in den Hang gefahren sein, um sich einmal zu überschlagen. Technischer Defekt, der ein kurveninneres Rad blockiert oder die Lenkung hat einschlagen lassen? Oder menschliches Versagen. Alles vorstellbar, das Ergebnis war zumindest ein nicht alltäglicher Anblick.
Vom eigentlich nur bis Mezana laufenden Vorortverkehr von Ajaccio veirrt sich Montag bis Freitag zur Schulzeit morgens und abends auch jeweils eine Fahrt nach Aucciani, wobei die morgendliche Fahrt nur hier startet, aber im Fahrplan keine Hinfahrt aus Ajaccio hat. Dorthin bogen wir jetzt am Weg nach Ajaccio nochmal ab, denn der Kurs müsste gerade im Bahnhof auf die Rückfahrt um 19.17 Uhr warten. Der Bahnhof liegt fast 2km abseits der Hauptstraße und trotzdem noch nicht so richtig am zugehörigen Ort. Dort trafen wir auf der Zufahrt einen Esel mitten auf der Straße an und an einem veritablen Grünbahnsteig den AMG 813+814.

Die Bahnhofsuhr von Aucciani oder Ucciani geht nur noch zweimal am Tag richtig.

AMG 813+814 wartet am Grünbahnsteig auf die Abfahrtszeit Richtung Ajaccio.

Zum üblichen Bahnhofsensemble gesellt sich hier auch noch ein alter Lokschuppen. Der ist, im Gegensatz zum großzügig trassierten Abstellgleis rechts, aber nicht mehr angeschlossen. Hier wurde mit großzügiger Trassierung und Ausfahrtssignalen aus allen Gleisen in alle Richtungen bei der Sanierung geklotzt und nicht gekleckert. Das Verkehrsangebot passt nicht ganz dazu: Einzige Zugbegegnung ist dieser hier endende Kurs mit dem Vorausfahrenden Zug 7, aus Bastia, den wir zuvor begleitet hatten.
Ein Hotel hatte der werte Herr Navigator neben dieser Tätigkeit und dem Studieren des Fahrplans zwischenzeitlich in Ajaccio gebucht. Irgendein größerer Klotz. Bewertung war nur “gut”, aber die Sorte “gut”, bei der die Leute einfach falsche Erwartungen gehabt zu haben schienen. Vielleicht auch dem Umstand geschuldet, dass die Zimmer zur Saison deutlich teurer sein mögen.
Bevor wir Stadtgebiet erreichten, fuhr ich aber nochmal rechts ran. Irgendwie tönte es von der Vorderachse schon seit gestern ungewohnt laut. Eine Art metallisches Dröhnen besonders im Geradeauslauf. Diese Art von Geräusch, die man erstmal nur wahrnimmt, wenn man das Auto und seine Geräusche seit vielen Jahren bestens kennt. Es lief zumindest nichts heiß, die Räder waren alle fest, Brems- und Spurverhalten unauffällig. Antrieb und Getriebe konnte auch sehr wahrscheinlich ausgeschlossen werden, da es beim Fahren auch im Leerlauf auftrat. Mit steigender Geschwindighkeit, drehzahlunabhängig lauter werdend, fiel der Verdacht der laienhaften Diagnose erstmal auf das Radlager. Anlass zu akuter Sorge gab der kurze Check derweil nicht. Weiter beobachten und hoffen, dass es die vermutlich noch knapp 4000 weiteren Kilometer durchhält, ohne ohrenbetäubend zu werden oder sich festzufressen.
In Ajaccio wurde es etwas zäh mit dem Verkehr, aber wir hatte ja eh nichts mehr vor und schließlich parkten wir das Auto in einer kleinen Straße unweit des Hôtel Castel Vecchio, das sich nicht weit von der “tollen” Uferpromenade von Ajaccio befindet, die im Wesentlichen aus einer vier- bis sechsspurigen Straße mit der CFC in der Mitte besteht.
Die Rezeptionistin sprach sogar ein wenig englisch und bespaßte uns zusätzlich mit einigen Worten auf Deutsch während des ziemlich langen Checkin-Prozederes. Das Zimmer war wie erwartet etwas in die Jahre gekommen, eindeutig mit dem Charme des letzten Jahrtausends, aber vollkommen in Ordnung. Es gab sogar Balkonblick über die Bucht von Ajaccio.

Blick von unserem Balkon über die Bucht von Ajaccio zur blauen Stunde.

Abendlicher Blick in den gerade in den letzten Zügen der Generalsanierung steckenden Endbahnhof Ajaccio während der Essenssuche.
Erstmals ging die Essensuche dann heute über Imbiss und Pizzeria hinaus, aber in Frankreich stößt man da leider auch schnell an die Grenzen, wenn das Reisebudget für zwei Wochen im Rahmen bleiben soll. Am Yachthafen fand sich ein Corner mit Lokalitäten, die preislich vollkommen drüber waren. Wahrscheinlich speisten hier nur die Besitzer der anlegenden Yachten. Die auf den Place Foch zulaufende Rue Cardinal Fesch stellte sich dann zumindest eingeschränkt als die Fressmeile heraus. Letztlich setzten wir uns draußen an die Bar Gavroche, wo es Pizza, Pasta, Panini und Salate gab. Ich bestellte mir Lasagne und eine Pommes und staubte auch noch das letzte Viertel der Pizza meines Vaters ab. Da hatte ich heute zumindest den Café au Lait-Rückstand wieder gut gemacht.
Während des Essens schmiedeten wir noch einen Plan für morgen. Wir wollten so früh wie möglich die Strecke hier an der Promenade abhaken und dann wieder in die Landschaft im Landesinneren verschwinden. 22 Uhr war es dann auch schon wieder am Hotel und morgen würde es früh raus gehen. Gute Nacht!
