Straßenbahnen im Exil: Düsseldorfer Düwag GT6

Der Klassiker unter den westdeutschen Straßenbahnfahrzeugen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war wohl der Düwag GT6. Geburtsort dieser später auch als Acht-, bis Zwölfachser in Ein- und Zweirichtungsbauweise prägenden Baureihen war die Rheinbahn in Düsseldorf. Von dort gelangten ab den 90er Jahren ausgemusterte Fahrzeuge zu drei osteuropäischen Straßenbahnbetrieben.

Im Jahr 1956 wurde in Düsseldorf der erste GT6 von Düwag in Betrieb genommen. Das dieses Fahrzeug der Beginn einer bis zum Typ Mannheim in den späten 70er Jahren reichende Fahrzeuggeneration in ganz Westdeutschland werden sollte war damals wohl noch nicht abzusehen. Insgesamt 95 Fahrzeuge des GT6 in Einrichtungsbauweise wurden bis ins Jahr 1958 an die Rheinbahn ausgeleifert. Mit Ablauf der Wirtschaftlichkeit und dem Beginn des Niederflurzeitalters Mitte der 90er Jahre, standen die Fahrzeuge zu Ablösung bereit.

Stettin

Insgesamt 32 der Fahrzeuge gelangten im Jahr 1996 in die polnische Stadt Stettin (Szczecin). Auch fünf B4 Beiwagen wurden nach Stettin überstellt, deren Einsatz endete jedoch bereits nach wenigen Jahren kurz nach der Jahrtausendwende. Die GT6 wurden in Stettin in Anlehnung an den damals amtierenden Bundeskanzler liebevoll „Helmut“ genannten und verichteten bis zum Jahr 2010 ihren Dienst. Die zum Ende schon sehr heruntergekommenen Fahrzeuge wurden schließlich von moderneren Gebrauchtfahrzeugen der Typen KT4D und T6 aus Berlin abgelöst.

Wagen 919 wurde nach der Ausmusterung als Museumswagen hergerichtet, in das Düsseldorfer Lackschema zurückversetzt und kann heute gemeinsam mit dem passenden Beiwagen 953 im Museumsdepot von Stettin bestaunt werden. Das Museumsdepot Niemierzyn besticht neben den herausgeputzten Ausstellungsstücken durch die lichtdurchflutete Austellungshalle und durchgänige Dreisprachigkeit in polnisch, englisch und deutsch. Genauere Informationen gibt es auf der Website des Muzeum Techniki i Komunikacji. Der Werdegang der damals für Stettin fortschrittlichen „Helmuts“ mit bislang unbekanntem Komfort, aber auch anfängliche Schwierigkeiten wird im dortigen Museum detailliert mit einigen Anekdoten beschrieben:

Helmut – der letzte Bewohner der Remise Niemierzyn
„Als die Gelenkstraßenbahnen 102 Na auseinanderzufallen begannen, begannen wir fieberhaft nach Tramways zu suchen, die sie ersetzen konnten“ erinnert sich Ryszard Tamm, der langjährige Leiter der Remise Pogodno. „So erschienen die GT6 Wagons.“
Die erste Partie, 12 gebrauchte Wagons, kamen 1996 aus Düsseldorf nach Szczecin. Die Tramways waren umfassend renoviert und schon vorher modernisiert. Sie waren mit einem individuellen Türöffnungssystem ausgestattet, das der Fahrgast bei Bedarf betätigte und auch eine Einklemmsicherung hatte. Die meisten Fenster konnten gekippt werden.
Die Tramwaybox ist auf drei Wagen aufgesetzt. Die gut gefederten Wagen bewirkten, dass die Fahrt einigermaßen komfortabel war. Die GT6 Motoren hatten einen Ventilator an ihren Wellen. Durch diese Lösung konnte auf Fremdkühlung verzichtet werden und der Lärmpegel sank. In Deutschland erfreuten sich die GT6 Tramways großer Beliebtheit und wurden erst nach 30 Jahren Betrieb durch Niederflurstraßenbahnen ersetzt.
Die Helmuts – wie Stettiner die GT6 nannten – hatten ein fatales Debüt: Die erste Fahrt sollte auf der Linie 3 stattfinden. Beginnend in der Remise Pogodno ging es Richtung Lask Arkonskiego. Aber nicht einmal der Rodla Platz wurde erreicht. Die Überspannungssicherung brannte durch – in der Hochleitung war zu hohe Spannung. Im Morgengrauen, als nur wenige Tramways in der Stadt fuhren, betrug die Spannung ca. 730 statt 600 Volt. Die von den Deutschen ideal eingestellte Tramway konnte das natürlich nicht aushalten.
Die Helmuts wurden in den Remisen in Niemierzyn und Golecin untergestellt.
Die Tramways aus Niemierzyn hatten grüne Sitze, die aus Golecin orange.
Nach der Schließung der Remise in Niemierzyn kamen alle nach Golecin.
Hauptsächlich wegen fehlender Ersatzteile verschwanden die Helmuts aus den Straßen. 2007 fuhren noch 11 von 31 Wagons. Damals wurde der Kauf von T6A2D Tramways aus Berlin beschlossen. Ein Jahr später begann die Verschrottung der Helmuts. Unsere Tramway mit der Seitennummer 919 beförderte bis 2009 Fahrgäste.

Im Jahr 2007 konnte ich noch die letzten Helmuts auf der Linie 11 ablichten:


Am Morgen des 1. August 2007 wartet GT6 911 in der Endschleife Pomorzany zwischen zwei 105Na als Linie 11 auf die Abfahrtszeit.


Am späteren Vormittag ist 911 mit seiner Ganzreklame auf dem Plac Rodła unterwegs.


Der Erfindungsreichtum bei fehlenden Ersatzteilen zeigt sich an den neuen Scheinwerfern von GT6 915, ehemals 2403.


GT6 910, vormals 2308, trägt die letzte Stettiner Lackierung vor der Ausmusterung der Helmuts. Hier ist in der Industriekulisse rund um die Haltestelle Ludowa zu sehen.

Posen

Vier Düsseldorfer GT6 gelangten 1996 und 1998 ins polnische Posen (Poznań). Neben den zahlreichen ebenfalls aus Düsseldorf übernommenen Düwag GT8 fristeten die vier kleineren Fahrzeuge steht’s ein Außenseiterdasein. Der ehemalige 2513 erreichte schließlich als fünftes Fahrzeug im Jahr 2003 über einen Zwischenhändler ebenfalls Posen und ist bis heute als Museumsfahrzeug erhalten geblieben. Bei meinem ersten Besuch in Posen im Jahr 2011 waren die fünf GT6 bereits aus dem Planbetrieb ausgeschieden und bis auf der ehemalige 2513 verschrottet. Dieser drehte jedoch als Wagen 615 auf der damals täglich mit Museumsfahrzeugen betriebenen Linie 3 fleißig seine Runden.


GT6 615 am 20. Oktober 2011 auf einem der großen zentralen Kreuzungspunkte am „Most Teatralny“ auf der mit Museumsfahrzeugen betriebenen Linie 3.


Zwischen der Haltestelle „Pl. Bernardyński“ und „Wrocławska“ streift die Linie 3 die historische Innenstadt, welche typisch für polnische Großstädte von der Straßenbahn umfahren wird.


Am Abend zeigt sich das Museumsfahrzeug dann in strahlendem Sonnenschein auf der Linie 3.

Timisoara

Mit den Wagen 2418, 2502, 2504 und 2518 gelangten im Jahr 2006 vier Düsseldorfer GT6 in die rumänische Großstadt Timisoara. Im Timisoara behielten die Wagen ihre alten Nummern. Neben den Großserien an Gebrauchtfahrezugen aus Bremen und München gingen die GT6 stets etwas unter. So konnten die Wagen während eines Besuches im Jahr 2007 garnicht auf Linie angetroffen werden. Im Jahr 2014 hatte ich dann mehr Glück, als GT6 2502 nach längerer Suche im rund 31km langen Schienennetz auf Linie 5 angetroffen werden konnte.
Auch in Timisoara sind mittlerweile alle Düsseldorfer GT6 aus dem Einsatzbestand verschwunden, 2504 wurde bereits im Jahr 2007 nach einem Unfall verschrottet.


Am 10. Juni 2014 konnte mit 2502 noch einer der vier Düsseldorfer GT6 auf Linie 5 angetroffen werden.


Am Nachmittag wurde 2502 am Gara de Est abgewartet. Um den folgenden Kurs der Linie 5 überholen zu lassen und eine kurze Pause einzulegen, dreht der Wagen gleich eine Runde durch die rechts befindliche Schleife.

Heute sind damit alle Düsseldorfer Düwag GT6 aus dem Einsatzbestand verschwunden. Dennoch sind einige der Wagen auch fahrfähig in verschiedenen Museen erhalten geblieben:

Museumswagen

Neben den in Düsseldorf erhaltenen GT6 2501 und 2432 und dem Stettiner Museumswagen 919, schafften es auch mehrere Fahrzeuge in andere Straßenbahnmuseen. So gelangten die vier GT6 2401, 2410, 2412 und 2415 ins dänsiche Straßenbahnmuseum Skoldenæsholm, von denen noch heute drei vorhanden sind. 2412 wurde in den Zustand Ende der 50er Jahre zutückversetzt, als er zu Testzwecken an die Straßenbahn in Kopenhagen verliehen war, bevor Kopenhagen selbst 100 GT6 bei Duewag bestellte. GT6 2410 wurde mittlerweile als Caféwagen umgebaut. Wagen 2515 wurde als Ersatzteilspende genutzt und später abgebrochen.


Am 19. Juni 2011 ist GT6 2412 im dänischen Straßenbahnmuseum Skjoldenaesholm im Einsatz.

GT6 2304 gelangte bereits 1994 ins Hannoversche Straßenbahnmuseum Wehmingen (HSM). Dort kommt er seither fast durchgängig zum Einsatz und erfreut sich insbesondere seit der Fertigstellung der zweiten Schleifenanlage auch als Einrichtungswagen großer Beliebtheit.


Auch vor der Fertigstellung der Wendeschleife kam der Einrichtungswagen zum Einsatz, wie am 5. September 2010, als 2304 vor der Wagenhalle auf den nächsten Einsatz wartet.


Um den Wagen im Anschluss an eine Passagierfahrt wieder richtig herum auszurichten, wurde er kurzerhand ohne Fahrgäste ein runde mittels Hilfsfahrschalter rückwärts über die Waldschleife gefahren. Hier ist er hingegen auf einer öffentlichen Fahrt vorwärts auf dem Weg in die Waldschleife zu sehen.

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