Im Schatten des Herkules – Tramspaziergang durch Kassels Westen

Am 15. Mai ging es nach den vormittäglichen Aufnahmen an der RT4 rund um Zierenberg für den restlichen Tag zur Straßenbahn nach Kassel. Im Schatten des Herkules wurden dabei die von der Wilhelmshöher Allee abzweigenden Linien im Westen der Stadt in den Fokus genommen.


Am späten Vormittag stellte ich den Wagen an der Teichstraße mit der Linie 8 Hessenschanze – Papierfabrik ab. Anschließend ging es für die nächsten fünf Stunden zu Fuß entlang der Linien 1, 4 und 8 durch den Westen Kassels, der sich noch viel klassischen Straßenbahncharme erhalten hat, mit großen Anteilen im Straßenraum, teils eingleisigen Strecken und Endschleifen am grünen Stadtrand zu Füßen des Herkules.
Zunächst lief ich die Linie 8 von der Bahnbrücke Teichstraße bis zur Endschleife Hessenschanze ab.


An der Haltestelle Teichstraße kommt NGT8D 611 von der Hessenschanze Richtung Papierfabrik gefahren. 611 gehört zur ersten Serie NGT8D von Bombardier aus dem Jahr 1999, welche als Einrichter an die städtische Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) geliefert wurden. Als letztes Fahrzeug dieser Serie hat 611 noch heute die ursprüngliche Matrix-Zielanzeige, während die elf übrigen Fahrzeuge auf orange LED-Technik umgerüstet wurden.


Die Linien in Kassel sind zum Teil von großen Steigungen geprägt. So auch die Linie 3 Richtung Hessenschanze im Bereich der Haltestelle Teichstraße. Mit Bedacht will das Fahrzeug hier im Gefälle zum Stehen gebracht werden. NGT8D 622 hat den eingleisigen Abschnitt zwischen den Haltestellen Kirche Kirchditmold und Teichstraße durchfahren und erreicht die Haltestelle Teichstraße. 622 gehört zu den zehn Einrichtern NGT8D Flexity Classic 613-622, die 1999 bis 2000 von Bombardier an die Regionalbahn Kassel GmbH (RBK) geliefert wurden. Acht der zehn Fahrzeuge haben bereits neue LED-Anzeigen erhalten.


Ab der Haltestelle Teichstraße verläuft die Strecke zur Hessenschanze eingleisig mit Ausweichen. Wie auf allen Straßenbahnlinien wird nur ein 15-Minuten-Takt angeboten, welcher nach den Corona-Einschränkungen erst seit kurzem wieder auf allen Linien gefahren wurde. Die Anzahl der planmäßigen Kreuzungen hält sich dadurch mit nur einer an der Haltestelle Kirche Kirchditmold in Grenzen. Von der Haltestelle Kirche Kirchditmold kommt NGT8D 659 durch die Zentgrafenstraße hinab zur Haltestelle Teichstraße gefahren. 659 gehört zur neusten Serie Flexity Classic in Kassel, welche mit den Nummern 651-672 in den Jahren 2011 bis 2013 an die KVG geliefert wurden und die verbliebenen N8C nahezu vollständig ablösen konnte. Im Gegensatz zur ersten Generation des Flexity Classic, wurden alle Fahrzeuge als Zweirichter ausgeführt.


Auch der nächste Kurs war mit NGT8D 670 ein Flexity der neuen Generation und konnte zwischen den Haltestellen Riedwiesen und Kirche Kirchditmold aufgenommen werden.


Der weitere Verlauf der Strecke bis zur Hessenschanze ist von großen grünen Anwesen geprägt. Die Strecke verläuft hier auf eigenem Bahnkörper in Seitenlage, wobei alle paar Meter Hofeinfahrten kreuzen. Die Gleislage ist gegenüber den in Kassel ansonsten meist gut gepflegten Gleisanlagen etwas heruntergekommen und verwildert. Zahlreiche kleine Setzlinge sprießen zwischen den Schwellen und werden wohl einen baldigen Einsatz der Grünpflegeabteilung erforderlich machen. NGT8D 618 erreicht von der Hessenschanze kommend die Haltestelle Stahlbergstraße.


NGT8D 637 wendet in der Endschleife Hessenschanze. 637 gehört zu den fünf Zweirichtern 636-640, welche 2003 an die KVG geliefert wurden. Die Endschleife Hessenschanze befindet sich mitten im Grünen am Rande des Habichtswald und bietet Ausflüglern und Wanderern mit mehreren Gaststätten und Cafés in der Umgebung diverse Möglichkeiten zum Einkehren.

Von der Endschleife Hessenschanze ist es nur ein rund 10-minütiger Fußmarsch Richtung Süden zur Endschleife Wilhelmshöhe der Linie 1 zu Füßen des Herkules. Durch Felder, Wald und Wiesen verläuft der Spazierweg und lässt nicht erahnen, dass man sich noch immer im Stadtgebiet einer Großstadt befindet. Immer wieder fällt der Blick dabei auf das UNESCO-Weltkulturerbe des Bergpark Wilhelmshöhe mit dem darüber thronenden Herkules.


Über die bereits fast verblühten Rapsfelder fällt der Blick beim kurzen Weg zwischen den Endschleifen Hessenschanze und Wilhelmshöhe auf den Bergpark Wilhelmshöhe mit dem Herkules. Ich sollte hier um sechs zum Sonnenaufgang herkommen, dann sei es am Schönsten, wurde mir von einer netten Spaziergängerin mitgeteilt. Dem konnte ich mich nur anschließen, dass dies für mich allerdings mit einem Aufstehen um drei Uhr in der Früh verbunden ist, konnte sie ja nicht wissen. Als Niedersachse war ich in diesen Tagen auch Mitte Mai praktisch noch ein Ausländer aus weiter Ferne – irgendwie schon etwas surreal…


An der Endschleife Wilhelmshöhe war die Sonne leider schon etwas weit herum. Der Blick durch den grünen Wald auf das Stationsgebäude aus dem Jahr 1898, das heute als Besucherzentrum des Bergpark Wilhelmshöhe dient, war aber auch so noch gut umsetzbar. Die NGT8D-Traktion aus 656 und 662 hat hier fast 15 Minuten Pause. Seit der zurückliegenden Linienreform werden auf der Linie 1 Wilhelmshöhe – Vellmar in der Regel ausschließlich Doppeltraktionen der neuesten Flexity-Serie eingesetzt. Die Beiwagenzüge sind seither auf die Linie 6 verschoben.

Im benachbarten Depot konnte ich einen der drei verbliebenen N8C dabei beobachten, wie er einige Meter vor und zurück zog. Einige Minuten wartete ich an der Depotausfahrt auf die Wilhelmshöher Allee, aber es tat sich nichts mehr, sodass ich mich wieder dem Planbetrieb zuwandte. Von der großen Endschleife der Linie 1 durch die Ausläufer der Parkanlagen am Ende der Wilhelmshöher Allee, ging es zur nur wenige hundert Meter weiter südlich verlaufenden Linie 4 nach Drusetal hinüber. Entlang der Linie 4 lief ich dann zurück Richtung Stadt bis zum Bahnhof Wilhelmshöhe.


NGT8D 614 zwischen den Haltestellen Wigandstraße und Brabanter Straße. Wie alle Linien in diesem Bereich der Stadt, ist auch die Strecke nach Drusetal von viel Grün umgeben.


An der Haltestelle Christuskirche konnte NGT8D 620 aufgenommen werden.


Schon war der Bahnhof Wilhelmshöhe erreicht, wo sich die Linien 1, 3, 4 und zeitweise auch die Linie 7 treffen. Zwischen Rotes Kreuz und Bahnhof Wilhelmshöhe konnte das NGT8D-Doppel 668+657 auf der Linie 1 aufgenommen werden.


Mit der Linie 3 traf ich heute auch auf die ältesten Niederflurwagen NGT6C, hier Wagen 457. Die Fahrzeuge 651-675 wurden 1990 bis 1994 von Duewag geliefert und werden derzeit für weitere Einsatzjahre modernisiert, während andere Betriebe wie etwa die Bogestra, Bonn und Erfurt die Fahrzeuge mit den verschleißintensiven EEF-Fahrwerken in den kommenden Jahren vollständig ersetzen. Die Wilhelmshöher Allee ist immer wieder ein interessantes Motiv, mit dem schnurgeraden Verlauf in der Flucht des Herkules. Ist auf der Kuppe ein Wagen zu erkennen, können gut fünf Minuten vergehen, bis er die Haltestelle Rotes Kreuz erreicht.


Auf der Wilhelmshöher Allee begegnen sich zwischen den Haltestellen Berlepschstraße und Rotes Kreuz der NGT6C 466 und NGT8D 632.

Ich wendete mich nun von der perspektivisch zwar interessanten, motivlich aber nicht sehr abwechslungsreichen Wilhelmshöher Alle ab und lief stattdessen die Linie 4 entlang, welche von Rotes Kreuz den Weg durch die Parallelstraßen ins Stadtzentrum wählt. Hinter dem Kongress Palais trifft die Linie 4 am Bebelplatz auf die Linie 8, an der mein mittlerweile weit über zehn Kilometer langer Rundgang am Vormittag begonnen hatte. Von hier aus folgte ich dann der Linie 8 zurück zum Auto an der Teichstraße.


Kurz vor der Haltestelle Wintershall konnte NGT8D 658 als Linie 4 Richtung Helsa aufgenommen werden.


Um die Ecke herum wird die Friedrich-Ebert-Straße von der Wintershall-Firmenzentrale dominiert. Wintershall ist der größte deutsche Erdöl- und Erdgasproduzent und fusionierte 2019 mit DEA. Nach dem 2. Weltkrieg entstand die neue Firmenzentrale an der Friedrich-Ebert-Straße ab 1956 und war zum damaligen Zeitpunkt mit 46 Metern das höchste Gebäude der Stadt. NGT8D 635 hat die Firmenzentrale Wintershall mit der gleichnamigen Haltestelle passiert und biegt nun in Richtung Wilhelmshöher Allee ab. 635 gehört zu den fünf Zweirichtern, die 2003 an die RBK geliefert wurden, womit wir nun alle fünf Serien der NGT8D Flexity Classic gesehen haben.


Der Friedrich-Ebert-Allee folgend, wird die Haltestelle Kongress Palais / Stadthalle erreicht, die soeben von NGT8D 609 verlassen wird. Die Stadthalle mit ihrem neoklassizistischen Portikus wurde zwischen 1911 und 1914 errichtet. Von 2010 bis 2011 wurde mit dem dahinter angrenzenden Kolonnadenflügel eine weitere Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche errichtet.


Die am Bebelplatz aus der Innenstadt kommend abzweigende Linie 8 zur Hessenschanze erreicht an der Haltestelle Aschrottstraße den hinteren Eingang zur Stadthalle, welche hinter der Halle von 1914 und dem neuen Kolonnadenflügel von 2011 liegt. NGT8D 651 erreicht die Haltestelle Aschrottstraße.

Ich war nun wieder an der Teichstraße angelangt und brach mit dem Auto zum letzten Tagesordnungspunkt auf: Die Beiwagenzüge auf der Linie 6. Leider gelangen nicht viele Aufnahmen der ungewöhnlichen Züge. Zum einen ist die Linie 6 von Brückenhof zur Ihringhäuser Straße die wohl unfotogenste Linie von ganz Kassel, verläuft sie doch fast durchgehend in der Mitte vierspuriger Straßen, zum anderen waren zwei der fünf(?) Kurse nicht mit Beiwagenzügen, sondern mit einem NGT8D und einem NGT6C besetzt. So richtig einträglich waren diese zwei letzten Stunden des Fototages daher nicht, zuverlässig tauchte auch immer irgendwoher noch ein Auto auf, wenn einer der drei Beiwagenzüge kam. Da Corona-bedingt der 15-Minuten-Takt am Abend bereits ab 18 Uhr ausgedünnt wurde, brach ich schließlich um 19 Uhr an der Ihringhäuser Straße ab und schwang mich auf die A7 gen Norden. So schaffte ich es noch gerade fünf Minuten vor einer nächtlichen Vollsperrung durch die 30km Endlosbaustelle zwischen Göttingen und Salzgitter. Die Baufahrzeuge scharrten schon am Fahrbahnrand mit den Hufen – das war knapp…


In Oberzwehren Mitte konnte der Beiwagenzug aus NGT8D 607 und NB4 504 aufgenommen werden.


Der einzige Kurs der an der Altenbaunaer Straße ohne Autos klappte, war natürlich einer der zwei Kurse ohne Beiwagen. Wenigstens kam mit NGT6C 470 einer der alten Niederflurwagen.


Glück hatte ich dann zwischen den Haltestellen Dennhäuser Straße und Brüder-Grimm-Straße mit dem Gespann aus NGT8D 602 und NB4 502. Da die Strecke motivlich doch äußerst karg ist, hatte ich mich schon extra für die Abendstunden entschieden, damit wenigstens das Licht etwas hermachen würde. Wenigstens einmal ging der Plan hier auf.


Am Weinberg geht ja eigentlich im Sommer den ganzen Tag was mit Sonne. Dummerweise kamen jetzt aber wieder direkt hintereinander die beiden Kurse ohne Beiwagen und anschließend würde der Fahrplan ausgedünnt werden. Nach der Aufnahme von NGT6C 470 ging es daher nur noch für ein Beweisbild zur Schleife Ihringhäuser Straße und anschließend wurde das Tagwerk für beendet erklärt.