Straßenbahnen im Exil: Wiener Type E/E1

Mit „Straßenbahnen im Exil“ möchte ich heute eine weitere thematische Serie starten. In losem Zusammenhang dreht sich diese Serie um Straßenbahnfahrzeuge, welche nach der Ausmusterung bei einem neuen Betrieb eine zweite Heimat fanden.

Starten möchte ich heute mit einem der umtriebigeren Fahrzeugtypen Europas, dem Wiener E/E1. Von 1959 bis 1976 wurden insgesamt 427 Fahrzeuge der Type E und E1 für die Wiener Straßenbahn gebaut. Mit der Anlieferung der ersten ULF’s Mitte der 90er Jahre begann die Ausmusterung der Type E und später auch der E1. Zahlreiche Betriebe, meist in Osteuropa, übernahmen die Fahrzeuge gebraucht aus Wien und setzen sie größtenteils bis heute ein.

Type E und E1 in Wien

Die Vorgänger des zum Wiener Klassikers der letzten 50 Jahre gewordenen E1 waren die insgesamt 89 Fahrzeuge der Type E. Von den Düwag-Lizensbauten des klassischen GT6 kamen 30 Fahrzeuge von SGP und 59 von Lohner. Da die Wagen gegenüber dem späteren E1 schwächer motorisiert waren, kamen sie hauptsächlich ohne Beiwagen zum Einsatz und wurden schon bis ins Jahr 2007 vollständig ausgemustert.


Type E 4410 am 22. Mai 1989 am Südbahnhof.

Der weiterentwickelte Type E1 verfügte im Wesentlichen über eine erhöhte Motorleistung und wurde in den Jahren 1966 bis 1976 in insgesamt 238 Exemplaren gefertigt. 238 Einheiten kamen von SGP aus Graz und 100 von Lohner aus Wien. Heute sind nur noch weniger als 50 Einheiten in Wien in Betrieb und kommen kaum noch auf Linien zum Einsatz, welche den Wiener Innenstadtring erreichen. Die letzten Exemplare werden derzeit durch die neuen Flexity-Bahnen von Bombardier ersetzt, während der Großteil der Fahrzeuge durch die in den Jahren 1995 bis 2017 Ulf’s der Type A/A1 und B/B1 ersetzt wurden.


E1 4847 mit c3 1363 am 25. März 2012 auf dem Innenstadtring vor dem Parlament


Am 22. August 2014 deutet für einen Moment wenig daraufhin, dass schon ein Großteil der klassischen Düwag-Lizensbauten aus dem Liniendienst ausgeschieden sind, als 4542 und 1332 auf dem Ring am Parlament vorüber fahren, gefolgt von zwei E2 Zügen.


Der 2er war im Jahr 2014 noch ein fester Rückzugsort für die E1. Am 22. August überqueren 4740 und 1367 die Marienbrücke Richtung Schwedenplatz.

Zahlreiche der in Wien überschüssigen Fahrzeuge entgingen der Verschrottung und wurden von verschiedensten Betrieben, meist in Osteuropa, übernommen. So gelangten Fahrzeuge der Type E und/oder E1 alphabetisch sortiert nach Braila, Craiova, Graz, Krakau, Miskolc, Rotterdam, Sarajevo und zum Schlesischen Straßenbahnnetz.
Im Folgenden möchte ich die Wiener E/E1 in ihrem jeweiligen Exilbetrieben etwas genauer vorstellen:

Braila (Rumänien)

Der kleine Straßenbahnbetrieb im Osten Rumäniens mit bis zu fünf Straßenbahnlinien, je nachdem wie viele gerade temporär oder dauerhaft eingestellt sind, umfasst eine Länge von rund 23km. In den Jahren 2008 und 2009 erhielt Braila insgesamt elf 1966-67 gebaute E1 von SPG. Neben dem in Rumänien für Straßenbahnen vorgeschriebenen gelben Nummernschild behielten die Wagen ihre ehemaligen Wiener Fahrzeugnummern. Im Jahr 2015 konnte ich den noch heute eingesetzten Wagen einen Besuch in ihrer zweiten Heimat abstatten. Einige der Wagen, unter anderem 4631 und 4637 dienen jedoch nur noch als Ersatzteilspender. Da der Fahrzeugbestand aufgrund der Schadensanfälligkeit in Rumänien meist doppelt so groß wie der tägliche Wagenauslauf ist, werden auch längst nicht mehr alle der Wagen benötigt.


Neben der neuen Heimat ist an der Front von Wagen 4653 auch die ursprüngliche Herkunft unschwer zu erkennen.


Wagen 4689 erreicht am 6. Mai 2015 die Endstation der Linie 22 am südlichen Depot „Radu Negru“.


Am selben Tag ist erneut 4653 auf der Waldstrecke durch eine großzügige Parkanlage vom Zentrum Richtung Depot „Radu Negru“ unterwegs.


E1 4660 in der großen Blockumfahrung, welche der Linie 21 und 22 als nördliche Endschleife dient und das zweite Depot an die Strecke anbindet.

Craivoa (Rumänien)

Die Straßenbahn im rumänischen Craiova übernahm im Jahr 2005 neun der zehn E1, welche im Jahr 2001 aus Wien nach Rotterdam verkauft wurden.
Nach Craiova hat es mich bislang leider noch nicht geführt. Von einem Besuch während einer Rumänienreise im Jahr 2015 wurde kurzfrisitg abgesehen, da der gesamte Betrieb für Renovierungsarbeiten vorübergehend stillgelegt war. Mittlerweile rollen die Straßenbahnen in Craiova wieder und auch einige der Wiener E1 sind leicht modernisiert und vollständig mit Werbefolie für die Stadt überzogen noch immer im Einsatz.

Graz (Österreich)

Zur kurzfrisitgen Unterstützung der Fahrzeugflotte übernahm die steiermärkische Landeshauptstadt im Jahr 2007 drei zusätzliche GT6 aus Wien, welche die bereits vorhandenen ab 1966 von SGP und Lohner in Düwag-Lizens gebauten GT6 ergänzten. Bei den Wagen der Type E1 handelte es sich um die ehemaligen 4654, 4677 und 4706. In Graz erhielten die Wagen die Nummern 291-293. Mit der Inbetriebnahme der ersten Lieferung von Variobahnen wurden die drei Gebrauchtfahrzeuge bis September 2012 ausgemustert. Aufgrund der recht kurzen Einsatzzeit gelang es mir in Graz leider nicht, die Wagen aus Wien im Linienbetrieb festzuhalten. Bei einen Besuch im April 2012 standen bereits nur noch die ursprünglichen Grazer GT6 im Einsatz.

Krakau (Polen)

Der größte Abnehmer von Wiener E1 war die zweitgrößte polnische Stadt Krakau. Insgesamt 86 E1 von Lohner und SGP fanden zwischen 2004 und 2013 den Weg nach Krakau. Viele der Züge wurden in den vergangenen Jahren noch einmal einer kleinen Frischekur unterzogen und zeigen sich jetzt in der aktuellen, mit den Düsseldorfer GT8S eingeführten Lackierungsvariante. Bei der Digitalisierung der Zielanzeige wurde kurioserweise auch die für Wien typische Steckflächen für die Liniennummer nicht vergessen, sodass die Wagen nun digital „besteckt“ werden können. Die markanteste Veränderung an den Wagen ist davon abgesehen der doppelte Scheinwerfer an der Fahrzeugfront.
Die Wagen waren zeitweise nahezu im gesamten Liniennetz anzutreffen. Besonders viele der kapazitätsstarken Züge werden im mit teils eigenen Linien betriebenen Betriebsbereich Nova Huta eingesetzt.


Am 27. Juni 2010 zeigt sich E1 118 noch in seiner ersten Krakauer Lackierungsvariante in blau-creme im Betriebsbereich Nova Huta.


Besonders markant sind die beiden vollständigen Sternkreuzungen im Bereich Nova Huta, welche besonders zu Fahrzeugaufnahmen einladen. In der etwas moderneren blau-weißen Lackierung zeigt sich am selben Tag E1 116.


E1 238 erhielt noch einmal eine kleine Auffrischung mit neuen getönten Fensterscheiben und der aktuellen, mit den Düsseldorfer GT8S eingeführten Lackierungsvariante. Hier hält er am 5. Juni 2014 an der Haltestelle Starowislna. Auf dem Gegengleis ist in völlig neuem Gewand ebenfalls ein ehemaliger Wiener zu sehen. Bei 3015 handelt es sich um einen E6, welcher zum Einrichtungsachtachser mit Niederflurmittelteil umgebaut wurde. Ohne es zu wissen wäre der Ursprung dieses Wagens nicht mehr zu erahnen.

Miskolc (Ungarn)

Als Ablösung für die letzten „Bengali“ von FVV beschaffte die Straßenbahn im ungarischen Miskolc in den Jahren 2002 bis 2004 insgesamt 26 E1. Bis auf Wagen 4463 von Lohner, stammten alles restlichen 25 E1 von SGP. Von den 26 Fahrzeugen wurde allerdings immer ein Teil als Ersatzteilspender vorgehalten. Die Fahrzeuge kamen in Miskolc über 10 Jahre zum Einsatz, bis sie mit dem Eintreffen neuer Skoda 26T im Jahr 2014 bis 2015 ausgemustert wurden. Zum Einsatz kamen die Wiener in der Regel nur auf der Linie 2 und wurden zeitweise auch in Miskolc mit passenden c3 Beiwagen eingesetzt. Der Beiwageneinsatz endete jedoch bereits im Jahr 2010.


Im Jahr 2007 wurden die E1 noch mit passenden c3 Beiwagen eingesetzt. Hier ist E1 194 am 23. August in der Fußgängerzone von Miskolc zu sehen.


E1 189 verlässt am selben Tag die Fußgängerzone von Miskolc.


E1 188, sogar passend besteckt, in der als große Blockumfahrung ausgeführten Endschleife der Linie 2 am 23. August 2007.


2014 standen die E1 in den letzten Zügen auf der Linie 2. In der Endschleife der Linien 1 und 2 am Hauptbahnhof macht sich E1 197 auf den Weg zu einer weiteren Runde. Am selben Tag war bereits einer der neuen Skoda 26T auf Probefahrt

Rotterdam (Niederlande)

Im Jahr 2001 gelangten als Übergangslösung zehn E1 und zwei Type E nach Rotterdam. Die Wagen der Type E wurden jedoch nur als Ersatzteilspender vorgehalten und gelangten nie in den Linienbetrieb. Die zehn E1 wurden unter den Nummern 651-660 in den Wargenpark eingereiht. Als die Wagen ab 2003 durch die neuen Citadis 302 überflüssig wurden, gelangten sieben der E1 (651-655 und 657-660) im Jahr 2005 weiter ins rumänsiche Craiova.


Am 28. März 2003 ist E1 695 auf Rotterdams Linie 3 im Einsatz.

Sarajevo (Bosnien und Herzegowina)

Als einziger Zweitbetrieb setzte die Straßenbahn in Sarajevo ab den Jahren 2005 bis 2009 insgesamt 16 Fahrzeuge der Type E. Im Mai 2018 wurden nur noch etwa drei der Fahrzeuge betriebsbereit vorgehalten und lediglich ein Exemplar befand sich im Linieneinsatz.


Die letzten Wagen der Type E befinden sich heute im Einsatz in Sarajevo. Am 23. Mai 2018 stand nur einer der noch drei betriebsbereiten Wiener im Einsatz auf der Linie 4, hier unweit der Haltestelle „Čengić vila“


Die Linie 4 stellt eine Ergänzungslinie vom Hauptbahnhof in den Vorort Ilidža dar, welche die Innenstadt von Sarajevo nicht erreicht. Hier ist E 550 in der Endschleife am Hauptbahnhof zu sehen.


Nach dem Ritt über die gesamte Länge der Linie 4 hat E 550 wenig später in der Endschleife Ilidža erreicht.

Schlesische Straßenbahn (Polen)

Die Tramwaje Slaskie im polnischen Revier rund um die Stadt Kattowice erhielt in den Jahren 2010-2012 30 E1 von denen 5 Fahrzeuge aus der Lohner Produktion, die übrigen 25 von SGP stammen.
Bevor die Wagen in Betrieb gingen wurden sie noch einer typsich polnischen Frischzellenkur unterzogen, bei der insbesondere die Frontpartie stark verändert wurde. Zum Einsatz kamen die Wagen bei meinen Besuchen vermehrt auf der Linie 1 vom Depot Zajezdnia aus, aber auch auf der 26 konnten sie angetroffen werden. In den kommenden Jahren sollen die Fahrzeuge durch moderneres Rollmaterial ersetzt werden.


Der vom Depot Gliwice kommende E1 925 fährt am 4. Juli 2014 als Linie 1 durch Zabrze.


Im Bedzin ist am Abend desselben Tages E1 949 auf Linie 26 unterwegs.

Damit ist die interessante Lebensgeschichte der Wiener E/E1 in ihren Zweit- und Drittbetrieben vollständig. Noch immer können die Fahrzeuge neben den letzten Wagen in Wien selbst, in fünf der acht Übernahmebetriebe erlebt werden. Mindestens in Sarajevo ist allerdings Eile angesagt und auch im polnischen Kattowice ist eine baldige Ablösung der Wiener Klassiker vorgesehen. Besonders zahlreich hingegen sind die Fahrzeuge sogar als Hängerzüge noch in Krakau anzutreffen.

Im nächsten Teil dieser Serie widmen wir uns dann den Vorbildern der Wiener E/E1, den Düsseldorfer Düwag Einrichtungs-GT6 in Stettin, Posen und Timisoara.

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