Eine Reise mit den Harzer Schmalspurbahnen – 2.2 Vom Bahnhof Schierke bis zum Goetheweg

Portrait des größten deutschen Schmalspurnetzes nach der Wende


Zum Vorwort und Inhaltsverzeichnis dieser Serie hier klicken


Teil 2 – Von Drei Annen Hohne auf den Brocken


Im zweiten Teil der Harzreise geht es von Drei Annen Hohne die rund 19 km lange Stichstrecke zum Brocken hinauf. Für eine größere Ansicht der Karte mit der rechten Maustaste auf die Karte klicken und „Grafik anzeigen“ auswählen.

Die Stichstrecke zum Brocken, welche in Drei Annen Hohne von der Harzquerbahn abzweigt, wurde bereits im Jahr 1899 von der NWE eröffnet. In der Zeit der sowjetischen Besatzung war der Zugverkehr auf den Brocken eingestellt. Die Personenzüge endeten in Schierke und nur Güterzüge zur Versorgung des Stützpunktes auf dem Brocken fuhren auf den höchsten Berg des Harzes. Erst im Jahr 1992 konnte der fahrplanmäßige Verkehr wieder aufgenommen werden.
Obwohl die Stichstrecke zum Brocken mit rund 19 km nur einen Bruchteil des Gesamtnetzes ausmacht, tummelt sich hier der Großteil an Fahrgästen, Dampfenthusiasten und Fotografen. Die exponierte Lage der Brockenspirale, welche rund 1000 Meter über der norddeutschen Tiefebene thront, bietet allerdings auch die atemberaumbendesten Aufnahmen entlang der Harzer Gleise. Der spezielle Reiz des übrigen verträumten Schmalspurnetzes offenbart sich dahingegen manchem vielleicht erst auf den zweiten Blick…

Im unteren Bereich zwischen der Bahnhofsausfahrt Drei Annen Hohne und dem Bahnhof Schierke, verläuft die Strecke vollständig im dichten Nadelwald und bietet Fotografen dadurch so gut wie keine Motive. Im Bahnhof Schierke besteht die erste Kreuzungsmöglichkeit und für Fotografen endlich die erste Möglichkeit, Aufnahmen der schweren Brockenzüge anzufertigen, wenn die Einheitsloks mit ihren 515 kW die acht Wagen langen Züge aus dem Bahnhof in die volle Steigung beschleunigen.
Zwischen Schierke und dem Betriebsbahnhof Goetheweg gelangt die Strecke hinter dem Bahnübergang der Brockenstraße, aufgrund großflächiger Rodungen in den vergangenen Jahren, für einige hundert Meter ins Sonnenlicht.
Ab dem Betriebsbahnhof Goetheweg lichtet sich der dichte Wald merklich und ermöglicht einige Blicke zum Gipfel. Entlang des kargen Trockenmoors erreicht die Strecke die Brockenspirale.
In der großen Spirale umrunden die Züge den sagenumwobenen Gipfel und erreichen schließlich den Bahnhof Brocken. Innerhalb dieser Spirale bieten sich von den verschiedenen Wanderwegen zahlreiche Blicke auf die Strecke, welche besonders im Winter, wenn der Brocken unter einer meterhohen Schneeschicht liegt und die kleinen Tannen zu faszinierenden Eisskulpturen gefroren sind, einmalige Motive ermöglichen.


2.2 Vom Bahnhof Schierke bis zum Goetheweg


Fotostandpunkte entlang der Strecke zwischen Schierke und dem Betriebsbahnhof Goetheweg. Für eine größere Ansicht der Karte mit der rechten Maustaste auf die Karte klicken und „Grafik anzeigen“ auswählen.

Bahnhof Schierke

Der Bahnhof Schierke liegt auf 685 m Höhe im Wald oberhalb des Ortes. Die Züge haben hier somit rund die Hälfte der fast 900 ab Wernigerode zu überwindenden Höhenmeter gemeistert. Der Bahnhof verfügt über drei Durchfahrtsgleise und wird den ganzen Tag über planmäßig für Zugkreuzungen genutzt, starten die Züge ab Drei Annen Hohne doch fast durchgängig alle 45 Minuten in Richtung Brocken.
Zu Zeiten der DDR endete der Zugverkehr in Schierke und bereits hierher wurde ein Passierschein benötigt. Die Züge waren dementsprechend kurz und der Bahnhof Schierke wartete in einer Art Dornrösschenschlaf auf bessere Tage.

Fotografisch lässt sich der Bahnhof Schierke besonders gut am späten Nachmittag festhalten. Nicht nur, dass um diese Zeit die Züge beim Verlassen des Bahnhofes unter Volldampf in bestem Licht erstrahlen, auch der große Parkplatz leert sich zu dieser Zeit merklich und ermöglicht Aufnahmen, ohne allzu viel Blech im Vordergrund.


2.2.1: Wenn gegen Abend die Anzahl der geparkten Autos im Bahnhof Schierke nachlässt, rücken auch die bergwärts fahrenden Brockenzüge ins warme Abendlicht. Am 28. Mai 2012 verlässt 99 7239-9 Schierke in Richtung Brocken.


2.2.2: Im Jahr 1990 endete der planmäßige Verkehr noch in Schierke und so ist auch der Bahnhof im Vergleich zu heute nahezu ausgestorben. 99 7246-4 hat am 20. Juli 1990 den Endpunkt der Fahrt erreicht.


2.2.3: Wenig später setzt die Lok im Bahnhof Schierke um. Ein Bild wie es heute nur noch in den seltensten Fällen zu sehen ist. Am ehesten, wenn die weitere Strecke zum Brocken aufgrund von widrigen Witterungsbedingungen gesperrt ist.


2.2.4: Am Abend des 5. Oktober 2018 hat der letzte Zug des Tages den Bahnhof Schierke in Richtung Wernigerode erreicht.


Schierke-Goetheweg

Zwischen Schierke und dem Betriebsbahnhof Goetheweg verschwindet die Strecke abermals für eine geraume Zeit im dichten Nadelwald des Nationalparks. Am Bahnübergang der alten Bobbahn lässt sich ein kurzer Blick auf die Züge erhaschen, ehe die Strecke nach einer weiteren Kurve die Brockenstraße kreuzt. Hinter der Kreuzung mit der Brockenstraße bietet eine breitere Schneise entlang der Gleise am Nachmittag die Möglichkeit, die Züge bei voller Fahrt mit Sonne aber noch in der typischen Nadelwaldumgebung abzulichten.
Seit kurzem bietet sich einige Meter weiter ein Anblick der Verwüstung. Der einstige dichte Fichtenwald liegt großflächig am Boden. Wie in weiten Teilen des Oberharzes, wurden auch hier die vielerorts befallenen und absterbenden Fichten-Monokulturen großräumig gefällt. Da aus dem Nationalpark kein Holz gewonnen werden darf, bleiben die gefallenen Fichten am Boden liegen und bieten den Nährboden für neue, hier ursprünglich heimische Mischwälder. Diese sind den vorherrschenden klimatischen Bedingungen deutlich besser gewachsen und bringen so die nötige Stärke auf, Schädlingen wie dem Borkenkäfer Stand zu halten und so wieder ein vielfältiges Ökosystem entstehen zu lassen. Bis dies allerdings Realität geworden ist, wirkt die Fläche recht trostlos, allerdings wird wohl schon in kurzer Zeit das Grün zumindestens den Boden zurückerobern und so an diesem Abschnitt völlig neue Motive ermöglichen.


2.2.5: Nur ein kurzer Blick lässt sich am 12. Juni 2011 an der Kreuzung der alten Bobbahn, welche wenige Meter oberhalb vom Bahnparallelweg abzweigt, zwischen Schierke und Goetheweg auf 99 7245-6 erhaschen. Einst verlief hier in den Wintermonaten von 1907 bis in die 1950er Jahre tatsächlich eine überwiegend als Naturbahn ausgeführte Bobstrecke, welche mit teilweise bis zu 100 km/h zu den schnellsten ihrer Zeit gehörte.


2.2.6: Am Bahnübergang der asphaltierten Brockenstraße gibt eine Lichtung am 12. Februar 2015 den Blick auf die talwärts fahrende 99 7237-3 frei. Die für den öffentlichen Verkehr gesperrte Straße dient unter anderem dem Personal auf dem Brocken und den von Schierke aus fahrenden Pferdeplanwagen. Am Vormittag lassen sich hier nur die talwärts rollenden Züge festhalten.


2.2.7: Deutlich eindrucksvoller ist die Stelle dann schon am Nachmittag, wenn die Einheitsloks unter Volldampf gen Goetheweg stampfen. Die Dampfentwicklung ist allerdings bei sommerlichen Temperaturen auch bei 99 7241-5 am 26. Juni 2019 nicht weiter spektakulär.


2.2.8: Einige Meter weiter kämpft sich 99 7241-5, diesmal unter eindrucksvoller Rauchentwicklung, am 20. Oktober 2018 die Steigung hinauf.


2.2.9: Wenige Meter weiter bietet sich ein Anblick, wie er seit einigen Jahren an vielen Orten im gesamten Oberharz zu finden ist: Die kultivierten Fichten-Monokulturen werden an vielen Stellen von Schädlingen und schwerem Gerät in die Knie gezwungen und machen Paltz für neue, hier ursprünglich heimische Mischwälder. Bis das neue Ökosystem gewachsen ist, bietet sich vielerorts ein wüstes Bild, wie im Umfeld der zu Tal rollenden 99 7241-5 am 20. Oktober 2018.


2.2.10: Die gefallenen Fichten geben derweil Blicke auf seit Jahrzehnten im Wald verschwundene Motive preis, wie die steinerne Brücke über das schwarze Schluftwasser. 99 7232-4 rollt am 20. Oktober 2018 mit dem wild zusammengewürfelten Traditionszug, den wir bereits aus dem letzten Teil kennen, zu Tal.


2.2.11: Aus der anderen Richtung bietet sich nun ein Motiv, welches am 20. Oktober 2019 noch auf eine Umsetzung im Sommer wartete, wenn die enge Kurve in der Sonne liegt, mittels der die Strecke den Höhengrat der Kanzler- und Marionsklippe umfährt. Ab hier verläuft die Strecke bis zum Goetheweg völlig einsam im Wald, abseits des Bahnparallelweges, welcher zum Höhengewinn nicht derart weit ausholen muss, sondern einige Meter weiter oben in die Brockenstraße mündet.


2.2.12: Mittlerweile konnte diese Aufnahme auch im Sommer realisiert werden: Am 26. Juni 2019 präsentiert sich die Kurve schon deutlich grüner. Dennoch bieten die unzähligen abgestorbenen Fichten bei der Durchfahrt von 199 861-6 mit einem Sonderzug von Gernrode zum Brocken, noch immer eine gespenstische Kulisse.


Betriebsbahnhof Goetheweg

Am Betriebsbahnhof Goetheweg stößt die Strecke auf den beliebten Wanderweg vom Torfhaus zum Brocken. Der Betriebsbahnhof Goetheweg ermöglicht es talfahrenden Zügen, Bergfahrer zwischen Schierke und dem Brocken passieren zu lassen. Da die Kreuzungen in Schierke und im Bahnhof Brocken für den dichten Takt auf der mit Abstand fahrgaststärksten Strecke der Harzer Schmalspurbahnen nicht genügen, kommt es am Goetheweg regelmäßig zu Zugkreuzungen. Der talfahrende Zug rollt dabei in das ohne Steigung in den Wald abzweigende Stichgleis und lässt den bergfahrenden Zug passieren. Anschließend drückt die Lok den Zug zurück auf das Streckengleis und rollt weiter in Richtung Schierke. Wenn der Fahrplan bei besonders großem Andrang und durch Traditions- oder Sonderzüge durcheinander gerät, kann es schon mal passieren, das ein Talfahrer gleich zwei Züge passieren lässt und so gut 30 Minuten am Goetheweg „gefangen“ ist. Das ungewöhnliche Manöver mit dem Zurückdrücken des Zuges in die Steigungsstrecke, läuft derweil beim Personal völlig routiniert ab, sorgt allerdings bei vielen Fahrgästen immer wieder für Verwunderung.


2.2.13: Die Zugbegleiterin stellt am 28. Mai 2012 für die talfahrende 99 7240-7 die Weiche in das Stichgleis am Goetheweg.


2.2.14: Wenig später passiert 99 7243-1 den wartenden Zug mit Volldampf in Richtung Brocken.


2.2.15: Ursprünglich war am 26. Juni 2019 eine Sonderfahrt mit dem vom DEV ausgeliehenen T44 zum Brocken geplant. Da dieser schadhaft ausfiel, musste kurzfristig 187 011-2 einspringen und bot auf der Brockenstrecke ebenfalls einen seltenen Anblick. Ungeachtet dessen musste der Triebwagen während der nachmittäglichen Bergfahrt rückwärts in das Stichgleis am Goetheweg setzten und einen Planzug…


2.2.16: …sowie das Harzkamel 199 861-6 mit einem Sonderzug nach Gernrode passieren lassen.


2.2.17: Anschließend konnte die Fahrt auf den Brocken fortgesetzt werden. Der Zugbegleiter stellt nach dem Verlassen noch schnell die Weiche und sammelt die verstreuten Fahrgäste der Sonderfahrt ein.

Im nächsten Teil widmen wir uns dann dem vielleicht spektakulärsten Abschnitt der Harzer Schmalspurbahnen: Der Brockenspirale hinauf zum Gipfel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.