Straßenbahnen im Exil: Nürnberger GT6 von MAN in Krakau

Zwischen 1962 und 1966 erhielt der Straßenbahnbetrieb in Nürnberg insgesamt 56 sechsachsige Gelenkwagen von MAN. Nachdem die Fahrzeuge ab den 90er-Jahren nach und nach abgelöst werden konnten, gelangte 50 der Triebwagen ins polnische Krakau (Kraków), wo die letzten Fahrzeuge noch bis Ende 2012 zum Einsatz kamen.


Zur Ablösung der trotz der 70 Großraumzüge noch zahlreichen Zweiachser, bestellte die Straßenbahn in Nürnberg Anfang der 60er Jahre 56 sechsachsige Gelenkwagen mit Jacobsdrehgestellen. Anders als in vielen anderen Städten, wurden die Fahrzeuge nicht bei der Düwag bestellt, sondern beim Hauslieferanten MAN, dessen Konstruktion sich aber unverkennbar am Einrichtungs-Standard-Gelenkwagen der Düwag anlehnte. Die konstruktive Ähnlichkeit wurde jedoch durch das Weiterführen des von den Großraumwagen bekannten Design kaschiert: Die dreigeteilte Frontscheibe stand nahezu senkrecht und die Fenstereinteilung wich auch an den Fahrzeugseiten vom bekannten Schema ab. Auch bei der Türeinteilung ging man in Nürnberg andere Wege. So wurden die ersten beiden Lieferungen mit den Fahrzeugen 301-314 und 315-330 mit der ungewöhnlichen Einteilung 1-2-2-3 ausgeliefert. Die einfache erste Tür und dreifache letzte Tür waren so schon von den ebenfalls von MAN gelieferten Großraumwagen bekannt. Erst die dritte und vierte Serie mit den Fahrzeugen 331-342 und 343-356 wurden mit der Türeinteilung 2-2-2-3 geliefert.
Neben der ansonsten konstruktiv großen Ähnlichkeit zum Düwag GT6, wurden auch einige Teile direkt von der Düwag geliefert, wie die Drehgestelle, Gelenke und Türen.

Bis weit in die 90er Jahre bildeten die MAN GT6 das Rückgrat der Nürnberger Straßenbahn und kamen dabei auch mit den von 1955 bis 1966 gebauten Großraumbeiwagen zum Einsatz. Durch den fortschreitenden U-Bahn-Bau verringerte sich der Bedarf an Straßenbahnfahrzeugen ab den späten 60er Jahren bis in die 90er Jahre immer weiter. Die GT6 wurden schließlich aber erst durch die Lieferung der ersten Niederflurgenerationen in den 90er und frühen 2000er Jahren abgelöst. 1994 gelangten die ersten Nürnberger GT6 ins polnische Krakau, nachdem zuvor schon zahlreiche Großraumzüge diesen Weg angetreten waren. Die letzten von 50 abgegebenen Fahrzeugen gelangten schließlich 2003 in die polnische Großstadt an der Weichsel. Auch in Krakau kamen die GT6 viele Jahre mit den Großraumbeiwagen zum Einsatz und bildeten fassungsstarke Einheiten. Die Abstellung der GT6 in Krakau erfolgte analog zur Übernahme aus Nürnberg über einen längeren Zeitraum ab 2006. Noch bis Ende 2012 liefen die letzten Nürnberger GT6 in Krakau, wenn auch seit einigen Jahren schon nicht mehr im Beiwagenbetrieb. Wie in Krakau üblich, fuhr ein GT6 Zeit seines Lebens in den Nürnberger Farben durch die Straßen. Dieser GT6 187 (Nürnberg 327) wurde nach dem Ausscheiden aus dem Liniendienst Ende 2012 in die umfassende historische Straßenbahnsammlung übernommen.


Der MAN GT6 in Nürnberg


Das Erscheinungsbild der GT6 von MAN blieb in Nürnberg über die Jahre weitgehend unverändert. Am 31. Januar 1996 zeigt sich GT6 314 mit Großraumbeiwagen im typischen Aussehen mit Banden- und Dachwerbung.


GT6 335 und B4 1562 am 31. Januar unweit der Haltestelle Erhardstraße auf der Linie 5 zum Tiergarten.


GT6 339 trug am 31. Januar 1996 Ganzreklame und konnte zusammen mit B4 1578 am Dutzendteich aufgenommen werden. Die Ablösung war zu dieser Zeit bereits im vollen Gang.


Die zweite Heimat im polnischen Krakau (Kraków)


Ab 1994 kamen die ersten Nürnberger GT6 in Krakau zum Einsatz. Die Fahrzeuge blieben auch in Krakau Zeit ihres Einsatzes äußerlich weitgehend unverändert, der zunächst in creme/blau gehaltene Lack wurde später durch das moderne weiß/blau abgelöst. Auch die Linienkästen wurden erst später „digitalisiert“, erhielten zumindest aber passende Filmsätze, wie hier der GT6 179 am 28. Mai 2008. Typisch für Krakau sind die zusätzlichen großen Linientafeln an der Front und die Doppelscheinwerfer, wie sie auch die GT6 aus Wien erhielten.


In Krakau ergänzten die GT6 die bereits zuvor aus Nürnberg übernommenen Großraumwagen und wurden ebenfalls mit Großraumbeiwagen behängt. Etwas improvisiert wirkten im Jahr 2004 die an einigen Fahrzeuge montierten neuen Liniennummernanzeiger, die eher an Preistafeln einer Tankstelle erinnerten, wie hier am 22. Juni 2004 bei GT6 162 mit B4 532.


Auch GT6 174 konnte am 22. Juni 2004 an der Haltestelle Starowislna mit einer solchen Anzeige aufgenommen werden. Einige Fahrzeuge erhielten in Krakau die für Polen typischen Einholm-Scherenstromabnehmer.


Am Plac Wszystkich Świętych kommt die Straßenbahn der historischen Altstadt am nächsten. Entsprechend viel Leben herrscht hier den ganzen Tag über. GT6 189 und B4 539 verlassen die Haltestelle am 22. Juni 2004 als Linie 1 auf dem Weg nach Salwator.


Im Jahr 2008 traten die GT6 dann durchgehend in weiß/blau auf und die analogen Zielanzeigen wurden durch digitale LED-Matrixanzeigen, sowohl für Liniennummer, als auch das Fahrtziel ersetzt. Die großen Linientafeln an der Front über den Scheinwerfern waren dafür nur noch bei wenigen Fahrzeugen im Einsatz. Der Beiwagenbetrieb fand trotz von den Großraumwagen freigewordener Beiwagen nur noch begrenzt statt und die einst fassungsstarken Züge wurden so nach und nach auf schwächere Linien verdrängt. Hier ist GT6 199 erneut an der Haltestelle Plac Wszystkich Świętych zu sehen, diesmal allerdings am Vormittag in Gegenrichtung.


Einige Beiwagenzüge kamen aber noch zum Einsatz, wie das Gespann aus GT6 172 und B4 542 ebenfalls am 29. Mai 2008. Die Fahrzeuge mit den vormals etwas zusammengezimmert wirkenden Tankstellenanzeigen, erhielten abweichende neue LED-Anzeigen für die Liniennummer.


Im Jahr 2010 war der Beiwagenbetrieb bereits Geschichte und die Nürnberger GT6 standen in Krakau auf den Linien 11 und 18 in den letzten Zügen. Am Abend des 26. Juni 2010 konnte GT6 187 wiedermal am Plac Wszystkich Świętych aufgenommen werden. Obwohl laut Anzeige regulär auf der Linie 18 eingesetzt, kam das Fahrzeug mit ohrenbetäubend laut wummernder Musik im Innenraum, eher als eine Art Partybahn an diesem lauen Sommerabend daher und wippte dank gut aufgelegter Fahrgäste im Takt zu Musik.


Trotz des Sonntages kamen die GT6 auch am folgenden Vormittag zum Einsatz. Stattdessen pausierten über das gesamte Wochenende die 105Na, welche die GT6 schlussendlich aber doch um einige Jahre überleben sollten. Erneut am Plac Wszystkich Świętych kam GT6 181 als Linie 18 daher, der wie so viele der verbliebenden GT6 Vollwerbung trug.


GT6 179 war am 27. Juni 2010 auf der Linie 11 im Einsatz und passiert den Abzweig zum großen Betriebshof im Süden der Stadt an der Haltestelle Rzemieślnicza.


Im Betriebshof pausiert der am Morgen noch auf der Linie 18 eingesetzte GT6 181.


Jenseits des Innenstadtringes finden sich durchaus noch einige morbidere Straßenzüge, wie unweit der großen Weichselbrüche „Most Marszałka Józefa Piłsudskiego“ an der Haltestelle Korona. GT6 184 zeigt zumindest an der Front noch das ansprechende blau/weiße Lackschema. Anstatt in Fahrtrichtung rechts über die Weichsel gen Innenstadt zu fahren, verläuft die Linie 11 in einem großen Bogen weit abseits der Touristenströme vom Südosten in den Süden der Stadt, sodass die letzten verbliebenen GT6 hier anders als auf der Linie 18, eher ein unbemerktes Schattendasein führten. Neben den Linien 11 und 18 erstreckte sich das Einsatzgebiet der letzten bis 2012 eingesetzten Nürnberger GT6 aber auch auf andere Linien.