Straßenbahnen im Exil: Bielefelder Düwag GT6/GT8

Bielefeld erhielt von 1957 bis 1963 insgesamt 39 Düwag GT6, welche später teilweise zu GT8 erweitert wurden. Durch die Einführung des Stadtbahnbetriebs gelangten bereits ab den 80er Jahren aus Bielefeld die ersten Fahrzeuge ins Ausland und wurden von dort später teils noch einmal weitergereicht.


Ab 1957 erhielt die Straßenbahn in Bielefeld in drei Serien insgesamt 39 GT6 von Düwag. Besonders auffällig waren die Düwags in Bielefeld später durch ihre zwei großen, rechteckigen und chromumrandeten Scheinwerfer. Dieses Merkmal machte sie später auch bei ihren Zweit- und Drittbetrieben von anderen GT6 unterscheidbar.
Von den GT6 wurden in den Jahren 1966 und 1975 insgesamt 15 zu Achtachsern mit einem türlosen Mittelteil erweitert.
Mit der Umstellung auf Stadtbahnbetrieb, wurden die Düwag-Fahrzeuge bereits in den 80er Jahren nach und nach ausgemustert.
Da die Fahrzeuge noch recht neu waren, fanden sie mehrere Abnehmer in Deutschland, Österreich und Polen. Vorweg nehmen möchte ich an dieser Stelle die Wagen 806 und 809, welche 1983 nach Würzburg gelangten und dort zu einem Arbeitswagen umgebaut wurden. Alle weiteren Abnehmer werden im Folgenden genauer betrachtet:


Brandenburg

Von 1991 bis 1997 war der GT8 804 aus Bielefeld nach Brandenburg ausgeliehen und kam dort im Planverkehr zum Einsatz. Nach der Ausleihe wurde in Bielefeld aus GT8 804 und 808 der Zweirichtungs-Partywagen 500 „Sparren-Express“, welcher über Klapptrittstufen verfügt und somit freizügig im Netz eingesetzt werden kann.


Der GT8 804 blieb in Brandenburg in seinen sieben Einsatzjahren ein Einzelgänger. Am 25. Feburar 1992 konnte der Bielefelder in der Abstellanlage zwischen Gotha-Wagen und KT4D angetroffen werden.


Im Jahr 1995 konnte 804 auf der Linie 2 auf dem Neustadt Markt aufgenommen werden.


Innsbruck

Zwischen 1980 und 1983 konnten sechs GT6 und neun GT8 nach Innsbruck abgegeben werden. In Innsbruck wurden von 1982 bis 1985 sieben der ehemaligen Bielefelder GT8 wiederrum zu Sechsachsern zurückgebaut, um die so frei gewordenen Mittelteile in die aus Hagen übernommenen Düwag GT6-Zweirichter einzubauen und damit die Kapazität auf der Überlandlinie ins Stubaital zu erhöhen.
Mit der Auslieferung der neuen Flexity’s von Bombardier, wurde der gesamte Hochflur-Wagenpark in Innsbruck ab 2007 ersetzt. Während der GT8 814 (Innsbruck 53) zurück nach Bielefeld gelangte und dort mittlerweile als Museumswagen hergerichtet wurde, wurde in Innsbruck der GT6 39 als Museumswagen erhalten. Vier Fahrzeuge wurden in Innsbruck verschrottet, die übrigen nach Arad und Lodz abgegeben.


Schöner als in Innsbruck präsentierten sich die Bielefelder GT6 und GT8 wohl nirgends sonst. Der rot-creme Anstrich mit silbernem Zierrstreifen und das makellose Erscheinungsbild der Düwag-Wagen suchte in den 1990ern seines Gleichen. Der als GT8 gebaute Bielefelder 813 wurde in Innsbruck im Jahr 1983 zum GT6 umgebaut, um das Mittelteil dem GT6ZR 84 aus Hagen einzusetzen. Am 4. Mai 1990 wartet der GT6 in der Endschleife Bergisel.


GT6 39 (Bielefeld 840) war wiederum Zeit seines Lebens Sechsachser und wurde als Museumswagen ausgewählt, da er bis zum Schluss die creme-rote Lackierung trug.


Auch aus landschaftlicher Sicht war die Strecke nach Igls wohl die Schönste, auf der jemals klassische Düwag GT6 und GT8 eingesetzt wurden. Am 29. August 1992 konnte GT8 53 auf der Bergbahn festgehalten werden.


Am Tag zuvor war der selbe GT8 auf der Stadtstrecke der Linie 1 bis Bergisel im Einsatz. Der 1962 als GT6 gebaute 244 (später 844) hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Im Jahr 1975 wurde er in Bielefeld zum GT8 verlängert und in 814 umbenannt. 1981 ging der GT8 nach Innsbruck und wurde dort wiederum, nunmehr als 53 bezeichnet, zum GT6 zurückgebaut, um das Mittelteil dem Hagener GT6ZR 83 zu implantieren. Zehn Jahre später wurde der GT6 im Jahr 1991 dann abermals mit Hilfe eines Mittelteils aus Würzburg zum GT8 verlängert und nach seinem Ausscheiden im Jahr 2008 zurück nach Bielefeld überführt. Dort kam er noch weitgehend im letzten Innsbrucker Erscheinnungsbild für Stadtrundfahrten zum Einsatz, bis er schließlich im Jahr 2018 eine historische Frischzellenkur erhielt und nun wieder im ehemaligen Bielefelder Gewand durch die Stadt rollt.


Neben den wenigen Kursen auf der Bergstrecke nach Igls, kamen die Bielefelder hauptsächlich auf den Stadtlinien zum Einsatz. Am 30. August 1992 ist GT6 35 in der Endschleife Amras zu sehen. Der als GT6 gebaute und 1966 verlängerte Triebwagen spendete sein Mittelteil in Innsbruck dem GT6ZR 85 und gelangte im Jahr 2008 weiter nach Arad.


In ihren späteren Jahren trugen die Bielefelder in Innsbruck hauptsächlich Vollwerbungen. So auch GT8 52, der am 19. Juli 2003 in der Endschleife Igls wendet. Der als GT6 gebaute Wagen wurde bereits 1966 verlängert und blieb auch in Innsbruck und später in Lodz als GT8 im Einsatz.


OEG

Die „Oberrheinische Eisenbahn-Gesellschaft“ (OEG) erhielt im Jahr 1982 die vier GT6 846-849, sowie als Ersatzteilspender das B-Teil des Wagen 850, aus Bielefeld. Dort konnten die vier Triebwagen mit den ebenfalls übernommenen Beiwagen 311-314 nur auf der Linie Mannheim Hbf–Käfertal–Heddesheim eingesetzt werden, da hier Wendemöglichkeiten für die Einrichtungswagen bestanden.

Im Jahr 1998 wurden die vier Züge ins rumänische Arad abgegeben, wo sie teilweise noch heute zum Einsatz kommen.


Am 23. Juni 1989 ist das Gespann aus 301 und 311 am Kaiserring in Mannheim auf dem Weg zum Hauptbahnhof.


In Käfertal hält am 23. Juni 1989 der Zug aus 302 und 312.


Lodz

1990 gelangten erstmals Bielefelder Fahrzeuge ins polnische Lodz. Insgesamt acht GT6 wurden an den städtischen Verkehrsbetrieb „MPK Lodz“ abgegeben. Dieser reichte allerdings bereits bis zum Jahr 1994 vier GT6 weiter an den Betreiber der Überlandlinie 43, „TP Lodz“, die restlichen vier Fahrzeuge wurden bis 1994 verschrottet.
Nach der Übernahme der „TP Lodz“ durch „MPK Lodz“, wurden die Triebwagen 44 und 47 in den Jahren 2011 und 2012 verschrottet. Der lediglich als Ersatzteilspender dienende 46 wurde bereits 2006 abgebrochen. Der letzte verbliebene GT6 4042 dieser ersten Lieferung, wurde inzwischen abgestellt und im Museumsdepot an der mittlerweile eingestellten Überlandlinie 43 hinterstellt.


GT6 42 gelangte 1990 direkt aus Bielefeld nach Lodz und wurde schon wenig später an die Überlandlinie 43 der „TP Lodz“ weitergegeben. Dort kam er auch am 19. Oktober 2011 zum Einsatz, als die Linie noch bis Lutomiersk verkehrte. Hier hält der Wagen an der Haltestelle „Cmentarna“.


Auch rund zwanzig Jahre zuvor stand der GT6 42, noch als 4042 bezeichnet, am 29. März 1992 bereits auf der Linie 43 im Einsatz und konnte unweit der Haltestelle „Legionów“ aufgenommen werden. Die Straßenzüge rund um die Linie 43 haben sich in Lodz in den vergangenen 25 Jahren erschreckend wenig verändert…


Auch Wagen 47 kam über den selben Weg zu „TP Lodz“, allerdings wurde dieses Fahrzeug kurze Zeit nach dieser Aufnahme, nach der Übernahme der Überlandlinie durch den städtischen Betrieber, im Jahr 2012 verschrottet. Am 19. Oktober 2011 verkehrte der Wagen noch auf der Linie 43 und konnte an der Kreuzung „Zachodnia“ aufgenommen werden.

Im Jahr 2009 erhielt der Betreiber der Überlandlinie 46, „MKT Lodz“ zwei Bielefelder GT6 und einen GT8 aus Innsbruck. Die Fahrzeuge 38, 40 und 52 behielten bei der „MKT Lodz“ ihre alten Innsbrucker Nummern. Nach der Übernahme der „MKT Lodz“ durch den städtischen Betreiber „MPK Lodz“, wurde der GT8 52 im Jahr 2012 verschrottet. Ein Einsatzbild des GT8 fehlt aufgrund der kurzen Einsatzzeit leider in diesem Überblick. Die beiden GT6 wurden in 1038 und 1075 umbenannt und wurden nach der Einstellung der Überlandlinie 46, auf der verbliebenen Linie 43 nach „Konstantynów“ eingesetzt. Dort trafen sie nach vielen Jahren wieder auf ihre Schwesterfahrzeuge, welche bereits gut zwanzig Jahre zuvor direkt aus Bielefeld nach Lodz gelangten. Mit der Einstellung der Überlandlinie 43 verloren auch die letzen verbliebenen Bielefelder GT6 ihr angestammtes Einsatzgebiet. Derzeit befinden sich wohl die letzten betriebsfähigen Fahrzeuge noch im Einsatz auf dem Stadtnetz, wie lange dies allerdings noch anhält ist äußerst fraglich.


Bei der Überlandlinie 46 bekamen die Triebwagen die ungewöhnliche gelb-orange Lackierung des Betriebers „MKT Lodz“. Am 18. Oktober 2011 kam der Triebwagen auf der damals teilsweise bis nach „Chocianowice-Ikea“ durchgebundenen Linie 46 zum Einsatz und konnte unweit der Haltestelle „Pabianicka-Lukowa“ aufgenommen werden.


Sechs Jahre später ist 1038 bereits in den Bestand des städtischen Betriebers „MPK Lodz“ übergegangen und kam in neuer Lackierung nun auf der Linie 43 zum Einsatz, welche zeitweise nach Konstantynów zurückgezogen war. Am „Plac Wolności“ wurden die Wagen durch ein Wendedreieck gedreht. Zur Hauptverkehrszeit tummelten sich hier teilweise drei Fahrzeuge gleichzeitig, wobei es immer wieder zu interessanten Treffen kam. Am 27. April 2017 trifft der Bielefelder auf den GT6 1071 aus Mannheimer.


Der ehemalige Innsbrucker Wagen 40 hat die große Ausmusterungswelle 2012 ebenfalls überlebt und kam am 27. April 2017, als 1075 bezeichnet, in der neuen städtischen Lackierung auf der Linie 43A zum Einsatz. Der GT6 ist derweil nur noch ein Schatten der Pracht, die er im Mai 1990 noch in der Schleife Bergisel ausstrahlte.


Arad

Arad erhielt im Gegensatz zu den anderen Betrieben keine Fahrzeuge direkt aus Bielefeld. Dafür trafen sich hier nach vielen Jahren die Wege der aus Bielefeld nach Innsbruck und zur OEG abgegebenen Fahrzeuge wieder.
Bereits 1998 erhielt Arad die vier Bielefelder GT6+B4 der OEG, wo diese Züge nach immerhin 16 Einsatzjahren abgelöst werden konnten. Die Fahrzeugnummern der OEG wurden unverändert übernommen. Das den Zügen in Arad eine noch längere Zukunft bevorstehen würde, als die 16 Jahre Einsatzzeit in Mannheim, hat zu diesem Zeitpunkt wohl niemand erwartet. Noch heute kommen nach über 20 Jahren drei der vier Züge hauptsächlich auf der Überlandlinie 11 nach Ghioroc zum Einsatz. Der Zug aus GT6 302 und B4 312 wurde im Jahr 2011 verschrottet.


Der Zug aus GT6 304 und B4 314 kam mit einer auffälligen Vollwerbung am 22. August 2008 auf seiner Stammlinie, der Überlandlinie 11 nach Ghioroc, zum Einsatz.


Am 10. Juni 2014 ist der selbe Zug wieder im klassischen Farbschema am Piata UTA in Arad unterwegs. Der Zug ist gerade aus dem großen Depot südlich des Platzes ausgerückt und hat den RHB Zug 1014+1054 ersetzt. Derartige Fahrzeugwechsel kommen in Arad den ganzen Tag über vor, da meist nicht etwa die Fahrer auf den Fahrzeugen gewechselt werden, sondern die Fahrer bei Schichtbeginn einfach mit „ihren“ Zügen ausrücken.


Mittlerweile verschrottet ist der Zug aus GT6 302 und B4 312. Am 22. August 2007 konnte der Zug noch abgestellt im östlichen Depot aufgenommen werden.

2008 und 2009 erhielt Arad sieben weitere Bielefelder Düwag’s. Dabei handelte es sich um einen GT8 und sechs GT6 aus Innsbruck. Die Fahrzeuge kommen gemeinsam mit den unzähligen weiteren Düwag GT6 und GT8 recht freizügig im Liniennetz zum Einsatz.


GT6 41 wurde 2008 aus Innsbruck übernommen. Am 9. Juni 2014 ist er auf der Linie 15 unterwegs.


Am selben Tag konnte im Stadtzentrum auf dem Platz „Podgoria“ GT6 42 aufgenommen werden.


Der aus Innsbruck übernommene GT8 51 wechselte im Tagesverlauf des 10. Juni 2014 von der Linie 8 auf die Überlandlinie 11 und konnte kurz nach dem Linienwechsel beim Ausrücken auf die Linie 11 am „Piata UTA“ aufgenommen werden.


Wenig später kommt der GT8 von der Wendeschleife „Fat Frumos“ als Linie 11 zurück. Der Triebwagen trägt noch die auffällige Werbung für die EM 2008 in Österreich und der Schweiz.

 

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